19.08.2002

MUSILS FIASKO

Robert Musil lässt im "Mann ohne Eigenschaften" seinen Ulrich meditieren, "dass das Gesetz des Lebens, nach dem man sich, überlastet und von der Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei als das der erzählerischen Ordnung". Die meisten Menschen - heißt es dann weiter - seien im "Grundverhältnis zu sich selber Erzähler ... Sie lieben das ordentliche Nacheinander von Tatsachen", sie fühlen sich durch den Eindruck, "dass ihr Leben einen ''Lauf'' habe, irgendwie im Chaos geborgen". Gleichwohl erklärt Ulrich, "dass ihm dieses primitive Epische abhanden gekommen sei".
Aus dem Verlust rührt das Misstrauen, das sich durch das ganze Leben zieht - nicht etwa Ulrichs, denn das Schreiben ist ja nicht sein Beruf, wohl aber Musils. Es taucht ebenso im "Mann ohne Eigenschaften" auf und, vielleicht noch häufiger, in den Essays, Briefen und Tagebüchern. Ein Misstrauen ist es gegen das Erzählen, gegen den Roman und letztlich gegen die Literatur.
Immer dann, wenn Robert Musil als Erzähler seinem Thema nicht mehr gerecht werden kann, behilft er sich mit Reflexionen und mehr oder weniger essayistischen Äußerungen der unterschiedlichsten Art. Wo er mit seinem Philosophieren am Ende ist oder wo ihm das Meditieren keinen Spaß mehr macht, kehrt er, ohne sich viel Mühe zu geben, zum Fabulieren zurück.
In dem "Curriculum Vitae" von etwa 1938 schreibt Musil über den "Mann ohne Eigenschaften": "Das Epische befindet sich in vollendetem Gleichgewicht mit dem Gedanklichen und die Geschlossenheit des Riesenbaus mit der lebendigen Fülle des Details." Aber es ist gerade umgekehrt: Vom Gleichgewicht des Epischen mit dem Gedanklichen kann nicht die Rede sein, ja, man hat sogar den Eindruck, dass Musil in Wirklichkeit an diesem Gleichgewicht überhaupt nicht ernsthaft gelegen ist. Überdies kann man dem Riesenbau, wenn man unbedingt will, eine Fülle von Details nachrühmen, doch wahrhaft keine Geschlossenheit.
Es ist doch gerade die Fülle der Details, der Einfälle, die Musils Werk so fragwürdig macht. Denn viele von ihnen haben innerhalb des Romans keinerlei Funktion. Schon in seinen vorangegangenen Prosabüchern - also vom "Törleß" bis zu den "Drei Frauen" - wurde es deutlich, dass er von der Kunst des Weglassens nichts wissen wollte, genauer: dass sie ihm vollkommen fremd, wenn nicht unbekannt war.
Dies schien schon in den frühen Büchern von den Grenzen seiner schriftstellerischen Fähigkeiten zu zeugen, wurde aber im
"Mann ohne Eigenschaften" zum trotzigen, zum eigensinnigunsinnigen Programm: Was immer dem Autor einfiel, musste, ob es nun leidlich interessant oder auch nur erwähnenswert schien, ob es dem Ganzen nützen konnte oder gar notwendig war, im Roman untergebracht und ein für alle Mal stehen gelassen werden.
Dabei übernahm Musil manche Kapitel und zahlreiche Passagen ganz oder teilweise von anderen Autoren, ohne je Anführungszeichen zu setzen oder gar die Quellen anzugeben. Das sind häufig Texte aus philosophischen Werken - von Nietzsche und Spengler bis zu Mach und Mauthner und Klages, vieles stammt aus Zeitschriften oder Tageszeitungen. Die verwendeten Beiträge betreffen alle denkbaren Themen, haben oft mit den Figuren des Romans nichts zu tun und sind von sehr unterschiedlichen Schriftstellern oder Journalisten geschrieben.
Viele dieser (gelegentlich schamlosen) Anleihen haben die Musil-Philologen respektvoll untersucht und kommentiert. Es ist der emsigen Forschung gelungen, eine Menge derartiger im "Mann ohne Eigenschaften" ohne Pardon untergebrachten Lesefrüchte - natürlich nicht alle - aufzudecken. In manchen Teilen des Buches finden sich die Lesefrüchte in so großen Mengen und auf so engem Raum, dass man schon von Textmontagen sprechen muss.
Musil ist tatsächlich überzeugt, durch die Einbeziehung des Essayistischen oder Journalistischen - und eben oft von fremder Feder - die Romanform auf neue Wege zu lenken und schließlich zu retten. Seine Arbeitsmethode zeigt eine lapidare Tagebuchnotiz vom Januar 1923. In der "Neuen Rundschau" war ihm ein Artikel des Publizisten Ferdinand Lion aufgefallen. Er notierte: "Lion über Frankreichs Politik. Sektionschef Tuzzi in den Mund legen. Etwa als Referat." So werden die Figuren im "Mann ohne Eigenschaften" unentwegt mit Papier gefüttert.
Wie sollen wir uns übrigens diesen Sektionschef Tuzzi vorstellen? Es handle sich - sagt uns der Autor - um einen "wie ein lederner Reisekoffer mit zwei dunklen Augen aussehenden Vizekonsul". Die Unanschaulichkeit der Sprache Musils erreicht hier einen beklagenswerten Höhepunkt.
In seinem Notizbuch aus den Jahren 1915 bis 1920 findet sich eine verblüffende Eintragung: "In den Roman alle unausgeführten philosophischen u. liter. Pläne hineinarbeiten." Dieser Beschluss, den er, man kann es kaum glauben, hartnäckig und mit allen Konsequenzen verwirklichte, musste - wen könnte es wundern? - den Roman endgültig ruinieren.
Die Handlung, soweit von einer solchen die Rede sein kann - Heimito von Doderer spricht von einer "im Essayismus erstickenden fadendünnen Handlung" -, dient meist bloß als Vorwand
oder Verkleidung für Debatten und Diskussionen, Monologe und Meditationen. Der deutsche Autor - bedauerte Musil - breite sein Seelenleben zur Nachahmung vor uns aus, sei aber selten ein Mensch, "der die Unterhaltung für seine Pflicht ansieht". Und Musil selber? Doderer meint schlicht und einfach, "Der Mann ohne Eigenschaften" sei "geradezu maßlos langweilig". Wie auch immer: Anders als die größten Romanciers der Welt verschwendet Musil keinen einzigen Gedanken an seine Leser, es sei denn, er bittet das Publikum, seinen Roman "zweimal zu lesen, im Teil u. im Ganzen".
Nur in wenigen Kapiteln ist im "Mann ohne Eigenschaften" das Sinnliche dem Begrifflichen gewachsen. Das hat einen einfachen Grund: Musils Stil kann eher dem Abstrakten beikommen als dem Konkreten. So erfahren wir in Zusammenhang mit einer leidenschaftlichen Affäre aus Ulrichs Vergangenheit, dass er sich an das Gesicht, an die Stimme und an die Kleider seiner Freundin nicht mehr erinnern könne, denn: "Ulrich hat sich von Beginn an weniger in die sinnliche Anwesenheit dieser Frau verliebt als in ihren Begriff." Und: "Es dauerte nicht lange, da war sie ganz zum unpersönlichen Kraftzentrum, zum versenkten Dynamo seiner Erleuchtungsanlage geworden."
Musil spricht vom "Antagonismus des Darstellens gegen das eigentlich Darzustellende". Gewiss doch, nur handelt es sich natürlich um einen uralten Antagonismus, der allerdings im "Mann ohne Eigenschaften" besonders deutlich bemerkbar wird. Auf den Gedanken, dies könne mit der Eigenart und den Grenzen seiner künstlerischen Möglichkeiten, seines Talents zu tun haben, kommt Musil nicht.
Sein naiver Glaube an die Erlösung der Menschheit durch die exakten Wissenschaften, der ihn ja in seinen frühen Jahren bezaubert hatte, ließ mit der Zeit keineswegs nach. Im "Mann ohne Eigenschaften" beabsichtigte er, moderne wissenschaftliche Erkenntnisse, zumal aus dem Bereich der Mathematik und der Physik, zu verwerten und ihnen auch gerecht zu werden. Allerdings stammte so gut wie alles, was ihm über Mathematik und Physik bekannt war, aus seiner Studentenzeit um 1900. Über die Forschungsergebnisse in den zwanziger und dreißiger Jahren war er, wie sich aus seinen Briefen und Tagebüchern ersehen lässt, überhaupt nicht oder nur flüchtig informiert.
Alfred Döblin spricht in einem bemerkenswerten Brief aus dem Jahre 1947 von der "feuilletonistischen Degeneration" des deutschen Romans: "Da versteckt man seine Unfähigkeit zur Gestaltung hinter Reflexionen, Betrachtungen, und statt Vorgänge hinzustellen, täuscht man den Leser mit Essays, die andererseits in sich zu schwach sind, um isoliert bestehen zu können." Als Beispiel dient ihm Fontane: "In ,Effi Briest'' weiß er, wo er steht, und zeichnet mit einem festen Pinsel, ebenso in ,Irrungen, Wirrungen''. Aber im ,Stechlin'' beteiligt er sich, er, der Autor, an der Diskussion und hat da nichts zu suchen." Diese Verknüpfung des Epischen mit dem Essayistischen sollte man nicht zu einer Errungenschaft der modernen Literatur stilisieren - was im Fall Fontane niemand getan hat, was indes im Fall Musil gang und gäbe ist.
Ob es seiner Gemeinde nun gefällt oder nicht - Musil ist ein traditioneller, ein allwissender Erzähler der herkömmlichen Art; und nur da, wo er im "Mann ohne Eigenschaften" traditionell erzählt, gelingen ihm Kapitel von beachtlicher oder gelegentlich auch hoher Qualität. Damit hängt ein Widerspruch zusammen, der sich durch den ganzen "Mann ohne Eigenschaften" zieht, der den Roman gefährdet und seine Konzeption in Frage stellt: Einerseits bedrängt Musil den Leser mit dem zu seiner Zeit üblichen, dem überaus modernen Zweifel an der Darstellbarkeit der Welt, andererseits ist er über das Seelenleben seiner Personen genauestens informiert und breitet dieses Wissen immer wieder aus.
Dass der "Mann ohne Eigenschaften" sich schwerlich für die moderne Prosa in Anspruch nehmen lässt, hat 1931, also gleich nach Erscheinen des ersten Bandes, Hermann Broch, ein Freund und Förderer Musils, erkannt und in einem Brief vorsichtig, doch unmissverständlich formuliert: "Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein Buch ''Mann ohne Eigenschaften'' meines Freundes Robert Musil zu senden. Ich muss dazu sagen, dass ich Musils Methode als abseitig empfinde ... und dass ich wenig Perspektiven für die dichterische Ausdrucksmöglichkeit in Weiterverfolgung dieser Methode sehe."
Ein Journalist, der Musil Mitte der dreißiger Jahre in Wien besucht hat, berichtet, er sei mit den Worten begrüßt worden: "Sie sehen hier eine gescheiterte Existenz." Koketterie oder vielleicht doch ein heller Augenblick? Die Musil-Forschung will uns einreden, Musil sei in der Tat gescheitert, doch auf höchster Ebene, seine Niederlage sei ein Sieg, sei in Wirklichkeit ein Triumph, ja, gerade dieses Scheitern zeuge von der Größe und von der Modernität seines Werks. Die Wahrheit ist: "Der Mann ohne Eigenschaften" war misslungen und Musil tatsächlich ein ganz und gar gescheiterter Mann. Aber warum eigentlich?
Seine Bewunderer rühmen gern Musils fanatische Hingabe an sein Hauptwerk. Das ist in der Tat nicht zu bestreiten, nur trifft es den wunden Punkt. Denn noch nie hat der Fanatismus das kritische Bewusstsein begünstigt, vielmehr schließen sie sich gegenseitig aus. Vom mehr oder weniger manischen Sendungsbewusstsein geblendet, wurde Musil in wachsendem Maße zu einem unglücklichen, weltfremden Individuum.
Schon in den zwanziger Jahren fiel es ihm schwer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In den dreißiger Jahren wurde seine Not, da er sich fast ausschließlich dem "Mann ohne Eigenschaften" widmete, immer schlimmer. Musil lebte zusammen mit seiner Frau in Wien, in einer dürftigen, einer engen und ärmlichen Wohnung ohne fließendes Wasser, "mit dem Wasserhahn draußen im Treppenhaus". Karl Corino hat das erkundet. Doch auch für dieses kümmerliche Dasein fehlten Musil die Mittel. Er war auf Almosen angewiesen: Einige Schriftsteller und Literaturfreunde, die sein Elend sahen, gründeten, um ihm zu helfen, eine "Musil-Gesellschaft", deren Mitglieder sich verpflichteten, allmonatlich kleine Beträge für Musil zu spenden. So bescheiden sie auch waren, so reichten sie aus, das Existenzminimum für ihn und seine Frau zu sichern. Um doch etwas Geld zu verdienen, wollte er nebenher, ebenfalls in den dreißiger Jahren, einen Kriminalroman verfassen. Er sollte beweisen - mit Selbstlob hat Musil ja nie gespart -, "dass er das auch, und noch besser, könne". Er konnte es nicht, natürlich ist nichts daraus geworden.
Weil er sich selber stets im Wege stand, weil ihm seit Mitte der zwanziger Jahre so gut wie nichts gelingen wollte, wurde er mit der Zeit zu einem verbitterten und gehässigen Menschen. Seine unsägliche, seine verbissene Wut ließ er an allen Schriftstellern aus, die erfolgreich waren, vor allem an Thomas Mann, Franz Werfel, Stefan Zweig und Emil Ludwig.
Als Musil im Schweizer Exil von den Behörden bedrängt wurde und ihm die Ausweisung drohte, sagte ihm Hans Mayer, er und seine Frau könnten die Erlaubnis zur Einreise nach Kolumbien er-
halten. Musil soll Mayer knapp und missbilligend erklärt haben, warum für ihn der ganze südamerikanische Kontinent nicht in Betracht komme: Da sei bereits Stefan Zweig. Ob sich das Gespräch so abgespielt hat oder nicht - es ist charakteristisch für Musils Hass auf alle Schreibenden, die Beachtliches zu Stande gebracht hatten.
Der wichtigste Grund seines Scheiterns ist nirgends anderswo zu suchen als in seiner unglücklichen und wohl, wie schon gesagt, teilweise pathologischen Mentalität. Er war noch nicht weit in seinem Roman fortgeschritten, da begann er schon den Überblick zu verlieren. "Den lieb ich, der Unmögliches begehrt" - das "Faust"-Wort ist, mit Verlaub, nicht der Weisheit letzter Schluss. Mit Sicherheit spricht es nicht für einen Schriftsteller, der an der ursprünglichen Konzeption eines großen Werks auch dann noch starrsinnig festhält, wenn er längst begriffen hat, oder hätte begreifen sollen, dass seine Konzeption nicht realisierbar ist - in Musils Fall nicht zuletzt deshalb, weil sie, vor dem Ersten Weltkrieg entworfen, längst überholt war: von der geschichtlichen ebenso wie von der literarischen Entwicklung.
Weil der Autor Musil den Überblick schon in den späten zwanziger Jahren verloren hatte, weil er alles, was er notiert hatte, im "Mann ohne Eigenschaften" unterbrachte, haben wir es letztlich bloß mit einem Sammelsurium zu tun. Die Parallelaktion, die den roten Faden bilden sollte, wird vom Autor immer häufiger vernachlässigt und gerät schließlich in Vergessenheit.
Einmal auf eine Fährte gesetzt, war er im Ausdenken der "winkelzügigsten Kombinationen überaus fruchtbar" - das lesen wir über den jungen Törleß. Aber das gilt auch für Musil selber. Die ständige, die passionierte Neigung zu diesen "winkelzügigsten Kombinationen" hat in erheblichem Maße zu Musils Fiasko beigetragen.
Der erste Teil liest sich streckenweise wie ein Gesellschaftsroman aus dem habsburgischen Österreich, er enthält einige intelligente, traditionell geschriebene und leidlich amüsante Episoden. Doch schon hier wird der entscheidende Fehler des Buches deutlich, auf den Dieter Kühn, 16 Jahre nachdem er über den "Mann ohne Eigenschaften" promoviert hatte, nach enttäuschter abermaliger Lektüre hinweist: "Die Beine der Erzählfiguren sind manchmal noch gar nicht so recht ausgewachsen, schon werden ihnen riesige Reflexions-Ballen aufgeladen. Für den Leser heißt das: Er hat im Erzählten noch nicht so recht Fuß gefasst, schon muss er abheben in die Sphären der Abstraktion."
Diese "Reflexions-Ballen" haben unterschiedliche, doch in der Regel für den Roman negative Folgen. Sie können nicht verhindern, dass die Personen bare Konstruktionen ohne Fleisch und Blut sind, wie vor allem Ulrich, dass sie konventionell anmuten, wie beinahe alle Frauen, oder sich als gewöhnliche Operettenfiguren erweisen wie der General Stumm von Bordwehr.
Aber gerade mit dieser recht billigen Gestalt hängt eine der oft gerühmten Episoden des Romans zusammen. Musil hielt die Episode allem Anschein nach für ein Glanzstück seiner Kunst, denn er brachte sie im "Mann ohne Eigenschaften" als hundertstes Kapitel unter. Der Titel teilt uns exakt mit, was hier erzählt wird: "General Stumm dringt in die Staatsbibliothek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung." Die Pointe der ganz und gar herkömmlich erzählten Satire ist die Erklärung des Bibliothekars, mit dem der General den kolossalen Bücherschatz abschreitet: "Sie wollen wissen, wie
so ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese! Es ist das Geheimnis aller guten Bibliothekare, dass sie von der Ihnen anvertrauten Literatur niemals mehr als die Büchertitel und das Inhaltsverzeichnis lesen." Auf dieser Ebene sind die Scherze und Witze der unterhaltsamen und zweifellos ausgezeichnet geschriebenen Satire. Oder sollte man doch vielleicht eher von einer Humoreske sprechen?
Am häufigsten interpretiert und gepriesen wird ein ganz anderer Teil des Buches, die Geschichte von Ulrich und Agathe. Viele Kommentatoren versuchen, mit diesem Hauptstück des Romans dessen Modernität zu beweisen. Das ist kein besonders glücklicher Einfall. Denn gerade diesem Handlungsstrang lässt sich schwerlich Modernität und auf keinen Fall Originalität nachrühmen.
Der Inzest, zumal der Geschwisterinzest, ist ein Urmotiv, ein ehrwürdiger Topos der Weltliteratur, besonders oft als Versatzstück verwendet - er geht bis auf das Alte Testament und auf die alten Griechen zurück; und natürlich ist der Inzest auch in der österreichischen Literatur, zumindest seit Grillparzers "Ahnfrau", sehr beliebt.
Im "Mann ohne Eigenschaften" folgt Musil in dieser Hinsicht ganz und gar der Tradition, um nicht zu sagen: der Konvention. Beinahe immer hat die Geschwisterliebe in der Weltliteratur ihren Ursprung in der Ähnlichkeit oder sogar Gleichheit der beiden Geschwister, also der geistigen Neigung und der psychischen Veranlagung des in der Regel jungen Paares.
Häufig handelt es sich um Individuen, die ihr Glück nur mit Ebenbürtigen, mit ihresgleichen, finden können. Sie geben ihrer Leidenschaft nach, ohne sich - das ist das Entscheidende - um das Urteil anderer Menschen zu kümmern. Mehr noch: Geschwister gehören einer geheimen Elite an, ihre Liebe ist ein esoterisches Erlebnis und zugleich und vor allem Protest, Verschwörung und Aufstand gegen die Gesellschaft, gegen die Welt. All dies finden wir im "Mann ohne Eigenschaften" wieder. Auch Musil verteidigt und verklärt den Inzest, sein Held empfindet ihn - wie es im Tagebuch heißt - "als etwas ganz Tiefes, mit seiner Ablehnung der Welt Zusammenhängendes". Die autistische Komponente seines Wesens "schmilzt hier mit der Liebe zusammen", die Geschwisterbeziehung wird als höchste Erfüllung der Liebe, der seelischen wie der körperlichen, besungen.
Doch sollte man Musil nicht vorwerfen, dass er die in der Inzestliteratur seit Generationen üblichen Motive und Elemente wiederholt. Nur kann er so gut wie alles, was er in der Ulrich-Agathe-Geschichte zeigen und darstellen möchte, eben weder zeigen noch darstellen, da er über die hierzu erforderliche Sprache nicht verfügt. Daher muss er sich mit der baren Information behelfen, sie steht fortwährend im Vordergrund dieser Prosa. Mit anderen Worten: Worauf es Musil ankommt, kann er uns nur direkt mitteilen - er tut es unzählige Male.
Über ein dramatisches Zusammentreffen von Ulrich und Agathe lesen wir: "Es war ihm zumute, er wäre es selbst, der da zur Tür eingetreten sei und auf ihn zuschreite: nur schöner als er und in einen Glanz versenkt, in dem er sich niemals sah. Zum ersten Mal erfasste ihn da der Gedanke, dass seine Schwester eine traumhafte Wiederholung und Veränderung seiner selbst sei." So lässt Musil alles, was er seinen Lesern bewusst machen möchte, seinen Ulrich ungeniert ausplaudern.
Der "Mann ohne Eigenschaften" dokumentiert den Zusammenbruch eines ungewöhnlichen Künstlers, eines einst großen Erzählers, der seinem Talent nicht gewachsen war.
Es ist eine der großen Legenden der modernen Literatur: Robert Musils Romanfragment "Der Mann ohne Eigenschaften" (1930/1952). Die Hauptfigur, der Ingenieur Ulrich, ist Sekretär einer seltsamen "Parallelaktion", die dem preußischen Regierungsjubiläum Wilhelms II. das Wiener Thronjubiläum Kaiser Franz Josefs I. entgegensetzen soll. Musils Ironie, seine essayistische Bemühung um intellektuelle Genauigkeit, sein Verzicht auf fest umrissene Charaktere wurden zu Maßstäben epischer Modernität erhoben. Sie wurden Marcel Reich-Ranicki entgegengehalten, sobald er, etwa in Rezensionen der Romane Martin Walsers, die Zerstörung lebendiger Erzählkunst durch Reflexion beklagte. Auch deshalb hat sich Reich-Ranicki, 82, jetzt Musils Hauptwerk gründlich angesehen. Die niederschmetternde, hier in Auszügen vorabgedruckte Analyse erscheint Ende dieser Woche in dem Buch "Sieben Wegbereiter"*.
* Marcel Reich-Ranicki: "Sieben Wegbereiter - Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München; 304 Seiten; 19,90 Euro. * Im Februar 2000 im Deutschen Theater Berlin, mit Hubertus Hartmann und Claudia Hübbecker, Regie: Stefan Otteni. * 1966 mit Matthieu Carrière (M.) und Hanne Axmann-Rezzori, Regie: Völker Schlöndorff.
Von Marcel Reich-Ranicki

DER SPIEGEL 34/2002
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