DER SPIEGEL



MOBILFUNK

Brücke zwischen den Inseln

Von Schmundt, Hilmar

Die von Krisen geplagte Mobilfunkbranche verschiebt den Start des teuren UMTS-Systems immer weiter. Nokia setzt daher auf den Billig-Datenfunk W-Lan.

Nein, Krise würde ich das nicht nennen", fasst Paavo Aro zusammen und lächelt. "Es ist eine Zeit des technischen Wandels, eine interessante Zeit" - beherzte Worte nach einem Vortrag, der sich vor allem um eines gedreht hat: den derzeitigen Niedergang der Mobiltelefonbranche.

Draußen gleiten weiße Segelboote träge durch die Flaute auf der Ostsee. Drinnen im Glaspalast, der die Firmenzentrale von Nokia beherbergt, dem weltgrößten Hersteller von Handys (Marktanteil: 38 Prozent), hat Aro Sturmmeldungen einer Branche in Seenot vorgetragen.

Viele Mobilfunkanbieter ertrinken in Schulden durch Lizenzierung und Aufbau des neuen Mobilfunknetzes UMTS, dessen Start immer wieder verschoben wird. Das trifft auch Techniklieferanten wie Nokia hart: Seit letztem Jahr mussten die Finnen über 6000 Stellen streichen.

Es kommt noch schlimmer. Viele Experten meinen, dass UMTS überschätzt wird. Rückenwind haben stattdessen billigere lokale Funknetze, W-Lan genannt, die zu einer gefährlichen Konkurrenz werden könnten: W-Lan ist bis zu 25-mal schneller als UMTS. Über 100 000 Basisstationen weltweit könnten laut Marktanalysen bald an zentralen Orten Funk-Internet bieten.

Hunderte unterschiedlichster Anbieter halten schon heute für Interessierte W-Lan-Zugänge bereit; in vielen Flughäfen, Hotellobbys und Universitäten kann jeder, der ein Notebook mit einer Funknetzkarte (Preis: unter 100 Euro) dabei hat, kabellos E-Mails abrufen oder durchs Web surfen - und das vielerorts sogar kostenfrei. Zudem schalten auch Privatleute ihre Funknetze großherzig für Passanten frei.

"W-Lan-Netze könnten den UMTS-Anbietern zwischen drei und zehn Prozent der Umsätze wegnehmen", prophezeit der Nokia-Manager Aro, und fügt dann gut gelaunt hinzu: "Das ist unsere Chance." Dieser eiserne Optimismus in Krisenzeiten wird in Finnland mit dem Wort "Sisu" umschrieben. Er gilt nicht nur als Nationaltugend, sondern auch als Erfolgsgeheimnis von Nokia - neben der Innovation: Rund jeder dritte Mitarbeiter ist in Forschung und Entwicklung tätig.

Während viele Mobilfunker das Thema W-Lan noch verdrängen und das Feld daher branchenfremden Herstellern wie Hewlett-Packard überlassen (SPIEGEL 25/2002), geht Nokia in die Offensive: Zusammen mit rund 80 Mitarbeitern will Aro den lokalen Bürgerfunk in die globale Telefonwelt integrieren.

Ganz allein ist der finnische Konzern dabei nicht. Einige Telefonkonzerne verfol-

gen bereits eine ähnliche Strategie und überbieten sich mit Ankündigungen: Die British Telecom etwa plant 4000 Basisstationen in Großbritannien, die Swisscom 100 in der Schweiz, und T-Mobile unterhält seit letzter Woche Stationen in insgesamt 1200 Starbucks-Filialen - testweise auch eine in Berlin.

Noch allerdings hat die W-Lan-Technik Tücken: Die Endgeräte passen, anders als Handys, nicht in die Hosentasche, die Funknetzkarten saugen die Batterien der Notebooks leer, der mitgelieferte Sicherheitsstandard namens Wep gleicht einem Scheunentor für Datendiebe. Doch das größte Problem ist der zersplitterte Markt: Die Reichweite ist mit maximal 100 Metern gering, und jede Basisstation bildet eine Insel.

Das ist so lange kein Problem, wie W-Lan-Zugänge kostenlos sind. Doch sobald der Netzbetreiber Gebühren kassieren will, muss er jeden Kunden erfassen. Wer zum Beispiel bei Starbucks gegen die Monatspauschale von knapp 16 Dollar als Surfkunde eingetragen ist, könnte nicht die W-Lans der Swisscom oder der British Telecom nutzen.

Nokia will mit seinem neuen System "Operator Wireless Lan" nun eine Brücke zwischen diesen Netzinseln schlagen. "W-Lan muss so einfach werden wie Telefonieren per Handy", sagt Aro. Herzstück seiner Strategie ist eine Sim-Karte, wie sie auch in jedem Handy steckt. Sie trägt die Kundendaten und ermöglicht das automatische Einwählen auch in fremde W-Lan-Netze (siehe Grafik) - vorausgesetzt, die einzelnen W-Lan-Anbieter haben untereinander entsprechende Vereinbarungen ("Roaming-Verträge") geschlossen. Die Funknetzgebühren aus aller Welt werden dann einfach mit der Handy-Rechnung beglichen.

Dreißig Anbieter testen bereits den Nokia-Datenfunk, darunter auch der finnische Telefonkonzern Sonera. Das Unternehmen hatte sich heillos überhoben mit der Beteiligung am deutschen Mobilfunkanbieter Quam, der auf die schnelle Einführung von UMTS spekuliert hatte, bis er im Juli spektakulär floppte.

"Jetzt werden wir mit W-Lan den Erfolg des europäischen GSM-Handy-Standards vom Anfang der neunziger Jahre wiederholen", verspricht die Sonera-Managerin Lara Saulo, die für den Aufbau der bislang 140 Basisstationen in Hotels, Flughäfen und auf Fähren verantwortlich ist. In drei Jahren soll der Datenfunk profitabel sein.

Das traditionsreiche Graswurzelsystem der Computerfunker wird damit umfunktioniert zur Fortsetzung der Handy-Welt mit anderen Mitteln. Die finnischen Pioniere versprechen, die Bedrohung durch W-Lan in eine Chance zu verwandeln, mit Hilfe ihres Sim-Karten-Systems - und natürlich mit einer gehörigen Portion Sisu. HILMAR SCHMUNDT

* Am Hackeschen Markt in Berlin.

DER SPIEGEL 35/2002
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