02.09.2002

SLOWAKEIHamlet an der Donau

Das Geraune über einen angeblichen Giftanschlag auf Präsident Schuster beschert dem Land des Nato- und EU-Anwärters neuen politischen Flurschaden.
Giftmordversuche hatte ich noch nie", sagt Michal Serbin, der Staatsanwalt, und lässt sich in der Espressobar Trop von Bratislava Pampelmusensaft kommen: "Slowaken bevorzugen normalerweise Messer oder Hammer."
Serbin ist ein kleiner Mann mit Mähne und dem Ruf, unter den slowakischen Anklägern der mit den spektakulärsten Fällen zu sein. Elf Verfahren allein hat er vorbereiten lassen gegen den Ex-Geheimdienstchef Ivan Lexa, der demnächst zum dritten Mal verhaftet werden soll.
Und dann, vor gut einer Woche, noch das: versuchter Giftmord am Präsidenten der Republik, an Rudolf Schuster? Wieder fällt die Wahl der Staatsanwaltschaft auf ihn, Serbin, als obersten Ermittler.
In ein Schwesternzimmer des Militärkrankenhauses von Bratislava wird er zitiert, wo unweit des siechen Staatspräsidenten und eines Bataillons ratloser Ärzte der Präsidentensohn Peter eine Anzeige gegen unbekannt wegen des Verdachts auf versuchten Giftmord diktieren will. Zum Tippen wird eine Krankenschwester verdonnert.
Großes Drama, einmal mehr, in der Slowakei. Politik mit Fallhöhe nach Art des Landes. Denn: Um ein Haar vergiftet worden sein soll der höchste Mann im Staat. Mit Bilsenkraut vielleicht, wie einst der König in Shakespeares "Hamlet"? Oder mit Rattengift, wie es Professor Walter Hasibeder von der Uni-Klinik Innsbruck, vor zwei Jahren - in echter Todesgefahr - schon einmal Lebensretter Schusters, jetzt nicht auszuschließen wagt?
Versuchter Präsidentenmord, das ist das Letzte, was der Slowakei derzeit noch fehlte. Drei Wochen vor den Parlamentswahlen rangiert die Partei von Premier Mikulás Dzurinda unterhalb von zehn Prozent. Sollte der Publikumsfavorit, Ex-Premier Vladimir Meciar, wieder das Rennen machen, stünde für das Land alles auf dem Spiel. Beim Nato-Gipfel in Prag im November und beim EU-Kalkül zur anstehenden Erweiterung schwingt als unverhandelbare Bedingung mit, dass mit Meciar kein Staat mehr zu machen sein sollte.
Und dann ein Präsident, der in Wählerumfragen noch auf gut zwei von hundert möglichen Sympathie-Prozenten kommt und der am Gift zu Grunde geht? Analysen der österreichischen Ärzte, in deren Obhut sich Schuster vergangene Woche begab, lassen Profaneres vermuten: Eine "hundsgewöhnliche" Sommergrippe könnte der Anlass für die anhaltende präsidentielle Malaise sein, ließ sich Professor Ernst Bodner vernehmen, der in den Neunzigern schon den maroden Václav Havel an die Spitze Tschechiens zurückoperierte.
Gegen die Theorie vom Schierlingsbecher spricht auch das Urteil des Wiener Professors Wolfgang Graninger. Er, für gelebten Stoizismus legendär, hatte 1996 Österreichs Staatsoberhaupt Thomas Klestil tagelang in den Tiefschlaf versetzt und danach Kritikern des so entstandenen konstitutionellen Machtvakuums entspannt entgegnet, wäre jemals die Frage aufgekommen, "ob Österreich an die Ukraine angeschlossen wird", hätte man Klestil selbstredend "aufgeweckt und gefragt".
Der neueste Patient aber, das slowakische Klestil-Pendant Schuster, einer, der nach Meinung seiner Landsleute noch bei schwerem Gewitter lächelt, weil er hinter jedem Blitz Fotografen vermutet, ist von Professor Graninger nach eingehender Untersuchung binnen zwei Tagen aus dem Verdacht der Lebensgefahr in die Freiheit entlassen worden - nach Hause, ans andere, slawische Ufer der Donau.
Es gibt Dinge, sagen die Slowaken, die gibt es so nur in der Slowakei. Der erste Präsident nach dem Ende der Tschechoslowakei etwa, Michal Kovác, verstrickte sich in einen Dauerdisput mit seinem Regierungschef, dem anti-westlichen Volkstribunen Meciar. Eines Tages war dann Kovács Sohn weg - entführt. Er wurde im Kofferraum eines in Österreich abgestellten Autos lebend wieder aufgefunden.
Nach dem Ende der Amtszeit von Kovác gab es für eine Weile gar keinen Präsidenten mehr in der Slowakei. Kovács Rolle übernahm vorübergehend Meciar selbst und erließ dabei, logischerweise, eine Amnestie für alles, was mit der Entführung zu tun hatte. 1999, endlich, sagten damals viele, kam Schuster.
Der Waldarbeitersohn mit deutschen Wurzeln, aufgewachsen in Metzenseifen in der Zips, verhinderte den Einzug Meciars in den Präsidentenpalast - mit einer Biografie, die ihn als Alt-KP-Genossen seit 1964, verdienten Regionalpolitiker, Filmemacher, Sprachgenie und leutselige Sportskanone ausweist. Einmal im höchsten Staatsamt, wurde Schuster mit seinem Begabungsprofil schnell zum Hansdampf in allen slowakischen Gassen, geschätzt als kultureller Brückenbauer auch und vor allem von Staatsgästen wie Johannes Rau. Doch noch nicht einmal ein Jahr im Amt, brach Schuster im Sommer 2000 zusammen.
Die Ärzte rätselten und experimentierten am lebenden Objekt, Schuster verfiel unter staatlicher Obhut. "Schlaf süß, wir werden dich rächen", flüsterte Tochter Ingrid zum Abschied am Bett, und am 28. Juni 2000, morgens um 3.20 Uhr, verabreichte der Jesuitenpater Karol Durcek dem Staatschef die Letzte Ölung.
Dann kamen die Österreicher. Ärzte, Spezialisten aus Tirol, die ihn retteten. Sie flogen Schuster nach Innsbruck aus, trotz Multiorganversagens in Folge eines Darmdurchbruchs, und päppelten ihn wieder in sein Amt zurück. Schon damals erstattete die Familie Schuster Strafanzeige - gegen die behandelnden slowakischen Ärzte, denen sie tödliche Absicht unterstellte. Schusters jüngste Flucht nach Wien, von den gemeinen Slowaken mit Zorn und Spott begleitet, war so gesehen nur logisch.
Der Präsident liebt sein Volk, kein Zweifel. Er liebt es so, wie es ist, Ärzte inklusive. Nur: Er weiß als alter Kommunist, dass es Gleichere unter Gleichen gibt. Rudolf Schuster ist jetzt 68. Er will seine Liebe zum Volk nicht mit dem Leben bezahlen. WALTER MAYR
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 36/2002
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