09.09.2002

Der Mann hinter der Säule

Von Stoldt, Hans-Ulrich

Wie ein SPIEGEL-Reporter Ohrenzeuge wurde, als Kohl-Vorbild Konrad Adenauer in London freimütige Reden hielt

Am 28. September 1954 trug sich gegen 23.30 Uhr im Foyer des Londoner Luxushotels Claridge's folgende Szene zu: Der Pariser SPIEGEL-Korrespondent Lothar Rühl, zur Berichterstattung über eine Außenminister-Konferenz in die britische Hauptstadt gereist, saß bei einem guten Glas Wasser in der Hotelhalle - alkoholische Getränke wurden nach 23 Uhr im Claridge's nur an ebendort abgestiegene Gäste ausgeschenkt.

Wie an jene Herren, die bald am Nachbartisch Rühls - nur durch eine Säule von ihm getrennt - Platz nahmen und Whisky mit Eis orderten. Es waren Luxemburgs Ministerpräsident Joseph Bech, der belgische Außenminister Paul-Henri Spaak sowie Bundeskanzler Adenauer.

Die Sitzungen des Tages waren ermüdend gewesen, es ging um Europa und um die Frage, ob die junge Bundesrepublik Mitglied im westlichen Verteidigungsbündnis werden solle.

Adenauer, 78, beklagte sich nun beim Absacker bitter über die Zögerlichkeit des französischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès-France, warb vehement für eine europäische Integration und warnte vor den Folgen eines wieder erstarkenden deutschen Nationalismus. Und Rühl, unversehens Ohrenzeuge, schrieb mit.

"Wenn ich einmal nicht mehr da bin, weiß ich nicht, was aus Deutschland werden soll", barmte der Alte aus Rhöndorf, "glauben Sie mir, die Gefahr des deutschen Nationalismus ist viel größer, als man denkt."

Klare Worte, die bis dahin nur wenige so offen von Adenauer gehört hatten und die zu belegen schienen, dass dem Kanzler weniger die Wiedervereinigung am Herzen lag als vielmehr eine enge europäische Einbindung der Bundesrepublik. Nun vernahm - nolens volens - auch Rühl, der Mann hinter der Säule, Adenauers Warnung: "Wenn Europa nicht wird und Deutschland eine Nationalarmee hat, dann können Sie eines Tages was erleben. Wenn in Deutschland die Nationalisten wieder an die Macht kommen ..."

So ging es weiter, bis ein livrierter Diener an den Nachbartisch trat: "More ice, gentlemen?"

"Etwas Eis, Gentlemen?", überschrieb der SPIEGEL in seiner nächsten Ausgabe den Bericht des Kollegen (41/1954), reichlich bestückt mit den Einlassungen Adenauers, die Rühl durch eine eidesstattliche Erklärung bezeugte.

"Ein weltpolitisches Gespräch" habe Rühl da protokolliert, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" hernach.

Der Regierungssprecher Felix von Eckardt räsonierte, ob der SPIEGEL-Reporter wohl als Kellner verkleidet gewesen und so an die Informationen gekommen sei. Obwohl, welche Informationen?

Von vielen gefragt, was an dem Bericht denn nun dran sei, erklärte von Eckardt: Dass die Darstellung nicht stimmen könne, ließe sich schon aus der einfachen Tatsache schließen, dass der belgische Außenminister Spaak an dem Gespräch gar nicht teilgenommen habe.

"Demnächst wird das Bundespresseamt uns noch eröffnen, der Kanzler sei gar nicht in London gewesen", spottete Rudolf Augstein retour, zumal Paul-Henri Spaak mit einem Dementi beim SPIEGEL Klarheit geschaffen hatte: Er habe mitnichten, wie es Rühl darstellte, in jener Abend-runde im Claridge's eine Zigarre geraucht - er sei schließlich Nichtraucher.

Konrad Adenauer reagierte gelassen: "Den Artikel hab ich gelesen, da ist nicht viel zu zu sagen. Zehn Prozent sind verbindende Worte, die wohl nicht ganz richtig sind. Aber 90 Prozent stimmen." HANS-ULRICH STOLDT


DER SPIEGEL 37/2002
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