09.09.2002

TERRORISTENNummer 2 lebt

Ein Jahr nach den Anschlägen in Amerika meldet sich al-Qaida mit einem spektakulären Geständnis - der Hamburger Ramzi Binalshibh bekennt sich per Video.
Die nächtliche Pause an einer belebten Straßenecke von Karatschi dauerte so lange, wie man braucht, um einen Mangosaft zu trinken. Dann war der geheimnistuerische Mittelsmann sicher, dass ihnen niemand gefolgt war. Der bärtige Fahrer der Rikscha gab Gas und fuhr weiter, zum Treffpunkt. Ein Mann in einem weißen Kaftan nahm Yusri Foda in Empfang, den Korrespondenten des arabischen TV-Senders al-Dschasira. Er klebte dessen Augen mit Wattebällchen zu, setzte eine schwarze Sonnenbrille darüber. "Nicht mal der britische Geheimdienst war mit mir so vorsichtig", klagt Foda.
Minuten später war der Reporter am Ziel: Die wackelnde Kamera zeigt ein abgeschabtes Treppengeländer, einen Klingelknopf, eine weiße Tür. Dahinter saßen zwei Männer, derentwegen der Dschasira-Mann um die halbe Welt geflogen war: der Hamburger Ramzi Binalshibh, 30, und der Kuweiter Chalid Scheich Mohammed, 37. Das Interview, das Foda anschließend mit den beiden führte, wird wohl in die Geschichte eingehen. Es enthält laut al-Dschasira nicht weniger als das Geständnis, die Anschläge vom 11. September organisiert zu haben.
Dass die nach Osama Bin Laden zu den meistgesuchten Terroristen der Welt zählenden Männer vor die Kamera traten, ist ein weiteres Indiz dafür, wie direkt die Qaida-Spitze in das Kommando 11. September eingebunden war. Binalshibh als Cheflogistiker und Scheich Mohammed als Master-
mind der Operation - das war die Theorie der Ermittler. Sie wird nun durch das Band gestützt. Darauf sollen die beiden detailliert erläutern, wie sie die Attacke planten und wie sie mit Bin Laden kommunizierten.
Pünktlich zum Jahrestag der verheerendsten Anschläge der Geschichte will die Qaida-Führung offenbar jene spektakuläre Botschaft verbreiten, von der sie weiß, dass al-Dschasira sie nur zu gern vor einem weltweiten Publikum senden wird: Ja, wir waren es. Und seht her: Auch ein Jahr danach habt ihr uns immer noch nicht gefasst. Für keinen Zufall halten Sicherheitsexperten, dass fast zeitgleich zur Ankündigung des Videos eine Autobombe mitten in Kabul explodierte. Und nur knapp überlebte am selben Tag der afghanische Präsident Hamid Karzai einen Mordanschlag (siehe Seite 120).
Das Interview, per Fax eingefädelt über das Londoner Büro von al-Dschasira, sei von einem Kontaktmann Bin Ladens angeboten worden, so Yusri Foda: Ob man sich nicht treffen wolle, "um Allahs willen und um der Wahrheit willen". Monatelang habe er dann nichts mehr gehört, ehe er plötzlich nach Islamabad, von dort weiter nach Karatschi dirigiert worden sei.
Als "Abu Bakr" stellte sich schließlich ein Qaida-Repräsentant vor, der den Dschasira-Korrespondenten im Hotel in Pakistan abholte. "Er sagte mir", erinnert sich Foda, "dass die Brüder sicher angekommen sind und mich erwarten." Es ging weiter in einem roten Taxi, zu Fuß, kreuz und quer durch die 12-Millionen-Metropole, dann wieder im Taxi, diesmal einem weißen. Foda schwitzte. Dann stieg er in die Rikscha um. Bei Vollmond endete die Odyssee. Der Showdown fand vor den Toren Karatschis statt - wann, möchte Foda ebenso wenig sagen, wie er den genauen Ort preisgeben mochte. Auch den Wortlaut des Geständnisses will al-Dschasira erst an diesem Donnerstag veröffentlichen.
Das Interview ist für die Fahnder nicht nur das bislang wohl wichtigste Indiz in den Ermittlungen, sondern auch der Beweis, dass Binalshibh den Fall der Taliban in Afghanistan wohlbehalten überlebt hat. Das bislang letzte Lebenszeichen des unmittelbar vor den Anschlägen Geflohenen stammt vom 28. September vergangenen Jahres, als vermutlich Binalshibh selbst während seiner Flucht versuchte, seine E-Mail aus einem Internet-Café in Ägypten abzurufen. Kurzzeitig dachten die Ermittler, der Gesuchte könnte später bei Kämpfen mit den Amerikanern gefallen sein: Bei einer verstümmelten Taliban-Leiche fanden Soldaten ein Passfoto des Jemeniten.
Dass "Obeida", wie der Islamist in den Trainingscamps der Qaida genannt wurde, nach Pakistan geflohen ist, vermuten die Zielfahnder des Bundeskriminalamts schon länger. Im Januar hörten die Kriminalen ein Telefonat in Deutschland ab, bei dem ein Kurier einen Islamisten aus dem Ruhrgebiet um drei besonders sorgfältig gefälschte Pässe bat - "für die Gesuchten". Gemeint waren, wie der Fälscher später in Vernehmungen erläuterte, Binalshibh und die beiden anderen mutmaßlichen Hamburger Logistiker, Said Bahaji und Zakariya Essabar.
"Deutsche oder österreichische Pässe" sollten es sein, bestellte der unter Druck stehende Kurier bei dem deutschen Unterstützer, aber vor allem: Es sei "sehr dringend". Zu der Passlieferung kam es nicht, wegen diverser Streitigkeiten um die Bezahlung. Offenbar beschloss Binalshibh daraufhin, lieber in Pakistan oder Afghanistan in einem der vielen Qaida-Verstecke unterzutauchen.
Und noch etwas berichtete jener Passfälscher, der selbst in Afghanistan ausgebildet worden war: dass Binalshibh eine herausgehobene Stellung innerhalb der Organisation gehabt habe. "Obeida" sei eine "Vertrauensperson Bin Ladens" gewesen, der jederzeit Zugang zum "Scheich" gehabt habe, wie der Qaida-Chef von Anhängern genannt wird. "Sehr geheimnisvoll" habe der Hamburger in den Camps am Hindukusch gewirkt.
So geheimnisvoll ist auch sein Auftritt bei al-Dschasira, jenem Kanal, der in der arabischen Welt längst als Haussender Bin Ladens gilt. Ihm sei klar, sagt Foda, dass er sich "mittendrin in Information und Desinformation" befinde. Nur schemenhaft lässt der Jemenit sich filmen, vor der Ausstrahlung darf kein Detail nach außen dringen. "Dies sind gut trainierte Leute", ist der Reporter beeindruckt, "und professionell." Kein Wunder: Auf Scheich Mohammed und Binalshibh ist ein Kopfgeld von mehr als 25 Millionen Dollar ausgesetzt.
Weil er einer der wenigen Überlebenden aus dem inneren Kreis der Attentäter ist und die meisten internationalen Kontakte der Hamburger Zelle unterhielt, gilt Binalshibh als Schlüsselfigur der Ermittlungen. Fieberhaft bemühten sich Beamte Ende vergangener Woche deshalb, eine Abschrift des Geständnisses zu bekommen.
Denn Binalshibh flog für den Dschihad um die halbe Welt, er war der Kassenwart der Hamburger Operation. In der zweiten Juli-Woche 2001, zwei Monate vor den Anschlägen, begegnete Binalshibh wohl dem gesamten 11.-9.-Kommando, auf einer Art Klausurtagung irgendwo zwischen den spanischen Städten Tarragona und Madrid, auf der vermutlich letzte Details der Anschläge besprochen wurden. 23 000 Peseten kostete der Rückflug nach Hamburg, mit Aero Lloyd.
Anders als den verkniffenen Top-Terroristen Mohammed Atta beschreiben Leute aus dem Umfeld seiner WG in der Harburger Marienstraße 54 Binalshibh als fröhlichen, umgänglichen Menschen, einen, der "immer gut drauf" war.
Binalshibh wusste, wie die westliche Welt funktioniert, und er kannte den so verhassten Kapitalismus gut: aus seiner Zeit als Angestellter der International Bank of Yemen, wo er acht Jahre lang als Schreiber in der Verwaltung arbeitete, bevor er 1995 nach Deutschland zog. In Hamburg trug er schon mal eine westliche graue Stoffhose, einmal fielen Freunden seine besonders modischen schwarzen Herrenhandschuhe auf. Später registrierten Bekannte verwundert, dass "Obeida", der gegen Alkohol wetterte und doch so gern aß, sogar einen Bauchansatz bekommen hatte.
Und doch wurde der agile Atta-Freund, der oft mit einem Wochenend-Ticket quer durch Deutschland reiste, immer radikaler. Eine philosophische Bemerkung ist von ihm überliefert, die rückblickend in anderem Licht erscheint: "Was bringt dieses Leben? Das Paradies ist viel schöner."
Wäre alles so gelaufen, wie Binalshibh sich die Jahre 2000 und 2001 wohl vorgestellt hatte, dann weilte er längst dort, im Paradies - als Märtyrer Allahs. Viermal bat der in der Provinz Hadramaut geborene Jemenit die US-Botschaft in Berlin um ein Einreisevisum, die Ausbildung als Pilot an einer Flugschule in Florida war schon bezahlt. Als die Botschaft Binalshibh am 2. November 2000 davon abriet, es ein fünftes Mal zu versuchen, gab er auf. So wurde aus Binalshibh kein Todespilot, sondern der Verwalter des Terrors, die Nummer 2 der deutschen Zelle nach Atta.
Wie wichtig der Hamburger in der Qaida-Hierarchie insgesamt war, zeigt auch eine Videokassette, die US-Soldaten in den Trümmern des Hauses des Militärchefs von Bin Laden, Mohammed Atif, fanden. Auf dem mit Nr. 5 beschrifteten Band ist Binalshibh in Märtyrerpose zu sehen, auf dem Boden vor einer weißen Wand sitzend, um den Kopf ein Palästinensertuch gewickelt. Der Mann lebt - mehr war dem tonlosen Band nicht zu entnehmen. Ermittler werten das an so prominenter Stelle aufbewahrte Video als weiteren Beleg dafür, dass die Anschläge von ganz oben in der Qaida-Führung koordiniert wurden.
Dafür spricht auch der Auftritt des Hamburgers mit dem Scheich in dem jüngsten Dschasira-Video. Schon seit Wochen verdächtigen die Amerikaner Scheich Mohammed, zu den Planern des 11. 9. zu gehören - bislang allerdings ohne eindeutige Indizien.
Bereits seit Jahren steht der bärtige Kuweiter mit Brille und Übergewicht ganz weit oben auf der Wanted-Liste der Amerikaner. Er soll nicht nur der Hintermann mehrerer 1995 geplanter Bombenanschläge auf US-Flugzeuge gewesen sein. Die Ermittler verdächtigen ihn auch, hinter dem Anschlag auf die jüdische Synagoge auf Djerba im April zu stecken. Nur Stunden vor seinem Tod rief der Attentäter Scheich Mohammed in Pakistan an. Die Fahnder vermuten, dass der Mann sich so grünes Licht für seine tödliche Mission holte. Ähnlich interpretieren sie auch Scheich Mohammeds TV-Auftritt: als Zeichen an Tausende ausgebildete Kämpfer - al-Qaida lebt. CORDULA MEYER, HOLGER STARK
* Reporter Foda werden die Augen verbunden, er trifft den Kontaktmann Abu Bakr, zwei Interview-Szenen.
Von Cordula Meyer und Holger Stark

DER SPIEGEL 37/2002
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