09.09.2002

BUNDESTAGSWAHLBilliger Kandidat

Experten und Spaßvögel bieten im Internet Wahltipps und Entscheidungshilfen an. Renner ist der „Wahl-O-Mat“, ein Politik-Test für Unentschlossene.
Als die letzten Lacher im Kölner Studio der "Harald Schmidt Show" verklungen waren, hörte der Spaß bei der Bundeszentrale für politische Bildung schlagartig auf.
Tausende Schmidt-Fans klickten sich am Donnerstagabend vorvergangener Woche ins Internet-Angebot der Bonner Politik-Erklärer, um wie zuvor der Late-Night-Talker den "Wahl-O-Mat" auszuprobieren. Das Programm (www.wahlomat.de) verlangt Antworten zu Thesen wie "Haschisch soll legalisiert werden" oder "Die Geschäfte sollen am Sonntag geöffnet sein". Wer zu den 27 Punkten Stellung nimmt, erhält eine klare Empfehlung, wo sein Kreuzchen hingehört - das Ergebnis ist oft verblüffend.
Dem jähen Ansturm der Schmidt-Gemeinde war der schlaue Server nicht gewachsen; kurz nach der Sendung stürzten die Rechner ab und rappelten sich erst tags darauf wieder hoch. "Wir waren nicht sehr amüsiert", sagt Heino Gröf, 58, der in der Bundeszentrale für den Wahl-O-Mat zuständig ist, über den Computer-Crash.
Im Internet schäumt die Begeisterung für Politik zurzeit kräftig hoch. Wer die Suchmaschine Google mit dem Stichwort "Bundestagswahl 2002" füttert, erzielt fast 50 000 Treffer. "Das ist häufig nur Schrott", sagt Experte Gröf, der sich die Angebote im Netz aus professionellen Gründen antun muss.
Es gibt auch Interessantes im Netz der Netze: Besonders hintersinnig präsentiert sich "Keine Partei" (www.keinepartei.de). Unter diesem Banner tritt der 38-jährige Markus Schilling in Kassel zum zweiten Mal als Unabhängiger an, prominente Gegnerin im Wahlkreis ist die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer. Der "billigste Kandidat Deutschlands" (Schilling über Schilling) wurde durch Umfragen inspiriert, nach denen mehr als die Hälfte der Deutschen die Lösung der dringendsten Probleme keiner Partei zutrauen.
Seither wirbt Schilling im Netz nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Idee des parteilosen Kandidierens an sich - virtuelle Handreichungen für Möchtegern-Abgeordnete und ein Gewinnspiel um die "originellste Verfremdung eines Wahlplakates" eingeschlossen.
Bei der Bundestagswahl 1998 holte Schilling ganze 381 Stimmen, aber an anderer Stelle landete er einen Achtungserfolg: "Keine Partei" wurde kürzlich für den "Poldi-Award" für Demokratie und Bürgerengagement nominiert, den unter anderem die Bundeszentrale für politische Bildung vergibt.
Wie man besonders clever wählt, wird erläutert von www.wahlrecht.de. Hier bieten der Bremer Wilko Zicht, 26, und Martin Fehndrich, 34, aus Osnabrück allerlei Tipps für die optimale Stimmabgabe (Motto: "Make your vote count right!"). Denn Vorsicht ist geboten: "Es kann passieren, dass der Wähler mit seiner Stimme einer Partei nicht hilft, sondern schadet", warnt Fehndrich, ein promovierter Physiker und Freizeit-Wahlrechtsforscher. "Durch Überhangmandate können mehr Stimmen am Ende zu weniger Sitzen führen." Denn unter bestimmten Bedingungen erhält eine Partei umso mehr Überhangmandate, je weniger Zweitstimmen sie bekommt.
Die beiden Wahl-Helfer, auf deren Expertise auch schon der schleswig-holsteinische Landtag und selbst der Bundeswahlleiter zurückgegriffen haben, empfehlen: "Wenn Überhangmandate für Ihre Lieblingspartei drohen, geben Sie Ihre Zweitstimme einer anderen Partei oder enthalten Sie sich." Zwar wurden die Wahlkreise nach der Bundestagswahl 1998 neu zugeschnitten, so dass Überhangmandate nun weniger wahrscheinlich sind. Doch vor allem in Baden-Württemberg, Brandenburg sowie in Sachsen kann es auch diesmal zu Ausreißern kommen.
Wie der Wahl-O-Mat wird auch wahlrecht.de von der Politik-Lust im Netz überflutet. Die Zahl der Besuche ist in den letzten Wochen von 1000 auf rund 15 000 pro Tag explodiert - und das ganz ohne Harald Schmidt.
In dem Chatforum zur Wahl, das Zicht und Fehndrich betreuen, treibt die Diskussion gelegentlich seltsame Blüten. So bot kürzlich eine Gruppe von rund 20 jungen Leuten ihr Bürgerrecht zum Kauf an: "Wir würden gerne für einen von Ihnen genannten Kandidaten stimmen. Bei Interesse bitte melden." Erschrocken löschte Webmaster Zicht die Kontaktadresse für das unmoralische Angebot unter Hinweis auf Paragraf 108b des Strafgesetzbuchs - Wählerbestechung.
Darauf stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis, doch auch beim Internet-Auktionshaus EBay wollen in letzter Zeit immer wieder Wähler ihr Stimmrecht versilbern. Die Einstiegsgebote liegen zwischen einem und 100 000 Euro. Unter Artikelnummer 1761882387 etwa boten bis vor kurzem "fünf junge Ostdeutsche" ihr Votum "aus finanziellen Gründen" feil: "Ein Stimmen-Mix ist natürlich möglich."
Ehe EBay, das schon einmal vom Bundeswahlleiter zum Löschen einschlägiger Angebote gezwungen worden ist, solche Offerten aus dem Netz nahm, wollten auch zwei Wähler aus Düren ihre Stimmen loswerden - "wegen absoluter Unentschlossenheit".
Nun kann wohl nur der Wahl-O-Mat noch helfen. Harald Schmidt ist schon jetzt klüger: Er sollte, so die Maschine, die Grünen wählen. PER HINRICHS,
HANS MICHAEL KLOTH
Von Per Hinrichs und Hans Michael Kloth

DER SPIEGEL 37/2002
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