09.09.2002

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEZum Nachteil eines Säuglings

Warum ein Kommissar den Speichel von 1525 Frauen testen lässt
Vor zwei Jahren war es, ein klarer Morgen im August, als ein Angler auf Flusskilometerstein zwei am Main-Donau-Kanal saß, nicht weit vom Friedhof in Essing. Er wartete still, dass Karpfen und Hechte anbissen; ein schönes Plätzchen, fand er, das schönste, das er kannte im Altmühltal. Und so friedlich.
Wer in Gottes Namen lässt hier seinen Müll liegen, dachte der Angler an jenem Morgen und fischte eine gelbe Plastiktüte aus dem Kanal, die dort schwamm wie eine Boje. An der Tüte waren zwei Pflastersteine befestigt, sorgfältig mit blauem Pressband umwickelt. Als sein Fang am Ufer lag, zwischen Disteln und Trauerweiden, stockte dem Angler der Atem. Aus der Tüte ragten ein Arm und der Kopf eines Kindes.
Er rannte zu einem Bekannten im Dorf. Sie riefen die Polizei.
Kriminalhauptkommissar Rudolf Czapka, 47, sagt, er sei "abgehärtet", das bringe sein Job für das Landshuter Dezernat K1 mit sich. Trotzdem zittern ihm noch immer die Hände, wenn er in den sieben Leitz-Ordnern "Tötungsdelikt zum Nachteil eines unbekannten weiblichen Säuglings" blättert. Darin mehrere Fotos: Auf dem Seziertisch der Gerichtsmedizin ein nackter, aufgedunsener kleiner Körper, blau-grau angelaufen. Mindestens eine Woche lang hatte er im Wasser gelegen. Die Nabelschnur war notdürftig abgetrennt worden. Ein Mädchen, 2800 Gramm schwer, 54 Zentimeter groß. Voll ausgetragen, voll lebensfähig, getötet bald nach der Geburt. Die Schwestern aus der Gerichtsmedizin nannten es Sabina, wenigstens einen Namen sollte es doch haben.
Zur Beerdigung kamen ein Dutzend Essinger. Einer trug den winzigen Sarg, der Pfarrer segnete Sabina. Ein Holzkreuz steckten sie in die frisch aufgeschüttete Erde, auf dem "Sabina 2000" stand: Sabina, die höchstens ein paar Stunden lebte.
In der Nähe des Grabes installierten Czapkas Männer eine versteckte Kamera. Wenige Tage später stand es plötzlich da, ein Mädchen, höchstens 16, 17 Jahre alt, hübsches Gesicht, dunkelblonde Haare. Es schaute gehetzt um sich, griff sich an den Bauch, der ein wenig geschwollen schien. Es weinte. Die Unbekannte am Grab könnte Sabinas Mutter sein, vielleicht auch ihre Mörderin. Czapka ließ die Fahndungsbilder in Edeka-Läden und Biergärten hängen. "Wer kennt diese Frau, bzw. kann Angaben über deren Identität machen? Belohnung: 5000 DM."
54 Hinweise gingen ein, über 100 Personen überprüften Czapka und seine Leute. Einer sagte, das ist doch meine Ex-Freundin. Als Beweis zeigte er Czapka ein T-Shirt, auf das er das Foto seiner Ex gedruckt hatte. Die Ähnlichkeit war erstaunlich, doch das Kind von einer anderen.
Nach Monaten vergeblicher Ermittlungen sah Czapka nur eine Chance, den Fall abzuschließen: Man müsste einen Massen-Gentest durchführen. Schon einmal hatte er damit Erfolg gehabt. Vor fünf Jahren überführte Czapka den Mörder einer Joggerin, 1250 Männer ließ er damals testen.
Auch diesmal war sich Czapka sicher, dass er die Mutter bald finden würde. Sie müsste im Umkreis von Essing leben, schließlich wurde sie zweimal am Grab gefilmt. Im Februar 2002 gab die Staatsanwaltschaft grünes Licht. Kindesmord gilt als "minder schwerer Totschlag" und wird mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft. Czapka sollte den ersten DNS-Test an deutschen Frauen durchführen.
1525 Frauen der Jahrgänge 1979 bis 1984 wurden zum Test gebeten. Vorladung, sagt Czapka, wäre das falsche Wort. Der Test sei ja freiwillig. Weigere sich aber eine, war in den Zeitungen zu lesen, mache sie sich verdächtig.
Fortan stand Czapkas Telefon nicht mehr still. Ob auch ein Attest vom Gynäkologen reiche, wollte ein 15-jähriges Mädchen wissen, schließlich sei sie noch Jungfrau. Was denn später mit den Daten geschehe, fragten empörte Eltern, man habe ja gehört, dass Politiker eine Art Gendatei für Verbrecher fordern. Gelte das auch für Frauen?
Czapka blieb hart. Am 27. und 28. April 2002 steckten 30 seiner Beamten in zwei Grundschulen kleine Plastikbürsten in den Mund, strichen Speichel ab von der rechten und der linken inneren Wange. Eine gespenstische Angelegenheit, sagten die Frauen hinterher. Mal etwas anderes, sagte Czapka, lauter Mädchen als Tatverdächtige. Die Beamten seien recht motiviert gewesen.
Im Juni kam der Anruf vom Landeskriminalamt München. Sie hätten die genetischen Fingerabdrücke verglichen mit Sabinas Daten. Keiner passe.
Enttäuscht? Schon, sagt Czapka. "Ich kann keinen Unterschied machen zwischen einem Frauenmörder und einer Mutter, die ihr Kind ins Wasser bringt."
Zurzeit überprüft Czapka 20 Frauen, die den Test verweigert haben. Und er lässt nach denjenigen fahnden, die unbekannt verzogen sind. "Ich gebe die Hoffnung nicht auf", sagt er, "bevor ich nicht die Letzte überprüfte habe."
Manchmal noch holt Czapka die Obduktionsbilder aus den Aktenordnern. "Dann weiß ich wieder, dass sich der Aufwand lohnt." Seine Töchter fragen ihn oft, warum jemand so etwas mache und ob man nicht hätte helfen müssen? Sie sei vergewaltigt worden, zum Inzest gezwungen, mutmaßt dann der Vater. Aufgabe eines Kommissars aber sei: die Mutter finden, den Fall abschließen. Vorsorge treffen müssen andere.
Um Sabinas Grab kümmert sich jetzt der Frauenbund von Essing. "Hoffentlich finden's die Mutter nicht", sagt eine von ihnen, "sie ist schon gestraft genug." Sie pflanzten rosa Gottesaugen auf das Grab und stellten ein gusseisernes Kreuz darauf. Sie wollen sicher sein, dass Sabina hier niemand so bald vergisst. FIONA EHLERS
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 37/2002
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