Von Buse, Uwe
Manchmal begegnen die Pfleger und Pflegerinnen Dieter Kahr*, wenn er auf dem Weg zu seinem Sohn ist. Sie sehen einen massigen Mann, der mit hochrotem Kopf und hastigen Schritten durch die Eingangshalle hetzt, als müsse er durch feindliche Linien. Am Ende der Halle wendet er sich nach links, geht grußlos an der Rezeption vorbei, an der eine Mitarbeiterin des Heims steht und ihm zunickt. Er öffnet die hölzerne Pforte an der Treppe, die in den ersten Stock führt. Oben angekommen, biegt er wieder nach links und verschwindet hinter einer Mauerecke.
Auf seinem Weg scheint Kahr die Männer und Frauen nicht wahrzunehmen, die in ihren Rollstühlen in der Eingangshalle sitzen. Kahr schaut starr geradeaus - wie ein Marathonläufer, der in einem unerwartet schweren Wettkampf steckt und schon viel zu lange an seiner Leidensgrenze rennt.
Sein Ziel ist ein Zimmer im ersten Stock des Pflegeheims "Alpenpark" im oberbayerischen Kiefersfelden. Das Zimmer trägt die Nummer 108, neben der Tür klebt ein Schild, auf dem steht: "Peter Kahr", er ist der Sohn von Dieter Kahr.
Vor vier Jahren, an einem Sonntag im Juli, versuchte Peter Kahr, sich vom Leben zu befreien. Es war ein heißer Tag, und Peter verbrachte ihn mit seiner Freundin in einem Garten in Garbsen, einer Kleinstadt nahe Hannover. Die Sonne schien.
Am späten Nachmittag stand Peter auf und sagte, er würde ins Haus gehen, um zu duschen. Peter blieb seltsam lange fort. Schließlich stand seine Freundin auf und ging ins Haus, um ihn zu suchen. Sie fand ihn im Flur. Peter war tot, er hatte sich mit einem Gürtel erhängt. Als Peter Kahr die Welt das erste Mal verließ, war er 33 Jahre alt.
Der Notarzt mühte sich eine halbe Stunde lang, den Toten zurück ins Leben zu holen. Er beatmete ihn, er massierte sein Herz. Schließlich, als niemand mehr an einen Erfolg glaubte, begann Peters Herz zu schlagen. Unregelmäßig erst, dann stetig. Peter kehrte zurück von den Toten, aber den Weg ins Leben fand er nicht mehr. Er war zu lange tot gewesen, um unbeschadet wiederaufzustehen. Peter Kahr blieb im Wachkoma stecken.
Sein Körper atmet, aber sein Großhirn ist zerstört. Peters Körper nimmt Nahrung auf, er verdaut und scheidet sie aus. Der Körper schläft und wacht sogar. Doch der Mensch, der diesen Körper bewohnte, scheint verschwunden zu sein. Und die Chance, dass er zurückkehrt, ist sehr gering. Würde Peter den Weg zurück finden in sein altes Leben, Ärzte würden es ein Wunder nennen.
Seit dem Selbstmordversuch bemühen sich Familienangehörige und Freunde zu verstehen, warum Peter sich umbringen wollte. Auf ihrer Suche nach Antworten fanden sie Erklärungsstücke, die sich zu einem lückenhaften Bild fügen, in dessen Zentrum Peters Vater zu erkennen ist.
Dieter Kahr ist ein wohlhabender Saft- und Schnapshändler im Ruhestand. Nach dem Mauerfall, als die Menschen im Osten des Landes den Kapitalismus erst feierten und dann verfluchten, verdiente er viel Geld. Kahr nennt diese Zeit die guten Jahre, und dieser Satz gehört zu den wenigen, die er entspannt im Büro seines Anwalts sagt.
Dieter Kahr ist ein Mensch, dem es schwer fällt, anderen Menschen zuzuhören, und dem es fast unmöglich ist, neben der eigenen Meinung andere gelten zu lassen. Er spricht schnell, und viele seiner Sätze beginnen mit dem Wort "Ich". Er ist das Zentrum seiner Welt.
Stößt er auf Konflikte, schweigt er trotzig wie ein Kind, die Arme vor der Brust verschränkt, oder er wird laut und geht auf Kollisionskurs. Der Schnapshändler ist ein schwerer Mann. Zart gebaute Menschen könnten beim Zusammenprall Schaden nehmen.
Von seinem Sohn erwartete Dieter Kahr viel, und er sagte es ihm oft. Es war wohl seine Art, Peter seine Zuneigung zu zeigen. Aber Peter war ein schmales, unsicheres Kind, ein Zweifler, den die Wünsche des Vaters überforderten und der auch nicht in der Lage war, sich von ihm zu distanzieren. Vor seinem Selbstmordversuch arbeitete Peter in der Firma seines Vaters und fürchtete sich vor dem Tag, an dem der Vater in den Ruhestand gehen und ihm die Firma übergeben würde.
Es gibt ein Blatt Papier, auf dem Peter versucht hat, die Bilanz seines Lebens zu ziehen. Mit runden, weichen Buchstaben listete er seine Probleme auf:
"Lebensgefährtin wendet sich ab, Job-Verlust droht, finanzielle Reserven werden schnell verbraucht sein, Freunde distanzieren sich."
Am Ende fasst Peter sein Leben zusammen wie sein eigener Analytiker: "Kein Selbstwertgefühl. Kein Spaß. Keine Freude." Peter hat diese Worte mit einem Stift nachgezogen. Sie wirken schwerer als die übrigen.
Dieter Kahr hält sich meist nur kurz im Zimmer seines Sohnes auf, und es wäre falsch zu sagen, dass er ihn besucht. Es ist eher so, dass er am Körper des Kranken an den Jungen denkt, der früher in diesem Körper lebte.
Die Pfleger sagen, Kahr rede am Bett seines Sohnes nicht mit ihm, sondern über ihn. Genau genommen ist das Zimmer 108 im Pflegeheim "Alpenpark" für Dieter Kahr kein Krankenlager und erst recht kein Ort der Hoffnung, es ist für ihn ein Grab. Am atmenden Körper seines Sohnes trauert Kahr um den Menschen, den er verlor, und darum, dass es ihm bislang nicht gelungen ist, dem Körper das Leben zu nehmen.
Das ist die Aufgabe, die sich Dieter Kahr nach dem Selbstmordversuch seines Sohnes stellte. Und er will das so schnell wie möglich tun, denn "Peter wollte sich nicht nur sein erstes Leben nehmen, er hätte auch das zweite Leben im Koma niemals akzeptiert". Das sagt Dieter Kahr im Büro seines Anwalts, und wie so viele andere Sätze klingt auch dieser ärgerlich und trotzig.
Peter habe sehr oft davon gesprochen, dass er "so" nicht leben wolle, sagt sein Vater, und er ist überzeugt, dass sein Sohn den Tod begrüßt, wenn er ihm zum zweiten Mal begegnet.
Einmal hat Kahr schon den Versuch unternommen, den Willen seines Sohnes oder das, was er dafür hält, umzusetzen. In einem Krankenhaus in Hannover, kurz nach Peters Selbstmordversuch, fragte Dieter Kahr einen Arzt, ob sein Sohn wieder aufwachen würde. Der Arzt glaubte nicht daran, es sei zu viel Hirngewebe zerstört worden.
Dieter Kahr wollte, dass die Beatmungsmaschine abgestellt wird, die Peter damals am Leben hielt. Der Arzt erfüllte die Bitte, aber Peter starb nicht, er begann aus eigener Kraft zu atmen. Es gab also keine schnelle Lösung, und Dieter Kahr begann seinen langen Lauf, an dessen Ende der gesetzlich sanktionierte Tod seines Sohnes stehen soll.
Herbeigeführt werden soll dieser Tod durch den Entzug der Nahrung, die durch eine Sonde direkt in Peters Magen läuft. Peter soll verhungern, weil dieser Tod nach Meinung von Experten dem Alterstod am ähnlichsten und wohl auch schmerzlos ist.
Kahr könnte das still und heimlich in seinem Haus geschehen lassen, dann hätte er wahrscheinlich keine juristischen Probleme. Aber Kahr sagt, er könne das Sterben seines Sohnes nicht mit ansehen, er will, dass die Pfleger ihm diese Arbeit abnehmen. Doch der Geschäftsführer des Heims weigert sich.
Aus diesem Grund führt Kahr vor dem Landgericht Traunstein einen Prozess gegen die Pfleger seines Sohnes. Es ist das erste Mal, dass Richter in Deutschland entscheiden müssen, ob der Hungertod eines Menschen eine einklagbare Dienstleistung ist.
Zwei Menschen, die Kahrs Vorhaben ablehnen, sitzen in einem Büro im Pflegeheim "Alpenpark". Ingrid Ranzinger, die Leiterin des Pflegedienstes, wurde vor kurzem Mutter. Sie hält ihr Kind auf dem Schoß, als sie sagt: "Bevor Peter verhungert, muss man mir kündigen." Neben ihr sitzt Juri Jeserski. Er ist der Leiter der Station, auf der Peter liegt. Er fügt hinzu: "Wir glauben nicht, dass Peter sterben will."
Wenn Peter in seinem zweiten Leben so etwas wie einen Freund hat, dann ist es wohl Jeserski. Er kennt Peter gut, er wäscht ihn, er setzt ihn in den Rollstuhl, manchmal begleitet er ihn bei den Ausflügen und zu Feiern, die das Heim organisiert. Er ist überzeugt, dass Peter in der Lage ist, mit den Menschen um ihn herum zu kommunizieren, und er glaubt, dass Peter sein neues Leben nicht verflucht.
Ranzinger und Jeserski erzählen, dass Peters Muskeln sich entspannen, wenn sein Lieblingspfleger den Raum betrete und mit ihm rede. Erscheine dagegen sein Vater, verkrampfe Peter, und es dauere lange, ihn wieder zu beruhigen. Peter werde auch unruhig, wenn das Radio laufe und er Nachrichten auf Bayern 5 hören müsse. Er höre lieber Pop auf Bayern 3.
Ranzinger und Jeserski gehören zu den wenigen Menschen, die in den vergangenen vier Jahren viel Zeit mit Peter verbracht haben, und sie sagen, dass seine Reaktionen nicht zufällig seien, sondern dass Peter sie steuere. Aber reichen Beobachtungen wie diese aus, um die Aussagen des Vaters in Zweifel zu ziehen?
Wer wissen möchte, ob Koma-Patienten etwas fühlen und erfahren können, ob sie kommunizieren, sitzt früher oder später im Dachgeschoss des Evangelischen Krankenhauses in Oldenburg im Büro von Doktor Andreas Zieger. Zieger ist Neurochirurg, und er gehört zu einer kleinen Gruppe von Medizinern, die Koma-Patienten nicht für Ballastwesen halten, deren Tod eine Erlösung wäre - für sie selbst, ihre Familien und die Gesellschaft.
"Für die moderne Hochleistungsmedizin sind Wachkoma-Patienten häufig Schrott oder Ausschussware", sagt Zieger, während er auf seinem Schreibtisch Aufsätze stapelt, in denen die Ergebnisse seiner Arbeit zu finden sind, "und in der Diskussion um passive oder aktive Sterbehilfe scheinen Wachkoma-Patienten eine Vorreiterrolle zu spielen."
Zieger ist ein ruhiger Mann mit einer Brille, der schnell und viel redet, als fürchte er, im nächsten Moment zum Schweigen gebracht zu werden: "Ihr Leben wird bedroht durch eine schleichende Aufweichung des Tötungsverbots." In den Niederlanden und in Belgien sei die aktive Sterbehilfe erlaubt. In den USA werde sogar diskutiert, ob der Ausfall einzelner Hirnregionen nicht schon als Tod des ganzen Menschen definiert werden könne. Nach dieser Definition wäre Peter Kahr bereits tot. Zieger zieht Aufsätze aus einem Regal, sein Drucker wirft mehr Berichte aus. "Die Tabuisierungsenergie, die das Erschrecken über die Euthanasie-Untaten des Nazi-Regimes ausgelöst hatte, scheint sich zu verbrauchen", sagt Zieger, setzt sich und schiebt einen Stapel Papier über den Tisch: "Viel Spaß beim Lesen." Er lächelt nicht.
Zieger ist ein engagierter Arzt, der gegen ein Gesundheitssystem kämpft, das ihm oft gleichgültig erscheint. Seine Forschungsergebnisse werden ernsthaft diskutiert, seine vehemente Kritik an einer Medizin, der Effektivität wichtiger ist als Humanität, wird manchmal belächelt.
Zwischen seinen Fachzeitschriften sitzend sagt er: "Ich weiß, meine Meinung ist die einer Minderheit." Dann hebt Zieger an zu einer Rede über die Wahrnehmungen, das Erleben und das Lernen von Koma-Patienten. Es klingt, als habe er sie zu oft gehalten.
"Neuere Studien belegen, dass mehr als die Hälfte aller Wachkoma-Patienten über ein verdecktes inneres Verhalten verfügen, eine Körpersprache, die für Ungeübte und Fremde nur sehr schwer erkennbar ist." Oft seien es Angehörige oder Pfleger, die diese Zeichen zuerst sehen. "Viele Ärzte schenken ihnen keine Bedeutung", sagt Zieger, "sie halten das alles für Wunschdenken."
In Untersuchungen an der Universität Oldenburg hat Zieger festgestellt, dass sich bei Berührung und Ansprache die Herzfrequenz charakteristisch verändert. Ähnliche Ergebnisse gewann Zieger beim Messen der Hirnaktivität von Koma- und Wachkoma-Patienten. Belegt sei auch, dass Wachkoma-Patienten zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen unterscheiden können: "Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Patienten sehr empfindsam sind und mehr erfahren, als viele glauben."
Zu Peters Chancen sagt Zieger: "Ich habe keine Ahnung, vier Jahre sind eine lange Zeit."
Dieter Kahr will von Zieger und seinen Erkenntnissen nichts wissen. Der Mediziner ist für ihn nur ein weiterer Gegner, der verhindern könnte, dass er sein Ziel erreicht.
Um gegen Zieger, gegen Ranzinger und Jeserski bestehen zu können, brauchte Kahr einen Verbündeten. Er suchte, und er fand einen Spezialisten fürs Sterben in Deutschland, den Münchner Anwalt Wolfgang Putz. Kahr engagierte ihn. Putz soll den Tod von Peter Kahr möglich machen.
Putz ist ein erfahrener Medizinrechtler, der gern von den Konferenzen erzählt, zu denen er eingeladen wird, und der Besuchern zum Abschied ein Blatt Papier in die Hand drückt, auf dem seine beruflichen Erfolge nachzulesen sind. Der Streit zwischen Dieter Kahr und dem Heim ist für ihn ein Glücksfall.
Er bietet ihm die Möglichkeit, für eine Sache zu kämpfen, an die er glaubt und die ihn in Deutschland bekannt machen wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Prozess mehrere Jahre dauern, wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung durch alle Instanzen gehen und schließlich vom Bundesverfassungsgericht entschieden wird.
Putz hat eine Menge Energie und eine gute Stimme, die auch große Gerichtssäle füllt. Diese Kraft suchen seine Mandanten. Sie wollen einen Anwalt, der für sie kämpft, der sie mitreißt und ihnen die Zweifel nimmt, die sie plagen, weil sie sich entschlossen haben, einen Freund, den Ehepartner oder einen Familienangehörigen vom Leben in den Tod zu befördern.
Putz fordert "die Emanzipation des Patienten" von den Möglichkeiten der modernen Medizin. "Wenn sicher ist, dass ein kranker Mensch sterben will, dann müssen die Ärzte und der Staat das respektieren und ermöglichen." Hört er Einwände, die denen gleichen, die Ranzinger und Zieger haben, rollt er mit den Augen und sagt: "Ach, gehen Sie mir doch damit weg." In kaum einem Streit sei der Sachverhalt so klar wie im Fall von Peter Kahr. Peter Kahr habe oft und ausführlich über das Sterben gesprochen. Es gebe schriftliche Aussagen, die das bestätigen, von Menschen, die Peter Kahr kennen.
Eine Aussage stamme von Peters Vater. Eine von Peters Stiefmutter. Und dann seien da noch die Aussagen von Freunden. Zeigen mag Putz die Aussagen nicht.
In Putz'' Unterlagen befindet sich auch ein Brief von einer Frau, mit der Peter befreundet war und mit der er wenige Tage vor seinem Selbstmord lange telefonierte. Die Freundin bezweifelt Peters Todeswunsch. Ihr will Putz nicht glauben.
Zum ersten Mal traf Putz seine Gegnerin, die Pflegedienstleiterin Ingrid Ranzinger, im Oktober vergangenen Jahres in einem Besprechungszimmer im Heim "Alpenpark". Sie nahmen an den Längsseiten eines Tisches Platz, und Putz erklärte, er fordere im Namen von Peter Kahr, "die Nahrungssubstitution einzustellen". Ranzinger weigerte sich. Der Anwalt argumentierte, erst leise, dann laut. Nach eineinhalb Stunden endete das Gespräch ohne Einigung. Putz begann den Prozess vorzubereiten. Er rechnete mit viel Aufmerksamkeit. Vor allem von Gegnern der Sterbehilfe.
In einem weiß verputzten Haus in Bergneustadt, einem kleinen Ort im Bergischen Land, treffen sich regelmäßig Menschen, die Sterbehilfe nicht für einen Segen halten, sondern für einen Fluch, weil sie zu oft missbraucht werde, um schwer Kranke zu entsorgen. Das Haus gehört Dietmar Baumhof. Als er hörte, dass Peter Kahr verhungern soll, sagte er: "So, so, das werden wir ja sehen."
Baumhof ist im selben Alter wie Dieter Kahr, er hat eine ähnliche Statur und führte lange Zeit auch ein sehr ähnliches Leben. Wie Kahr war Baumhof selbständig, wie Kahr arbeitete er viel, wie Kahr lebte er jahrelang mit einem Kind im Koma. Es war eine Tochter, sie hieß Ilona, und sie starb plötzlich in der Nacht. "Ich glaube, es war Ilonas bewusste Entscheidung zu gehen", sagt Baumhof beim Mittagessen in seiner Küche. Der Tod seines Kindes war für ihn keine Erlösung. Er war eine Tragödie, zunächst. Dann verwandelte sie sich zu einer Aufgabe.
Baumhof verkaufte seine Firma und seine Frau ihre Kneipe. Sie gründeten einen Verein, bauten ihr Haus in Bergneustadt um in ein Rehabilitationszentrum und umgeben sich seit sieben Jahren mit Koma-Kranken, die sie zurück ins Leben locken wollen. Manchmal gelingt es. Auf einem Trimmrad im ersten Stock strampelt regelmäßig Thomas, der im tiefen Koma lag. Baumhof glaubt, dass ihn nicht nur Zuwendung und eine intensive Therapie zurückgeholt haben, sondern auch das Versprechen, ihn in einen Puff zu fahren, wenn er wieder allein gehen kann. Das beweist Baumhof: Alles ist möglich.
In seinem Kampf um die Genesung möglichst vieler Koma-Patienten ist Dietmar Baumhof so unnachgiebig wie Dieter Kahr in seinem verzweifelten Wunsch, seinen Sohn endlich sterben zu lassen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Baumhof einen Parallelprozess führen will, in dessen Verlauf Dieter Kahr das Recht entzogen werden soll, Entscheidungen im Namen von Peter zu treffen. Gelingt das, würde der Hauptprozess eingestellt werden. Aussicht auf Erfolg hat dieser Plan nur, wenn Baumhof belegen kann, dass Peters Wille zu sterben nicht so eindeutig ist, wie von Dieter Kahr und dessen Anwalt behauptet wird. Baumhof hofft, dass ihm Peters Mutter bei diesem Vorhaben hilft. Sie soll seine Kronzeugin sein.
Gudrun Kahr lebt auf Teneriffa. Vor 18 Jahren, nach der Scheidung von ihrem Mann, hat sie sich ein kleines Apartment gekauft in einem Haus, das über dem Meer am Felsen klebt. Sie arbeitet in der Nähe als Sekretärin einer Kakteenplantage.
Gudrun Kahr hat auf dem Balkon gedeckt, stellt Kekse auf den Tisch und sagt, sie sei früher anders gewesen. Vielleicht wie die jetzige Frau ihres Ex-Mannes, die sich in die Rolle der Beschwichtigerin gefügt hat, und immer dann, wenn Dieter Kahr laut wird, sagt: "O Dieter, nun beruhige dich doch."
Gudrun Kahr sagt, sie sei froh, ihren Mann verlassen zu haben. Ihren Sohn ließ sie nur ungern zurück.
Peter war volljährig, als Gudrun Kahr sich von ihrem Mann trennte, "und er musste selbst entscheiden, was für ein Leben er künftig führen wollte", sagt Gudrun Kahr. Hätte sich Peter für ein Leben in ihrer Nähe entschieden oder für eines fern von seinem Vater, sie wäre froh gewesen. Aber dafür war Peter nicht stark genug.
Sein Vater lockte ihn mit einer Eigentumswohnung, einem Auto, einem Arbeitsplatz in der Firma und einem guten Gehalt. Peter mochte Autos. Er redete sich ein, es würde schon gut gehen.
Seit dem Selbstmordversuch ihres Sohnes verbringt Gudrun Kahr jeden Urlaub an seinem Bett. Im Gegensatz zu ihrem ehemaligen Mann redet sie mit Peter, und sie glaubt, dass er ihre Anwesenheit spürt: "Er entspannt sich, wenn ich dort sitze." Eine Weile habe sie überlegt, Peter nach Teneriffa zu holen. Aber sie bezweifelt, dass ihr Mann das zulassen würde.
Gudrun Kahr weiß, dass in Deutschland Dietmar Baumhof wartet und hofft, dass sie ihm hilft, ihren Sohn vor dem Tod zu retten. Aber sie weiß nicht, ob es richtig wäre. Am liebsten wäre ihr, Peter würde ihr die Entscheidung abnehmen. "Er soll von selbst gehen", sagt sie, und ihre Stimme klingt rau. Doch sie weiß, das wird nicht passieren. Peters Körper ist gesund. Er hat schon zwei Lungenentzündungen überlebt.
Es ist alles so kompliziert.
Einerseits glaubt sie, dass Peter so nicht leben will. Andererseits will sie an seinem Tod nicht beteiligt sein. Sie will nicht noch mehr Verantwortung tragen. Sie fragt sich seit vier Jahren, ob sie es hätte verhindern können.
Gudrun Kahr gießt Kaffee nach, schaut aufs Meer, als würde die Lösung dort zu finden sein. Dann seufzt sie, wie man es tut, wenn man eine Entscheidung trifft, die man später möglicherweise bereut, und sagt: "Ich werde Herrn Baumhof ausrichten lassen, dass ich nicht gegen meinen Ex-Mann klage."
Nach einer Pause fügt sie hinzu: "Wenn es so weit ist, will ich nach Kiefersfelden reisen und meinen Sohn begleiten. Bis zum Ende."
Das Sterben von Peter kann sechs Wochen dauern oder länger. Er wird sich sehr verändern. Das miterleben zu wollen, kann Liebe sein.
Oder Sühne.
DER SPIEGEL 38/2002
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