16.09.2002

GEHEIMDIENSTE

Alle für dumm verkauft

Von Latsch, Gunther; Meyer, Cordula; Tietze, Wolfgang

Fahnder durchleuchten das abenteuerliche Leben eines Verwandten von Todespilot Ziad Jarrah. Der Mann arbeitete nicht nur für die Stasi, sondern angeblich auch für Gaddafi - und den BND.

Dass Angehörige von Tatverdächtigen freiwillig bei Ermittlungsbehörden anrufen, um ihre Verwandten zu belasten, ist eher selten. Deshalb war eine Juristin bei der Bundesanwaltschaft auch "ziemlich überrascht", als sich, wenige Tage nach dem 11. September, ein Mann aus Beirut bei ihr meldete: Ein Cousin zweiten Grades des Terrorpiloten Ziad Jarrah bot Informationen zu den Hintergründen der Terrorakte von New York, Washington und Pennsylvania an.

Die Bundesanwaltschaft leitete den Hinweis an das Bundeskriminalamt (BKA) weiter. Und den Fahndern dort bekräftigte am 17. September 2001 ein Mitarbeiter des Medizintechnik-Herstellers Fresenius das Aussageangebot per Telefon: Assem Omar Jarrah, Fresenius-Geschäftsführer im Libanon, sei erschüttert über die Verwicklung seiner Familie in den Anschlag - und schon auf dem Weg in die Bad Homburger Firmenzentrale. Dem BKA stehe dort ein Vernehmungszimmer zur Verfügung.

48 Stunden später war Cousin Assem aus Beirut da - und gab zu Protokoll, Ziad sei 1999 längere Zeit in Afghanistan oder Pakistan gewesen. Nach seiner Rückkehr habe er sogar vom Märtyrertod für den Islam geschwärmt. Obwohl der Rest des Jarrah-Clans im Libanon schwor, Ziad sei kein Terrorist, sondern Opfer einer tragischen Verwechslung, gab sich Assem illusionslos. Schließlich kannte er seinen Cousin gut, hatten doch beide zeitweise in Greifswald gelebt und dort oft zusammen gefeiert.

Mit der Aussage freilich war Assem Omar Jarrah bei der Familie unten durch. "Assem verkauft Informationen für Geld", zürnt ein Verwandter, "egal ob sie stimmen oder nicht." Auch Ermittler zweifeln an der Integrität des Zeugen. Zurzeit werten BKA-Beamte Stasi-Dossiers aus, die den Verdacht nahe legen, dass sich Ziads Cousin jahrelang im Dickicht von Geheimdiensten und nahöstlichen Terrorgruppen bewegte. Assem Omar Jarrah arbeitete, nach Aktenlage, für die Stasi, die Spionagetruppe des libyschen Terrorsponsors Muammar al-Gaddafi - und offenbar auch für den Bundesnachrichtendienst (BND). Zudem exportierte er Medizinequipment und - wie manche argwöhnen - weitaus sensiblere Güter in arabische Länder

Sicher ist: Schon im Oktober des vergangenen Jahres waren BKA-Beamte auf Dokumente gestoßen, denen zufolge der Libanese vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) geführt worden war (SPIEGEL 45/2001).

Doch die Unterlagen waren spärlich. Zwar gab es Vermerke auf Karteikarten, in denen auch von Kontakten Jarrahs zum libyschen Geheimdienst und zu Abu-Nidal-Anhängern in der DDR die Rede war, beweiskräftige Details jedoch fehlten. Erst als in den folgenden Monaten weitere Akten gefunden wurden, ergab sich für die Fahnder ein genaueres Bild.

Der Mann, der bis zum Ende der DDR von der Stasi als IM "Karsten Berg" (Reg. Nr. XV/1309/85) geführt wurde, war 1984 nach Greifswald gekommen und schon ein Jahr später beim MfS unter Vertrag. Ein Offizier der "Arbeitsgruppe Ausländer" (AG A) notierte: "Durch PLO, für die er am bewaffneten Kampf teilnahm, zum Pharmaziestudium in die DDR delegiert." An anderer Stelle heißt es: "Eine eindeutige Ablehnung terroristischer Handlungen ist nicht erkennbar."

Eine Neigung des jungen Libanesen zum Konspirativen müssen wohl auch jene Libyer gespürt haben, mit denen er, laut Stasi-Akten, ab August 1986 in Kontakt war. Für die Mannen des Stasi-Chefs Erich Mielke stand schnell fest: IM "Karsten Berg" hatte auch beim Geheimdienst des Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi angeheuert. In dessen Auftrag sollte er, wie Stasi-Oberstleutnant Reiner Wiegand im Dezember 1987 notierte, eine Geheimtruppe in West-Berlin aufbauen, die "mögliche CIA-Agenturen und Gaddafi-Gegner" ausspionieren sollte. Ein anderer Auftrag habe darin bestanden, die "Anzahl der von der Kommunistischen Partei Israels zum Studium in die DDR delegierten Studenten" festzustellen. Rekruten für eine prolibysche Kommandotruppe im Heiligen Land?

Weil er seinen MfS-Partnern stets erzählte, was die Wüsten-Geheimen von ihm wollten, durfte er weitermachen - als Doppelagent. Einer seiner Führungsoffiziere hat heute keinen Zweifel mehr, welche der drei Parteien von dem Spiel am meisten profitierte: "Jarrah hat uns alle für dumm verkauft. Der fuhr schon zu DDR-Zeiten mit 'nem Mazda rum, hatte Kohle ohne Ende, Frauen - einfach alles."

In den MfS-Unterlagen ist immer wieder von stattlichen Zahlungen des Gaddafi-Geheimdienstes an Jarrah die Rede - per Scheck oder bar, in US-Dollar. Den Stasi-Leuten präsentierte er die Devisen als Beleg für seine hochrangigen Kontakte.

Assem Omar Jarrah erklärt die Geschichte anders: "Ich bestreite nicht, Geld aus Libyen bekommen zu haben. Schließlich habe ich in Greifswald eine deutscharabische Freundschaftsgesellschaft gegründet, und die wurde von der libyschen Regierung unterstützt." Wegen dieser Aktionen habe er "natürlich auch mit der Sicherheit reden" müssen: "Das war in der DDR so." Aber ein Agent sei er nie gewesen, weder für Libyen noch für Honeckers Arbeiter- und Bauernstaat. "Auch mit Terrorismus hatte ich nie etwas zu tun."

Deshalb kann er sich auch an eine Begebenheit, die den zuständigen MfS-Offizieren lange Kopfzerbrechen bereitete, "beim besten Willen nicht erinnern": Reiner Wiegand, der Ende Dezember 1989 zum Bundesnachrichtendienst überlief und 1996 bei einem Autounfall in Portugal starb, hat den Fall dem amerikanischen Journalisten John Koehler in einem langen Tonbandinterview geschildert. Allerdings ohne die Klarnamen jener zu nennen, die er für seine Agenten hielt.

Im April 1987 habe ein IM, Deckname "Karsten Berg", über ein Treffen mit einem Araber berichtet, der ihn für eine Mitarbeit in der Terrororganisation "Fatah-Revolutionärer Rat" (Fatah-RC) des berüchtigten Abu Nidal gewinnen wollte. Das nächste Treffen der beiden sei deshalb observiert worden. Danach herrschte höchster Alarm. Denn der Abu-Nidal-Mann war ebenfalls ein IM, Deckname "Hassan". Von dessen Mitgliedschaft im Fatah-RC hatte die Mielke-Truppe bis dahin nicht den Hauch einer Ahnung. Wohl aber von Hassans Gründen für die bisherige Zusammenarbeit.

Hassan galt als fanatischer Moslem und meldete eifrig, welche arabischen Diplomaten sich mit Schmuggel und Währungsschiebereien ein Zubrot verdienten - er wollte den Unreinen das Handwerk legen. Eine groß angelegte Untersuchung, so Wiegand im Koehler-Interview, habe ergeben, dass Hassan enge Kontakte zum libyschen Volksbüro in der DDR-Hauptstadt unterhalten habe, besonders zu Mitarbeitern, die beim Geheimdienst waren. Das Ende der Jarrah-Hassan-Connection ist unbekannt. Akten zu dem Komplex sind bislang nicht aufgetaucht.

Sicher ist nur, dass der wendige Assem auch nach der Wende weiterhin seine Kontakte im arabischen Raum nutzte: 1991 machte er sich selbständig und exportierte medizinisches Equipment - nach Libyen und in andere arabische Länder. Nicht immer waren den Mitarbeitern die Ausfuhren geheuer, denn der Ex-IM hatte nach wie vor eine Schwäche fürs Geheime. Manche Lieferungen etwa schleppte der Chef fertig verpackt an. "Da erfuhren wir nie, was drin war", erinnert sich ein ehemals leitender Angestellter.

Bis heute suspekt ist dem Mann eine Reise nach Libyen im Jahr 1996: Eineinhalb Stunden seien sie damals aus der Hauptstadt Tripolis durch die Wüste gefahren. Immer geradeaus, Richtung Süden, zum Schluss nur noch über ein Piste aus festgefahrenem Wüstensand. Ihr Ziel lag hinter einer kleinen Anhöhe. "Links ein kleiner Gebirgszug, sonst nur Sand und mittendrin eine fast runde Fabrik" - gesichert mit Mauern, Stacheldraht und Kameras.

"Ich dachte, wir wären falsch, denn wir sollten doch medizinische Badeinrichtungen liefern und installieren. Deshalb habe ich gefragt, was das für eine Klinik sei. Niemand antwortete, auch Assem sagte nichts." Fotografieren war streng verboten, dennoch gelang es Jarrahs Mitarbeiter, heimlich ein paar Bilder zu machen.

Monate nach der Reise verschwand sein Chef plötzlich von der Bildfläche - für zwei Wochen. "Niemand wusste, wo er war." Möglicherweise war Jarrah mal wieder für einen Geheimdienst auf Tour, denn gegenüber Freunden hatte er des Öfteren mit guten Kontakten zum Bundesnachrichtendienst geprahlt. Die offizielle Antwort des BND-Sprechers ist die übliche: "Zu operativen Kontakten nehmen wir grundsätzlich nicht Stellung." Tatsächlich hatte der Dienst Jarrah nach der Wende wegen seiner operativ interessanten Vita angesprochen - und die Verbindung bis Mitte der neunziger Jahre gehalten.

Jarrah selbst räumt lediglich "Gespräche mit der westdeutschen Sicherheit kurz nach der Wende" ein und fügt hinzu, er habe nichts zu verbergen - auch nicht vor den Amerikanern. Die haben ihn, wie er sagt, eingeladen, weil sie mit ihm reden wollen. Denn in den Trümmern des Flugzeugs, dass Ziad nahe Pittsburgh in den Boden rammte, haben Ermittler Assems Visitenkarte gefunden. Darauf handschriftlich vermerkt: die Hamburger Anschrift eines Bekannten von Mohammed Atta.

Und noch ein Rätsel, das mit dem Namen der Familie verbunden ist, harrt der Lösung: Im Sommer 1988 schickte das Auswärtige Amt eine Terrorismus-Warnmeldung ans BKA. Inhalt: Der Terrorist Abu Nidal plane am 20. August einen Anschlag auf Lufthansa-Flug 651, Athen-Frankfurt. Codename der Operation: "Jarrah". GUNTHER LATSCH,

CORDULA MEYER, WOLFGANG TIETZE


DER SPIEGEL 38/2002
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