16.09.2002

TERRORISTENOperation Heiliger Dienstag

In einem Interview erzählt der Bin-Laden-Vertraute Binalshibh, wie die Anschläge in den USA organisiert wurden - jetzt ist der Attentäter festgenommen worden.
Die Brüder saßen in ihrem fernen Versteck vor dem Fernseher und sahen zu, damals am 11. September vergangenen Jahres. Mohammed Attas Boeing war gerade in den Nordturm des New Yorker World Trade Center eingeschlagen. "Allahu akbar, Gott ist groß, Gott sei Dank", hätten sie da alle gerufen, erzählt Ramzi Binalshibh, Mitorganisator der Anschläge und Atta-Freund aus Hamburger Zeiten: "Jeder dachte, dass dies die einzige Operation sei. Wir sagten zu ihnen: ,Wartet, wartet'. Plötzlich rammte unser Bruder Marwan das Flugzeug gewaltig ins World Trade Center. Wir sahen live zu und beteten zu Gott."
Nachrichtendienstler aus aller Welt hatten am Donnerstagabend vergangener Woche den arabischen Fernsehsender al-Dschasira eingeschaltet. Er sendete, nach großen Ankündigungen in der vorvergangenen Woche (SPIEGEL 37/2002), ein Tonband - darauf das Geständnis des Bin-Laden-Vertrauten Binalshibh. Al-Dschasira-Reporter Yusri Foda zitierte auch Chalid Scheich Mohammed, der sich als Militärchef der Terrororganisation al-Qaida vorgestellt hatte und erklärte, wie die Ziele in den USA ausgesucht worden seien. Detailliert schilderte Binalshibh zudem, welche Geheimcodes die Islamisten nutzten und wie sie die Terrorzellen vernetzten.
Womöglich bekommt der Top-Terrorist bald Gelegenheit, noch mehr Details aus dem Innenleben der Gruppe zu erzählen: Am vergangenen Freitag gab der pakistanische Präsident Pervez Musharraf bekannt, dass Spezialeinheiten zehn Qaida-Mitglieder nach einer Schießerei im pakistanischen Karatschi festgenommen haben, darunter eine "wichtige" Person - Ramzi Binalshibh. Die Festnahme bestätigten US-Behörden am Samstagmorgen.
Bis zu diesem Zeitpunkt blieb der Bin-Laden-Mann ein Phantom. Reporter Foda sagt, er habe Binalshibh und Scheich Mohammed im Juni in einer Wohnung in Karatschi getroffen. Echte Beweise für die Identität der beiden liefert er nicht. "Sie waren es. Ich habe sie hundertprozentig erkannt", sagt er nur.
Mysteriös bleibt aber, warum es kein Video des konspirativen Interviews gibt, sondern nur das Tonband - zu dem al-Dschasira nachgestellte Interviewszenen mit vermummten Männern zeigte. Schließlich hatten die Qaida-Leute selbst eine Videokamera dabei. Trotzdem schickten die Terroristen dem Sender statt des Filmmaterials nur ein Tonband.
Auf dem haben aber zwei Hamburger, die Binalshibh aus dessen Zeit in Deutschland gut kennen, gegenüber dem SPIEGEL seine Stimme identifiziert: "Diese flache Stimme, ein bisschen kieksend, das ist er", sagt ein arabischsprachiger Kommilitone aus dem Studienkolleg. Auch der deutsche Konvertit Marek, ein Azubi, der zu Attas engstem Zirkel in Hamburg gehörte, sagt, dass es Binalshibh sei, der auf dem Tonband zu hören ist.
Die Planung für die Terroroperation mit dem Codenamen "Heiliger Dienstag" habe zweieinhalb Jahre vor den Anschlägen begonnen, wird Scheich Mohammed zitiert. Zunächst habe al-Qaida Atomanlagen treffen wollen. Aus Angst, ein solcher Anschlag könne völlig außer Kontrolle geraten, sei man davon abgerückt. Scheich Mohammed schickte stattdessen Spione nach Amerika, die Ziele auskundschaften sollten. Geeignet erschien bald das Kapitol - das über Pennsylvania abgestürzte Flugzeug sollte denn auch eigentlich das US-Parlament treffen. Ungeeignet hingegen: das Weiße Haus. Da gebe es Navigationsprobleme.
Danach entwarfen Atta und Binalshibh laut Scheich Mohammed den geheimen Kommunikationsplan. Die Attentäter und die Ziele bekamen Codenamen: Atta nannte sich danach nun "Abu Abd al-Rahman" (Vater des Knechts des Barmherzigen), der Hamburger Marwan al-Shehhi hieß jetzt "Abul Qaqaa". Terrorpilot Ziad Jarrah sei "Abu Tarek" genannt worden, erzählt Binalshibh. Ihre Ziele benannten die Terroristen nach den Fakultäten von Universitäten, so Foda: Der Nordturm des World Trade Center, Attas Ziel, wurde zur "Fakultät für Stadtplanung" - Attas Studienfach in Hamburg. Das Pentagon nannten sie die "Fakultät der Künste" und das Kapitol die "Fakultät des Rechts".
Die Zahl der Kontakte zwischen den Zellen hielten die Terroristen gering. Die 14 Entführer aus arabischen Ländern, die die Passagiere überwältigen sollten, hätten gewusst, dass sie sterben würden - nicht aber, wie. Und Hani Hanjour, der vierte Pilot, sowie der Terrorist Nawaf al-Hamsi waren zwar bereits in Amerika, als Attas Gruppe einreiste, aber Kontakt nahmen sie erst später auf.
Mit Glaubensgenossen in Deutschland habe Atta per Chatroom kommuniziert und noch kurz vor den Anschlägen eine Nachricht an eine "Jenny" geschickt - ein weiteres Codewort für Binalshibh, der so verschlüsselt das Update zu den Anschlägen bekam, sagt Foda. "Keine Änderungen. Alles läuft gut. Da ist viel Hoffnung und heftiges Wunschdenken. Zwei Hochschulen und zwei Universitäten", lautete die Botschaft, und: "19 Scheine für das Spezialstudium und 4 Klausuren." So sollte es schließlich auch kommen: 19 Attentäter, 4 Ziele.
Eines der letzten Lebenszeichen von Atta war ein Anruf. Der soll Binalshibh am 29. August in Deutschland erreicht haben. Atta, so Binalshibh, habe ihm ein Rätsel gestellt: "Zwei Stöcke, ein Strich und ein Kuchen mit einem Stock nach unten. Was ist es?"
Es war der "11. 9." - somit wurde es höchste Zeit für Binalshibh, aus Hamburg zu fliehen. CORDULA MEYER, HOLGER STARK
Von Cordula Meyer und Holger Stark

DER SPIEGEL 38/2002
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