16.09.2002

ARCHÄOLOGIELiveshow aus Nekropolis

Was steckt hinter der mysteriösen Steinplatte im Südschacht der Cheops-Pyramide? Vor den Augen eines Millionenpublikums will ein amerikanisch-ägyptisches Forscherteam eines der letzten Geheimnisse des Pharaonen-Grabes lüften - die deutschen Forscher müssen zugucken.
Bis in alle Ewigkeit sollte ihn die Menschheit nicht vergessen. Cheops, "den Goldenen". Cheops, "der die Feinde zerdrückt".
Für seine Unsterblichkeit ließ der Herrscher sieben Millionen Tonnen Stein aufschichten. 20 000 Menschen schufteten an dem 146,6 Meter hohen Zeichen seiner Unvergänglichkeit: der großen Pyramide von Giseh.
Der Geist des Pharaos ist so lebendig wie eh und je. Auch mehr als 4500 Jahre nach Fertigstellung der Pyramiden strahlt Ruhm und Unsterblichkeit auf all jene ab, die auf den Spuren des Pharaos wandeln.
Einer, der von Cheops erleuchtet werden will, ist Zahi Hawass, 55, der stets einen dandyhaften Hut trägt und aussieht wie der etwas grobschlächtige Bruder von Omar Sharif.
Der Montag dieser Woche ist für Hawass, den Direktor der ägyptischen Antikenverwaltung, ein ganz besonderer Tag auf seinem Weg zur Unsterblichkeit. Dann nämlich wird er den Zeremonienmeister in einem Spektakel abgeben, das rund um den ganzen Globus live ausgestrahlt werden wird: Mit Hilfe eines Roboters will der ägyptische Archäologe der Cheops-Pyramide ihr letztes großes Geheimnis entlocken.
Der TV-Ableger der amerikanischen National Geographic Society wird Hawass dabei filmen, wie er ein rollendes Maschinenwesen namens "Pyramid Rover" in einen mysteriösen Schacht hineinmanövriert. Dieser verläuft von der so genannten Königinnenkammer tief im Innern der monumentalen Grabstätte steil aufwärts in Richtung Süden (siehe Grafik).
Abrupt endet der 65 Meter lange, aber nur 20 Zentimeter breite Gang vor einer akkurat geschliffenen Steinplatte mit zwei eingelassenen Kupferplatten. Was dahinter steckt, darüber rätselt die Fachwelt schon seit fast einem Jahrzehnt: Liegt dahinter der nie gefundene Schatz des Pharaos? Oder seine Mumie? Kroch seine Seele durch den Schacht hinauf zu den Gestirnen? Oder stiegen Außerirdische durch den Gang hinab?
"Keine Stelle der Pyramide beflügelt die Phantasie der Menschen momentan so sehr wie diese Steinplatte", meint der Münchner Archäologe Dieter Kessler.
Das amerikanische TV-Team freut sich deshalb bereits auf satte Einschaltquoten. "Wir übertragen in 142 Länder und erreichen 150 Millionen Zuschauer", sagt Jay Schadler, der Produzent der mehr als zweieinhalb Millionen Euro teuren Live-Übertragung.
In Deutschland wird das "Archäologie-Event" vom ZDF übertragen. Weil "National Geographic" in den USA zur besten Abendsendezeit ausstrahlen will, müssen die deutschen Zuschauer früh aufstehen. Gegen 3.35 Uhr sollen die Deutschen Augenzeugen werden, wenn der Roboter in die "ewige Finsternis" aufbricht, so Uta von Borries.
Die Fachfrau für Archäologie beim ZDF verspricht, dass "die Welt noch nie so ein Ereignis gesehen haben wird". Damit niemand das Spektakel verpasst, schürt auch Hawass die Spannung: Bei ersten Testfahrten mit dem Roboter hätten Radarmessungen ergeben, dass die Platte nur neun Zentimeter dick und beweglich ist. Die Kupferplatten deutet der Forscher als Griffe. "Wahrscheinlich handelt es sich wirklich um eine Tür", orakelt er, und das soll alle Unkenrufe von Kollegen verstummen lassen, die dahinter nichts als totes Gestein vermuten.
Die geringe Dicke der steinernen Tür lassen Hawass und seine TV-Kollegen hoffen, dass sie noch während das Weltpublikum zuschaut, ein 1,5 Zentimeter großes Loch in die Platte bohren können. "Eine Kamera, die am Ende eines Endoskops steckt, könnte dann Bilder von der anderen, verborgenen Seite einfangen", hofft Produzent und Emmy-Preisträger Schadler.
Während die Fernsehkameras möglicherweise Archäologie-Geschichte einfangen, dokumentieren sie gleichzeitig auch eine forschungspolitische Niederlage der deutschen Ägyptologie.
Denn der Entdecker der wundersamen Steinplatte im Südschacht ist der Münchner Ingenieur und Archäologie-Amateur Rudolf Gantenbrink. Unter Anleitung des damaligen Chefs des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, dem Ägyptologen Rainer Stadelmann, ließ er bereits 1993 einen Roboter mit dem Namen "Upuaut" (altägyptisch: "Öffner der Wege") in den Gang hineinkriechen, bis die Videoaugen des Gefährtes schließlich den steinernen Verschluss erblickten.
Nach dieser außergewöhnlichen Entdeckung hätte dem heute 48-jährigen Gantenbrink eigentlich zugestanden, die Mission weiterzuführen. Doch dazu kam es nicht, und schuld daran ist ein unter Archäologen weit verbreiteter Wesenszug: die Eitelkeit.
Schon kurz nach der Entdeckung am Ende des Stollens überwarfen sich Hawass und Gantenbrink - zu sehr ähnelte sich ihr extrovertiertes Naturell. Der Selfmade-Ägyptologe, ein hemdsärmeliger Typ, der sich gern mit verwegenem Drei-Tage-Bart und Pilotenbrille fotografieren lässt, weiß sich stets mit einer zünftigen Anekdote zu produzieren.
Tagelang sei er durch die "staubig verschmierten Gänge" der Pyramide gekrochen - ohne jede Angst vorm Fluch des Pharaos. "Ich bin der lebende Beweis, dass es diesen Spuk nicht gibt", verkündet er stolz, "in den langen Stunden tief in der Pyramide habe ich dem Pharao sogar auf den Kopf pinkeln müssen, und er hat es mir nicht übel genommen."
Sprüche dieser Art haben ihn zum Liebling der Medien gemacht - und gerade das wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Zu forsch ging Gantenbrink seinerzeit an die Presse, um seinen Erfolg zu verkünden. "Damit ist er bei Hawass in Ungnade gefallen, der selber die Sensation verkünden wollte", erinnert sich Archäologe Kessler.
Sein Kollege Stadelmann, der damals mit an der Roboter-Erkundung teilnahm und das Unheil nicht verhindert hat, gerät rückblickend auch heute noch regelrecht aus der Fassung: "Der Flurschaden, den die schief gelaufene Aktion angerichtet hat, war enorm."
Die Antipathie der beiden Herren Hawass und Gantenbrink dauert bis zum heutigen Tage an. "Mit diesem Deutschen", so giftete Hawass einmal, "will ich nicht mehr zusammenarbeiten." Alle Versuche, die beiden Streithähne zu versöhnen, scheiterten.
Den letzten unternahm ZDF-Frau Borries 1999: Während eines Interviews mit Hawass am Fuße der Pyramiden ließ sie unvermittelt Gantenbrink ins Bild treten. Hawass parierte mit gespielter Nonchalance. In die Kamera sagte er, dass der Deutsche selbstverständlich gern wieder mit seinem Roboter in die Pyramide dürfe. "Dabei grinste er liebenswürdig über das ganze Gesicht", erzählt Borries.
Doch schon kurze Zeit später fädelte Hawass den Deal mit "National Geographic" ein, mit dem die Deutschen raus waren aus dem prestigeträchtigen Projekt. "Das Deutsche Archäologische Institut hat sich bei mir niemals mehr gemeldet, um die Erkundung fortzusetzen", wiegelt Hawass ab.
Nun musste allerdings ein großes TV-Event kreiert werden, das die Investitionskosten für die aufwendige Expedition wieder einspielen kann. Obschon Gantenbrink einen völlig neu entwickelten Roboter vorweisen konnte, zog es das "National Geographic"-Team vor, ein eigenes kostspieliges Gefährt zu konstruieren.
Prompt tauchten technische Probleme am Pyramid Rover auf, der 12 Zentimeter breit, 11 Zentimeter flach und knapp 30 Zentimeter lang ist. Das Hightech-Gefährt, konzipiert von ehemaligen Ingenieuren des renommierten Labors für künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology, musste hektisch nachgerüstet werden. Allein das hat 150 000 Euro gekostet.
Nun aber läuft der Countdown. "Vergangenheit und Zukunft werden im Südschacht aufeinander prallen", prahlt Produzent Schadler, während er seinen geländegängigen Miniaturwagen hätschelt.
Ob der Pyramid Rover in nur einer Nacht der Pyramide ihr Geheimnis wird entreißen können, ist indes fraglich. Denn, dass dem Roboter Goldmünzen aus dem sagenumwobenen Grabschatz entgegenkullern werden, halten Archäologen für den unwahrscheinlichsten Fall. "Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass es diesen Grabschatz nicht mehr gibt", sagt der Ägyptologe Erhart Graefe von der Universität Münster resigniert.
Schon wenige hundert Jahre nach dem Tode Cheops habe es Horden von Grabräubern gegeben, die "monatelang ungestört" auf Diebestour durch das Heiligtum streunten. "Insbesondere in der politisch instabilen Ersten Zwischenzeit des ägyptischen Reiches brach der Polizeischutz an den Pyramiden zusammen", sagt Graefe. Die damals entwendeten Grabbeigaben dürften heutzutage unwiderruflich verschollen sein.
Wesentlich mehr Anhänger hat unter Ägyptologen die Theorie, wonach der Schacht eine Art Austrittsrohr für die Seele des Pharaos darstellte. "Wir müssen uns die Pyramide als eine Nekropolis vorstellen, ein riesiges Gebäude, in dem die Seele des toten Herrschers ein und aus ging", erklärt Ägyptologe Stadelmann.
In einer Sonnenbarke, so stellten es sich die alten Ägypter in ihrem Jenseitsglauben vor, steigt die Seele des Pharaos empor zu den ewigen Sternen. Dort vereinigt sie sich mit Re, dem Gott der Sonne, oder anderen Göttern, um stets verjüngt wieder auf die Erde zurückzukehren - in die Tempel rund um die Pyramide und auch ins Grabmal selbst.
Die Steinplatte im Südschacht könnte demnach eine Scheintür sein, durch die der entleibte Pharao schreiten sollte. "Vielleicht finden wir Hieroglyphen, die eine Art Gebrauchsanweisung für den Pharao sind, wie er die Tür - natürlich symbolisch - öffnen kann", mutmaßt Stadelmann.
Auf einen Hinweis, der diese Theorie stützt, stießen die Forscher in einem ähnlichen Schacht, der in Richtung der Nordseite der Pyramide aufsteigt. "Hier wurde ein Werkzeug gefunden, mit dem der Geist des Pharaos möglicherweise die Türe öffnen sollte", sagt der Münchner Ägypten-Experte.
Einen über alle Zweifel erhabenen Beweis für diese Annahme wird auch der Pyramid Rover nicht liefern können - bestenfalls Indizien. So glauben manche Forscher, dass der Gang hinter der Tür schlicht weiterführt, rund 16 weitere Meter lang. Dann erst stieße das Steigrohr der Seele auf die Außenwand der Pyramide.
Die deutschen Ägyptologen werden sich die medial aufgemotzte Spurensuche notgedrungen am heimischen Fernseher anschauen. Nur mühsam können sie dabei verbergen, wie sehr die Nacht- und PR-Aktion des ägyptisch-amerikanischen Teams an ihrem Forscherstolz nagt. "Die Archäologie-Show wird weniger der Wissenschaft dienen, als vielmehr den Ägypten-Tourismus ankurbeln", so Stadelmann.
Das vorschnelle Aufbohren könne zudem die Begehrlichkeiten anderer Forscher wecken. "Die Pyramiden sind dann irgendwann so durchlöchert wie eine Bienenwabe", warnt der Forscher.
Sein Kollege Graefe fürchtet vor allem die Fernsehleute. "Mir graut vor dem Gedanken, die Archäologen könnten an einem Punkt der Erkundung, um nicht irgendwelche Funde zu zerstören, abbrechen wollen, und der TV-Produzent tobt, weil er gleich wieder auf Sendung gehen will", so Graefe. Außerdem zweifelt er daran, dass Antiken-Verwalter Hawass, den er für einen "Selbstdarsteller" hält, diesen Wünschen widerstehen kann. Graefe erinnert sich an einen Fernsehbeitrag, in dem Hawass gezeigt wurde, wie er einen Sarkophag öffnet. "Das war grauenhaft anzusehen", erzählt der Ägyptologe. "Er griff einfach hinein und hielt die Grabbeilagen in die Kamera", dabei enthalte die exakte Lage der Gegenstände kostbare Informationen.
Berührungsängste mit dem Reich der Toten hat Zahi Hawass offensichtlich nicht. Im Gegenteil. Der unumstrittene Wächter über das Jenseits hat schon recht konkrete Vorstellungen von dem Platz, den er nach seinem eigenen Ableben einnehmen könnte: "Wenn ich wiedergeboren würde", bekundete er einmal, "dann am liebsten als Cheops." GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 38/2002
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