21.09.2002

Die blockierte Republik

Deutschland hat keine Wahl: Die Arbeitslosigkeit sowie das katastrophale Bildungs- und das Gesundheitswesen zwingen zur Reform. Auch die Staatsbürokratie ist sanierungsreif. Die Rezepte sind bekannt - doch Parteien und Verbände verteidigen verbissen den Status quo.
Edmund Stoiber hat es vermieden, und Gerhard Schröder tat es auch. Nur keine Aufregung riskieren, keine Ängste wecken. Im Wahlkampf tauchte das für die kommenden vier Jahre entscheidende Wort daher gar nicht erst auf. Alle reden von Reformen - wir nicht, so das gemeinsame Motto der Spitzenpolitiker.
Gebraucht wurde stattdessen eine Vokabel, die reflexartig Wohlbehagen beim Zuhörer auslösen, ihm ein hoffnungsfrohes Glänzen in die Augen zaubern soll: soziale Sicherheit. Die Magie jener Wortkombination aus den Anfangstagen der Republik, als ein Zigarre paffender Wirtschaftsminister Ludwig Erhard "Wohlstand für alle" versprach, wirkt noch heute.
Die Wahlkampfreden der beiden Kandidaten kreisten unentwegt um diesen Traditionsbestand der Republik: Die soziale Gerechtigkeit dürfe nicht unter die Räder kommen, dröhnte Gerhard Schröder zur Eröffnung des Wahlkampfs über Hannovers Opernplatz und legte in den folgenden Minuten ständig nach: Viermal "Solidarität", ein halbes Dutzend Mal "Gerechtigkeit", das "Soziale" fand insgesamt siebenmal Erwähnung.
Da wollte der Spitzenkandidat der Union nicht nachstehen. Seine auf dem Münchner Marienplatz gehaltene Eröffnungsrede liest sich wie ein Manifest des Gewerkschaftsbundes: "Wir wollen ein solidarisches Deutschland", rief er aus. Zwölfmal streute er das Zauberwort "sozial" über seinen Redetext. Sein schwerster Vorwurf an die Schröder-Regierung: "Das ist sozial ungerecht."
So schoben die Parteien ihre Parolen mit vereinten Kräften wie eine Nebelwand vor die eigentlichen Probleme des Landes. Ihr Treueschwur galt dem Status quo, nicht seiner Veränderung. Hatte SPD-Kanzler Willy Brandt seine Lust auf Erneuerung ("Wer morgen sicher leben will, muss heute für Reformen kämpfen") noch großflächig plakatieren lassen, wurde diesmal lautstark geschwiegen.
Schröder hatte an einer Reformdebatte, die ja womöglich um die Versäumnisse der letzten vier Jahre hätte kreisen müssen, kein Interesse. Er flüchtete in die Inszenierung, gab wochenlang den Flutkanzler und Friedensfürsten.
Auch Stoiber wollte - darin mag der Kern seiner in der Schlussphase offensichtlich gewordenen Führungsschwäche liegen - über die Tabus der deutschen Wohlstandsgesellschaft nicht so offen reden. Er glaubt, dass die Deutschen zwei Dinge gleichermaßen fürchten: "Reform und Stillstand."
So fand auch sein Wahlkampf im Niemandsland zwischen Erneuerung und Weiter-so statt. Als es darauf ankam, zehn Milliarden Euro für die Flutopfer zu organisieren, flüchtete er in die Neuverschuldung.
Für das Publikum war meist nur schemenhaft erkennbar, worüber in einer modernen Demokratie mit großer Klarheit hätte geredet werden müssen. Über ein Land beispielsweise, das zu den reichsten der Welt zählt, das über mehr Patente verfügt als das kalifornische Silicon Valley, dessen Maschinenbauer rund 60 Prozent des Weltmarkts beliefern, das überdurchschnittlich viele Ärzte beschäftigt - und dessen Wohlstandsformel doch nicht mehr so richtig wirkt.
Denn jenseits des privaten Reichtums, der in properen Wohnvierteln zu besichtigen ist, und fernab einer modernen Produktionsmaschine, die werktäglich Waren im Wert von über zwei Milliarden Euro ausspuckt, haben sich Parallelwelten gebildet, die im seltsamen Kontrast zu jenem blühenden Land stehen, das die Wahlkämpfer als Kulisse nutzten.
Dieses düstere Deutschland, verdrängt und vergessen in den Monaten einer hitzigen Wahlschlacht, strahlt auch auf das reiche Deutschland aus. Wenn alles bleibt, wie es ist, das sagen nahezu alle Experten, wird nichts mehr sein, wie es war. Der Befund ist schon jetzt dramatisch:
* In den Randzonen der Industrienation leben immer mehr Menschen, an denen jeder Aufschwung vorbeischwingt. Die zweistelligen Arbeitslosenquoten lassen nur erahnen, wie viel Wut sich hinter den Fassaden der Wohnsilos versammelt hat: Hoyerswerda-Stadt 25 Prozent, Görlitz 24 Prozent, Magdeburg 19 Prozent, Frankfurt (Oder) 20 Prozent, Leipzig 19 Prozent, Berlin 17 Prozent, Bremerhaven 17 Prozent, Gelsenkirchen 16 Prozent. Die Kosten: 70 Milliarden Euro pro Jahr.
* Ein Gesundheitssystem, das vor allem darauf ausgerichtet ist, den Interessengruppen des pharma-industriellen Komplexes zu dienen, steht kurz vor dem Kollaps. Es verursacht steigende Kosten bei stetig sinkender Leistung. Ein neuerlicher Kostenschub ist für die Nach-Wahlzeit programmiert: "Der gesetzlichen Krankenversicherung steht das Wasser bis zum Hals", gab der AOK-Chef Hans-Jürgen Ahrens erst in dieser Woche zu Protokoll.
* Das deutsche Bildungssystem, einst Vorbild für viele, taugt nur noch als Lehrbeispiel für einen staatlich organisierten Niedergang. Die Bildungsideale - verstaubt. Die öffentlichen Schulen - vielerorts verlottert. Das Ergebnis - verheerend. Der Nachwuchs wird als akademisches Mittelmaß - solide nur in der Halbbildung - in die moderne Wissensgesellschaft entlassen.
* Wie ein Virus breitet die Bürokratie sich aus und greift in nahezu alle Lebensbereiche der Bürger ein. 14 Erwachsenen steht heute ein öffentlich Bediensteter gegenüber. Die erfolglose Bundesanstalt für Arbeit hat 86 000 Beschäftigte, die Bundesfinanzverwaltung 42 000 Beschäftigte, die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung 15 000 Menschen, die um fast alle Kompetenzen beraubte Bundesbank bietet noch immer 16 000 Beschäftigten einen Schreibtisch-Platz. Das Ergebnis: ein Land im Papierstau.
Ein prosperierendes Gemeinwesen kann sich vielerlei Miseren leisten - Deutschland nicht. Denn das wohl größte Tabuthema zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Dahinschrumpfen und allmähliche Altwerden der Bevölkerung, die Fundamente des Gemeinwesens werden nach und nach unterspült.
Die Wachstumskräfte erlahmen, und die Implosion der staatlichen Sozialsysteme, die vom Nachschub an Nachwuchs leben, scheint unvermeidlich. Eine Lösung aller Probleme durch kräftiges Wirtschaftswachstum - dieses Mal ausgeschlossen!
Denn die letzte Generation, die sich hier zu Lande selbst erneuert hat, wurde 1892 geboren. Seither geht die Geburtenrate dramatisch zurück. Jedes Jahr verliert die Bundesrepublik eine Stadt von der Größe Aachens.
Nirgendwo in Europa ist der Schrumpfungsprozess derart ausgeprägt. 2050 werden etwa 15 Millionen Deutsche weniger das Land bevölkern. Die Gruppe der Erwerbspersonen wird sich um ein Drittel reduziert haben. Das ehemalige Wirtschaftswunderland wandelt sich zum Rentnerstaat. Für den Wirtschaftswissenschaftler Meinhard Miegel sind wir in Deutschland längst eine "deformierte Gesellschaft".
Viele Deutsche spüren den Problemdruck, der so elementar ist, dass er die Zukunftsfähigkeit des Landes gefährden könnte. Vielleicht auch deshalb haben die Politiker sich fürs Wegschauen entschieden.
Und so lebt sie fort, jene Vier-Augen-Gesellschaft, die Bodo Hombach in seinem Reformbuch "Aufbruch - die Politik der Neuen Mitte" beschrieben hat. Unter vier Augen sagt man sich die Wahrheit, öffentlich nicht. Gerade im Wahljahr wurde fein unterschieden zwischen einer öffentlichen Debatte, "in der verschlüsselt geredet wird, halbe Wahrheiten dominieren und Illusionen ungestraft verbreitet werden können", und der privaten Diskussion unter Experten und Politikern, in der man über alle Parteigrenzen hinweg "sich stöhnend die Wahrheit sagt" (Hombach).
Dabei war gerade Rot-Grün angetreten, dieses Prinzip zu durchbrechen. Nach der bleiernen Endphase des Einheitskanzlers Helmut Kohl, als das Wort vom Reformstau die Runde machte, wollte man die Erneuerung wagen. Von den erfolgreichen Reformen der Sozialdemokraten in England, Frankreich und den Niederlanden fühlten sich Schröder und seine Mannschaft ermuntert.
Auch Bundespräsident Roman Herzog, der 1997 in seiner "Ruck-Rede" im Berliner Hotel Adlon zu mehr Dynamik gemahnt hatte, zählte zu den geistigen Vätern einer scheinbar neuen Epoche: "Der Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, ist ungeheuer gefährlich", hatte der streitbare Konservative den Deutschen zugerufen.
Auch er trug mit zu jener Wechselstimmung bei, die Schröder nach ganz oben spülte und seine Partei zum zweiten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte als
stärkste Fraktion in den Bundestag einziehen ließ.
Der neue Kanzler wetterte leidenschaftlich gegen den deutschen "Luxus der Langsamkeit", verwies auf die reformfreudigen Sozialdemokraten anderswo, die allesamt ihre Arbeitsmärkte und Sozialsysteme erneuert hatten - mit teils beachtlichen Ergebnissen. Unerschrocken rief der stolze Wahlsieger: "Die Reformstaaten Europas haben lange genug auf uns warten müssen."
Es folgten: hundert Tage mehr oder weniger kreatives Chaos und ein radikaler Plan für mehr Beschäftigung, der nie Realität wurde; eine komplizierte Steuerreform, deren zweite Stufe gerade zu Gunsten der Flutopfer verschoben wurde; und eine Rentenreform, die erstmals die private Vorsorge fördern will.
Doch was die rot-grünen Akteure als Kraftakt empfanden, produzierte am Ende nur ökonomische Daten, die sich kaum messbar von denen der Vorgängerregierung unterschieden: Die Arbeitslosigkeit - zu hoch -, das Wachstum - verhalten -, die Sozialsysteme - labil. Nur der Anstieg der Staatsverschuldung wurde gebremst.
Der Reformeifer des Kanzlers war schon zur Hälfte der Legislaturperiode erlahmt, mühsame Kämpfe mit dem Bundesrat und einer traditionsbewussten IG Metall hatten zu Verschleißerscheinungen geführt, die so früh niemand erwartet hatte. Die kurze Phase des Modernisierers Schröder ("Es geht nicht mehr um sozialdemokratische oder konservative Wirtschaftspolitik, sondern um moderne oder unmoderne") war damit fürs Erste beendet.
So blieb vieles liegen, was auch jetzt erneut die Wähler bewegt. Laut dem von Infratest dimap im September dieses Jahres erstellten "Deutschland-Trend" ist die Prioritätenliste der Bürger weit weniger schwankend, als es die Dramaturgie dieses Wahlkampfs nahe legt. Unverändert fordert eine deutliche Mehrheit die schnelle Lösung der Probleme am Arbeitsmarkt und verlangt nach Reformen im Bildungswesen.
Auch das malade Gesundheitssystem, das Schröder als Reformruine betrat und genauso wieder verließ, haben die Wähler keineswegs aus den Augen verloren. Sie wissen ja schließlich aus eigenem Erleben, dass Aufwand und Ertrag in einem eklatanten Missverhältnis zueinander stehen.
Mit knapp 300 Milliarden Euro alimentieren die Deutschen Jahr für Jahr eine Armee von 300 000 Medizinern, 2200 Krankenhäusern, ein riesiges Arsenal von Magnetresonanztomografen, Echokardiografiegeräten und In-Vitro-Fertilisations-Laboratorien, ein Heer von 145 000 Angestellten der Krankenkassen und ungezählte Hilfstruppen wie Musik-, Beschäftigungs-, Bewegungs-, Kunst-, Sprach- oder Psychotherapeuten.
Die gewaltige Materialschlacht - von den 22 wichtigsten Industriestaaten treiben nur die Schweiz und die USA einen noch höheren Aufwand - hat einen gravierenden Nachteil: Mit über 2700 Euro pro Kopf und Jahr geben die Bundesbürger für ihre Gesundheit zwar mehr aus als alle anderen in der EU - gesünder aber sind sie nicht.
Statistisch gesehen werden sie reichlich 70 Jahre alt und liegen damit im Vergleich der 22 Länder nur an 15. Stelle. Franzosen, Schweden, Spanier, Schweizer, Griechen und Niederländer leben ein bis drei Jahre länger. Die bittere Wahrheit ist: In keinem dieser Länder lässt sich ein positiver Zusammenhang zwischen den Aufwendungen für die Gesundheit und der Gesundheit selbst feststellen - eher das Gegenteil.
Fast nirgendwo liegt man so lange im Krankenhaus wie in Deutschland: zehn Tage pro Behandlungsfall und damit deutlich länger als in Finnland, England, Schweden oder Dänemark, deren Bürger in der Hälfte der Zeit entlassen werden. Auch mit ihren durchschnittlich 6,6 Arzt-
besuchen im Jahr sind die Deutschen in der EU Spitze.
Je teurer das System wird, desto mehr versagt es. Bei fast allen Massenleiden wie Diabetes, Bluthochdruck oder Brustkrebs konstatieren die Experten des von der Regierung eingesetzten Sachverständigenrats arge Versorgungsmängel.
So gebe es bei der "Volksseuche" Kreuzschmerzen eine "deutliche Überversorgung mit bildgebenden diagnostischen und invasiv-therapeutischen Verfahren" und eine Unterversorgung "sekundär-/tertiärpräventiver Rückenschulen". Auf Deutsch: Die Ärzte untersuchen und operieren zu viel, um teuer abzukassieren, und vernachlässigen, was billig ist und wirklich hilft - Rückengymnastik.
Ähnlich wie die sowjetische Planwirtschaft in den achtziger Jahren ist auch das deutsche Gesundheitswesen längst außer Kontrolle geraten. So sind in nur zehn Jahren die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen um fast 50 Prozent gestiegen. "Wenn wir nicht bald handeln, ist in den nächsten Jahren mit einer Verdoppelung der Krankenkassenbeiträge zu rechnen", warnt der Kieler Gesundheitsforscher Fritz Beske.
Dabei wissen die Fachleute schon lange, was zu tun ist: In der mit 300 Milliarden Euro Umsatz und vier Millionen Beschäftigten größten Branche der Republik könnte ein bisschen mehr Marktwirtschaft durchaus nützlich sein. Ebenfalls gefragt: der gesunde Menschenverstand.
* Mehr Selbstbeteiligung. Dem Patienten ist es heute egal, wie viel er die Kasse kostet - wenn sie nur zahlt. So landen jedes Jahr Milliarden von teuren Tabletten auf dem Müll, weil es sich nicht lohnt, eine kleinere Schachtel zu wählen. Bei Versicherungstarifen mit Eigenbeteiligung wie in der privaten Krankenversicherung würde es durchaus Sinn machen, eine Erkältung auch ohne den Arzt auszukurieren und nur so viele Pillen zu kaufen wie nötig.
* Mehr Kostenkontrolle. Kein Kassenpatient erfährt, welche Leistungen sein Arzt abrechnet. "Bis zu jede fünfte Arztrechnung ist fehlerhaft", vermutet Gernot Kiefer, Vorstand des Bundesverbandes der Innungskrankenkassen. Würden Kassenpatienten eine Rechnung bekommen, auf der die erbrachten Leistungen verzeichnet sind, hätten es betrügerische Mediziner deutlich schwerer.
* Ein neues Patientenbild. Das deutsche System sorgt dafür, dass die Ärzte so viele Einzelleistungen erbringen wie möglich, die Deutschen werden doppelt so oft geröntgt wie Holländer und fast dreimal so häufig mit dem Herzkatheter untersucht wie in Schweden. Könnten die Mediziner Pauschalen für die Behandlung von Krankheiten abrechnen, hätten sie ein ökonomisches Interesse daran, dass der Patient so schnell wie möglich ihre Praxis gesund verlässt. Zumindest in den Krankenhäusern wird dieses System jetzt eingeführt.
* Qualitätsprüfung. Kein Arzt ist verpflichtet, den Rat Fremder einzuholen oder sich gar im Lauf seines Berufslebens weiteren Prüfungen zu unterziehen. In Holland dagegen müssen sich Mediziner bei der Behandlung von Volkskrankheiten wie Diabetes oder Rheuma an Leitlinien orientieren, die von einem unabhängigen Wissenschaftlergremium erstellt und laufend aktualisiert werden. Jede Abweichung hat der Arzt gegenüber dem Patienten zu begründen.
* Mehr Wettbewerb. Der Konkurrenzkampf zwischen den über 500 Krankenkassen ist weitgehend ausgeschaltet. Wer weniger Geld für die Verwaltung ausgibt, muss seine Überschüsse zum großen Teil an die Konkurrenz abführen, die weniger wirtschaftlich arbeitet. Jedes Jahr werden so mehr als zehn Milliarden Euro zwischen den Kassen hin und her geschoben. Dieser "Risikostrukturausgleich" gilt als unreformierbar und müsste daher abgeschafft werden. Hart für die betroffenen Kassenfunktionäre, gut für die Patienten - sie könnten in andere Kassen wechseln.
* Das Kasko-Prinzip. Das Solidarsystem der gesetzlichen Kassen wird ausgehöhlt, weil die jungen und meist gesunden Besserverdiener in die privaten Versicherungen abwandern. Experten wollen deshalb die Grenze zwischen den Kassen aufheben und auch Beamte und Selbständige in eine gesetzliche Mindestversicherung zwingen. Die würde, ähnlich wie bei der Auto-Teilkasko, die größten Risiken abdecken. Wer einen Rundum-sorglos-Schutz haben möchte, müsste eine teurere Vollkasko-Versicherung abschließen.
Die Parteien kennen die teils bittere Medizin - und lehnen sie ab. In aller Regel aus eher wahlkampftaktischen Gründen. In wortgleichen Floskeln beschwören Sozialdemokraten und Unionisten bis heute den Erhalt des "kostbaren" (SPD) oder auch "hohen" (Union) Guts Gesundheit und warnen vor einer "Zweiklassenmedizin" mit langen "Wartezeiten" oder gar "Wartelisten".
Mindestens ebenso reparaturbedürftig ist das deutsche Bildungssystem. Um das zu erkennen, hätte es der internationalen Pisa-Studie nicht bedurft. Wie wenig der Nation die Ausbildung ihrer Kinder wert ist, kann an nahezu jeder öffentlichen Schule beobachtet werden: Der Putz bröselt vielerorts von den Wänden, Turnhallen wurden bereits wegen Baufälligkeit geschlossen.
Andernorts sieht es kaum besser aus: Schulbänke sind beschmiert, Schulen vom Schimmel befallen wie in Hamburg oder mit Umweltgiften verseucht wie in Nürnberg. Dass in verrotteten Klassenzimmern die Lehrer Mühe haben, ihre Schüler für mehr Disziplin zu gewinnen, liegt auf der Hand.
Das wäre noch das geringste Problem, wenn die deutschen Schulen wenigstens ihrer ureigensten Aufgabe gerecht würden: den Kindern Grundlagenwissen zu vermitteln. Aber gerade hier - das hat Pisa gezeigt - erbringt das Schulsystem seine gröbste Fehlleistung: 23 Prozent der Jugendlichen sind gerade mal in der Lage, Texte auf elementarem Niveau zu verstehen, beim internationalen Vergleich
der Lesekompetenz bei 15-Jährigen liegen die deutschen Schüler im hinteren Mittelfeld.
Und mit noch einer Lebenslüge hat Pisa aufgeräumt: der angeblichen Durchlässigkeit ihres Bildungssystems, das Mädchen und Jungen nach dem bewertet, was sie im Kopf, und nicht nach dem, was die Eltern auf dem Konto haben. Gerade Sozialdemokraten waren darauf so stolz - zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt.
In kaum einem anderen Land entscheidet die soziale Herkunft so sehr über Erfolg oder Scheitern in der Schule wie in Deutschland. Von den 32 untersuchten Nationen ist in keiner der Abstand zwischen der Leistung von Schülern aus privilegierten Familien und solchen aus unteren sozialen Schichten derart groß wie in Deutschland: Platz 32. Die USA landeten immerhin sieben Plätze weiter oben.
Seit Pisa hat sich immerhin die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Staat es sich nicht leisten kann, seinen Nachwuchs so in das Arbeitsleben zu entlassen. Sollen deutsche Schulkinder in Zukunft wieder zur internationalen Spitze gehören, kostet das vor allem - wenig überraschend - viel Geld: laut OECD-Berechnungen allein über 20 Milliarden Euro mehr, wenn Deutschland nur den gleichen Anteil des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aufwenden würde wie beispielsweise Schweden, das in der Pisa-Studie Platz zehn beim Lesen belegt.
Doch schnelle Erfolge wird es nicht geben. "Es wäre eine große Überraschung", sagt der Kieler Erziehungswissenschaftler Manfred Prenzel, der den nächsten Teil des Leistungsvergleichs vorbereitet, wenn die Deutschen bei Pisa 2003 besser abschneiden würden.
Immerhin ist klar, in welche Richtung die Reformer marschieren müssen. Experten aller Parteien haben - trotz Wahlkampfgetöse - in wichtigen Punkten weitgehend Einigung erzielt.
* Nationale Standards setzen. Bildung ist Ländersache, und so gibt es gewaltige Unterschiede zwischen Bayern und Bremen, Sachsen und Hamburg - die Systeme sind kaum mehr miteinander kompatibel. Wechselt ein Fünftklässler von München nach Berlin, wird er mal eben wieder vom Gymnasiasten zum
Grundschüler, denn in der Hauptstadt dauert die Grundschule sechs Jahre lang. "Wir brauchen ein Schulrahmengesetz auf Bundesebene", fordert deshalb der Dortmunder Schulwissenschaftler Ernst Rösner. Ein solches Gesetz könnte verbindliche Standards für die Lehrerausbildung verlangen, gemeinsame Mindestanforderungen festlegen und die Anzahl der Schuljahre in der Grundschule und bis zum Abitur vorschreiben.
* Föderalismus begrenzen. Die Kultusministerkonferenz steht bei Experten schon lange als Synonym für föderales Versagen. In dem Ministergremium muss jede
Entscheidung einstimmig getroffen werden - ein verlässlicher Garant für kleinste gemeinsame Nenner und bürokratischen Stillstand. Das langsamste Bundesland gibt stets das Tempo vor. Die berüchtigte Institution muss deswegen von Grund auf reformiert, der Konsenszwang abgeschafft werden.
* Mehr Autonomie. In kiloschweren Erlasssammlungen werden die Schulen von ihrer jeweiligen Kultusbürokratie gegängelt, dabei sind es doch vor allem sie, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Warum sollen die Schulleitungen die Lehrer nicht selbst einstellen, warum nicht selbst entscheiden, ob sie den Chemieraum oder die Aula renovieren? Hauptsache, die festgelegten Standards werden eingehalten.
* Leistungskontrolle für Schulen und Lehrer. In Großbritannien (Pisa-Platz sieben) bereisen Inspektoren regelmäßig jede einzelne Bildungseinrichtung, spüren Schwachstellen auf und veröffentlichen die Ergebnisse im Internet. Die Schulen müssen dann einen Plan vorlegen, mit dem sie die Schwächen beheben wollen.
* Mehr Schüler-Freizeit. Die von vielen Bundesländern angestrebte Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur muss mit einem vernünftigen Lernaufwand verbunden werden. Wenn der Stoff von bisher 13 Schuljahren in 12 Jahren absolviert werden soll wie im Saarland, zum Teil schon in Baden-Württemberg und möglicherweise bald auch in Hamburg, müssen die Lehrpläne gnadenlos entrümpelt werden. Den zusätzlichen Unterricht einfach in den Nachmittag zu verlegen, mutet den Heranwachsenden einen Arbeitstag zu, den Ver.di-Funktionäre für ihre Klientel strikt ablehnen würden.
* Sprachförderung für Zuwanderer. Das Dogma, Deutschland sei kein Einwanderungsland, hat verhindert, dass die Kinder der Einwanderer gezielt gefördert wurden. Doch wie sollen sie in der Schule zurechtkommen - ohne ausreichende Sprachkenntnisse? Das Einwandererland Australien (Pisa-Platz vier) leistet sich spezielle Schulen, an denen Immigrantenkinder Sprache und Schulsystem kennen lernen - ein Projekt mit Vorbildcharakter.
Die miserablen Pisa-Ergebnisse haben die Bildung ganz nach oben auf die politische Prioritätenliste katapultiert. Zum ersten Mal seit den siebziger Jahren gibt es eine zarte Hoffnung auf einen Neuanfang.
Topthema für die Bürger bei der letzten Wahl und auch dieses Mal: die Jobkrise. Auf dem Arbeitsmarkt treffen alle ungelösten Probleme des Landes, die steigenden Gesundheitskosten, die wuchernde Bürokratie und die ungelöste Rentenfrage mit großer Wucht zusammen - sie richten hier die wohl größte Verwüstung an.
Der verklärende Blick in eine ruhmreiche Vergangenheit kann hilfreich sein - zumindest bei der Ursachenforschung. Unter dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard entstand aus einer kriegsversehrten Ruinenlandschaft ein prosperierendes Gemeinwesen, und ein ganzes Volk von Arbeits- und Obdachlosen stand binnen weniger Jahre in Lohn und Brot. Und das, obwohl der Durchschnittslohn allein zwischen 1950 und 1958 um sagenhafte 80 Prozent stieg.
Das Wirtschaftswunder gründete vor allem auf Wachstum, wie es nur nach Kriegen und Naturkatastrophen zu verzeichnen ist. Bei Erhards Amtsantritt 1949 betrug es rund 16 Prozent, Mitte der fünfziger Jahre immer noch durchschnittlich 10 Prozent, dann erst pendelte es sich bei knapp 5 Prozent in den sechziger Jahren ein. Zum Vergleich: In diesem Jahr wächst die deutsche Wirtschaft nur noch um magere 0,7 Prozent.
Die wichtigste Ursache der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland sind die so genannten Lohnnebenkosten, die mittlerweile über 40 Prozent der Lohnzahlungen ausmachen und wie eine Strafsteuer auf den Faktor Arbeit wirken.
Das deutsche System eines weitgehend beitragsfinanzierten Sozialwesens gründete darauf, dass nahezu alle Beschäftigten klassische Arbeitnehmer sind, und so sah es lange Zeit aus, als würde diese Basis tragen. Zwischen 1960 und 1979 stieg der Anteil der abhängig Beschäftigten unter den Erwerbstätigen von 77 auf 88 Prozent.
Deutschland wurde zur Arbeitnehmergesellschaft. Entsprechend wuchs die Zahl der Beitragszahler, man konnte alle Lücken des solidarischen Versicherungssystems nach und nach schließen.
Doch die Hoch-Zeit der Vollbeschäftigung war längst vorbei, als das System noch immer - zuletzt durch die Aufnahme der Pflegeversicherung - erweitert wurde. Inzwischen schrumpft der Anteil der regulär Angestellten sogar. Teilzeitarbeit und neue Formen der Selbständigkeit etablierten sich. "Die herkömmlichen Arbeitsverhältnisse erodieren", sagt der Wirtschaftsweise Bert Rürup.
Immer mehr Jobs fallen aus dem Raster, ein stetig schrumpfender Teil der Bevölkerung muss die ganze Last der Sozialversicherungen tragen. Eine Minderheit, gut ein Drittel der Gesellschaft nur, kommt für alle und alles auf - für die Renten, für die Krankenkassen, für die Fort- und Weiterbildung, für das Ausfallgeld der Arbeitslosen.
Hektisch versuchte die Regierung Schröder, den Trend umzukehren und die Sozialkassen erneut zu füllen. Mal stampfte sie ein Gesetz gegen "Scheinselbständigkeit" aus dem Boden. Mal definierte sie die damaligen 630-Mark-Jobs neu, mit dem Ziel, zusätzliche Beitragszahler zu akquirieren.
Vergebens: Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft geht einher mit dem Trend zu unkonventionellen Arbeitsformen. Und: Viele Dienstleistungsjobs können, weil ihre Produktivität sich nicht durch Technikeinsatz steigern lässt, den 40-prozentigen Sozialaufschlag nicht erwirtschaften.
Deshalb wandern ganze Berufsgruppen in die Schwarzarbeit aus: Putzfrauen, Dienstmädchen, Servicekräfte, Tagesmütter und mittlerweile auch Handwerker aller Branchen. Nirgendwo in Europa sind die einfachen, die so genannten gering produktiven Dienstleistungen derart unterentwickelt wie hier zu Lande.
Das Ergebnis dieser Abwanderbewegung - weg aus dem regulären Arbeitsmarkt, ab in die Schwarzarbeit - ist eine wachsende Belastung für die übrig Gebliebenen. 1957 betrugen die Beitragssätze für das Sozialsystem insgesamt 23,8 Prozent vom Bruttolohn. Inzwischen haben sie sich nahezu verdoppelt - auf derzeit über 41 Prozent. Und sie werden weiter steigen.
Den Beitrag zahlen der Beschäftigte und sein Arbeitgeber zu gleichen Teilen. Was dem einen vom Bruttolohn abgezogen wird, legt der andere nochmals obendrauf. Das Verrückte der ewigen Beitragssteigerungen: Der Mitarbeiter hat immer weniger netto - und wird für seinen Chef dennoch immer teurer. Wer sich selbst eine Handwerkerstunde für 30 Euro leisten will, muss dafür bei einem normalen Einkommen brutto doppelt so viel verdienen. Einzige Alternative auch auf der Seite der Nachfrager: das Heer der Schwarzarbeiter.
Der Arbeitgeber denkt ähnlich ökonomisch. Er spart die steigenden Kosten am liebsten durch Stellenstreichung ein. Und so wächst eben beides: die Arbeitslosigkeit und die Schattenwirtschaft.
"In Deutschland existieren rund fünf Millionen Vollzeitstellen in der Illegalität", ermittelten die Soziologen Rolf Heinze und Wolfgang Streeck. Schwerpunkt der Schattenökonomie sei der private Haushalt: "Rund 40 000 gemeldeten Stellen stehen circa 3,3 Millionen tatsächliche Beschäftigungsverhältnisse gegenüber."
Für die verbliebenen Vollzeit-Angestellten der Normal-Ökonomie ist ein Teufelskreislauf in Gang gekommen, den kein Politiker bisher stoppen konnte: Sinkende Beschäftigtenzahlen führen zu steigenden Sozialabgaben, die wiederum fast automatisch zu sinkender Beschäftigung führen. Mit jeder Umdrehung dieser Spirale werden neue Gruppen aus dem regulären Arbeitsmarkt ausgesteuert.
Dass es so nicht weitergehen darf, ist allen Experten klar. Gewerkschaften und Arbeitgeber fordern denn auch ritualhaft ein Sinken der Lohnnebenkosten. Gerhard Schröder wie Edmund Stoiber versprechen einmütig, die Beiträge auf unter 40 Prozent zu senken.
Doch das wird nicht reichen. Allein die in den kommenden Jahrzehnten schrumpfende Erwerbsgesellschaft führt zu immer neuen Sozialkosten, die von dann weniger Beschäftigten zu erbringen sind. Also müssen automatisch die Sozialbeiträge weiter steigen, wenn das heutige Leistungsniveau erhalten bleiben soll.
Die alternde Bevölkerung, in der ein Erwerbstätiger schon im Jahr 2050 1,2 Rentnern gegenübersteht, tut ihr Übriges. Mit den klassischen Methoden der Effizienzsteigerung und des moderaten Sozialabbaus ist das Problem nicht mehr in den Griff zu bekommen. Notwendig ist nicht weniger als ein Systemwechsel:
* Nur durch die weitestgehende Reduzierung der Lohnnebenkosten kann sich der Arbeitsmarkt wieder entfalten. Länder, die ihren Sozialstaat nicht über Beiträge finanzieren, erzielen deutlich bessere Resultate. In Dänemark, Schweden und Norwegen ist die Arbeitslosigkeit 30 bis 50 Prozent geringer, bei einer spürbar höheren Beschäftigtenquote.
* Her mit dem Niedriglohn-Sektor. Kurzfristig ist zumindest eine Absenkung der Sozialabgaben für einfache Tätigkeiten nötig, um den Boom der Schwarzarbeit zu bremsen und die Zahl der regulären Beschäftigungsverhältnisse zu erhöhen. Alle Parteien versprechen schon seit längerem, einen solchen Niedriglohn-Sektor zu schaffen.
* Steuervorteile für einfache Dienstleistungsjobs. Der Staat könnte auch ohne Systemwechsel schnell den in Deutschland schwächelnden Sektor der einfachen Tätigkeiten in Schwung bringen: Schon wenn private Dienstleistungsjobs
steuerlich abgesetzt werden könnten, würde das die "Kostenfalle" (Heinze) spürbar entschärfen. Der Privathaushalt würde damit vom Finanzamt wie ein Unternehmen behandelt.
* Flexiblere Regeln. Vor allem für Teilzeit-Arbeiter und neue Selbständige müssen einfache und praktikablere Regeln her. Was für Großbetriebe sinnvoll ist - Mitbestimmung und Kündigungsschutz -, können die kleineren Unternehmer oft (noch) nicht verkraften.
Die Finanzierung des Sozialstaats muss natürlich auch unter den neuen Bedingungen gesichert sein. Schon heute wird ein - wenn auch geringer - Betrag aus allgemeinen Steuergeldern erbracht, dank Ökosteuer und der Zuschüsse zu Rente und Arbeitslosenversicherung. Dieser Staatsanteil würde dann weiter steigen, oder der Sozialstaat speckt gehörig ab.
Eine größere Rolle bei der Sozialstaatsfinanzierung müssten künftig die Firmengewinne und die Vermögenden spielen. Ihr Anteil an der Staatsfinanzierung ist seit 30 Jahren rückläufig. Die Körperschaftsteuer und die Besteuerungen von Veräußerungsgewinnen sind derzeit auf null gesunken, wofür es keine plausiblen Gründe gibt. In den USA etwa ist die Vermögensbesteuerung, vor allem auf Erbschaften und Grundbesitz, viermal so hoch wie in Deutschland, in Großbritannien und Kanada sogar fünfmal so hoch.
Würde der deutsche Fiskus Erben und Grundbesitzer entsprechend dem US-Niveau besteuern, könnte er 40 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen. Glücklicher Zufall: Der Bundesfinanzhof (BFH), die höchste Steuerinstanz der Republik, hat erst im Juli entschieden, dass die bisherige Besteuerung von Spekulationsgewinnen aus Wertpapiergeschäften verfassungswidrig ist. Im August entschied der BFH, dass der bisher eher zögerliche Griff des Fiskus auf die Erbschaften einer Neuregelung bedarf.
Denn warum muss ein Erbe, dem 100 000 Euro geschenkt wurden, auf Grund der hohen Freibeträge keinen Cent an den Staat abführen? Derweil ein Angestellter, der 100 000 Euro mit seiner eigenen Arbeit verdient hat, vom selben Betrag knapp 30 000 Euro an den Fiskus überweist. Bei der Gewinnbesteuerung herrscht die gleiche Ungerechtigkeit: Ein Selbständiger, der 300 000 Euro Gewinn erwirtschaftet, führt davon rund 130 000 an den Staat ab, während der Börsenspekulant, dessen Aktienpaket sich nach einem Jahr verdoppelt hat, in Deutschland gänzlich steuerfrei davonkommt.
Gesundheit, Bildung, Arbeitsmarkt - ein effizienter Staatsapparat könnte viele dieser Probleme mit geschicktem Krisenmanagement lösen oder zumindest in ihrer Wirkung dämpfen. Der deutsche Staat und seine Bediensteten sind dazu wohl kaum in der Lage, denn sie sind ein wesentlicher Teil des Problems.
Vier Millionen Beamte und Angestellte leistet sich das Land. Längst hat sich der gewaltige Apparat der öffentlichen Kontrolle entzogen: Von 666 Bundestagsabgeordneten sind fast die Hälfte Beamte oder öffentliche Angestellte, eine mächtige Lobby in eigener Sache. Sie hat dafür gesorgt, dass Bürokraten sich vornehmlich mit sich beschäftigen.
40 Prozent der Aufwendungen für staatliches Wohngeld gehen allein für dessen Verwaltung verloren, von 86 000 Beschäftigten der Bundesanstalt für Arbeit machen nur etwa zehn Prozent das, was man eigentlich vermuten würde: Arbeitslose vermitteln.
Allein der Bund gibt für sein Personal Jahr für Jahr fast 27 Milliarden Euro aus, Länder und Kommunen noch einmal über 134 Milliarden. Die gigantischen Summen täuschen einen Überfluss vor, von dem viele Polizisten, Richter oder Steuerbeamte nur träumen können.
Während private Unternehmen ihre Angestellten mit den neuesten EDV- und Kommunikationsmitteln ausrüsten, um ein Maximum an Effizienz zu erreichen, ackern sich deutsche Richter durch Berge verstaubter Akten, weil es zu wenig Computer gibt.
Berliner Polizisten schleppen klobige Funkgeräte aus den sechziger Jahren mit sich herum oder jagen in ihren verrotteten Mannschaftsunterkünften Kakerlaken, während ihre Kollegen vom BGS in Bremen noch vor wenigen Monaten vor jedem Einsatz auswürfelten, wer eine der wenigen Schutzwesten tragen durfte.
Mit großen Teilen dieser Verwaltung ist kein Staat mehr zu machen. Gegängelt durch unendliche Vorschriften, Richtlinien und Verordnungen, gedemütigt durch miserable Ausstattung, nervt der Öffentliche Dienst nun seinerseits diejenigen, die ihn bezahlen und deren Dienstleister er doch eigentlich sein sollte - die Bürger.
Unaufhörlich wie in einem Alptraum produziert der Apparat immer neue Regeln, eine detaillierter als die andere. Schätzungsweise 70 Prozent der weltweiten Steuerliteratur ist in Deutsch verfasst.
Jede Reform des Öffentlichen Dienstes muss versuchen, zunächst die Flut immer neuer Regeln einzudämmen, die ihrerseits immer neuen Bürokratiebedarf erzeugen. Eine Radikalkur wäre überfällig:
* Weniger Gesetze. Der Staatsrechtler Rupert Scholz (CDU) - und nicht nur er - fordert eine "Folgenabschätzung" für jedes neue Gesetz. Die Regierung müsse vor jeder neuen Initiative prüfen, "ob das Regulierungsvorhaben wirklich notwendig ist, ob es befristet sein kann und vor allem, welche kontraproduktiven Effekte es auslöst, zum Beispiel, wie hoch die gesellschaftlichen Kosten sind".
* Einfachere Gesetze. Unter dem Vorwand, den Bürger vor sich selbst zu schützen, werden alle Bereiche bis ins letzte Detail reglementiert. Einzige Lösung: Der Fürsorgeinstinkt der Politiker und der Kontrolltrieb der Beamten müssen eingedämmt werden. Dann schrumpft womöglich auch die Kontrollbürokratie, die nach jeder Regelabweichung fahndet.
* Neue Bund-Länder-Zuständigkeiten. Der Bund muss sich immer mehr Gesetze von den Ländern im Bundesrat absegnen lassen, obwohl die ihrerseits kaum noch eigene Gesetzgebungskompetenzen haben und deren Einnahmen weitgehend von Bundesgesetzen abhängig sind. Einziger Ausweg: Die komplizierten Zuständigkeiten und Finanzbeziehungen von Bund, Ländern und Gemeinden müssen gründlich entflochten werden.
* Schnelle Genehmigungen. Altkanzler Helmut Schmidt hatte jüngst vorgeschlagen, den neuen Ländern per Ausnahmegesetz zu erlauben, bestimmte Verordnungen und Gesetze zu ignorieren. Eine Baugenehmigung könne beispielsweise als "erteilt" gelten, "sofern nicht binnen vier Wochen nach Eingang des Antrags über diesen entschieden ist". Der Vorschlag leuchtet ein. Man fragt sich nur, warum er ausschließlich für den Osten gelten soll.
Die Politiker kennen die Probleme und kennen auch die Ideen zu ihrer Lösung. Und dennoch zaudern sie. Alle Parteien haben in ihren Programmen wieder nur Trippelschritte eingeplant - ein bisschen weniger Sozialbeiträge und ein bisschen mehr Wahlfreiheit.
Denn sie fürchten die Widerstände der Betroffenen. Gegen die Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen ziehen die Pharmakonzerne zu Felde. Gegen weniger Bürokratie wehren sich Beamtenbund und Ver.di-Funktionäre. Und gegen eine durchgreifende Lösung am Arbeitsmarkt haben sich Gewerkschaften und Arbeitgeber verschworen. Nur der Job-Mangel garantiert ihre Organisationsmacht.
"Eine komplexe Industriegesellschaft", sagt Schröder, "ist generell nur konsensorientiert zu führen." Bei Edmund Stoiber klingt das so ähnlich: "Ich möchte die Bevölkerung mitnehmen." Im Wahlkampf war daher eine politische Elite zu besichtigen, der es eher darum ging, Augenblickseffekte zu erzielen, die Wert auf gekonnte Inszenierung legte und dafür bereit war, die Lösung der Zukunftsprobleme einmal mehr der Nachfolgegeneration zu überlassen.
Den Politikern ist allenfalls zuzugestehen, dass ihnen die organisierten Interessen, vorweg jene der Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften, in der Tat das Leben schwer machen. Deren Sprecher verstehen sich aufs Nein-Sagen und Protestieren. Sie sammeln sich in Kartellen, die mit Milliardenaufwand Drohkulissen aufbauen und gegebenenfalls niederreißen. Jedem Volksvertreter stehen heute etwa 20 Lobbyisten gegenüber, deren einziges Ziel oft die Besitzstandswahrung ist.
In der Bundesrepublik ist außerdem eine Aufsichtskultur entstanden, die reflexartig jeden Verstoß ahndet und kreative Ideen bestraft. Das Krankensystem ist unbezahlbar - aber bitte keine Zwei-Klassen-Medizin. Der Beamtenstatus ist ein Relikt - aber er muss erhalten bleiben. Die Arbeitslosenunterstützung ist oft höher als ein Arbeitsentgelt - aber wer das geißelt, wird als gefühlskalt attackiert. Die Erhöhung der lächerlich niedrigen Erbschaftsteuer - Vorsicht: Tabubruch. Mehr Produktivvermögen in Arbeitnehmerhand - muss das denn sein?
Erst am Dienstag vergangener Woche wandten sich die Stichwortgeber der organisierten Partikularinteressen gegen die Reformideen des VW-Vorstandes Peter Hartz. Die Interessengemeinschaft Zeitarbeit protestierte gegen eine Bundesanstalt, die aktiver Arbeitslose vermitteln will. Das führe doch nur "zu einer immensen Wettbewerbsverzerrung".
Die Union wiederum wurde von den Gewerkschaften gewarnt, nur ja keine Änderungen im straff ritualisierten Tarifsystem einzuführen. Falls doch, drohte der Ver.di-Chef, "wird diese Republik Konflikte bisher nicht gekannten Ausmaßes erleben".
So wird jedes Reformpflänzchen niedergewalzt. Die Politiker, auch Kraftmeier wie Schröder und Beharrlichkeitsfanatiker wie Stoiber, sind den Bulldozern der organisierten Interessen anscheinend hilflos ausgeliefert. Zumal ihr Mutvorrat begrenzt, ihr Glauben an den "sozialen Frieden" und einen wie auch immer gearteten "Konsens" unerschütterlich sind.
Was früher der Glaube an die "unsichtbare Hand des Marktes" war, ist für den neudeutschen Politiker das Einverständnis aller mit allem. "Heute heißt diese Ideologie Konsens", klagt etwa Josef Joffe, Chefredakteur der "Zeit".
Denn wo dieser Konsens organisiert werden muss, hat der unabhängige Experte zu schweigen. "Die Kapazitäten der parlamentarischen Demokratie scheinen überfordert", schreibt Rolf Heinze in seinem Buch "Die blockierte Gesellschaft". Vom einstmals oft zitierten Modell Deutschland ist nicht mehr viel zu besichtigen: "Statt gesellschaftlicher Dynamik herrscht eher ein Gefühl der Erstarrung."
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, JULIA KOCH,
ALEXANDER NEUBACHER, NORBERT F. PÖTZL,
ULRICH SCHÄFER, GABOR STEINGART
* Montage des VW Phaeton in Dresden. * Operation im Klinikum Aachen. * Aktentransport in der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin. * Abschlussprüfung an der Realschule im bayerischen Hösbach. * Auf Wahlkampfreise in Baden-Württemberg 1968.
Von Konstantin von Hammerstein, Julia Koch, Alexander Neubacher, Norbert F. Pötzl, Ulrich Schäfer und Gabor Steingart

DER SPIEGEL 39/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 39/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die blockierte Republik

Video 02:33

Pannenflughafen BER Ein Fail in Zahlen

  • Video "Wohnort von AfD-Politiker: Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke" Video 02:13
    Wohnort von AfD-Politiker: "Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke"
  • Video "Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: So etwas habe ich bisher nur in Lehrbüchern gesehen" Video 01:17
    Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: "So etwas habe ich bisher nur in Lehrbüchern gesehen"
  • Video "Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis" Video 06:52
    Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis
  • Video "Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen" Video 01:31
    Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen
  • Video "Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt" Video 00:57
    Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt
  • Video "Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea" Video 01:13
    Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea
  • Video "Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen" Video 01:52
    Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen
  • Video "Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen" Video 01:33
    Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen
  • Video "Mordprozess in Freiburg: Verdächtiger gesteht die Tat" Video 00:56
    Mordprozess in Freiburg: Verdächtiger gesteht die Tat
  • Video "Trump zu US-Missbrauchs-Vorwürfen: Frauen sind etwas ganz Besonderes" Video 01:27
    Trump zu US-Missbrauchs-Vorwürfen: "Frauen sind etwas ganz Besonderes"
  • Video "Neue SPIEGEL-Ausgabe: Die Lage ist historisch" Video 03:36
    Neue SPIEGEL-Ausgabe: "Die Lage ist historisch"
  • Video "Holiday Train Show: Modelleisenbahn - rein pflanzlich" Video 01:04
    "Holiday Train Show": Modelleisenbahn - rein pflanzlich
  • Video "Verschollenes U-Boot: Wärmequelle auf Meeresgrund entdeckt" Video 00:51
    Verschollenes U-Boot: Wärmequelle auf Meeresgrund entdeckt
  • Video "Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid Oumuamua" Video 01:07
    Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"
  • Video "Bundestagssitzung nach Jamaika-Aus: Wie die sieben Zwerge" Video 02:32
    Bundestagssitzung nach Jamaika-Aus: "Wie die sieben Zwerge"
  • Video "Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen" Video 02:33
    Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen