21.09.2002

KIRCHEBrandbrief nach Rom

Mit der Aufklärung von Missbrauchsfällen lässt sich das Bistum Mainz sehr viel Zeit. Nun hoffen die Opfer auf Beistand vom Papst.
Er wolle dem Papst, schreibt Christian, 14, mit kindlicher Handschrift an den Heiligen Vater, jetzt mal "ein wenig" aus seinem Leben erzählen. Als Neunjähriger sei er in ein Heim gekommen, wo es ihm zunächst ganz gut gefallen habe. Als dann Jahre später Probleme aufgetaucht seien, habe er sich Hilfe vom katholischen Pfarrer Norbert E. erhofft, den er in Rüsselsheim über andere Jugendliche kennen gelernt hatte.
Der Geistliche habe ihn zu Beginn dieses Jahres auch bei sich aufgenommen. Doch schon nach zwei Monaten unter einem Dach mit dem Pfarrer habe ihn das Gefühl beschlichen, "dass da irgendetwas nicht stimmen tut". Erst habe er "eine Tasche mit Pornofilmen, Kondomen und Gleitöl" entdeckt; wenig später sei er vom Gottesmann sexuell belästigt worden.
Zum ersten Mal wendet sich damit aus Deutschland ein jugendliches Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester direkt an den Papst. Christians Brief ist Teil einer 170 Seiten dicken Akte, welche die "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen" Ende vergangener Woche als "offizielle Mitteilung" an die von Kardinal Joseph Ratzinger geleitete vatikanische Glaubenskongregation geschickt hat. Der Hilferuf soll dem Vatikan anhand von Dokumenten und Zeugenaussagen deutlich machen, dass bei Missbrauchsfällen in Deutschland die Aufklärungsarbeit weiterhin verschleppt wird.
Der Brandbrief nach Rom, wo Papst Johannes Paul II. erst kürzlich die US-amerikanischen Bischöfe zu Konsequenzen zwang, könnte vor allem für das Bistum Mainz und Kardinal Karl Lehmann äußerst peinlich werden. Dabei wollen die deutschen Bischöfe von Montag an unter Lehmanns Leitung eine einheitliche Linie für das Verhalten der Kirche bei sexuellen Verfehlungen ihrer Priester finden.
Lehmann hatte nach einem SPIEGEL-Bericht über den Fall Norbert E. (SPIEGEL 29/2002) Mitte Juli versprochen, "konsequenter vorzugehen". Doch in seinem Bistum wachsen Kritik und Zweifel an der bisherigen kirchlichen Voruntersuchung.
Die besagte Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch, die den Rüsselsheimer Pfarrer Ende Juni anzeigte, sieht die Bistumsspitze tiefer in den Fall verwickelt als bisher vermutet. Ermittelt werde, so der Initiativen-Vorsitzende Johannes Heibel, "zögerlich, parteiisch, voreingenommen". Der Untersuchungsleiter, Bistumsjustiziar Michael Ling, habe den beschuldigten Pfarrer schon vor Beginn seiner Untersuchung in einem Brief für unschuldig erklärt, er ignoriere Belastungsmaterial und vernehme, so Heibel, "die jugendlichen Zeugen in unangemessener Weise".
Die Vorwürfe wurden in der Akte gesammelt - unter Mitwirkung der in Mainz gefürchteten Naturwissenschaftlerin Änne Bäumer. Sie ist die erste Frau, die jemals im Vatikan als Zeugin vernommen wurde: Die Professorin hatte Lehmanns Weihbischof Franziskus Eisenbach des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Der trat im April "freiwillig" ab - nach Aufforderung durch den Papst.
Der brisante Rom-Report bringt eine Fülle neuer Details ans Licht: So gibt es offenbar weitaus mehr und jüngere Opfer des Rüsselsheimer Pfarrers als bislang bekannt. Das berichten mehrere Zeugen, darunter auch ein Junge, der zum Zeitpunkt des von ihm geschilderten Missbrauchs zwölf Jahre alt war. Zudem hat Pfarrer E. offenbar viel Geld an junge Männer verteilt. Einem soll er sogar 15 000 Euro "Kredit" gegeben haben.
Der Recherchebericht bringt aber vor allem Lehmanns Personalchef Dietmar Giebelmann und den Kardinal selbst unter Druck. Sie werden durch die Aussagen von Zeugen belastet, die schon frühzeitig auf den von Viernheim nach Rüsselsheim versetzten Pfarrer Norbert E. aufmerksam gemacht haben wollen.
Bereits im Dezember 1999, so versichert etwa der Viernheimer Rainer B., habe Giebelmann ihm gegenüber geäußert, er wisse von dem sexuellen Verhältnis zwischen dem Pfarrer und einem Minderjährigen. Der Bistums-Personalchef habe dabei zudem erklärt, dass auch Lehmann genau informiert sei. Zugleich habe er versprochen, dass dieser Pfarrer nie mehr ein Pfarramt erhalten werde.
Giebelmanns Bemerkung, dass auch Lehmann Bescheid wisse, findet sich dokumentiert in Briefen jener Tage. In diesen Schreiben, eines ging auch an Giebelmann, bezieht sich Zeuge B. wiederholt unwidersprochen auf dessen Aussagen.
Zudem lassen sich mehrere Aufenthalte von Giebelmann in Viernheim nachweisen. Und ein Foto einer Viernheimer Schülerzeitung belegt, dass auch Lehmann Norbert E. persönlich kennt - er besuchte ihn in der Schule, in der dieser damals Religionsunterricht erteilte.
Giebelmann und die Pressestelle des Kardinals bestreiten weiterhin frühzeitige Erkenntnisse über den Missbrauchsverdacht. Daher sei die Versetzung nach Rüsselsheim, wo Pfarrer E. der Religionsunterricht an einer Grundschule übertragen wurde, ebenso unbedenklich gewesen wie die Erlaubnis Giebelmanns für E., das 14-jährige Problemkind Christian im Rüsselsheimer Pfarrhaus aufnehmen zu dürfen.
Der Junge, der an den Papst schrieb, ist als Zeuge nur noch schwer zu erreichen. Kurz nach seiner Aussage wurde der 14-Jährige in die geschlossene Kinderpsychiatrie eingewiesen. Begründung: Es müsse "eine Trennung von dem bisherigen Umfeld herbeigeführt werden".
PETER WENSIERSKI
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 39/2002
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