21.09.2002

PROMINENTEKeiler am Heiligen See

Die Reichen und Schönen zieht es zuhauf in die prächtigen Villenviertel von Potsdam. Doch seit sie kommen, tobt in der Stadt ein erbitterter Verteilungskampf. Normalverdiener machen sich am besten unsichtbar.
Der Makler Claus-Thilo Kolster, 36, trägt an diesem Tag im Spätsommer ein dunkelblaues Jackett mit Goldknöpfen, das er trotz Hitze korrekt über dem fülligen Leib schließt. Ein bisschen unsportlich wirkt er - einer von der Sorte, die man immer unterschätzt.
Was in Potsdam seit 1990 geschieht, erklärt der Mann am liebsten mit einem Bild: Wie ein Schweinekoben sei das hier gewesen vor der Wende: sicheres Gehege, dreimal täglich Futter, träge Tiere. Drum herum hausten die Wildschweine, auf ihren Vorteil bedacht, grausam und rücksichtslos.
Am Tag X wurde das Gatter hochgezogen, die Wildschweine enterten das Gehege, und seither "hauen sie den Hausschweinen jeden Tag neu auf die Schnauze". So sei er entstanden, dieser einmalige Mix in Potsdam: "The rich, the ugly and the clever."
So malerisch wie in Potsdam ist es fast nirgendwo auf der Welt, finden die Cleveren und die Reichen. Nur sind die alten Bewohner für dieses neue Ambiente offenbar zu hässlich und zu arm. Schon über die Hälfte der rund 130 000 Einwohner haben, so wird geschätzt, seit der Wende ihre ursprüngliche Bleibe gewechselt - manche freiwillig, viele wurden aber auch rausgekauft oder sind
brutalem Druck gewichen. Da lag die Katze tot im Garten, und grobe Kerle zertrampelten schon mal Blumenbeete. Wer nichts besitzt, wird drangsaliert, während die Cleveren dubiose Geschäfte machen und die Reichen genießen, was sie haben.
In der heute wieder vornehmen Nauener Vorstadt sichern vier kräftige Herren im Anzug den Zugang zur privaten Villa des Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, 39. Bei Prosecco und italienischem Büfett trifft sich hier in dieser sternenklaren Nacht die deutsche Medien-Monarchie im Garten: Die junge Mutter und "Bild"-Klatschreporterin Katja Keßler, 33, betütert die tollenden Kinder. "Welt"-Chefredakteur Wolfram Weimer, 37, der unweit eine etwas kleinere Villa bewohnt, plaudert mit Korrespondenten aus Paris. Moderatorin Sabine Christiansen, 44, ist gekommen und Filmmogul Artur Brauner, 84, ein paar Ärzte, Rechtsanwälte und natürlich die Queen - Friede Springer, 60, die neben ihrem Vorstandsvorsitzenden ein schönes Stadthaus bezog.
Gegenüber, auf der anderen Seite des Heiligen Sees, Klein-Beverly-Hills: Die Haushälterin des Design-Königs Wolfgang Joop, 57, schenkt auf der weitläufigen Terrasse seines weißen Palastes nach - Früchtetee in Joop!-Porzellan mit Sanssouci-Tapetendekor. Spannender als New York sei Potsdam heute, so der Weltreisende Joop, den hier bei Sonnenuntergang das schlechte Gewissen plagt, weil es am Wasser so schön sei: "Ich habe das eigentlich nicht verdient!"
Aus der weiß lackierten Gartentür eines grün bewachsenen Backsteinbaus tritt wenige Häuser weiter Super-Model Nadja Auermann, 31, in Badelatschen und Jeans-Rock. Die flachsblonde Schöne hat das stolze Haus am See von Nachbar und Star-Moderator Günther Jauch, 46, gemietet - bis ihre Villa, ein heruntergekommenes Palais im französischklassizistischen Stil an der Puschkinallee, bezugsfertig ist. Jauch, inzwischen Besitzer einer kleinen Sammlung alter Potsdamer Prachtbauten, ließ sich sein Traumhaus an der Seestraße ganz neu errichten, terrakottafarben, drei Stockwerke hoch, aus Glas und Beton.
Potsdams Stadtobere hofieren die Prominenz nach Kräften. Gern lächelte Matthias Platzeck (SPD) - bis zum Juni Oberbürgermeister, heute Ministerpräsident Brandenburgs - gemeinsam mit den Joops und Jauchs in die Kameras, verwendete sich schriftlich für potenzielle Villenkäufer wie den Filmemacher Volker Schlöndorff. Denn ohne das Geld der Großverdiener würde die alte Pracht weiter verfallen. Zu viele Villen stehen in Potsdam herum, um sie aus der knappen Stadtkasse sanieren zu können; Potsdam hat rund 85 Millionen Euro Schulden.
Doch die Stadt am Havellauf muss nun mit dem Übel leben, das im Gefolge der Retter Einzug hielt - es ist ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb, der auch Joop nicht verborgen blieb. "Der Investor, der Investor, der hat immer Recht", spottet er in Abwandlung eines SED-Parteilieds.
Vor allem in der Berliner Vorstadt, Potsdams Schicki-Viertel, wohnen heute andere Leute als früher: Nirgendwo in Potsdam lebt man auf so großem Fuß, nirgendwo wählte ein größerer Teil der Menschen die CDU, nirgendwo fahren mehr Anwohner Mercedes - doppelt so viele wie im übrigen Stadtgebiet.
Da ist der Normalverdiener schon mal im Weg, etwa der pensionierte Gymnasiallehrer Heinz Boden, 70, der hier mit Frau Brigitte, 54, auch am Wasser wohnt - einer der vier letzten Ossis von ehemals 44 in der Mangerstraße. Einst von der DDR-Wohnungswirtschaft in die Klinker-Villa einquartiert, lebt Boden schon 50 Jahre hier. Nach der Wende wurde das Haus rückübertragen an einen Fliesenlegermeister aus Berlin-Zehlendorf. Der hat Boden (Monatsmiete: 713 Euro) gleich gekündigt - leer und saniert wäre das rote Schmuckstück am See mehrere Millionen Euro wert. Seit zehn Jahren bekriegen sich Ostler und Westler. Boden kämpft, solange er kann: "Das ist mein Platz hier."
Eine westdeutsche Erbengemeinschaft möchte ebenfalls mitzocken beim Potsdamer Monopoly. 13 000 Quadratmeter groß ist ihr Grundstück an der Berliner Straße. Ihr Sprecher, Importkaufmann Gerhard Steinfeldt aus Bremen, weiß: Immerhin 350 Euro würden Investoren pro Quadratmeter Villen-Baugrund auf den Tisch legen - säßen da nicht diese 40 Laubenpieper vom Verein Berliner Vorstadt 1927. "Hitler wollte uns nicht an den Kragen, Ulbricht und Honecker auch nicht, jetzt kommen die", schimpft der pensionierte Reichsbahner Dieter Grothe, 67, dessen Familie die Parzelle seit 1938 gepachtet hat.
Doch in der Regel setzen sich die Investoren durch. Die Unesco, Hüterin des Weltkulturerbes, empörte sich schon über den Wahn an der Havel. Anlass: Der Berliner Baulöwe Klaus Groth, 64, durfte sich 1995 seinen Traum einer protzigen Millionärskolonie verwirklichen - mit 44 Luxusappartements im "toskanischen Landhausstil". Das Konzept floppte, die Hälfte der Wohnungen stehen leer - und verschandeln so das Ufer noch nachhaltiger.
Zwei Boulevard-Größen hätten die Geschäfte ankurbeln können: Der Schweizer Ex-Botschafter Thomas Borer-Fielding, 45, und seine etwas exaltierte Gattin Shawne, 33, ließen sich in eine Villa auf dem Kolonie-Areal einquartieren - als der Diplomat nach einer angeblichen Affäre mit der Visagistin Djamile Rowe geschasst wurde.
Doch gebracht haben die beiden Prominenten Krawall statt Glamour - und Schlagzeilen in "Bild" statt in Architekturblättern: So rief Shawne Borer-Fielding kürzlich mitten in der Nacht aufgelöst die Polizei. Der Hausherr sagt, seine Frau habe Geräusche gehört und Angst vor Einbrechern gehabt. Gerüchte, dass er sich mit ihr wegen der angeblichen Sex-Affäre gestritten und sie mit einer Pistole bedroht habe, seien unwahr, wie überhaupt die ganze Seitensprung-Arie. Wahr ist allerdings, dass die Beamten in der Nacht eine Pistole, Typ SIG, beschlagnahmten, für die Borer keinen Waffenschein hat.
Dass derartige Szenen publik werden, ist nicht gut für Potsdams Ruf, um den sich so distinguierte Zeitgenossen wie Peter Daniel, 58, bemühen. Der Zahnarzt ist Anführer einer Bürgerinitiative von 70 Villenbesitzern, die gern betonen, dass sie etwas kultivierter leben als der gemeine Potsdamer. Daniel denkt laut darüber nach, wie Potsdams Gartenkunst und die betuchten Seeanwohner zumindest vor dem sich unflätig gebärdenden Plebs geschützt werden könnten, ob das Baden für Normalbürger ohne Seegrundstück deshalb nicht verboten und das Ufer nicht gänzlich abgeriegelt werden müsse. "Kann eben nicht jeder dasselbe haben", sagt Daniel.
Ein Sicherheitsdienst der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten arbeitet derweil schon intensiv an der "Verbesserung der Besucherqualität" in den Parkanlagen, wie Sicherheitsdienstleiter René Mende, 28, ein ehemaliger Fallschirmjäger, das ausdrückt: 19 Stiftungs-Sheriffs und 25 ABM-Kräfte verfolgen nun Menschen, die gegen die umfangreiche Parkordnung verstoßen - und schüchtern viele andere gleich mit ein.
Trister wird das Leben so etwa für die Erzieherin Katrin Reichel, 33. Sie wohnt weit ab in der Platte, im Stadtteil Stern, wo eine Shopping-Mall zu den größten Sehenswürdigkeiten zählt. Wie zu Jugendzeiten im Heiligen See nahe der Villen zu baden, das wagt sie kaum noch - "wegen der Schikanen". Der Sprung ins Wasser wird nur noch an einer Stelle geduldet.
Während die kleinen Leute gescheucht werden, räumen die Großen und Cleveren ab - nicht immer mit feinen Methoden, schließlich geht es um Millionen. Die Gelegenheit ist günstig: In ihrer Not verkauft die Stadt ihr Tafelsilber - etwa hundert Villen, Häuser und Grundstücke im Wert von 60 Millionen Euro. Letzte Chance also für Schnäppchenjäger, billig an eine Gründerzeitvilla in bester Lage zu kommen, 30 Minuten vom Berliner Ku''damm entfernt.
Das Procedere ist wie geschaffen für Strippenzieher: Erst verkauft die Kommune die Schmuckstücke an ihre stadteigene Wohnungsbaugesellschaft Gewoba, dann soll die Firma oder ein Tochterunternehmen die Immobilien mit Gewinn losschlagen. "Wir Laienpolitiker beherrschen diese komplexe Materie gar nicht", klagt ein Mitglied im städtischen Finanzausschuss.
Zwei haben das Spiel hingegen beherrscht, einer davon ist Jann Jakobs (SPD), Sozialdezernent, Vorsitzender des Gewoba-Aufsichtsrats und seit Platzecks Wechsel in die Staatskanzlei Interims-Oberbürgermeister. Ebenso kenntnisreich agiert der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft, Horst Müller.
Sein Insider-Wissen nutzte er auch zum privaten Vorteil - ausdrücklich mit Einverständnis von Jakobs und Platzeck: Geschäftsführer Müller verkaufte dem Privatmann Müller Ende letzten Jahres zwei Häuser im Stadtteil Babelsberg, für gerade mal 435 000 und 230 000 Mark. Andere Bieter musste Müller zumindest bei einem Haus in der Hermann-Maaß-Straße nicht fürchten: Auf eine öffentliche Ausschreibung hatte die kommunale Firma unter seiner Ägide verzichtet. Müller soll zudem, so ein ehemaliger Gewoba-Mann, anderen Mitarbeitern das Bieten für firmeneigene Immobilien untersagt haben. Er bestreitet das: "Ein Missverständnis", sagt er heute.
Der Deal, Anfang dieses Jahres dem Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt, trägt Platzecks Unterschrift. Beschönigt wird der delikate Transfer mit der Begründung, es sollten "die Voraussetzungen für einen auch aus Gesellschaftersicht wünschenswerten Umzug des Geschäftsführers nach Potsdam geschaffen werden".
Eine wilde Zeit sei dies eben für die Reichen, die Hässlichen und die Cleveren in Potsdam, resümiert Makler Kolster und vergisst als passionierter Jäger zum Abschied auch die Sache mit den Sauen nicht: "Wenn die Wildschweine alles abgegrast haben, suchen sie sich ein neues Revier."
Dann zupft Kolster sein Jackett zurecht, steigt in den Wagen und braust davon. Am Heck rechts unten pappt ein Aufkleber: die Silhouette eines Keilers. SUSANNE KOELBL
* Beim Eintrag ins Goldene Buch im Mai.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 39/2002
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