DER SPIEGEL



Ritterschläge sind für Kriecher

Von Hüetlin, Thomas

Der Musiker Keith Richards, 58, über 40 Jahre Rolling Stones, die aktuelle Welttournee der Band und seine Abneigung gegen königliche Ehren

SPIEGEL: Mr. Richards, Sie feiern das 40jährige Bestehen der Rolling Stones mit einer Welttournee. Früher schliefen Sie bei solchen Unternehmungen mit einem Revolver unterm Kopfkissen. Welches Modell haben Sie diesmal dabei?

Richards: Keinen (steht auf, zieht ein Messer mit 20 Zentimeter langer Klinge aus der Tasche). Dank diesem Ding brauche ich keinen Leibwächter.

SPIEGEL: Wann haben Sie dieses Messer zuletzt benutzt?

Richards: Zum Bleistiftspitzen. So soll es auch bleiben.

SPIEGEL: Wenn es schon um scharfe Klingen geht: Ihr Kollege Mick Jagger wird bald von der englischen Königin zum Ritter geschlagen. Träumen Sie auch von solchen Ehren?

Richards: Nein. Der Ritterschlag ist etwas für Leute wie Phil Collins. Die ganze Pro-

zedur gleicht einer Beleidigung. Es ist dumm von Mick, das mit sich machen zu lassen. Es wäre so viel besser gewesen, wenn er einfach "nein danke" gesagt hätte. Ritterschläge sind für Kriecher.

SPIEGEL: Trotz vieler Streitereien haben Sie es 40 Jahre mit Mick ausgehalten. Das sind immerhin 30 Jahre mehr, als John Lennon Paul McCartney ertrug. Warum blieben die Stones im Gegensatz zu ihren ewigen Konkurrenten, den Beatles, zusammen?

Richards: Diese Frage stelle ich mir auch oft. Es gibt keine Antwort - nur die Tatsache, dass wir immer noch da sind. Wir reden nie darüber. Was uns eint, ist das Verlangen herauszukriegen, wie lange wir diesen Zirkus noch weitermachen können. Zurzeit jedenfalls habe ich das Gefühl, wir sind die besten Stones, die es je gab.

SPIEGEL: Auf Ihrer Tournee werden Sie in relativ kleinen Clubs, großen Hallen und Sportstadien spielen. Zum größten Teil Ihre größten Hits, die jetzt zusammen mit vier neuen Songs auf der CD "Forty Licks" noch mal aufgelegt werden. Langweilen Sie sich nicht manchmal, wenn zum Beispiel wieder "Jumpin'' Jack Flash" an der Reihe ist?

Richards: Nein, diese Songs sind meine Babys. Das Problem beim Aufnehmen von Platten ist, dass man einen Song komponiert, und ein paar Tage später wird er im Studio für immer fixiert. Dabei ist der Song eigentlich gerade erst auf die Welt gekommen. Deshalb sind Konzerte eine feine Sache. Jedes Mal lernen Sie den Song neu kennen, und er ändert sich ein wenig. Ich lerne immer noch, wachse mit diesen Songs, denn ein frisch aufgenommener Song ist nichts weiter als ein Embryo.

SPIEGEL: Das Gitarrenriff zu "I Can''t Get No Satisfaction" haben Sie angeblich geträumt. Zufällig, so die Legende, stand ein Kassettenrekorder neben Ihrem Bett, und als Sie morgens aufwachten, hörten Sie auf dem Band ein paar Akkorde und die restlichen Minuten tiefes Schnarchen. Träumen Sie immer noch manchmal Musik?

Richards: Ja, aber ich stelle mir keinen Kassettenrekorder mehr neben das Bett. Heute reicht eine Gitarre. Ich wache auf, habe diese kleine Melodie im Kopf, spiele die Akkorde und vergesse sie nicht mehr.

SPIEGEL: Können Sie wirklich früh morgens aus dem Bett steigen und "Jumpin'' Jack Flash" spielen?

Richards: Nicht den ganzen Song. "Jumpin'' Jack Flash" ist auch nicht dazu gedacht, früh morgens gespielt zu werden. Damit das Stück gut klingt, müssen Sie zehn oder zwölf Stunden auf gewesen sein. Songs wie dieser wurden spät nachts geschrieben, und sie müssen spät nachts gespielt werden.

SPIEGEL: Gibt es überhaupt ein Stück der Rolling Stones, das sich für den frühen Morgen eignet?

Richards: Nicht wirklich. Vielleicht für einen Morgen nach ein, zwei durchgemachten Nächten. An solchen Punkten wird, wie Einstein sagt, Zeit etwas Relatives.

SPIEGEL: Die Mitglieder der Rolling Stones sehen sich zwischen den Tourneen nicht allzu häufig, und zum Proben treffen sie sich traditionell in Toronto. Ende der siebziger Jahre standen Sie in dieser Stadt wegen Ihrer Heroinsucht vor Gericht. Fühlen Sie sich nicht unwohl hier - umgeben von all diesen Erinnerungen?

Richards: Es stimmt, ich bin hier ziemlich hochgenommen worden. Aber ich war damals drauf und dran, ein Experiment fortzusetzen, das schon viel zu lange gedauert hatte. Okay, ich habe meinen Körper missbraucht; aber das Unverzeihliche war, dass ich meine Familie und die Band mit hineingezogen hatte.

SPIEGEL: Die Gerichtsprozedur zog sich sich fast zwei Jahre hin ...

Richards: ... und eine Regierung brach zusammen. Mein Glück damals war nur, dass es ein Mädchen namens Marie gab. Lange vor dem Prozess war sie mir aufgefallen. Marie war ein Fan, ein Mädchen, das uns hinterherreiste. Das Problem war nur, dass sie blind war. Ein blindes Mädchen, das uns per Anhalter folgt - so was, dachte ich, kann nicht lange gut gehen. Also wies ich unsere Lastwagenfahrer an, sie nach den Konzerten aufzuklauben, sie nicht anzurühren und ihr was zu essen zu geben. Ich hatte das alles völlig vergessen, aber nach zwei Jahren Prozess stand das Mädchen auf einmal vor der Tür des Richters und erzählte ihm die Geschichte. Das Urteil folgte kurz darauf. Die Strafe: Ich musste ein Benefizkonzert für eine Blindenorganisation geben.

SPIEGEL: Heroin liegt lange hinter Ihnen. Von was, außer von Wodka-Orange, ernähren Sie sich heute?

Richards: Von nuklearem Abfall - mix mir einen Doppelten. Nein, im Ernst: Ich esse vier-, fünfmal am Tag. Kleine Mahlzeiten, wie Fisch, Bananen, Shepard''s Pie. Zeug, das leicht verdaulich ist. Sonst werden die Finger lahm.

SPIEGEL: Apropos: Ihre Finger zeigen ziemlich dicke, gichtartige Beulen. Macht Ihnen das beim Spielen zu schaffen?

Richards: Nein, es tut nicht weh. Die Schmerzen hatten die Leute, denen ich diese Beulen zu verdanken habe. Diese zehn Finger funktionieren immer noch tadellos. Anders als früher habe ich jetzt auch das Gefühl, einen eigenen Stil zu haben. Anfangs dachte ich, alle möglichen Einflüsse stehen beziehungslos nebeneinander. Es ist etwas Eigenständiges daraus gewachsen. Gitarre spielen hat vor allem mit dem Touch zu tun. Viele Leute können dieselben Noten spielen. Es klingt bei jedem anders.

SPIEGEL: Ihr großes Vorbild war stets der Rock''n''Roll-Pionier Chuck Berry. Der aber hat Hände, die in ihrer Größe eher an Radkappen erinnern. War es schwer, mit Ihren kleinen Händen Berry nachzueifern?

Richards: Ich musste hart arbeiten. Für mich ist eine Gitarre ein Riesending. In Chucks Händen wirkt sie dagegen wie eine Mandoline. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine mehr zu strecken. Es gibt in diesen Dingen wenig Kompromissmöglichkeiten: Wenn du es tun willst, dann musst du.

SPIEGEL: Als Mick Jagger Mitte der achtziger Jahre mit seiner Sololaufbahn den Rolling Stones fast den Todesstoß versetzt hätte, heuerten Sie bei Chuck Berry an und brachten mit dem Film "Hail! Hail! Rock''n''Roll" dessen Karriere wieder in Gang. Zum Dank benahm sich Chuck Berry, so heißt es, oft unerträglich. Rückblickend betrachtet: Wer ging Ihnen mehr auf die Nerven - Chuck Berry oder Mick Jagger?

Richards: Chuck ist einfach das, was man im Englischen ein "pain in the ass" nennt, während Mick eher so etwas wie ein ständig piksender Dorn ist.

SPIEGEL: Ein Reiz an der Geschichte der Rolling Stones ist, dass es in ihr wie in einem langen Raubritterroman Streit, Versöhnung, Pleiten, Geldsegen und jede Menge Schicksalsschläge gibt. Charakterisieren Sie doch einmal Ihre Mitstreiter in diesem Clan.

Richards: Die Stones sind wie eine Familie, und wahrscheinlich war ich im Leben mehr mit ihnen zusammen als mit meiner Frau. Also, da ist einmal Charlie Watts - unser Drummer. Charlie ist unbeirrbar wie ein Felsen. Niemand kann ihn täuschen, er ist das Fundament der Band. Große Drummer wachsen nicht auf Bäumen. Eine der größten Segnungen meines Lebens war, dass ich diesen Drummer schon ziemlich früh in der Band hatte. Er ist einer der besten der Welt. Charlie Watts gibt mir die Freiheit, auf der Bühne fliegen zu können ...

SPIEGEL: ... okay, dann wäre da Ronnie Wood, Ihr Kollege an der Gitarre. Seit 27 Jahren dabei. Warum wirkt er immer noch ein wenig wie ein Greenhorn oder der Neuling in der Band?

Richards: Ronnie ist ein Energiebündel - einer, bei dem man nicht weiß, ob er einem als Nächstes den Rücken krault oder den Hintern zertrümmert. Nach der letzten Tournee gingen wir alle nach Hause zurück zu unserem halbwegs domestizierten Leben. Nur Ronnie kam nicht runter vom Tourneegefühl. Er gewöhnte sich ein paar schlimme Dinge an. Ich besuchte ihn zu Hause und schaute ihm in seine Augen, aber er erwiderte den Blick nicht. Ich sagte: "Ronnie, du musst aufhören damit." Anfang des Jahres hat er es getan. Er spielt jetzt zehnmal besser.

SPIEGEL: Ein bekanntes Stereotyp lautet: Sie seien die Seele der Band, Jagger dagegen der Kopf und vor allem der Geschäftsmann. Heißt das, dass Mick Jagger seine Liebe zum Rock''n''Roll verloren hat?

Richards: Ich habe Mick noch nie so erlebt wie diesmal. Er geht voll in die Songs hinein, schont seine Stimme nicht. Man hat das Gefühl, er steht voll hinter uns. Das ist angenehm für mich und den Rest der Stones.

SPIEGEL: Und es ist ein Gefühl, das Ihnen in den letzten 20 Jahren nicht allzu oft zuteil wurde. Was war das Problem mit Jagger?

Richards: Auf Chuck Berrys Benehmen konnte man sich einstellen, während man nie weiß, auf welchen Mick man als Nächstes trifft. Man muss eine Anpassungsfähigkeit entwickeln für diese schizoiden Anwandlungen. Für Typen wie ihn gilt, was mal über den Saxofonisten Stan Getz gesagt wurde: "Er ist ein netter Haufen von Jungs."

SPIEGEL: Die Rock''n''Roller Ihrer Generation starben früher in zu schnellen Autos, an zu schnellen Drogen oder überhaupt, weil sie im Leben auf der Überholspur eine Kurve nicht mehr erwischten. Heute raffen eher Alter und Krankheit den einen oder anderen Kollegen von Ihnen dahin. George Harrison von den Beatles starb an Krebs ...

Richards: ... das ist der ganz normale Verschleiß. Ich habe George noch vor gar nicht langer Zeit gesehen. Er war immer gut für einen kleinen Schwatz. Hätte ihn nicht noch ein Verrückter vor ein paar Jahren mit einem Messer angefallen, ich bin mir sicher, George hätte den Krebs besiegt.

SPIEGEL: Macht Ihnen das Altern Angst?

Richards: Nein, ich habe keine Angst. Früher habe ich mich vor allem Möglichen gefürchtet. Genau genommen fing es an, als ich sechs Monate alt war. Da warfen uns die Deutschen eine Bombe aufs Haus.

SPIEGEL: Die Stones sind so etwas wie die letzte große Band aus der goldenen Zeit des Rock''n''Rolls. Warum tut sich das Genre insgesamt so schwer?

Richards: Spuren von Rock''n''Roll finden Sie heute überall. Ich kenne Leute, die bestehen darauf, dass der wahre Rock''n''Roll im Jahr 1959 starb. Andere sagen, erst in den sechziger Jahren sei es richtig losgegangen. Rock''n''Roll ist nichts anderes als eine Mischung aus Rhythm and Blues, Jazz, Country, Swing und Blues. Die Schwarzen haben ihn erfunden, und die Weißen hatten das Glück, ihn besser verkaufen zu können. Rock''n''Roll ist amerikanische Musik - und wahrscheinlich der größte kulturelle Einfluss, den dieses Land auf den Rest der Welt ausgeübt hat. Blue Jeans und Rock''n''Roll haben geholfen, die Sowjetunion zum Einsturz zu bringen.

SPIEGEL: Sie meinen, nur die Taliban wollten von Rock''n''Roll nichts wissen?

Richards: Die Taliban haben keinen Rhythmus. Sie haben keinen Beat. Sie haben keinen Spaß. Sie sind zu ernst. Sie mögen keine Frauen. Was also wissen die vom Leben?

SPIEGEL: Als Sie anfingen mit den Stones, was war wichtiger: die Musik oder die Mädchen?

Richards: Die Musik. Schon aus Gründen der Logik. Ohne die Musik kriegst du die Mädchen nicht. Diese Reihenfolge war sehr angenehm. Wir spielten, und dann ging''s ins Bett. Es ist einer der Hauptvorteile des Musikerdaseins, dass die Mädchen sich vorher nicht noch lange unterhalten wollen.

SPIEGEL: Sie sind heute verheiratet, fliegen die Familie auch zu Konzerten ein. Gibt es manchmal Phasen, wo Sie den wilden Zeiten, den Drogen, den Mädchen nachtrauern?

Richards: Die Abhängigkeit, die mir blieb, ist die Bühne, auf dieser Droge bin ich - seit 40 Jahren. Damals trug ich ähnliche Sachen wie heute: eine schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt, und wir spielten strikt Chicago Blues; ein wenig Muddy Waters, ein wenig Jimmy Reed. Oft mussten wir Titel nachspielen, die uns die Leute aus dem Publikum zuriefen. Aber ich dachte schon damals: Großartig, hier willst du bleiben - das Einzige, was du dafür tun musst, ist, noch ein bisschen besser zu werden.

SPIEGEL: Können Sie beschreiben, was Sie fühlen, wenn Sie heute auf der Bühne loslegen?

Richards: Wenn sich meine Finger in die richtige Richtung bewegen, hebe ich ab. Ich schwebe dann. Ungefähr einen Meter über der Erde.

SPIEGEL: Mr. Richards, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Brian Jones, Keith Richards, Mick Jagger, Bill Wyman, Charlie Watts. Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Thomas Hüetlin in Toronto.

DER SPIEGEL 39/2002
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