Von Matussek, Matthias
Der Vidigal ist eine der ruhigeren der 700 Favelas Rios. Was da im Moment knallt, sind nur Platzpatronen. Mit der Ballerei warnen die "olheiros", die halbwüchsigen "Augen" des "Roten Kommandos" die Drogenverteiler, dass der Feind im Anmarsch ist. Alles hat hier seine Ordnung.
Tatsächlich biegt ein Wagen der Militärpolizei unten um die Ecke eines Love-Motels und windet sich die Serpentinen hinauf. Die Häuser hängen in den steilen Bergflanken wie Schorf. Der Wagen bewegt sich vorsichtig, als rechnete der Fahrer mit Minen.
Hier hoch über dem Meer mit einem Blick bis hin zur Copacabana, liegt das Theater "Nós do Morro". Hier oben wurde trainiert und gesiebt für den Film, der im Augenblick die brasilianische Nation bewegt: "Cidade de Deus" - Stadt Gottes.
"Natürlich gibt es Spielregeln in der Favela", sagt Schauspielcoach Guti Fraga. "Man sollte sich dran halten, wenn man überleben will." Er schaut nachdenklich auf das Polizeiauto. Dann wendet er sich ab. "Wir sind keine Hilfssheriffs, sondern Künstler." Erneut sind Schüsse zu hören, diesmal näher. "Was die Kids draußen machen, geht uns nichts an."
Ist das noch Neutralität zwischen Kunst und Banditentum oder schon Kumpanei? Wie dicht darf ein Film, der von kriminellen Teenagern handelt, ran an sie? Das ist das Besondere an diesem Film: "Cidade de Deus" entstand dort, wo er spielt. In der Schattenwelt. Dort, "wo Bosnien mitten in Brasilien beginnt", wie es ein Leitartikler nannte.
Auf den Filmplakaten marschieren zwei Dutzend zerlumpte Jugendliche mit ihren Waffen, Schulter an Schulter, und sie zielen von oben herab auf das weiße Mittelklasse-Publikum der Cinecenter. Sie sind verschmolzen zu einem einzigen Biest mit vielen Köpfen, und drüber der Spruch: "Wenn du wegrennst, kriegt es dich, wenn du stillhältst, frisst es dich". Das Biest, das Gewalt heißt oder Tod.
In Cannes wurde der Film umjubelt. In der kommenden Woche ist "Cidade de Deus" erstmals in Deutschland zu sehen, zur Präsentation auf dem Hamburger Filmfest soll auch Regisseur Fernando Meirelles anreisen. Die Firma Miramax hat sich den Verleih für den amerikanischen Markt gesichert und wird den Film wohl als eine Art brasilianische Antwort auf "Pulp Fiction" lancieren.
In Brasilien ist der Film ein Publikumserfolg und ein Skandal, weil er eben genau das nicht ist - Fiction. Eher ein Grenzereignis, also gleichzeitig Kino und Biest. Bei der Vorpremiere in Rios "UCI New York City Center" griffen sich Polizisten den berüchtigten Zé Pequeno.
Der Gangster hatte tatsächlich eine Einladung fürs Premierenfest bei sich, zu dem die Filmcrew noch ein paar Rockstars und TV-Gesichter geladen hatte. Wie ist Zé an die Einladung gekommen? Von den Filmleuten will es keiner gewesen sein. Doch allen ist klar, warum Zé auftauchte - schließlich ist es auch seine Geschichte, die hier verfilmt wurde.
Die Polizei griff Zé vor den Popcorn-Maschinen ab. Er war unbewaffnet, hatte seine Frau dabei. Er fühlte sich so sicher, wie man sich nur fühlen kann in einem System der Straflosigkeit. Er wollte seiner Frau zeigen, dass er kein Loser ist, sondern ein Star, selbst wenn er ein paar Morde auf dem Gewissen hat. Das Biest im Kino. Ein Gangster mit Premiereneinladung!
Fest steht, dass die Polizei dringend punkten musste, und wie schön für sie, wenn sie es bei gerade diesem Film tun konnte, denn der führt sie vor: als korrupt, machtlos, ineffizient. Die Polizei braucht Erfolge, ganz besonders nach den Banden-Massakern der letzten Monate. Ganze Stadtteile waren von den konkurrierenden Drogenkommandos abgeriegelt worden, auf den Amtssitz des Bürgermeisters wurden Granaten abgefeuert - die Stadt erlebt einen Sicherheitsnotstand.
Bandenchef Elias Maluco, der "verrückte Elias", ist noch immer flüchtig, weil er von Helfern innerhalb der Polizei jeweils kurz vor dem Zugriff gewarnt und in andere Verstecke verbracht worden ist, irgendwo im Gewirr der Favelas. Elias Maluco spielt sich auf als Richter und Henker in einem. Er hatte den Journalisten Tim Lopes nach einem Favela-Schauprozess und unbeschreiblichen Foltereien mit einem Samuraischwert eigenhändig geköpft.
Lopes hatte sich nicht an die Regeln gehalten. Er war inkognito dort hinaufgestiegen, wo der Asphalt aufhört, um heimlich zu filmen. Auf der Suche nach seiner Leiche stieß die Polizei auf mehrere Mafia-Friedhöfe mit den Überresten von 50 weiteren Körpern. Lauter Opfer eines Gewaltregimes - des Biestes, das die Regeln bestimmt und deren Einhaltung kontrolliert.
So war Regisseur Meirelles gut beraten, Absprachen mit den Gangstern zu treffen. Er wollte mit seinem Film nicht anklagen, sondern zeigen, wie sie funktioniert, diese Parallelgesellschaft. Und er wollte dabei am Leben bleiben.
"Cidade de Deus" ist ein Stück Hölle fürs große Parkett. Man spürt den Dreck auf der Haut, den Tumult im Kopf. Die pochenden Schläfen der Kokain-Paranoia, die Schüsse, den Blutgeschmack im Mund. Dichter kann man nicht ran. Es ist gerade die zweifelhafte Nähe zum Milieu, die seine Stärke ausmacht.
Der Film erzählt die Geschichte der Favela und ihrer Kinder. Erzählt von Buscapé, der Fotograf, und von Zé, der Gangster werden will, und von Mané, den sie "Galinha" nennen, das Huhn. Er setzt ein mit einem tödlichen, immer hitzigeren Samba, zu dessen Takt Messer geschliffen werden. Rasende Schnitte. Die blitzende Klinge, ein verschrecktes Huhn, eine torkelnde Flucht durch die Favela, die Kinderbande, die ballernd und johlend hinterherrennt, plötzlich die Schlachtreihe der Polizei, Buscapé dazwischen, hilflos - bereits nach 90 Sekunden hat der Film alle seine Themen und Gesichter wie eine Explosionswolke ausgestoßen.
Dann sammelt er sich neu, um der Reihe nach zu erzählen, in einem Fächerwerk von Rückblenden, wie in einem Sergio-Leone-Epos. Sepia-Töne. Es war einmal, Mitte der sechziger Jahre, in jener neuen Favela, die in den roten Sand vor den Toren Rios gestampft wurde, weil eine andere von den Berghängen gewaschen worden war. Damals wurden Pistolen höchstens eingesetzt, um einen Fußball, den man vorher in die Luft gekickt hatte, abzuballern.
Bis zum Tag des Sündenfalls. Bis zu jenem Tag, an dem das Love-Motel "Miami" überfallen wurde und Zé, das Monster, geboren wurde. Das ist der Tabubruch, den "Cidade de Deus" riskiert: Er setzt die Implosion der Werte ohne allen pädagogischen Firlefanz in Szene.
Zé Pequeno, der halbwüchsige Killer, ist kein Opfer der Verhältnisse. Er ist eine Ratte mit Spaß am Töten. Er ist der kleine Bruder, der draußen vor dem Motel warten soll. Die Älteren fesseln die Gäste, kleine Angestellte mit ihren Sekretärinnen, und machen sich mit den Brieftaschen davon. Zé bleibt zurück. Und dreht mit seiner Waffe noch einmal die Runde, geht von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett, und entleert seine Pistole, und er lacht und mordet - ein Kind, das seine Macht genießt und die Agonie seiner Opfer.
Collagenartig wie "Pulp Fiction" führt Meirelles die Archetypen der Gegenwelt und ihre Geschichten vor.
Da ist Bené, der Kokser und Genießer. Schwarz oder weiß, das ist die Frage, Maconha oder Kokain, und er hat meistens beides dabei. Mädchen wie die schöne Morena Angélica fliegen auf ihn. Der Gegentyp ist Zé, der fanatische Killer und Machtfreak. Sein Problem? "Er war einfach hässlich", sagt Buscapé.
Daneben all die anderen aus diesem Kosmos: der Waffenhändler, die korrupten Militärpolizisten, das süchtige Mittelklasse-Kid. Und das junge Liebespaar, von dem man ahnt, dass es den Krieg nicht überleben wird.
Regisseur Meirelles hat keine moralischen Interessen, sondern anthropologische. Er sieht die Drogenkrieger als Teil der Popkultur, weil sie es selber tun. "Cidade de Deus" ist durchaus auch ein Videoclip, in dem Markenschuhe so wichtig sind wie die richtige Waffe, die richtige Musik, die richtige Droge.
Gezeigt wird das Fußvolk. Was ist gefährlicher als ein Kind, das Kokain im Blut hat und in den Händen eine Uzi? Das Biest nährt sich vom Kokain. Es ist paranoid, rücksichtslos, nachtblau.
Tatsächlich scheint zusehends die Farbe aus dem Film zu weichen wie aus einem Gesicht, das erschrickt. Von den warmen Sandtönen der Sixties-Strandgesellschaft und den popbunten Marihuana-Feten der Siebziger ist im neuen Millennium nichts mehr geblieben. Nur noch tintige Nacht und die Kinderarmeen im Aufmarsch und das Trappeln der nackten Füße zwischen den Häuserblocks.
Das ist dann nicht mehr James Browns "Sex Machine", sondern der tödliche HipHop der "Soldados do Morro", der Ghettosoldaten des Todes, die der Rapper MV Bill besingt. Ja, Meirelles hat einen Pop-Krieg gefilmt, wie ihn Francis Ford Coppola mit "Apocalypse Now" über Vietnam gedreht hat. Und wie Coppola ist er an die Grenzen gegangen.
Beim Essen in einem Sushi-Restaurant in São Paulo erzählt Meirelles ganz freimütig, wie eng es zugeht, wenn man das Biest auf die Leinwand bringen will. Zunächst wurden seine Bemühungen um realistisches Kino durch die Realität sabotiert. Zu oft mussten die Dreharbeiten unterbrochen werden, weil in der Cidade de Deus gerade einer jener Bandenkriege tobte, von denen auch der Film erzählt. Es knallte einfach zu oft.
Schließlich zog man in die Favela Cidade Alta um, wo Friedenszeiten und klare Strukturen herrschten. Die für die Cidade Alta zuständige Behörde ist der Gangsterboss, den sie den "Mineiro" nennen. Er verbüßte gerade noch Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt von Bangú, Rios größtem Gefängnis. Die Verhandlungen liefen übers Handy.
Für die Bosse ist in Bangú, einem überbelegten Inferno, alles zu kriegen. Sie organisieren Drogenpartys und schaffen minderjährige Nutten in den Knast und verhandeln über Stinger-Raketen. Sie haben über Faxgeräte, Handys, Laptops die Geschäfte weiterhin fest im Griff. Von hier aus dirigieren sie Transporte und Übergaben - und erteilen Arbeitsgenehmigungen.
Mineiro, ein Freund von Elias Maluco, ließ sich das Script vorlegen, dann gab er grünes Licht. Seine einzige Auflage war: "Dreht es realistisch, und nicht so 'n Hollywood-Scheiß." Nichts lieber als das, sagte sich Mireilles. Schon das Buch war purer Realismus, war von einem geschrieben, der in jener Reißbrett-Favela aufgewachsen war, die nur ein zynischer Witzbold "Stadt Gottes" nennen konnte: Paulo Lins verbrachte hier seine Kindheit.
Die Geschichten, die Lins zu seinem Roman "Cidade de Deus" verwob, bilden gleichzeitig die erste Insider-Studie über die Parallelgesellschaft der Favelas, über ihre Moden, ihr Besoldungssystem, ihren Aberglauben, ihre Initiationsriten. Anders als die Soziologen, die die Favelas von außen nach innen zu penetrieren versuchten und stets missverstanden - und sei es mit blauäugigem "gutem Willen" -, ist Lins den umgekehrten Weg gegangen.
Er hat gesammelt und studiert, was er vorher gelebt hat. Dass der Film in jeder Sequenz wahr schmeckt, liegt jedoch nicht nur an diesen Geschichten, die er erzählt, sondern auch an den Gesichtern, die er zeigen kann.
Meirelles hat, bis auf eine Ausnahme, nur mit Amateuren gearbeitet. Acht Monate lang dauerten allein die Workshops bei Fraga im Vidigal, bis aus 2000 Kandidaten die 200 Kids der Filmgangs ausgesiebt waren.
Das Ergebnis? Es ist bereits eine Wohltat in sich, einen Film im Kinoprogramm zu haben, in dem Tom Cruise nicht mitspielt. Und dann diese Gesichter, in denen die Hitze steht, die Unschuld und die Grausamkeit, eben mehr als nur der Ärger über ein verpatztes Soufflé in Hollywoods In-Restaurant "Spago".
Dabei lässt sich Meirelles von keiner Seite aufs Kreuz legen. Er schaut hin, unbestechlich. Das hat seinen Preis. Ihm geht es wie Buscapé, dem Fotografen - der steht von Beginn zwischen Banditen und Polizisten, zwischen allen Fronten.
Buscapé fotografiert Zé und seine Bande und schafft es damit tatsächlich auf die Titelseite. Zé Pequeno bringt ihn nicht etwa um dafür. Nein, er kauft sie auf, die Zeitungen, und verteilt sie stolz, denn er ist ein Star.
Nun also hat es auch der echte Zé, der sich so gern in der Spiegelung durch die Silver Screen erleben wollte, in die Zeitung geschafft - das Biest und der Film, sie haben sich gegenseitig verschlungen.
Weil "Cidade de Deus" so temporeich in Szene gesetzt ist, wird es von Puristen des linken brasilianischen Kinos als Ausverkauf an den Kommerz kritisiert. Meirelles bietet durchaus biografische Angriffsflächen. Er hat sein Geld mit Werbung verdient und dort so ziemlich jeden Trick gelernt, den es über Film zu lernen gibt.
Trotzdem läuft die Kritik der Puristen ins Leere. Längst hat ja die Werbung - und die brasilianische gehört zur Spitzenklasse - auch das "Authentische" in ihr Stilrepertoire eingemeindet. Auf der anderen Seite wäre ein Film wie "Cidade de Deus", der mit 200 actionhungrigen Kids gedreht wurde, ohne Meirelles technische Perfektion ins Formlose verfranst.
So aber wirkt er wahr wie ein Dokumentarfilm und fesselt wie ein Thriller. Dem brasilianischen Kino ist dadurch ein weiteres Wunderwerk gelungen. Es geht ihm im Prinzip wie dem deutschen - der Marktanteil der heimischen Produktionen ist durchaus schmal. Es muss sich mehr anstrengen als Hollywood, um ab und zu einen Heimfilm zwischen den US-Schwabbelschinken in den Cinecentern zu platzieren.
Das Neue an Brasiliens "Cinema Nôvo" ist, dass es alles kann. Es ist nicht mehr wie das der sechziger Jahre, das Kino Glauber Rochas, ausschließlich dem Kino der Armut verschrieben und dem Kampf gegen die Diktatur und für eine bessere Welt.
Das neue Cinema Nôvo ist eklektisch. Es kann von der Liebe erzählen unter den endlosen Himmeln des Nordostens wie "Central Station" von Walter Salles, dem Gewinner des Goldenen Bären. Oder es ist hart und zynisch wie "O Invasor", in dem ein Killer sich im São-Paulo-Penthouse seines Auftraggebers einnistet und die Tochter des Opfers verführt.
Dieses Kino ist ohne politisches Programm, aber durchaus nicht ohne Haltung. Was kann verstörender sein, als den Mafia-Soldaten der "Cidade de Deus" zuzuschauen, die ihren eigenen grausamen Ordnungsdienst organisieren, weil der Staat aufgegeben hat?
Es herrscht eine irrwitzige Scharia dort, in dieser ganz anderen Welt. Wer klaut, dem wird die Hand durchschossen. Wer vergewaltigt, stirbt unter Qualen. So muss der kleine Filé unter dem Hohngelächter der Bande auf seinen Bruder anlegen. Tränenüberströmt drückt er ab.
"Cidade de Deus", schrieb eine Sprecherin der Polizei, falle den Ordnungskräften in den Rücken. Er verzerre die Wirklichkeit. Tatsächlich? Was, wenn die Wirklichkeit schlimmer ist? Vorletzte Woche, ausgerechnet am 11. September, übernahm Gangsterboss Fernandinho Beira-Mar, Chef des "Roten Kommandos" in Bangú I das Kommando, marschierte mit ein paar Söldnern und jeder Menge Schlüssel und Pistolen quer durch den Block, um die Paten zweier Konkurrenzunternehmen zu erschießen und zu verbrennen. "Die Türme sind gefallen", prahlte er über Handy.
Zur gleichen Zeit legten Favela-Söldner mehrere Stadtbezirke lahm, schlossen Gesundheitsposten, Schulen, Krämerläden. Und die Polizei? Ärgert sich über Leute vom Film und will sie verhören!
Verstörend allerdings ist das Gejohle schon, das da in den Teenager-Vorstellungen am Nachmittag zu hören ist: Zustimmung für das Biest.
Aber ist das die Schuld des Kinos?
DER SPIEGEL 39/2002
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