Von Hage, Volker
Das Gebot, das Alter zu ehren, stamme "aus Epochen, als hohes Alter eine Ausnahme darstellte", notierte 1968 der Schriftsteller Max Frisch (1911 bis 1991). Respekt gelte in neuerer Zeit nicht mehr dem Alter, "sondern ausdrücklich dem Gegenteil": Dass jemand trotz seiner Jahre nicht senil sei - "geradezu noch jugendlich" müsse der alte Mensch sein, wolle er gepriesen werden.
Als der Schweizer Autor, damals Anfang 60, das Thema des Alterns als eine Art Leitmotiv durch sein "Tagebuch 1966 - 1971" (1972) geistern ließ und mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auslotete, wirkte das auf manchen Leser befremdlich. Von der Altersgesellschaft war damals noch nicht die Rede, und dass eine Bevölkerung wie die deutsche nach aktuellen Schätzungen im Jahre 2040 zu mehr als der Hälfte aus Menschen bestehen könnte, die älter als 55 sind, wäre damals kaum glaubhaft erschienen.
Besonders drastisch sind die Prognosen für die neuen Bundesländer, die von vielen jungen Leuten Richtung Westen verlassen werden. Man brauche nicht allzu viel Phantasie, schrieb unlängst der Publizist Jens Bisky, "um sich auszumalen, welchen Zustand das Zwillingspaar Bevölkerungsrückgang und Alterung" auf dem Gebiet der ehemaligen DDR herbeiführen werde: "Hier beginnt die Zukunft der Altersgesellschaft."
In dieser Landschaft, diesem Szenario spielt der neue Roman "Endmoränen" von Monika Maron, 61*. Die Ich-Erzählerin Johanna, die zu Zeiten der DDR stolz auf ihre unterschwellig kritischen Essays und Nachworte war, ist zwar erst um die 50, doch hat sie jetzt schon das Gefühl, dass niemand sie mehr braucht, und befürchtet, "der ideelle Vorrat" für ihr Leben sei aufgebraucht und sie selbst "dazu verdammt, mir die übrige Zeit irgendwie zu vertreiben".
Ihre Tochter Laura, 27 Jahre alt, kommt gerade von einer Reise durch die USA mit der Ankündigung zurück, später dort leben zu wollen. Außerdem sei sie schwanger, wolle das Kind aber nicht. Johanna ertappt sich dabei, darüber enttäuscht zu sein, dass die Tochter nicht in ihrer Nähe wohnen, dass ihr ein Enkel vorerst vorenthalten wird - wo sie selbst gerade beginnt, Enkelkinder als "einzige natürlich Leidenschaft" zu sehen, "die das Alter uns zugesteht".
Doch das schreibt sie eher zögerlich und tastend in einem Brief an ihren Freund Christian, den letzten Mann, den sie - außer Ehemann Achim - geküsst hat, nun auch schon vor Jahren. Sie schreibt, um Klarheit zu gewinnen über die neue Situation, die plötzlich über sie und andere gekommen sei, "während wir uns fast noch im Lager der Jugend wähnen".
Abgeklärt ist Johanna noch lange nicht, aber auch nicht in Panik; eher nüchtern (und wohl ein wenig übertreibend) nimmt sie an ihrer Haut "die in grellem Sonnenlicht schon sichtbare Gravur der Greisenhaftigkeit" wahr und wie nebenbei zur Kenntnis, dass "die Blicke der Männer mich neutralisierten".
Viel Herbst ist in diesem Buch, viel Regen, viel Vergänglichkeit. Der Sommer ist vorbei, und Johanna, die
länger als sonst in ihrem kleinen Sommerhaus im fiktiven Örtchen Basekow bleibt, stellt fest, dass sie sich über die ersten Herbsttage freut. Ihr Mann kommt sie bisweilen besuchen, ansonsten geht er in Berlin seiner Kleist-Forschung und wer weiß was nach.
Johanna versucht derweil, mit einer Biografie über Wilhelmine Enke (1753 bis 1820) voranzukommen, die Geliebte und Vertraute Friedrich Wilhelms II. (1744 bis 1797), "die einzige preußische Mätresse von Rang" - ohne recht zu wissen, warum sie sich dieser Figur eigentlich nähern möchte. Überhaupt droht das Schreiben ihr nun gleichgültig zu werden, wo es so viele andere gibt, die es genauso gut könnten.
Das Haus auf dem Land hat das Ehepaar zu DDR-Zeiten gekauft, als halbe Ruine, die seit längerem unbewohnt stand. Unterdessen sind nicht nur - DDR-typisches Abenteuer - die nötigen Reparaturen in Heimarbeit durchgeführt und die Lebensjahre dahingegangen, sondern es ist auch jener Staat verschwunden, vor dessen Zudringlichkeit sich seine Bewohner einst in Nischen und aufs Land zurückgezogen haben.
Die Wende wird von Johanna immer noch als "Wunder" bezeichnet, das alles, auch das eigene Leben, zu verändern versprach, das neue Chancen, neue Biografien zu verheißen schien. Der Roman "Endmoränen" ist also nicht nur eine geglückte literarische Auseinandersetzung mit dem Alter in Zeiten des wachsenden Altenanteils, sondern auch mit den Besonderheiten eines von der DDR weitgehend geprägten Lebenslaufs.
Auf dem Historikertag in Halle hielt die Autorin jetzt eine Rede mit dem Titel "Lebensentwürfe, Zeitenbrüche", die auch als Kommentar zum "Endmoränen"-Roman zu verstehen ist: Wenn eine Diktatur verschwinde, "bleiben die Menschen mit ihren als unzureichend oder gar als misslungen empfundenen Biografien allein zurück". Und weiter: "Ostdeutsche Lebensläufe offenbarten oft erst im Licht ihrer gesamtdeutschen Fortsetzung, was sie wirklich gewesen waren" - für die einen möge das den Verlust des Selbstbildes bedeutet haben, andere hätten es wiedergefunden.
Endmoränen sind das, was nach einer Eiszeit sichtbar bleibt, die Spuren der Gletscher. Der neue Maron-Roman nimmt vor allem jene in den Blick, die sich, nicht mehr jung genug, um ganz neu anzufangen, nach der Wende noch einmal arrangieren mussten: nun unter den Bedingungen des Westens.
Der aber ist seinerseits im Wandel begriffen, und so geht es hier nicht allein um die Fortsetzung ostdeutscher Lebensläufe nach dem Ende der DDR. Christian etwa, der wissenschaftliche Lektor aus München, sieht sich von heute auf morgen einer neuen Situation gegenüber: Der Verlag, für den er seit fast 20 Jahren arbeitet, "wurde verkauft und umstrukturiert", schreibt er Johanna, "Du ahnst, was das bedeutet". Er sei mit seiner Sekretärin unters Dach verbannt und glaubt in den Augen seiner neuen jungen Kollegen "täglich ihre Ungeduld ob meiner erstaunlichen Anwesenheit zu erkennen".
Monika Maron hat, an ihre eigene Biografie angelehnt, einen betont subjektiven Ich-Roman geschrieben, der aber doch offen genug ist für einen Blick rundherum: auf Nebenfiguren wie die alte Friedel aus dem Dorf, die von einem neuen Nachbarn schikaniert und am Ende, durch ihr eigenes hilfloses Ungeschick, aus dem Haus verdrängt wird. Oder auf Karoline aus dem Westen, auf den ersten Blick eine erfolgreiche Malerin, deren Ängste jedoch zur Obsession werden können. Und natürlich auf die schöne Wilhelmine, die 1802, nach dem Tod ihres Königs, mit fast 50 noch einen jungen Dichter heiratete, der gerade einmal 23 Jahre alt war. Vielleicht ist es gerade dieses Detail, das Johanna an der Vita der historischen Figur so fasziniert: Das legen jedenfalls in den Roman eingestreute historische Notizen nahe.
Eines Tages steht denn auch Igor, der eigenwillige junge Russe mit seiner erklärten Vorliebe für kluge, im Leben erfahrene deutsche Frauen vor ihrer Datsche. Als er fragt, ob sie mit ihm schlafen wolle, sagt die Romanheldin ganz einfach Ja. Zwar meint ihre alte Freundin Elli, dass Menschen, die "jenseits der triebgesteuerten Jugendzeit ihre Glücksphantasien an die geschlechtliche Liebe hängten", entweder "leidverliebte Masochisten" oder "romantische Idioten" sein müssen - egal, Johanna wird in der Liebe wieder "dieselbe wie damals", als sie den ersten Mann umarmte.
Dann macht sie sich, mit offenem Ende, auf den Rückweg nach Berlin. "Jetzt, da alle abgereist waren und den Herbst schon die kalten Gerüche des Winters durchzogen", jetzt könnte sie ihre Arbeit an der Biografie fortsetzen - doch lieber will sie noch ein wenig das eigene Leben fortsetzen: ein mild-optimistischer Ausklang.
Ein bekannter Ton? "Aber wirklich geglaubt haben wir nicht, dass unsere Zeit begrenzt war", hieß es 1989 in Christa Wolfs elegischem "Sommerstück": "Jetzt, da alles zu Ende ist, lässt sich auch diese Frage beantworten." Monika Maron erlaubt sich in ihrem neuen Roman eine überraschende Nähe zu ihrer älteren Kollegin, zu dieser Erzählung, in der das Ende der DDR vorweggenommen war.
DER SPIEGEL 39/2002
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