30.09.2002

KIRCHEDer Polit-Kommissar Gottes

Kommenden Sonntag will der Papst in Rom vor Hunderttausenden Gläubigen den Gründer des Opus Dei, Josemaría Escrivá, heilig sprechen - für viele Katholiken ein Skandal.
Wenn ein Christ besonders fromm durchs Leben gegangen ist, wenn er "durch heroische Tugendübung ein hervorragendes Zeugnis für das Himmelreich" abgelegt hat, dann lässt ihn der Stellvertreter Gottes auf Erden hochleben: Er ernennt den Tugendhaften nach dessen Ableben zum Vorbild für alle anderen Gläubigen und erhebt ihn feierlich "zur Ehre der Altäre" - er spricht ihn heilig.
In früheren Zeiten war die Heiligsprechung eine rare Auszeichnung, doch seit Papst Johannes Paul II. in Rom regiert, gibt es eine regelrechte Schwemme. Der Pole Karol Wojtyla hat bislang fast doppelt so viele Katholiken zu Heiligen befördert wie alle seine Vorgänger in den vergangenen 400 Jahren zusammen - insgesamt 464.
Am kommenden Sonntag soll diese Ehre einem Mann zuteil werden, dessen Leben und Treiben unter Katholiken höchst umstritten ist: Monseñor Josemaría Julián Mariano Escrivá de Balaguer y Albás, Gründer des erzreaktionären Geheimordens "Opus Dei" ("Werk Gottes"). Zu dem Spektakel auf dem Petersplatz werden Hunderttausende Opus-Dei-Anhänger aus aller Welt erwartet. Bereits im März meldete die römische Tourismuszentrale, zu dem Termin seien sämtliche Hotels der Stadt ausgebucht.
Doch für viele Gläubige ist die geplante Zeremonie kein Anlass zum Jubeln, sondern ein handfester Skandal. Der seltsame neue Heilige gilt fortschrittlichen Mitgliedern seiner Kirche als Gründer einer fundamentalistischen Sekte, als Promotor eines reaktionär-verknöcherten Christentums, dem die ganze Welt ein Gräuel ist, soweit sie sich nicht dem dogmatischen Wahrheitsanspruch der Kirche unterwirft.
Escrivá selbst bezeichnete seine Anhänger, die sich vor allem aus gehobenen akademischen Ständen (Lehrern, Bankern, Ingenieuren, Ärzten) rekrutieren, mit Vorliebe als "Soldaten", die überall auf der Welt gegen "Atheismus" und "Marxismus" sowie gegen "die Verdrängung des Glaubens aus dem öffentlichen Leben" zu Felde ziehen müssten.
Und sei es, so der Verdacht von Opus-Gegnern, mit kriminellen Mitteln. Wo immer die Kirche in den vergangenen Jahrzehnten in Verruf geriet, an mafiosen Machenschaften beteiligt zu sein, wurden Opus-Leute genannt - etwa bei der Affäre um die italienische Loge P2 und den Zusammenbruch des Banco Ambrosiano im Jahr 1982.
Escrivá, 1902 geboren und 1975 gestorben, stammte aus eher einfachen Verhältnissen, auch wenn der pompöse Name, den er sich in den vierziger Jahren zulegte, zunächst anderes vermuten lässt. Er studierte Theologie, wurde 1925 zum Priester geweiht und gründete drei Jahre später - dank einer "göttlichen Eingebung" - das Opus Dei. Derzeit zählt das Werk rund 85 000 Mitglieder in etwa 90 Ländern, mehr als 30 000 davon in Spanien.
Die verheirateten Werksangehörigen leben in ihrer Familie, die kleine Minderheit zölibatärer Leitungskader (Numerarier), darunter etwa 1760 werkseigene Priester, in so genannten Zentren. Allein in Deutschland gibt es davon inzwischen 15. Das Werk hat in der Bundesrepublik etwa 600 Mitglieder, die wenigsten sind namentlich bekannt. Denn Geheimniskrämerei gehört zu den Leitungsprinzipien des Ordens. Opus-Dei-Mitglieder geben in der Regel nicht einmal zu, dass sie der Organisation angehören. Zu den bekannten Förderern gehören die Kardinäle von Köln und München, Joachim Meisner und Friedrich Wetter - und natürlich der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, Ehrendoktor der Opus-Universität im spanischen Pamplona.
Wie weit der Einfluss der Gotteswerker hier zu Lande tatsächlich reicht, ist kaum abzuschätzen. In zahlreichen Städten existieren Opus-nahe Kulturwerke, über die Rhein-Donau-Stiftung in München und die FWM-Stiftung in Berlin wickelt das Opus undurchsichtige Finanztransaktionen ab.
Die mangelnde Transparenz vor allem hat dazu beigetragen, dass das fromme Werk mit Misstrauen verfolgt wird. Zu den Ordensregeln zählen zudem bedingungsloser Gehorsam gegen die Opus-Oberen sowie seltsame Bußübungen, etwa das Tragen eines schmerzhaften Dornengürtels und regelmäßige Selbstgeißelung.
Auch Frauen gehören dem Opus Dei an. Sie nehmen den Klerikern in den Zentren die täglichen niederen Arbeiten ab, sind aber streng von den Männern separiert - bezeichnend für das verklemmte Menschenbild des Gründers. Wenn die Frauen die Räume der Numerarier putzen, müssen diese das Haus vorher verlassen. Und bei Tisch dürfen Frauen nicht servieren, um jeden sündigen Blickkontakt zu vermeiden.
Seine angebliche Bußfertigkeit hinderte Opus-Gründer Escrivá nicht, einen ausgedehnten Personenkult um sich zu inszenieren. Beispielsweise bestand er darauf, dass ihn seine Jünger mit Kniefall begrüßten. Auch sonst war es mit der Tugendhaftigkeit des künftigen Heiligen offenbar nicht weit her. Escrivá, so beschrieb die Spanierin María del Carmen Tapia in ihrem Buch "Hinter der Schwelle" die Unarten des Monseñor, habe "keine guten Manieren" gehabt, sei barsch und rücksichtslos gegenüber seinen Mitarbeitern gewesen.
Die heute 77-Jährige muss es wissen: Sie war 18 Jahre Mitglied des Opus Dei und gehörte 4 Jahre zum engsten Führungskreis des weiblichen Ordenszweiges, bevor sie 1968 austrat. Escrivás Verhalten, konstatiert Tapia, habe sie "erinnert an die Mentalität der politischen Kommissare in totalitären Ländern". Ihr vernichtendes Urteil: "Ich meine sogar, dass Monseñor Escrivá in seiner ganzen Existenz der grundlegende Sinn für Barmherzigkeit fehlte." Peinlich für einen Heiligen.
Zum totalitären Gehabe passt, dass die Mitglieder auf Weisung des Gründers selbst in ihrer Lektüre unmündig gehalten werden: Zwar hat das Zweite Vatikanische Konzil den Index der verbotenen Bücher 1966 abgeschafft, doch im Opus lebt er verschärft weiter. Zu den Autoren, die Opus-Leute nur mit Sondererlaubnis lesen dürfen, zählen Luther und Lessing, Kant und Hegel, Brecht und der katholische Theologe Hans Küng. Deren Werke, befand Escrivá, "sind als Dreck zu behandeln".
Noch schärfer als Tapia attackiert der tschechische Priester Wladimir Felzmann, der 23 Jahre lang an führender Stelle für das Werk gearbeitet hat, den Opus-Gründer. Felzmann warf seinem früheren Chef in einem Interview mit einem der besten Opus-Kenner, dem Journalisten Peter Hertel, sogar Sympathien für den Faschismus vor. Escrivá habe ihm gegenüber sinngemäß geäußert: So schlecht sei Hitler nicht gewesen. Er könne nicht mehr als drei oder vier Millionen Juden getötet haben. Schon Franco-Spanien war eine Hochburg des Opus.
Escrivás Jünger ficht die Kritik an ihrem Idol freilich nicht an. Die Verehrung für den Meister trieb schon zu dessen Lebzeiten seltsame Blüten, berichtet Tapia: Anhänger bewahrten die persönliche Wäsche, die Escrivá wegwarf, Seifenstücke, die er benutzt hatte, oder den Gürtel seines Bademantels als künftige Reliquien auf.
Auch der Vatikan ließ sich von den kritischen Zeitzeugen nicht beeindrucken: Bereits 1992, nur 17 Jahre nach Escrivás Tod, sprach Johannes Paul II. den Spanier selig - Vorstufe zur endgültigen Glorifizierung. Escrivá-Kritiker, darunter der Anwalt Carlos Albás, ein Neffe des Seligen, und Tapia wurden im Seligsprechungsprozess nicht gehört, obwohl die Einvernahme auch negativer Zeitzeugen im Kirchenrecht vorgeschrieben ist. Albás damals: "Das Kirchenrecht ist übergangen worden, es ist ein Skandal."
Nur logisch, dass die endgültige Erhebung des Josemaría Escrivá in den Heiligenstand ungewöhnlich glatt ablief. So schnell ist bislang kein Katholik zur Ehre der Altäre gekommen. Und selbstverständlich war auch das nach den Statuten nötige Wunder rechtzeitig bei der Hand: Der selige Escrivá, so der Vatikan, habe aus dem Jenseits den spanischen Arzt Manuel Nevado Rey von einer irreparablen Strahlenkrankheit geheilt.
Die Zeremonie am kommenden Sonntag ist in erster Linie ein Dankeschön des konservativen Polen Wojtyla an das Opus Dei. Der sieht in dem Verein eine treue Garde des Papstes - ähnlich wie es einst die Jesuiten waren.
Doch von denen unterscheidet sich das Opus zutiefst: Die Jesuiten waren stets ein weltoffener, dem wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt aufgeschlossener Orden, der seiner Kirche eine Fülle von Impulsen gegeben hat. Das Opus Dei dagegen beschränkt sich darauf, den Machtanspruch der Institution zu konservieren.
Beifall findet die anstehende Heiligsprechung des Josemaría Escrivá auch unter den Führungskadern des katholischen Erdkreises. Für die Seligsprechung im Jahr 1992 votierten 69 Kardinäle, 241 Erzbischöfe und 987 Bischöfe. Das Spektakel am 6. Oktober begrüßten allein in Deutschland 23 Oberhirten, darunter Meisner und Wetter.
Den Oberen des Opus reicht das längst nicht. Sie basteln bereits an ihrem nächsten Heiligen: Auch der Nachfolger Escrivás, sein 1994 verstorbener Intimus Álvaro del Portillo, soll demnächst in die erste Reihe der katholischen Idole vorrücken.
Der Dritte im unheiligen Bund, der Spanier Javier Echevarría, muss sich noch etwas gedulden. Der 70-Jährige, ebenfalls ein Vertrauter des Gründers und zeitweilig dessen Leibwächter, leitet das Werk seit 1994. So weit reicht der Einfluss des Opus Dei noch nicht, dass der Vatikan schon Lebenden die Aufnahme in den "Canon" der Heiligen garantiert. ULRICH SCHWARZ
Von Ulrich Schwarz

DER SPIEGEL 40/2002
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