SPIEGEL: Herr Böhme, an diesem Montag läuft der "Grüne Salon", definitiv Ihr letzter TV-Auftritt?
Böhme: Ja. Der Ofen ist aus. Ich habe ihn selber ausgeblasen.
SPIEGEL: Sind Sie traurig?
Böhme: Im Moment nicht. 13 Jahre immer diesen Fernsehzirkus am Wochenende - das reicht. Ich habe es satt. Vermutlich auch der Zuschauer. Wie es mir in einem Vierteljahr ums Herz ist, weiß ich natürlich nicht.
SPIEGEL: 13 Jahre Talk - was hat sich in dieser Zeit geändert?
Böhme: Am Anfang hatte man eine neue Lust, so etwas zu machen, und den Eindruck, dass es temperamentvoll zugeht. Mit der Zeit aber hat sich das Instrument der Talkshow abgeschliffen. Die Zahl der Dauergäste hat zugenommen.
SPIEGEL: Was ja nicht langweilig zu sein braucht.
Böhme: Das politische Personal, also meine Kundschaft, ist heute nicht mehr das, was es nach meiner Erinnerung vor 20 Jahren war, weniger eckig und weniger hervorragend. Besser gesagt: flacher.
SPIEGEL: Das klingt nach: Früher war sowieso alles besser. Brandt, Wehner, Adenauer hätten sich vielleicht auch in der Talk-Ära aufgerieben.
Böhme: Sicher, früher, als wir jünger waren, haben wir zu denen aufgeblickt. Heute als Älterer fühle ich mich stärker auf Augenhöhe. Ich hätte mich sehr gefreut, die in der Sendung gehabt zu haben, aber wer weiß, vielleicht wäre ich auch enttäuscht worden.
SPIEGEL: Welche Ihrer Sendungen kam Ihrem Talk-Ideal am nächsten?
Böhme: Sie werden überrascht sein: der Talk mit Michel Friedman, als der am Höhepunkt seiner Gereiztheit war, und die Unterhaltung mit Klaus von Dohnanyi beim Wirbel um die Walser-Rede in Frankfurt. Das war nicht die Spitze der Brillanz, aber wir haben tief gegraben. Das ging an unser moralisches Rückgrat.
SPIEGEL: Ist das Ideal der Kontroverse beim Publikum vielleicht gar nicht mehr so beliebt, und nur die Journalisten haben es nicht gemerkt?
Böhme: Ich habe viel Reaktion auch auf ruhige Runden bekommen. Die Generalkloppereien mit vielem Dazwischenbrüllen, das vollziehen die Menschen nicht mehr so mit.
SPIEGEL: Hat das Talk-Gewerbe Zukunft?
Böhme: Ich glaube nicht. Das Argumentieren ist zu eingefahren. Wenn der eine "sechs" ruft, ruft der andere "sieben". Vielleicht kommen wir zurück zum Zwiegespräch, wie es der Gaus lange geführt hat.
SPIEGEL: Braucht man Studiopublikum?
Böhme: Ich ja, die Stille würde mich erdrücken. Fernsehen ist Zirkus.
SPIEGEL: Vielleicht wird irgendwann derjenige berühmt, der schweigt und sich aus dem Quasselbetrieb heraushält.
Böhme: Das wäre schön. Ich bin ja jetzt dabei.
DER SPIEGEL 40/2002
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