DER SPIEGEL



ARCHÄOLOGIE

Sternenjagd am Kyffhäuser

Von Schulz, Matthias

Die Himmelsscheibe von Nebra entpuppt sich als "Weltsensation". Die Metallplatte enthält die älteste kosmologische Darstellung der Menschheit. Waren die Ur-Germanen astronomische Genies?

Lasst uns ein Universum schaffen", befand der prähistorische Einstein und griff zu Hammer und Stichel. Behände schmiedete er einen Bronzediskus. Den bestrich er wahrscheinlich mit faulen Eiern, bis sich das Metall violett verfärbte. Damit hatte er den Weltraum, das grenzenlose Nichts.

Sodann bastelte der gelehrte Mister X die Gestirne. Sonne, Mond und zwei Horizontbögen wurden sorgsam aus Blattgold gedengelt. Hinzu kamen 32 Sterne, jeder etwa ein Zentimeter groß.

Was für ein Werk! Zufrieden ließ der Mann sein Werkzeug fallen und aß - wie in der Bronzezeit üblich - einen Teller mit Saubohnen. Es war um 1600 vor Christus.

Harter Schnitt: Juli 1999, Ostdeutschland, es nieselt. Zwei Männer stromern in Sachsen-Anhalt über alte LPG-Äcker. Es sind Schatzsucher. Die Ruchlosen haben einen Metalldetektor dabei. Bei Nebra nahe Merseburg erklimmen sie den 252 Meter hohen Mittelberg. Plötzlich fiepst die Sonde. Die Diebe scharren im Boden.

Grüne Patina kommt zum Vorschein. Die Männer schlagen mit einem Zimmermannshammer in die Erde und beschädigen dabei den Rand des Diskus. Beim nächsten Hieb fliegt ein Stern aus der Fassung. Schließlich hauen die Kriminellen noch ein Loch in das zentrale Sonnensymbol.

Was vor drei Jahren im mergeligen Boden von Sachsen-Anhalt zum Vorschein kam, sieht so aus, als hätte es Erich von Däniken vergraben. Die ganze Vor- und Frühgeschichte bebt. "Bild" druckt das Foto zwar auf dem Kopf stehend ab, notierte aber zu Recht: "Weltsensation".

"Die Scheibe zeigt die älteste Darstellung vom Kosmos überhaupt", strahlt Harald Meller vom Landesamt für Archäologie in Halle, in dessen Tresor das Prachtartefakt derzeit lagert. Mal vergleicht er den rotten Diskus mit der Alpenmumie Ötzi. Dann wieder hält er ihn für so bedeutend wie Stonehenge oder die Pyramiden.

Vorigen Mittwoch legte Oberstaatsanwalt Ingo Siehrt Details der Fundgeschichte vor. Sieben Personen sind in den Raubgutkrimi verstrickt, darunter eine Verfasserin esoterischer Romane. Eine Million Mark wollten Hehler vom Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin abzocken. Das Geschäft kam nicht zu Stande.

Erst am 23. Februar 2001 gelang es, zwei der Übeltäter im Tiefgeschoss des Hilton-Hotels von Basel zu fassen. Von dort führte die Spur zu einem Oberstudienrat, in dessen Haus auch zwei Prunkschwerter, ein kleiner Meißel und zwei abgebrochene Spangen beschlagnahmt wurden.

Während die Staatsanwaltschaft nun die Schuldigen befragt, tobt unter den Archäologen ein Freudenorkan. Zwei Kilogramm ist das Stück schwer und so groß wie eine Schallplatte. Analysen erbrachten, dass der Diskus um 1600 vor Christus gefertigt wurde - da können selbst die Ägypter nicht mithalten.

Zwar ist der Sargraum in der Pyramide von Pharao Unas (um 2400 vor Christus) mit blauen Sternen bemalt. Doch das ist sinnfreie Dekoration. Der Hersteller der Nebra-Scheibe dagegen kannte sich mit der Himmelsmechanik aus. "Ich habe 20 Kollegen in aller Welt angeschrieben", sagt der Bochumer Astronom Wolfhard Schlosser, "alle sind ratlos. Das Werk ist ein Unikat."

Schlosser war vorige Woche ein gefragter Mann. Die BBC, "National Geographic", das russische Fernsehen klopften bei dem Experten für urzeitliche Sternenkunde an. Monatelang hat er die in seinen Computer eingescannte Scheibe untersucht und dabei alle Achsen und Symbole vermessen.

"25 Sterne sind völlig chaotisch platziert", erklärt der Fachmann, "nur die Plejaden heben sich deutlich ab." In der Vorzeit hatte dieses Sternbild große Bedeutung. Zum Herbstanfang steigt es leuchtend am nächtlichen Firmament empor - Startschuss zum Einbringen der Ernte.

Schon Homer lobt im 18. Gesang der "llias" den Orientierungspflock am Himmel. Der Dichter Hesiod stellte in der Ackerbaufibel "Werke und Tage" folgende Bauernregeln auf: "Wenn das Gestirn der Plejaden, der Töchter des Atlas, emporsteigt, dann beginne die Ernte. Doch pflüge, wenn sie hinabgehen."

Schlosser geht davon aus, dass der Diskus den "Herbsthimmel" darstellt. Die Kugel im Zentrum deutet er nicht als Sonne, sondern als Vollmond. Rechts daneben sei der Erdtrabant als Sichel dargestellt. Darunter prange die "Sonnenbarke", die ägyptischen Vorstellungen zufolge das Solargestirn durch die Nacht zieht.

Standen die Germanen mithin in Kontakt mit dem Nil? Neue Funde zeigen, dass schon die Pfahlbauer (um 3000 vor Christus) Schmuckmuscheln, Petersilie, Flintstein und Spaghettiweizen von südlich der Alpen heranschafften. "Ich bin sicher, dass die nordischen Fürsten genau wussten, welcher Pharao gerade auf dem Thron saß", meint Schlosser.

Spannend sind auch die beiden Schwerter, die als Beifunde im Erdversteck geortet wurden. Die prachtvollen Waffen, scharf genug, um einen Schädel zu spalten, "weisen der Form nach in den ungarischen Raum", erklärt Meller. Ihre goldenen Verzierungen aber sehen aus, als hätte sie ein Handwerker aus Mykene geschmiedet. Klar ist, dass der Schöpfer des kleinen Universums aus Metall über profunde Kenntnisse verfügte. Am Rand der Scheibe brachte er zwei gekrümmte Goldbleche an. "Unglaublich", staunt Schlosser, "das sind exakt die Horizontbögen, die die Sonne auf dem Breitengrad von Sachsen-Anhalt durchläuft" (siehe Grafik).

Keine Frage: Der Fund ist ein Knüller, ein Unikat, mächtig und geradezu mysteriös. Aber ist er auch echt? Sowohl Forensiker im Landeskriminalamt Magdeburg als auch Archäometallurgen aus Freiberg prüften fieberhaft den Wunderdiskus. Sie zählten die Blei-Isotope, untersuchten die Kristallstruktur der Patina und kratzten mit Bambusstäbchen Goldbrösel von der Oberfläche. Resultat: Tricksereien sind ausgeschlossen.

So muss sich die Zunft denn an eine völlig neue Sicht auf die Urzeit gewöhnen: Im nordischen Sumpf lebten Genies.

Bislang galten die Proto-Germanen östlich der Elbe, die in windschiefen Hütten

hausten, eher als plumpe Barbaren. Erst seit kurzem häufen sich Hinweise, dass Europas Ur-Farmer zumindest in Sachen Sternenkunde die Nase vorn hatten. Das um 2000 vor Christus fertig gestellte Stonehenge ist streng zur Sommersonnenwende ausgerichtet. Viele Forscher deuten es als Observatorium.

Auch über die Steinreihen von Carnac wird neu gestritten. Knapp 3000 Menhire ziehen sich nahe der Atlantikküste in bis zu 13 Reihen sechs Kilometer hin. Aufgerichtet wurden sie von vorzeitlichen Kraftmeiern. Aber warum? Diente die Anlage wirklich als Mondkalender, wie viele Archäo-Astronomen behaupten?

Und was - sapperlot! - bedeuten jene turmhohen 3000 Jahre alten Hüte aus Gold, von denen bislang drei Exemplare in Süddeutschland ausgegraben wurden? Der Prähistoriker Wilfried Menghin hat die Kegel jüngst als Kopfschmuck von Astro-Pfaffen gedeutet. Als urzeitliche Zauberer hätten diese "Herren der Zeit" Goldponchos und Zeremonialschwerter getragen - Priester eines laut Menghin "noch kaum bekannten Sternenkults".

Solch phantastisch anmutende Theorien haben nun mächtig Auftrieb. Auffällig ist, dass die Himmelsscheibe von Nebra an den Rändern gelocht ist. Womöglich wurde das Stück wie ein riesiger Button an einem Gewand befestigt - Ornat eines ostelbischen Plejaden-Gurus?

Auch der Fundort der Scheibe macht stutzig. Der Himmelsatlas lag inmitten einer Kreisgrabenanlage. Wuchtige Palisaden schirmten den Tempel wahrscheinlich nach außen hin ab. "Die Anlage hat einen Durchmesser von etwa 120 Metern", erklärt Meller, "im Zentrum liegt die Spitze des Mittelbergs."

Wer den Tempel einst betrat, dem bot sich eine grandiose Aussicht. Sowohl der Brocken als auch der sagenumwobene Kyffhäuser sind von dort sichtbar. Vieles spricht dafür, dass an dem Ort einst eine Mischung aus Halloween, Mondmagie und Erntedankfest gefeiert wurde. Die heilige Sternenscheibe spielte in dem Kult wahrscheinlich die Hauptrolle.

Derzeit legt Meller mit seinem Grabungsteam unter Hochdruck die Stätte frei. Tiefe Schnitte haben die Forscher gebuddelt und dabei eine verwirrende Struktur an Wällen und Gräben entdeckt. Noch vermag niemand die Tempelanlage zu überblicken.

Die 3000 Einwohner von Nebra verfolgen die Buddelei mit Wohlgefallen. Sie hoffen auf Touristenströme. Auch der Name für die neue Attraktion steht fest: "das deutsche Stonehenge". MATTHIAS SCHULZ

* Figur mit dem "Schifferstädter Hut" und einem goldenen Zeremonial-Cape.

DER SPIEGEL 40/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 40/2002

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

ARCHÄOLOGIE:
Sternenjagd am Kyffhäuser

Grafiken zum Text


TOP



TOP