30.09.2002

„Kisch hat uns alle inspiriert“

Die Deutsch schreibende Prager Literatin Lenka Reinerová über ihre Bekanntschaft mit dem Reporter Egon Erwin Kisch und der Schriftstellerin Anna Seghers, ihr Leben im mexikanischen Exil und ihre wechselhaften Erfahrungen mit totalitären Regimen
SPIEGEL: Frau Reinerová, Sie wurden 1916 in Prag, im österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat geboren. Was war damals Ihre Muttersprache?
Reinerová: Deutsch, weil meine Mutter aus der westböhmischen, damals weitgehend deutschsprachigen Hopfenstadt Saaz stammte. Mein Vater war Eisenwarenhändler in Prag und sprach Tschechisch. Es war wohl so, dass die Mutter den Ton in der Familie angab, bei uns also überwiegend Deutsch gesprochen wurde.
SPIEGEL: Sie haben dann das berühmte deutsche Stephansgymnasium in Prag besucht. Hatten Ihre Eltern damit etwas Bestimmtes im Sinn?
Reinerová: Wahrscheinlich schickten sie mich dorthin, weil es damals eine der besten Schulen war. Jahre vor mir waren da auch Leute wie Max Brod oder Friedrich Torberg. Zu meiner Zeit gab es am Stephansgymnasium etwa gleich viele jüdische und deutschnationale Schüler, für die Lehrer galt dasselbe Verhältnis. Rückblickend finde ich es ziemlich bemerkenswert, dass es nie, aber wirklich nie, Reibungen gegeben hat, weder zwischen den Schülern noch unter den Lehrern.
SPIEGEL: Könnte es sein, dass Sie die Situation im Nachhinein ein wenig beschönigen?
Reinerová: Ich weiß, im Allgemeinen verklärt man seine Jugend. In diesem Fall bin ich mir aber absolut sicher. Das Gleiche galt ja für das kulturelle Leben in der Stadt. Das war damals eine Art deutschtschechisch-jüdischer Symbiose. Nach der Machtübernahme Hitlers wurde es dann schwieriger, allein schon weil der Führer immer wieder über den Rundfunk gegen die Tschechei krakeelte.
SPIEGEL: Mitte der dreißiger Jahre gab es bereits eine beträchtliche Zahl deutscher Emigranten in Prag. Wer waren denn die führenden Köpfe im deutschsprachigen Milieu jener harmonischen Jahre?
Reinerová: Ernst Bloch gehörte dazu, der Verleger Wieland Herzfelde, Stefan Heym und John Heartfield, auch der Prager Franz Carl Weiskopf und viele andere. Einige von ihnen trafen sich regelmäßig in einem Hinterzimmer des Café Metro. Dort habe ich 1935 Egon Erwin Kisch kennen gelernt.
SPIEGEL: Da waren Sie schon Mitarbeiterin der von Berlin nach Prag emigrierten "Arbeiter Illustrierten Zeitung". Bei welchem Anlass trafen Sie Kisch?
Reinerová: Eines Tages wurde im Café Metro darüber diskutiert, ob eine Reportage nur Journalismus ist oder wie sie aussehen muss, um als Literatur betrachtet zu werden. An diesem Abend kam so ein Kleiner, etwas Dicklicher, den ich vorher nie gesehen hatte, mit einem Stoß Zeitschriften unter dem Arm, die er da so verteilte. Er blieb vor mir stehen und sagte: "Wer bist du denn?" Und da habe ich mich mit bebender Stimme vorgestellt, weil ich wusste, das ist der berühmte Kisch.
SPIEGEL: Welche Position vertrat Kisch bei der Debatte?
Reinerová: Die Runde folgte damals seiner Meinung, dass eine Reportage als Literatur bezeichnet werden kann, wenn sie künstlerisch gestaltet ist. Kisch hat immer gesagt: "Du kannst eine Geschichte nicht nur so hinlegen, du kannst nicht nur beschreiben, nur schildern, es muss gestaltet sein."
SPIEGEL: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie über Kisch, der ja den Beinamen "rasender Reporter" trug, "er schuf bedächtig und bearbeitete seine Manuskripte mit schier unendlicher Geduld". So richtig rasend wirkt das nicht.
Reinerová: Das mit dem "rasenden Reporter" hat er sich selbst ausgedacht, so hat ihn damals nie jemand bezeichnet. Das "rasend" bezog sich wohl vor allem auf die Auswahl seiner Themen, dass er immer dabei sein musste. In der Ausarbeitung war er dann eher bedächtig. Das sieht man ja auch an seiner so merkwürdigen Handschrift mit diesen barocken Schnörkeln.
SPIEGEL: Kisch legte während des Schreibens offenbar großen Wert auf das Urteil anderer.
Reinerová: Ich habe das später im Exil in Mexiko oft erlebt. Die Kischs hatten eine Drei-Zimmer-Wohnung, und immer war Besuch da. Jeder, der vorbeiging, bekam eine Tasse Kaffee und gut. Kisch ließ sich beim Schreiben selbst nicht stören. Aber dann stand er plötzlich im Raum, manchmal, wenn er früh angefangen hatte, nachmittags noch im Pyjama, und sagte: "Jetzt seid mal alle still und hört zu." Er las ein paar Sätze vor und beobachtete genau, wie das auf die Zuhörer wirkte. Er sagte mir einmal: "Wenn du etwas schreibst und es dann vorliest und irgendjemand nicht mitgeht, dann musst du diese Stelle ändern." Ich kann mich an ein sehr starkes Erdbeben in Mexiko erinnern, bei dem nachts ein neuer Vulkan ausbrach. Am nächsten Morgen ist Kisch da hingefahren, um sich den Schauplatz anzusehen. Er hat dann wirklich Tage überlegt, wie er das aufschreiben soll, um seinen Lesern dieses phantastische Erlebnis nahe zu bringen.
SPIEGEL: Hat Kisch Sie dazu gebracht, auch selbst zu schreiben?
Reinerová: Natürlich hat er uns alle inspiriert, aber meine ersten Schreibversuche machte ich schon mit 16 Jahren, bevor ich ihn kennen lernte. Ich habe mich damals um Emigrantenkinder gekümmert. Einmal besuchten wir eine Aufführung im Neuen Deutschen Theater, "Pünktchen und Anton" von Erich Kästner. Die Aufführung hat mir nicht gefallen. Ich habe einen Brief an Kästner geschrieben und gefragt, ob ich ihn neu dramatisieren dürfe. "Dramatisieren Sie ruhig", hat er geantwortet. Ich habe das also gemacht und - naiv und unbekümmert, wie ich als 16-Jährige eben so war - zur Aufführung viele Leute eingeladen, darunter auch den Theaterkritiker und Kafka-Freund Max Brod. Zu meinem Entsetzen sind sie alle gekommen. Der Weiskopf war auch dabei, und ihm schien es wie den meisten gefallen zu haben. Jedenfalls sagte er irgendwann: "Komm zu mir in die Redaktion."
SPIEGEL: Bei der "Arbeiter Illustrierten Zeitung" waren Sie dann zunächst Mädchen für alles.
Reinerová: Richtig. Aber bald durfte ich auch selbst etwas schreiben. Ich trieb mich damals viel im Grenzgebiet herum, weil ich links dachte und etwas gegen die Nazis in der sudetendeutschen Bewegung machen wollte. Als ich Weiskopf einmal erzählte, was ich dort erlebt hatte, forderte er mich auf, das niederzuschreiben. Ich gab ihm den Text, er las ihn, stutzte jedoch ausgerechnet an jener Stelle, wo ich wundervoll die winterliche Landschaft beschrieben hatte, schneebedeckt, schwarzer Rabe, Sonnenauf- oder -untergang, alles leuchtete rosa und so. Weiskopf sah mich an und fragte: "Bist du ganz sicher, keine Farbe des Spektrums ausgelassen zu haben?" Das war mir eine Lehre. Gott behüte, bloß kein Adjektiv zu viel setzen.
SPIEGEL: Die "Arbeiter Illustrierte" war ja eine sozialistische Zeitung. Entsprach das Ihrer Überzeugung?
Reinerová: Unbedingt, ich war als Jugendliche glühende Sozialistin und Antifaschistin. Das hatte auch sehr persönliche Gründe. Ich musste nämlich schon in der Quarta die Schule verlassen und arbeiten, weil meine Eltern kein Geld hatten. Da saßen in meiner Klasse ein paar Dummköpfe, die konnten dableiben und später an der Universität studieren. Das empfand ich als ungeheure Ungerechtigkeit. Außerdem gab es damals eine brutale Arbeitslosigkeit in unserem Land. Unten am Wenzelsplatz war das berühmte Automatenbüfett "Koruna", wo man gut und billig essen konnte. Für 2,50 Kronen, etwa 20 Euro-
Cent, bekam man dort eine Portion Spinat und sehr viele Scheiben Knödel dazu. Ich habe das nie aufgegessen, weil hinter mir immer schon zwei, drei Leute standen und warteten, ob etwas auf dem Teller blieb - auch so ein Erlebnis, das mich an der Gerechtigkeit der herrschenden Ordnung zweifeln ließ. Und, natürlich, das darf man nicht vergessen, dann hatten wir den Faschismus an der Grenze, die Todesgefahr für unser Land.
SPIEGEL: Ein Umstand, der Sie schließlich aus Ihrer Heimat trieb.
Reinerová: Richtig gefährlich wurde es in Prag erst nach der Besetzung durch deutsche Truppen Mitte März 1939. Ich war damals bei Freunden in Bukarest, und am Tag bevor ich zurückfahren wollte, rief ich zu Hause an. Da habe ich das letzte Mal mit meiner Schwester und meiner Mutter gesprochen, überhaupt das letzte Mal. Meine Schwester sagte noch: "Ich glaube, du solltest nicht nach Hause kommen, durch diese Grippewelle hättest du hier keine Ruhe. Heute Abend waren übrigens deine Freunde hier." Das konnte ich dechiffrieren. Tatsächlich hatte die Gestapo mich gesucht. Das Telefongespräch hat mir das Leben gerettet. Meine ganze Familie ist umgekommen.
SPIEGEL: Ihre Mutter und Ihre Schwestern blieben in Prag?
Reinerová: Wie so viele hatten sie noch lange Zeit Illusionen. Die Deportationen und der Holocaust gingen ja erst später los. Irgendwie haben sich die Menschen nicht vorstellen können, was auf sie zukommt.
SPIEGEL: Hatten Sie danach noch Kontakt zu Ihrer Familie?
Reinerová: Ein paar Mal schriftlichen. Zunächst von Frankreich aus, wohin ich dann gegangen bin. Allerdings wurde ich dort gleich in einem Lager für Ausländerinnen interniert.
SPIEGEL: Wie sind Sie aus dem Lager wieder rausgekommen?
Reinerová: Bei all dem Pech, das auf mich zukam, hatte ich immer noch Glück, denn Weiskopf und Kisch waren inzwischen in den USA. Und dort gab es eine Solidaritätsbewegung amerikanischer Schriftsteller für in Frankreich festsitzende Kollegen. Da haben meine Freunde in Amerika gesagt: "Hört zu, wir haben ein Mädchen, das sitzt ganz allein in Frankreich." Also kam ich auch auf die Liste der Amerikaner. So bin ich aus Europa raus und auf Umwegen nach Mexiko gekommen.
SPIEGEL: Erfuhren Sie dort, was in Europa und insbesondere in Prag geschah?
Reinerová: Von den Vernichtungslagern erst ganz am Ende des Krieges. Über den Kriegsverlauf waren wir dagegen ganz gut informiert. Vor allem nachdem die tschechoslowakische Exilregierung in London mit Mexiko diplomatische Beziehungen aufgenommen hatte. Ich habe gleich vom ersten Tag an in der Vertretung gearbeitet, denn wir hatten schon ein komisches Gefühl, so in der Sonne unter Bananen zu sitzen, während daheim in Europa der Krieg wütete. In Mexiko habe ich viele interessante Menschen kennen gelernt, unter anderen das Maler-Ehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera.
SPIEGEL: Leo Trotzki war 1937 auf der Flucht vor Stalin anfangs bei Diego Rivera untergekommen. 1940 wurde er dann im Auftrag des Sowjetdiktators mit einem Eispickel ermordet ...
Reinerová: Was natürlich Riveras Verhältnis zur Sowjetunion trübte. Nachdem Mexiko und die UdSSR 1942 ihre Beziehungen wieder aufgenommen hatten, wurde ich am 7. November, also dem Revolutionstag in der Sowjetunion, in die Botschaft zu einem Empfang geladen. Der erste Mensch, dem ich begegnete, war Diego Rivera. Und das war in der Tat sehr auffallend. Erstens, dass ihn der Botschafter eingeladen hat, und zweitens, dass er gekommen ist.
SPIEGEL: Trotzki soll auch eine Affäre mit Frida Kahlo, der Lebensgefährtin Riveras, gehabt haben.
Reinerová: Tatsächlich? Davon weiß ich nichts. Die arme Frida Kahlo war schon sehr krank, als ich sie damals traf. Sie galt ja als eine der schönsten Frauen Mexikos, aber ich fand sie - um ehrlich zu sein - mehr imponierend als schön, sie strahlte eine sehr starke Persönlichkeit aus. Für mich wirkte sie ein bisschen zu hart. Vielleicht lag das an ihrem kleinen schwarzen Damenbärtchen.
SPIEGEL: Das Haus von Frida Kahlo ist heute ein Museum. Und auf der Staffelei befindet sich ein unvollendetes Stalin-Porträt, möglicherweise eines der letzten Bilder, an denen sie gearbeitet hat.
Reinerová: Wirklich? Sehr merkwürdig. Sie war doch mit dem Trotzki so eng.
SPIEGEL: Sie selbst haben mit dem Stalinismus später noch schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Wie erging es Ihnen, als Sie 1948 nach Prag zurückkamen?
Reinerová: Ich habe mich schlecht zurechtgefunden, denn ich war zu Hause und war nicht zu Hause. Ich hatte ja niemanden mehr hier.
SPIEGEL: Äußerlich hatte sich in Prag kaum etwas verändert, weil die Stadt ja wenig zerstört war.
Reinerová: Das war einerseits beruhigend. Andererseits aber auch unheimlich: Da stand dieses Prag, als ob nichts passiert wäre.
SPIEGEL: Dabei war Ihre gesamte Familie spurlos verschwunden, von den Nazis ermordet.
Reinerová: Es gab nichts, was an sie erinnerte. Nicht einmal ein Grab.
SPIEGEL: Wann haben Sie das letzte Mal von Ihrer Familie gehört?
Reinerová: Ende 1941 habe ich aus Mexiko durch Vermittlung des Internationalen Roten Kreuzes einen Brief geschickt und später erfahren, dass er auch angekommen ist. Ich schrieb meiner Mutter, ich hätte geheiratet, was damals noch gar nicht stimmte. Die Nachricht hat sie tatsächlich beruhigt.
SPIEGEL: Wie haben Sie das erfahren?
Reinerová: Es gab eine Frau in Theresienstadt, die mich von früher kannte. Sie hat überlebt und berichtete mir später eine Beobachtung von unschätzbarem Wert: "Ich habe deine Mutter in Theresienstadt ein einziges Mal strahlend gesehen, und das war, als sie mir sagte, eines von ihren drei Mädeln hätten die Nazis nicht bekommen."
SPIEGEL: Als Sie aus dem Exil nach Prag zurückkamen, hatte sich dort inzwischen Ihr Traum vom Sozialismus verwirklicht - allerdings in wenig erfreulicher Form. Wann haben Sie das bemerkt?
Reinerová: Zunächst gar nicht. Der Krieg war doch gerade erst vorbei. Und ich dachte schon, dass die das hier gut hinkriegen. Ich hatte ja die Vision von einer gerechteren Ordnung. Einige Freunde sprachen zwar oft über die politischen Prozesse in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren. Für mich war wichtig, dass die Sowjetunion den Faschismus bekämpft. Das war für mich und viele aus meiner Generation entscheidend.
SPIEGEL: Und dann wurden Sie plötzlich selbst Opfer stalinistischer Säuberungen.
Reinerová: Als ich 1952 verhaftet wurde, stand ich dem völlig ratlos gegenüber.
SPIEGEL: Was warf man Ihnen vor?
Reinerová: Bei mir stimmte Verschiedenes nicht. Mitglied der Kommunistischen Partei vor dem Krieg? Schlecht. Jüdischer Herkunft? Sehr schlecht. Emigration in den Westen? Journalistin? Ganz, ganz schlecht. Und dann hatte ich auch noch einen jugoslawischen Mann. 15 Monate saß ich in Untersuchungshaft. Danach wurde ich mit meiner Familie in die Provinz verbannt und bekam Schreibverbot.
SPIEGEL: Hat Sie das nicht erschüttert in Ihren Illusionen?
Reinerová: Natürlich hat mich das schwer getroffen. Aber nach dem Tod Stalins 1953 wurde es dann ja langsam wieder besser. Ende der fünfziger Jahre fing ich bei der Zeitschrift "Im Herzen Europas" an, einem deutschsprachigen Blatt, das die Tschechoslowakei im Ausland präsentieren sollte. Da konnte ich viele schöne Dinge machen. Zum Beispiel habe ich 1964 einen 28-jährigen Dramatiker, der mir sehr gefallen hat, übersetzt und abgedruckt. Das war ein Mann namens Václav Havel. Und plötzlich war ich auch wieder Parteimitglied. Ist uns eine Ehre, haben die Genossen gesagt, ich musste gar nichts dafür tun.
SPIEGEL: Bei Ihren sozialistischen Freunden in der DDR wehte da noch ein kälterer Wind. Dort fand 1956 gerade ein spektakulärer Prozess gegen den Leiter des Ost-Berliner Aufbau-Verlags und Regimekritiker Walter Janka statt. Kannten Sie Janka?
Reinerová: Ja, aus der Zeit in Mexiko. Ich habe mit Janka x-mal am Kaffeetisch bei Anna Seghers gesessen.
SPIEGEL: Ihrer beider Freundin hat bei dem Verfahren gegen Janka keine besonders rühmenswerte Rolle gespielt.
Reinerová: Die Anna war damals Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbands. Sie hat ja interveniert und ist zu Ulbricht gegangen. Und der hat wohl gesagt: "Das muss so sein", und dann war der Fall für Anna wahrscheinlich erledigt.
SPIEGEL: Persönliche Konsequenzen hat sie danach nicht gezogen. Dabei war Janka immerhin Chef des Verlags, in dem sie selbst publizierte.
Reinerová: Die Anna war eben ein sehr komplizierter Mensch.
SPIEGEL: Man hat ja auch nichts von ihr gehört, als 1968 Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei einfielen und den Prager Frühling niederschlugen.
Reinerová: Sie war nicht die Einzige, die schwieg. Natürlich hat mich das traurig gemacht, ich hatte ja so viel auf die Reformen gesetzt.
SPIEGEL: Wenig später waren Sie mal wieder Ihren Parteiausweis los.
Reinerová: Ja, ich bin sofort rausgeflogen. Ich hatte Publikationsverbot und durfte erst Mitte der achtziger Jahre wieder unter meinem eigenen Namen übersetzen.
SPIEGEL: Haben Sie sich noch einmal mit dem sozialistischen System versöhnt?
Reinerová: Nein, gar nicht. Wissen Sie, ich habe mir 1968 versprochen, dass ich nie wieder irgendwo Mitglied sein werde, egal wo. Denn wenn Sie Mitglied sind, müssen Sie sich doch einer gewissen Disziplin unterordnen.
SPIEGEL: Und, haben Sie das durchgehalten?
Reinerová: Nicht ganz. Als ich 80 Jahre alt wurde, bin ich zur jüdischen Gemeinde gegangen und habe mich registrieren lassen, das kam so aus einem Gefühl der Zugehörigkeit heraus. Und gut, die wollen ja nichts von mir. Als ich 85 Jahre alt wurde, bin ich bei Amnesty International eingetreten. Mal sehen, was ich mit 90 Jahren mache.
SPIEGEL: Frau Reinerová, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry und Hans-Ulrich Stoldt. * Mit Reinerová-Ehemann Theodor Balk (M.), Kisch-Ehefrau Gisl und einem Freund um 1942.
Von Martin Doerry und Hans-Ulrich Stoldt

DER SPIEGEL 40/2002
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