07.10.2002

SOZIALDEMOKRATIEWilly auf der Wolke

So einen wie ihn finden die Genossen wohl nie wieder: Zehn Jahre nach seinem Tod wird Willy Brandt immer mehr zur Ikone der SPD. Als Staatsmann brachte er Politik und Moral zusammen, der Mensch Brandt war eine komplizierte, zerrissene Persönlichkeit.
Der Kanzler wusste es schon am Abend vor der Wahl, trotz allem Zittern und Zweifeln: Er würde gewinnen. Das hatten ihm die Demoskopen von Emnid und Allensbach vertraulich aus ihren letzten geheimen Umfragen berichtet. Als ihm der SPD-Wahlkampfleiter am Sonntagabend die erste Hochrechnung per Telefon in seine Wohnung durchgibt, bleibt er äußerlich gelassen. "Ja, ja, ja, ja. In Ziffern? Ja. Gut, danke sehr."
Der 19. November 1972 ist der Höhepunkt im Leben von Willy Brandt und in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie: Mit 45,8 Prozent der Stimmen wird die SPD erstmals stärkste Fraktion im Bundestag, nie vorher und bisher auch nicht nachher erreichte die Partei bei einer Bundestagswahl einen so hohen Sieg. "This is the greatest man", sagt Senator Ted Kennedy, Bruder der ermordeten US-Politiker John F. und Robert Kennedy, spätabends auf der Wahlfeier im Kanzlerbungalow.
In sein Tagebuch schreibt Brandt unter diesem Datum: "Der Erfolg wurde gegen Überläufertum, Treulosigkeit und Kleinmut errungen. Auch gegen das große Geld, das sich für Barzel und Strauß engagierte."
Natürlich stimmten die Deutschen auch für Brandts Ostpolitik, aber vor allem für diesen Kanzler mit menschlichem Antlitz. "Willy wählen" hieß die Parole auf Buttons und Aufklebern oder "Ich bin für Willy".
Der einmalige Triumph des deutschen Sozialdemokraten war allerdings auch der Scheitelpunkt seiner politischen Laufbahn. Von da an, sagt sein engster Begleiter und Berater Egon Bahr, "ging''s bergab".
Ein Jahrzehnt nach Brandts Tod am 8. Oktober 1992 sind die dunklen Seiten seiner komplizierten Persönlichkeit in der Erinnerung der Parteifreunde verblasst, hell leuchtet die Gestalt des größten Genossen in der Geschichte der Sozialdemokratie seit dem Gründervater August Bebel.
Die Serie der Festakte zum Jahrestag beginnt am Vorabend im Stadttheater von Brandts Heimatstadt Lübeck. Günter Grass, der 1965, 1969 und 1972 die deutschen Intellektuellen mit seinem "Loblied auf Willy" in den Wahlkampf führte, möchte der SPD des 21. Jahrhunderts die Visionen des späten Brandt von einer sozialen Weltwirtschaftsordnung vor Augen führen - als Zielmarke einer globalisierten Sozialistischen Internationale.
In Berlin dann am Todestag ein sozialdemokratisches Hochamt: Bundeskanzler Gerhard Schröder legt um neun Uhr am Grab des großen Vorgängers auf dem Zehlendorfer Friedhof einen Kranz nieder. Diesen Termin hatte sich Schröder schon lange vor der Wahl freigehalten - amtierender Kanzler würde er ja am 8. Oktober auf jeden Fall sein. Abends hält Bundespräsident Johannes Rau vor der versammelten Friedrich-Ebert- und Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung die Gedenkrede.
Schon im Wahlkampf hatte Schröder sich nachdrücklich als Brandt-Erbe präsentiert. In seiner Abschiedsrede vor dem SPD-Parteitag 1987 habe der Alte sich als der vielleicht letzte Vorsitzende bezeichnet, der aus der Arbeiterschaft gekommen und in der Arbeiterbewegung aufgewachsen sei, erzählte sein Nachfolger an der Parteispitze und fügte dann mit offenem "Stolz auf eine Biografie als Arbeiterkind" hinzu: "Die erste Vermutung wurde widerlegt. Und auf dieser Basis den Herrschaftsanspruch deutscher Konservativer zurückzuweisen, das ist Teil meines Selbstverständnisses."
Wie Brandt 1972 den CDU-Kandidaten Rainer Barzel besiegte, das ahnte Schröder schon vor der Wahl, würde auch er aus ungünstiger Position den Herausforderer schlagen, einfach weil er der Sympathischere war.
Nun wird Brandts 20 Jahre alte Vision wahr, kommentierte der "Tagesspiegel": "Es gibt eine Mehrheit links von der Union." Ein historischer Sieg gewissermaßen, wie auch die "Wirtschaftswoche" betrübt feststellte: "Die strukturelle Mehrheit gehört in der Berliner Republik anders als in der Bonner der Linken."
Bis hin zu den Wahlparolen lehnte sich die SPD in der Schlussphase der Kampagne 2002 an das 30 Jahre alte Vorbild an. "Wir schaffen das moderne Deutschland", hieß es bei Brandt. "Für ein modernes Deutschland" stand auf Schröders Plakaten. "Deutsche. Wir können stolz sein auf unser Land", hatten die angeblich vaterlandslosen Genossen 1972 proklamiert, auf den "deutschen Weg" machte sich auch Schröder kurz vor der Wahl.
Die Beschwörung des großen Vorsitzenden sollte gewiss auch manche traditionellen Werte der SPD wieder ins Wählerbewusstsein rücken, die unter Schröders Kanzlerschaft verdrängt schienen, die gar der konservative Gegenkandidat zu okkupieren drohte - wie etwa die "soziale Gerechtigkeit".
Der Schatten Brandts, den Schröder beschwört, bedrückt ihn allerdings auch. Kann er der SPD eine zukunftssichere Richtung geben? Kann er wie der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik das Land mit einem historischen Schritt in neue Bahnen lenken - diesmal nicht in der Außen-, sondern in der Innenpolitik? Da belastet das Erbe besonders, denn die inneren Reformen, die Brandt so wichtig wie die Ostpolitik waren, blieben auf halbem Weg stecken - wie bei Schröder auch, bisher.
Das Vorbild Brandt macht sich Schröder gern passend. Der Zögernde, Zweifelnde, Zerrissene ist nicht sein Mann. Der Mensch, der durchaus Macht über andere zu gewinnen vermochte, besonders auch über widerspenstige Parteimenschen in der SPD, ist Schröder schon näher. Voller Triumph führt er das Brandt-Wort beim Abschied vom SPD-Vorsitz 1987 vor: "Es mag ja sein, dass Macht den Charakter verderben kann - aber Ohnmacht meinem Eindruck nach nicht minder."
Doch lässt sich für die Sozialdemokraten von heute überhaupt etwas von Brandt lernen, ohne die eigenen Vorstellungen in das Vorbild zu projizieren? SPD-Vize Wolfgang Thierse hält es mit dem Vermächtnis, das Brandt im September 1992 vom Sterbebett an die Genossen sandte: "Besinnt euch auf eure Kraft und darauf, dass jede Zeit ihre eigenen Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll." Thierses Deutung: "In diesem Sinne Willy Brandts Erbe weiterzutragen heißt politisch zu denken und zu handeln." Sehr richtig - aber doch nicht sehr richtungweisend. So wird der Staatsmann zur Statue, wie der Kanzler Brandt sich ja auch selbst öfter gesehen hat.
Als "elder statesman" war Brandt in den Jahren nach seinem Kanzlerrücktritt 1974 ein Monument seiner selbst: ein noch mal fast jugendlicher Held der Friedensbewegung beim Nachrüstungsstreit 1982/83; ein um die Zukunft des Planeten ringender Weltpolitiker als Chef der Nord-Süd-Kommission; und die unumstrittene Leitfigur der Sozialdemokraten aller Länder als Präsident der Sozialistischen Internationale.
Und er wurde zum Patrioten aller Parteien, der weit über das SPD-Milieu in Deutschland hinaus Respekt und Zuneigung gewann. Helmut Kohl war einer der letzten Besucher, für "seinen Bundeskanzler" zog der todkranke Brandt daheim in Unkel bei Bonn noch einmal den Anzug an.
Das plötzliche Ende der deutschen Teilung überraschte ihn wie die meisten - allerdings verschlief er nicht den Mauerfall, wie die Biografen im Vertrauen auf einen Bericht der letzten Brandt-Gattin Brigitte Seebacher behaupten. Mit Tränen in den Augen sang er "Einigkeit und Recht und Freiheit" in der nächtlichen Sitzung des Bundestags, in der die Sensation bekannt wurde, erzählt Hans-Jochen Vogel, sein direkter Nachfolger an der SPD-Spitze, der neben ihm stand. Brandts unvergleichliches "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" wurde zur Mahnung, Drohung und Hoffnung für alle Deutschen.
Schnell aber entschwebt das Denkmal Brandt in einer Wolke der Unverbindlichkeit. Die Konturen dieser rätselhaften, widersprüchlichen Politikerpersönlichkeit machen erst den bis heute andauernden, unverwechselbaren Brandt-Appeal aus. 33 Prozent der Deutschen sehen nach einer Umfrage von Anfang dieses Jahres Willy Brandt als Vorbild in der Politik an, noch vor Konrad Adenauer (29 Prozent), ganz weit hinten folgt Schröder mit 5 Prozent.
Eine "für einen Politiker ungewöhnliche Kombination von Eigenschaften" habe
Brandt ausgezeichnet, meint sein früherer Minister Vogel: "Machtbewusstsein, Moral, Sensibilität, Glaubwürdigkeit, Charisma". Geliebt wurde und wird dieser Willy aber, weil er bei aller Prinzipienfestigkeit in sozialdemokratischen Grundwerten auch seine Verletzbarkeit und Schwäche zeigte, auch seine Schwäche für schöne Frauen. Gehasst wurde jener Willy Brandt "alias Frahm", so die bewusst infame Titulierung durch Adenauer, ebenso: weil er auch Stärke gezeigt hatte - gegenüber den Verführungen des Nazi-Regimes, denen die meisten Deutschen erlegen waren - und wegen seiner eloquenten Eleganz und Weltläufigkeit, die er auch den erzwungenen Auslandsjahren der Emigration verdankte.
Der Hinweis auf die uneheliche Geburt des Herbert Frahm diente im spießigen Mief der Adenauer-Ära als Beleg für die ganze zweifelhafte Vergangenheit des roten Kanzlerkandidaten, ebenso wie Pass und Uniform aus Norwegen. Brandt litt allerdings auch selbst auf seine Weise unter dem fehlenden Vater. "Meine Mutterstadt" nennt er Lübeck. Die knapp 20 Jahre alte Martha Frahm zog ihren am 18. Dezember 1913 geborenen Herbert Ernst Karl zunächst allein auf - als Verkäuferin im Konsumverein musste sie den Kleinen bei einer Nachbarin in Pflege geben. Erst als der Großvater Ludwig Frahm, Landarbeiter und später Lastwagenfahrer, 1918 aus dem Krieg zurückkam, nahm er den Enkel bei sich auf.
Über den leiblichen Vater wurde nie ein Wort verloren. "Da er so offenkundig nichts von mir wissen wollte, hielt ich es auch später nicht für angezeigt, die väterliche Spur zu verfolgen", schrieb Brandt noch als 75-Jähriger mit bitterem Unterton. Nach dem Namen seines wirklichen Erzeugers fragte Brandt seine Mutter das erste Mal 1948 - "dabei die briefliche Distanz wählend". Er brauchte die Angabe für die Wiedereinbürgerung in Schleswig-Holstein. Zurück kam ein einfacher kleiner Zettel: "John Möller aus Hamburg." Was wie und wo die beiden verbunden hatte, blieb ungesagt und ungefragt.
Erst 1961 berichtete ein Unbekannter, der sich als Brandts Cousin vorstellte, dem Kanzlerkandidaten mehr von seinem Vater: ein "außerordentlich begabter" Mann, der "eine außergewöhnliche menschliche Tiefe besessen" habe. Der sozialdemokratische Lehrer musste sich in der Nazi-Zeit als Buchhalter durchschlagen und war 1958 gestorben, ohne von der Karriere seines Sohnes etwas zu ahnen.
Die üblichen Familienbande konnten Großvater und Mutter dem vaterlosen Jungen nicht bieten, aber immerhin die Sozialisierung in den proletarischen Gemeinschaften. "Mein Zuhause suchte und fand ich in der Jugendbewegung", der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) der SPD, berichtet Brandt. Mit 15 Jahren wurde er Vorsitzender der Gruppe "Karl Marx", mit 16 vorzeitig in die SPD aufgenommen. Außer für Partei und Sozialismus interessierte er sich vor allem für hübsche Junggenossinnen. Einmal beschwerten sich SAJ-Mitglieder, weil Brandt sich mit einer vor allen Augen geküsst hatte. "So war er eben", erklärte das später sein damaliger Stellvertreter Bruno Römer, "sein Bedürfnis nach Liebe war durch die unbehauste Jugend nicht gedeckt."
"Links und frei" nennt Brandt 1982 seine Memoiren über die frühe Zeit von 1930 bis 1950, bevor er im Nachkriegs-Berlin zu einer Parteigröße aufstieg. Die SAJ war allerdings linker und freier als die Mutterpartei, und nach gerade einem Jahr trennte sich das Jungmitglied 1931 wieder von der SPD, weil sie Brandt und vielen in der Arbeiterjugend "kompromisslerisch-schwächlich" vorkam.
Als einige von der SPD-Führung ausgeschlossene Reichstagsabgeordnete eine neue linkssozialistische Gruppe, die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), gründeten, trat Brandt mit einem großen Teil seiner Lübecker Arbeiterjugend über. Doch die Stimmerfolge waren minimal - in Lübeck etwa hatte die neue Partei kaum mehr Wähler als eingeschriebene Mitglieder.
Der Übertritt kostete den knapp 18-Jährigen einiges: seine Mitarbeit bei der SPD-Zeitung "Lübecker Volksbote", die mit einem Preis (ein Band des "Lederstrumpf") bei einem Kinder-Schreibwettbewerb begonnen hatte, und die Freundschaft seines ersten väterlichen Förderers Julius Leber, Lübecker SPD-Führer und Chefredakteur des "Volksboten". Ein Vorbild war der spätere Widerstandskämpfer ihm damals jedenfalls: "Ein höheres Lebensziel als das eines Chefredakteurs und Reichstagsabgeordneten konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen."
Ein "politischer Fehler" sei die Gründung der linkssozialistischen Partei in der Rückschau, schrieb Brandt 1982. Für seine weitere politische Karriere brachte ihm die SAP-Mitgliedschaft zwar zahlreiche Diffamierungen von rechts als "Kommunist" ein, bei den Linken der Studenten- und Friedensbewegung dagegen machte ihn gerade dieser Teil seiner Biografie als Integrationsfigur glaubwürdig. Selbstbewusst steht er denn auch dazu: "Die Gesinnung, aus der heraus ich entschied, bedarf keiner Entschuldigung."
Auch das Exil verdankte er der Partei. Nach Hitlers Machtergreifung sollten einige SAP-Genossen vom Ausland aus die illegale Arbeit in Deutschland unterstützen. Nach dem Krieg verwendete Brandt einige Mühe darauf darzulegen, dass er als "politischer Flüchtling" Deutschland verlassen musste und nicht etwa als "Berufsrevolutionär" ins Ausland gegangen sei. In dem Klima der Verleumdung von Emigranten war das verständlich. Franz Josef
Strauß etwa fragte demagogisch danach, was Brandt zwölf Jahre "draußen" gemacht habe: "Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben."
Das Exil war, soweit man das sagen darf, ein Erfolg. Erstaunlich schnell machte Brandt Norwegen zu seiner zweiten Heimat. Den "Kampfnamen" Willy Brandt hatte er schon kurz vor der Emigration angenommen, weil er für nordische Ohren vertraut klang. Die Sprache, die er zuvor schon bei seiner Tätigkeit für einen Lübecker Schiffsmakler üben konnte, lernte er bald so perfekt, dass er bei Kontrollen im Ausland als Norweger durchging. Mit Artikeln für die norwegische Gewerkschaftspresse und auch für Blätter in den Niederlanden und der Schweiz konnte er sich ein eigenes Einkommen schaffen.
Seine Lübecker Freundin Gertrud Meyer, SAP-Genossin und Karstadt-Verkäuferin, war ihm nach Oslo gefolgt und arbeitete als Sekretärin für den Sexualforscher Wilhelm Reich. Zusammen konnten sich die beiden jungen Leute bald eine kleine Neubauwohnung leisten. Der später zunehmend exzentrische Reich wurde Brandt ein "anregender und phantasievoller Gesprächspartner" bei Debatten über "Politik, Literatur und Sexualverhalten".
Neben einem fast bürgerlich geregelten Exilleben sorgte die politische Arbeit im Dienst der SAP für Abenteuer und Aufregung. Ein konspirativer Aufenthalt in "Metro", so nannte die SAP-Führung die Reichshauptstadt, sollte 1936 die zersplitterte Gruppe der Berliner Genossen wieder zusammenführen. Seine Berichte an die Pariser Zentrale schrieb der als norwegischer Student getarnte Brandt mit Geheimtinte in der Pension der netten Wirtin Hamel am Kurfürstendamm - hart war das Agentenleben: "keine Flirts, kein Alkohol".
Im Jahr darauf, 1937, entsandte ihn die Partei mitten in den Spanischen Bürgerkrieg nach Barcelona. Er sollte den Kontakt zur "Bruderpartei" der SAP in Spanien, der marxistischen Arbeiterpartei POUM, herstellen. In den vergifteten Wahlkampagnen des Nachkriegsdeutschlands wird Brandt dann zum "Rotfrontkämpfer" - doch eine Waffe hatte er nie in der Hand, er benutzte nur seine Schreibmaschine.
Die Jahre des Exils - nach Norwegens Besetzung ab 1940 in Schweden - waren für den jungen Radikalen auch eine Lehrzeit in Sachen Sozialismus. Am Ende führten die Erfahrungen der Emigration ihn zurück in die Arme der Sozialdemokratie. Schon die norwegische Arbeiterpartei DNA, die ursprünglich den radikalen Idealen von Brandts SAP nahe stand, hatte sich auf dem Weg zur Regierungsmacht einem volkstümlichen, parlamentarischen Sozialismus zugewandt.
Die Erfahrungen mit den zerstrittenen Fraktionen in Berlin und Barcelona entfremdeten Brandt weiter von der SAP. Im Oktober 1944 trat er mit der Stockholmer SAP-Gruppe zur SPD über.
Am meisten, sagt der Brandt-Biograf Peter Merseburger, habe ihn bei seinen dreieinhalbjährigen Recherchen überrascht, wie früh der Politiker schon daran gedacht habe, einen Platz in der Geschichte einzunehmen.** Jedes auch noch so kleine Fitzelchen Papier von seiner Hand habe er sorgsam über die Fährnisse der Jahrzehnte bewahrt.
Dem westdeutschen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dient sich der Sozialdemokrat mit norwegischem Pass für den "Neuaufbau Deutschlands" an. Die Offerte, Bürgermeister seiner Heimatstadt Lübeck zu werden, hat er zuvor freilich ausgeschlagen - er will nicht lokal, sondern zentral wirken.
Im Spätsommer 1947 bekommt Brandt ein Angebot, das ihn unmittelbar an die sozialdemokratische Machtzentrale in Hannover anbindet: Die Vertretung des SPD-Vorstands in Berlin, insbesondere bei den Alliierten. Brandt nimmt an, nicht ohne selbstbewusst gegenüber dem autoritären SPD-Chef Schumacher zu betonen: "Ich behalte mir vor, mir über neu auftauchende Fragen selbst den Kopf zu zerbrechen."
Der erste Nachkriegsvorsitzende der Partei, der die Nazi-Jahre nur unter schweren Gesundheitsschäden im KZ überlebte, ist überhaupt nicht der Fall des jungen Genossen mit gerade erst abgeschlossener radikalsozialistischer Vergangenheit. "Die an Fanatismus grenzende Unbedingtheit, mit der er an einer einmal gefassten Entscheidung festhielt, seine Art des Redens und die Überbetonung nationaler Gesichtspunkte - ich könnte nicht behaupten, dass ich mich mit Schumacher wesensverwandt fühlte."
Vielmehr findet sich Brandt bei Ernst Reuter geborgen, dem legendären Bürgermeister während der sowjetischen Berlin-Blockade 1948/49. Er war Emigrant wie Brandt und wegen einer kurzen Zeit als Generalsekretär der KPD nach dem Ersten Weltkrieg hin und wieder als "Kommunist"
verschrien. Geduldig hört Reuter auch abwegigen Meinungen zu und weiß als klassisch gebildeter Humanist um die Grenzen aller menschlichen Bemühungen, lobt Brandt: "Er wurde zu meiner stärksten Erfahrung mit sozialdemokratischer Führerschaft."
In den frühen SPD-Jahren hat Brandt oft das Gefühl, "mehr leisten zu können, als mir abverlangt wurde". Er ist seit 1949 Berliner Bundestagsabgeordneter, seit 1950 auch Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Aber bekannt ist er nur im engeren Parteikreis als begabter Debattenredner. Der Durchbruch als Politiker in Berlin gelingt Brandt im November 1956 bei einer erregten Demonstration gegen die sowjetische Niederschlagung des Ungarn-Aufstands.
Ein Teil der aufgebrachten Menge will vom Rathaus Schöneberg zur Sowjetbotschaft Unter den Linden marschieren - am Brandenburger Tor warten schussbereite Volkspolizisten, in den Seitenstraßen dahinter russische Panzer. Brandt fürchtet das Schlimmste: "Wenn die Sowjets in einen Kampf verwickelt worden wären, hätte das den Krieg bedeuten können." Während die Phrasen dreschenden Parteifunktionäre ausgepfiffen werden, kann Brandt die Herzen der Demonstranten erreichen und sie auf ein Ziel im Westen umlenken. Besänftigt singen Prostestierer und Polizisten unter seiner Führung das Lied vom guten Kameraden.
Sein Charisma bei Großkundgebungen wird bald legendär, ebenso wie seine dagegen merkwürdige Kühle und Distanz im unmittelbaren Umgang. Auf unnachahmliche Weise konnte Brandt durch Menschen hindurchsehen, die direkt vor ihm standen. Auch mit engen Vertrauten sprach er ungern über Persönliches. Wenn es feuchtfröhlich wurde, erzählte er unaufhörlich Witze, lachte selbst darüber am meisten - und hielt so Abstand, wo andere zu rührseligen Bekenntnissen ansetzten.
Schon möglich, dass seine "unbehauste Jugend", wie er dieses Kapitel seiner Memoiren betitelte, ihn scheu und schwierig bei der Bindung an Menschen, nicht aber an Massen gemacht hat. Aber die "Entwirrung von Kindheitsproblemen" durch die Psychoanalyse zu versuchen, dazu hatten ihn Beobachtungen im Osloer Umkreis von Wilhelm Reich nicht gerade ermutigt: "Ich bestand das Leben auch ohne diese Hilfe."
Mit den Frauen allerdings war es dennoch nicht einfach. Seine frühe Gefährtin aus Lübeck, Gertrud Meyer, hatte sich unter Qualen von ihm getrennt und war 1939 als Assistentin von Reich in die USA gegangen. Mitten in der Zeit der deutschen Invasion gründete Brandt mit der neun Jahre älteren norwegischen Intellektuellen Carlota Thorkildsen, die ein Kind von ihm erwartete, eine Familie - "ein Stück Halt in der Flucht der sich überstürzenden Ereignisse". Es hält nicht lange - zu viel Politik, zu wenig Privatheit, wie Brandt beiläufig einmal schreibt? Oder war die emanzipierte Intellektuelle zu anspruchsvoll und fordernd, wie ein Freund des Paars glaubt?
Jedenfalls verliebte sich der junge Ehemann und Vater Ende 1943 in Stockholm in die norwegische Sozialistin Rut Bergaust, die noch mit einem schwer Tbc-kranken Mann verheiratet war - er starb 1946. Die Romanze hatte einen schwierigen Start. "Willy war auch nicht im Stande, sich zu entscheiden", erinnert sich die Geliebte, er zog bei Carlota aus und wieder ein. Er fürchte, er sei für eheliche Verhältnisse nicht geschaffen, schrieb Brandt an Rut: "Selbstverständlich soll man sich einander anpassen, aber niemals so, dass man sich selbst aufgibt."
Dennoch heiratete der schwierige Partner 1948 "die Arbeitertochter aus Hamar, der ich viel verdanke - nicht nur, weil wir dreieinhalb Jahrzehnte zusammenlebten (und drei Söhne aufzogen)" - so sein knappes Resümee von 1982, als er sich schon länger einer jungen Blondine aus der SPD-Pressestelle zugewandt hatte.
Rut und Willy Brandt sind für die entscheidenden Jahre seiner politischen Karriere in Berlin und dann in der Bundesrepublik ein glamouröses öffentliches Paar. Rut, eine First Lady aus natürlichem Talent, machte mit ihrem ungezwungenen, offenen Wesen eine Menge gut von dem, was der mitunter schroffe, verschlossene Ehemann bei anderen Menschen anrichtete. Die beiden Arbeiterkinder brillieren in eleganten Roben auf den Bällen der piefigen Frontstadt, in den Hauptstädten des Westens beeindrucken sie als neue, weltgewandte Vertreter eines gerade noch gefürchteten und verachteten Knobelbecher-Deutschlands.
Hinter der glänzenden Fassade erlebte die Ehe ihre Krisen und Affären, eine davon wurde noch vor dem spektakulären Fall Guillaume auch zum Politikum. Der Bonner Abgeordnete Brandt hatte Anfang der fünfziger Jahre eine Liaison mit einer attraktiven Kölnerin, einer ehemaligen Bundestagssekretärin, die inzwischen mit einem Journalisten einen "Bonner Informations-Brief" herausgab. Zwischen Brandt und seiner Geliebten Susanne Sievers entwickelte sich ein besonderer Briefwechsel, leidenschaftliche Bekenntnisse zwischen "Bär" und "Puma".
Susanne Sievers hat einen bewegten Hintergrund, als "Johanna" und "Lydia" im Dienst der DDR-Stasi und später als Mitarbeiterin in Rainer Barzels rechtem Kampfbund "Rettet die Freiheit". Im schmutzigen Wahlkampf 1961 bringt ein ominöser Publizist die alten Briefe als Broschüre heraus, mit dem denunziatorischen Titel "... da war auch ein Mädchen". Die Kampagne deprimiert Brandt zutiefst - am liebsten würde er den Posten, den er seit vier Jahren innehat, hinwerfen: Regierender Bürgermeister von Berlin.
Mit diesem "Regierenden" beginnt der Willy Brandt, der in die Geschichtsbücher eingeht. Lange genug hatte er ohnehin warten müssen, bis er jene "wichtige politische Rolle in Deutschland" übernehmen konnte, die er sich schon 1937 im Osloer Exil prophezeit hatte.
Der 1957 gewählte erste Mann der Frontstadt gibt eine Doppelrolle: einerseits ein Kalter Krieger ganz auf der Linie der Adenauer-Regierung, der argwöhnisch alles meidet, was nach Anerkennung der DDR aussehen könnte, und beim Mauerbau die "Spalter Deutschlands" als "Mächte der Finsternis" geißelt; andererseits ein hochmoderner Politiker, der als Erster in Deutschland die Medien bedenkenlos für sich vereinnahmt. Bruno Kreisky, sein Freund aus der Emigration, später österreichischer Bundeskanzler, fürchtete, dass dabei "die Versuchung, publicity und policy zu verwechseln oder gar gleichzusetzen, zu groß werden könnte".
Sein Wahlkampfberater Klaus Schütz, der die Kampagnen der US-Präsidenten studiert hatte, stilisierte den SPD-Kanzlerkandidaten des Jahres 1961 als "deutschen Kennedy". "Weg von der Partei - hin zur Person" hieß die Devise. Die Partei musste irgendwie zusehen, dass sie nicht zu weit
hinter der Person herhinkte. Brandt hatte seine radikalsozialistischen Überzeugungen schon vor der Rückkehr nach Deutschland abgelegt. Die SPD kam erst mit dem Godesberger Programm von 1959 und Herbert Wehners Bekenntnis zur Westintegration der Bundesrepublik dort an, wo Brandt schon war.
Brandt selbst musste noch die Wende vom Kalten Krieger zur "elastischen Ostpolitik" schaffen - so nennen er und sein Berater Bahr, damals zunächst Pressechef des Bürgermeisters, die neue Haltung gegenüber den "Mächten der Finsternis". Was Brandt als Außenminister und Bundeskanzler dann historisch auf gleiche Höhe mit Adenauer heben wird, die Entspannungspolitik und Aussöhnung mit dem Osten, das hat er in Berlin nach dem Mauerbau gelernt. Die neuen Ostpolitiker begannen, mit dem eigentlich nicht existierenden DDR-Regime über "kleine Schritte" zu verhandeln, um die Mauer wenigstens etwas durchlässig zu machen.
Die Niederlage bei der Bundestagswahl 1965 - ein Sieg gegen den als schwächlich geltenden CDU-Kanzler Ludwig Erhard schien den Sozialdemokraten schon sicher - traf Brandt schwer. Es war mehr als das inzwischen gewohnte "Er kriegt seine Grippe", wie der Vertraute Schütz die herbstlich-depressive Auszeit des Chefs nannte. Der über 50-Jährige zweifelte am Leben, seiner Leistung und grübelte alkoholisch betäubt über einen frühen Tod nach. Im Herbst des folgenden Jahres verstärkte ein schwerer Anfall mit Erstickungsängsten und Herzbeklemmungen noch die allgemeine Niedergeschlagenheit. Brandt meinte, nun müsse er sterben.
Vier Tage nach diesem Anfall brach die Regierung Erhard durch Auszug der FDP-Minister auseinander. Die SPD war wie von Wehner geplant endlich regierungsfähig - wenn auch erst mal nur als Juniorpartner einer Großen Koalition. "Dass ein Mann meiner Überzeugungen der deutsche Minister des Auswärtigen" in der neuen Regierung wird, war für Brandt von bewegender Bedeutung, wie wohl für jeden, der "Sinn für Geschichte hat". Doch er konnte erst wenig von dem umsetzen, was sein Vordenker Bahr und er selbst unter Ostpolitik und einem neuen Verhältnis zur DDR verstanden - die CDU/CSU hielt stur an der Nichtanerkennungsdoktrin fest.
Dann aber streifte Brandt der Mantel der Geschichte. Am Abend der Wahl des Jahres 1969 erkennen die Parteifreunde ihren Willy kaum wieder. Ohne Zaudern und Diskutieren nutzt er die äußerst knappe Mehrheit für eine SPD/FDP-Koalition. Wehner und viele andere in der Parteiführung hatten eigentlich weiter auf eine Große Koalition gesetzt. Brandt ergreift energisch die Chance, Kanzler zu werden, telefoniert dreimal mit dem FDP-Vorsitzenden Walter Scheel und erklärt kategorisch: "Wir machen es."
Dies werden Brandts beste Jahre. In einem Tempo sondergleichen zieht er sein Entspannungsprogramm durch: die Anerkennung aller Grenzen und den Verzicht auf Gewalt in den Verträgen mit Moskau und Warschau, das Berlin-Abkommen der vier Alliierten und den Grundlagenvertrag mit der DDR, die den Zugang zu West-Berlin sichern und die Beziehungen zu Ost-Berlin normalisieren. Seine großen Gesten bleiben im kollektiven Gedächtnis haften: der Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal, die beschwichtigenden Handbewegungen am Erfurter Hotelfenster, während die DDR-Bürger "Willy, Willy" rufen.
Die Entspannung und Öffnung gen Osten ("Wandel durch Annäherung") hat letztlich den Weg zum Fall der Mauer bereitet. Es kam so, wie es 1958 der neue Regierende Bürgermeister Willy Brandt und der US-Vizepräsident Richard Nixon, damals beide ausgewiesene Kalte Krieger, bei ihrem ersten Gespräch in Washington vorausgesehen hatten. Sie wollten den Kulturaustausch mit dem Ostblock verstärken, weil nicht der Westen fürchten müsse, dadurch "vergiftet" zu werden, so Brandt, "sondern die andere Seite".
Die Welle der Sympathie, die dem Kanzler nach 1970 entgegenbrandete, hatte natürlich nichts mit diesem schnöden Kalkül zu tun. Was jetzt solchen bleibenden Eindruck machte, war der ungewöhnliche Einklang von Politik und Moral, den zum Beispiel die Bilder aus Warschau zeigten.
Zugleich war Brandt jene Symbolfigur der SPD, die noch am ehesten die nach links abdriftende Jugend der Studentenbewegung einfangen konnte ("Mehr Demokratie wagen"). In der Familie hatte er es ja selbst mit zwei radikalisierten Söhnen zu tun. Der ältere, Peter, wurde 1968 sogar wegen zweier Demonstrationsdelikte ("Auflauf") verurteilt. Brandt habe seine eigene linkssozialistische Vergangenheit nie verleugnet, meint Peter Brandt, heute Historiker und Professor der Fernuniversität Hagen, sondern als ein aus den Umständen verständliches Stadium seiner politischen Entwicklung gewertet: "Trotz der ganz anderen historischen Konstellation erinnerte ihn das Geschehen der Jahre vor und um 1968 an die eigene Jugend."
Glück habe sein Vater allerdings gehabt, dass er gerade rechtzeitig vor der Erschießung von Benno Ohnesorg und dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke aus Berlin weggekommen sei und während der dramatischen Ereignisse nicht direkte politische Verantwortung in der Stadt tragen musste: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Wandlung seines öffentlichen Images zu dem eines Förderers der kritischen Jugend andernfalls so reibungslos vonstatten gegangen wäre."
Der einmalige Wahlsieg vom 19. November 1972, nach Barzels verunglücktem Misstrauensvotum, bestätigt Brandt, den Moralisten und Integrator. Aber der ahnt sehr wohl, dass er letztlich anderen Maßstäben genügen muss. Schon 1969 hatte er bekannt, "dass diese Regierung in erster Linie nach ihren Reformleistungen bewertet werden wird". Ein hoher Ton des Reformator Germaniae durchzog seine Reden: "Dauerhafte Sicherheit kann es in einer entwickelten Gesellschaft nur durch Veränderung geben." Der Kanon der Erneuerung klingt seltsam bekannt: Reform von Steuern, Verwaltung, öffentlichem Dienst, Bildung, Bodenrecht.
Schon vor dem Sieg von 1972 beklagt Brandt aber selbst den "inflatorischen Umgang mit dem Wort Reformen", und seine Aufzählung der Erfolge wie Betriebsverfassungsgesetz, flexible Altersgrenze, 624-Mark-Gesetz, Vorsorgeuntersuchungen gegen Krebs oder Unfallversicherung für Schüler klingt eher kläglich. Die wirtschaftliche Entwicklung ist nicht günstig für einschneidende Veränderungen, die Zahl der Arbeitslosen steigt rapide. Seinen Superminister für Wirtschaft und Finanzen, den Ökonomieprofessor Karl Schiller, hatte Brandt schon in der vorhergegangenen Wahlperiode verloren, nun setzt sich der gewichtige Gewerkschaftschef Heinz Kluncker mit überzogenen Lohnforderungen im Öffentlichen Dienst durch - Gift für die Konjunktur und den Kanzler.
Es geht bergab, auch mit Brandt. Noch einmal holt ihn auf verquere Weise seine Vergangenheit ein. Fraktionschef Wehner hat ihm zwar den Weg in die Regierung geebnet, stand aber in der Emigration lange auf der gegnerischen, der sowjetischen Seite. Im September 1973 fährt Wehner gerade von Moskau aus eine heftige Attacke, aus der alle Affekte zweier völlig disparater politischer Biografien sprechen: "Der Kanzler badet gern lau - so in einem Schaumbad", die "Nummer eins" sei "entrückt" und "abgeschlafft " . Gegenüber einstigen kommunistischen Genossen soll sich Wehner noch schlimmer geäußert haben: "Der ist ein Verräter", hörte Brandts Freund Bahr von Moskauer Quellen als Beurteilung über Wehner.
Und dann wird Brandt der ewige Willy zum Verhängnis, der Mann, der die Frauen liebte. Als der DDR-Spion Günter Guillaume im April 1974 verhaftet wird, steht nicht etwa ein Geheimdienstskandal auf der Tagesordnung, sondern das Liebesleben des Kanzlers. Der Verfassungsschutz verfertigt ein kurioses Dossier d''Amour, Liebesfälle des Chefs, die sein verräterischer Adjutant womöglich beobachtet oder gar gefördert und an den Feind gemeldet haben könnte. Der 60-Jährige ist geschmeichelt über die Fülle der Fälle, aber er will keine öffentliche Auseinandersetzung über Indiskretionen aus seinem Privatleben.
Am Wochenende des 4. auf den 5. Mai verkündet Brandt einer SPD-Klausur in Bad Münstereifel seinen Rücktritt. Helmut Schmidt, der sein Nachfolger wird, schreit ihn an: "Wegen dieser Lappalien kann ein Bundeskanzler sein Amt nicht aufgeben!"
Dieser Rücktritt, den er allerdings bald bereut, verklärt den Nimbus nur noch weiter: Nicht an der Macht, an der Menschlichkeit hängt dieser Mann offenbar mit unerschütterlicher Melancholie. "Jedes Leben ist von innen her gesehen nichts weiter als eine Kette von Niederlagen", notiert er einen Satz des englischen Schriftstellers George Orwell auf einem Zettel, der sich nach seinem Tod in einer Mappe in seinem Haus in Unkel findet.
Seine Genossen verehren den abgedankten Kanzler nun abgöttisch und verspotten ihn zugleich auch gern als abgehobenen "Willy Wolke". So einen wie ihn finden sie dennoch nicht so schnell wieder.
Willy Brandt wusste das wohl. Als ihm Zürcher Sozialdemokraten 1964 eine goldene Taschenuhr des Parteigründers Bebel schenkten, nahm der Parteivorsitzende sie stellvertretend für die deutsche Sozialdemokratie an, mit dem Versprechen, das kostbare Andenken an seinen Nachfolger weiterzugeben.
Offenbar fand sich kein würdiger Uhrträger. Bebels Zeitmesser liegt auf Hochglanz poliert in einer Glasvitrine im Schöneberger Rathaus zu Berlin - in der Gedenkstätte Willy Brandt.
MICHAEL SCHMIDT-KLINGENBERG
* Kleinere Kopie der Skulptur von Rainer Fetting im Willy-Brandt-Haus. * Mit US-Präsident John F. Kennedy (l.), Kanzler Konrad Adenauer. ** Peter Merseburger: "Willy Brandt 1913-1992. Visionär und Realist". DVA, Stuttgart/München; 928 Seiten; 32 Euro. * Mit Kanzleramts-Staatssekretär Egon Bahr, Außenminister Walter Scheel, Regierungssprecher Rüdiger von Wechmar, AA-Staatssekretär Paul Frank. * Mit Fraktionschef Herbert Wehner (l.) und Finanzminister Helmut Schmidt (r.) auf dem SPD-Parteitag in Hannover.
Von Michael Schmidt-Klingenberg

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SOZIALDEMOKRATIE:
Willy auf der Wolke

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Beeindruckende Aufnahmen Lawinensprengung in der Schweiz

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