14.10.2002

Dr. Seltsam weiß von nichts

Fehlinformationen westlicher Geheimdienste nützen Saddam Hussein im Propagandakrieg.
Wer eine seiner Chemiefabriken sehen will, den lässt Exzellenz Abdulillah Mohammed nicht lange warten. "Welche Anlage dürfen wir Ihnen anbieten?", fragt Saddam Husseins Landwirtschaftsminister in Bagdad und greift gleich zum Telefon, um Fahrer, Autos und Experten für einen Besichtigungstrip zu organisieren. "Wir haben nichts zu verbergen. Schauen Sie sich um, wo immer Sie wollen."
Hakam, Daura, Falludscha II oder III - das Angebot des Ministers entspricht der langen Liste chemischer und biologischer Produktionsanlagen in und um Bagdad, die von amerikanischen und britischen Geheimdiensten zusammengestellt wurde. George W. Bush und Tony Blair zitieren in ihren Brandreden gegen den Diktator vom Tigris immer wieder aus dieser Liste. Seit dem Abzug der Uno-Inspektoren 1998, so ihr Vorwurf, lasse Saddam hier wieder Massenvernichtungswaffen herstellen.
In der 1996 stillgelegten Fabrik Daura zum Beispiel, so hatte die Uno damals festgestellt, war an der Erforschung und Entwicklung von biologischen Waffen gearbeitet worden. Mitte September behauptete die US-Regierung, nach dem Abzug der Inspektoren habe die Produktion erneut begonnen und bereits wieder 25 Prozent ihrer alten Kapazität erreicht.
"Alles Unsinn", sagt Agrarminister Mohammed, "gehen Sie hin, überzeugen Sie sich selbst."
Eine gute Viertelstunde dauert die Fahrt in Dr. Fadhil Dschassims Dienst-Jeep hinaus nach Daura, 15 Kilometer südlich von Bagdad, und die Miene des Ministerialdirektors wird mit jedem Kilometer düsterer. Dschassim, 56, ein Tierarzt und heute oberster Veterinär des Irak, hatte in den achtziger Jahren selbst die Anlage geleitet. Inspektoren hin, Biowaffen her - der trostlos in der Hitze vor sich hin rottende Fabriktorso liegt diesem Dr. Seltsam offensichtlich noch immer am Herzen.
Ein französisches Chemieunternehmen hat Daura Ende der siebziger Jahre als Fabrik zur Herstellung von Impfstoff gegen Maul- und Klauenseuche (MKS) gebaut und 1981 schlüsselfertig an die Iraker übergeben - eine "von nur vier derartigen Anlagen weltweit", hebt Dschassim hervor: "Eine schöne, eine teure Fabrik, aber völlig harmlos. Ein paar hundert Meter von hier ist eine Schule, daneben hatten wir früher eine Fleischfabrik."
15 Jahre lang habe der Irak in Daura nichts als Impfstoff gebraut, zum Segen für sich selbst und - bis zum Golfkrieg - für seine Nachbarn: MKS-Serum sei ein sehr teures Medikament und ein Exportschlager in der ganzen Region gewesen.
Doch 1996 war Schluss. Das Inspektorenteam unter Führung des schwedischen Uno-Diplomaten Rolf Ekeus erschien auf dem Fabrikgelände, gab sein Untersuchungsergebnis bekannt und demontierte die Anlage gründlich: Die Fermenter-Kessel wurden abgeschraubt, zersägt und weggeschafft, Wasser-, Strom- und Chemikalienleitungen gesprengt. Oben auf dem Dachboden ließen die Inspektoren die Luft-Zubringer der Klimaanlage aufschneiden und gossen Beton hinein.
Etwa 50 Mitarbeiter, klagt Ex-Direktor Dschassim, seien damals "wie Verbrecher an die Wand gestellt" worden - obwohl sie doch nichts als literweise harmlosen Impfstoff hergestellt hätten, der heute, längst verfallen, im Lager vergammelt.
Staubige Spinnweben hängen überall von den Decken, Kalenderbilder von 1995, selbstverständlich mit dem Konterfei des Präsidenten, vergilben an den Wänden der Laborräume - dass hier seit Jahren nichts mehr produziert wurde, erschließt sich selbst dem Auge des Laien.
Im Juli war der Deutsche Hans von Sponeck hier, bis März 2000 Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe im Irak. Sein Fazit: Die Impfstoff-Fabrik Daura, nach britischen und US-Dossiers angeblich wieder aufgebaut und bis heute aktiv, ist ein für alle Mal zerstört und völlig unbrauchbar. Wer etwas anderes behaupte, so der Uno-Diplomat, trage zu einer "systematischen Kampagne von Falsch- und Fehlinformationen der US-Behörde" bei.
Sponeck war auch bei Dr. Heidar Hassan zu Besuch, dem Direktor der Chemiefabrik Falludscha III, eine gute Autostunde nordwestlich von Bagdad. Falludscha, im Gegensatz zu Daura, sieht alles andere als harmlos aus: Ein zwei Meter hoher Stacheldrahtzaun ist rund um das riesige Gelände mitten in der Wüste gezogen, auf dem Dach des Wachhäuschens an der Einfahrt ist hinter Sandsäcken ein MG-Stand postiert.
Direktor Hassan hingegen ist die Gemütlichkeit in Person: Wo Kollege Dschassim Sarkasmus spüren lässt gegenüber den wissenschaftlich teilweise unter seiner Qualifikation stehenden Inspektoren, macht der Chef von Falludscha lieber Witze über die Amerikaner.
"Auf diesem herrlichen Turm hier", sagt er, "hatten die Inspektoren Kameras installiert, mit denen sie jeden Winkel dieser Fabrik ausleuchten und die Bilder live nach Washington übertragen konnten. Hat Clinton vor vier Jahren alles höchstpersönlich runterschießen lassen."
Falludscha III, hatten die Inspektoren einst festgestellt, war in den achtziger Jahren an Saddams Bio- und Chemiewaffenprogramm beteiligt. Die US-Regierung geht weiter: Auch nach der Zerstörung der Anlage 1991 und dem Abzug der Inspektoren versuche der Irak, "seine Aktivitäten in Falludscha zu verschleiern". Eine aktuelle CIA-Studie vom Oktober verweist auf die mögliche Wiederaufnahme der Rizin-Produktion, einer Substanz, die zur Herstellung von Biowaffen geeignet ist.
Stimmt nicht, sagen die Iraker, die Fabrik produziere heute wie damals nichts als Pestizide und Insektizide, Spezialdünger und Rattengift. Chemiewaffen? Nie davon gehört.
Genüsslich lässt Hassan seinen Besuchern jeden einzelnen Fabrikschuppen öffnen, und zumindest der Augenschein gibt ihm Recht: Männer in abgewetzten Overalls füllen, zum Teil mit bloßen Händen, Dünger in Kanister, Granulat in Tüten, Pulver in Flaschen. Von jeder Packung Schmeißfliegengift und Agrarpestizid reißt Hassan ein Etikett ab und drückt es seinen Besuchern in die Hand: "Lassen Sie sich's zu Hause von jemandem erklären - das ist Dutzendware, die Sie auf jedem Landmarkt finden."
Ja, räumt er ein, man habe 1998 tatsächlich neben der Ruine der alten Rizin-Anlage eine kleine neue aufgebaut. Der Plan sei gewesen, daraus wertvollen Grundstoff für die Herstellung von Bremsflüssigkeit selbst zu extrahieren. Schon nach wenigen Monaten habe man das Projekt, bei dem allerdings auch das hochgiftige Rizin anfalle, aber wieder aufgegeben: "Zu teuer, zu aufwendig, wir holen uns das Zeug jetzt wieder aus dem Ausland."
Die Rizin-Anlage, um die die Chemiker von Falludscha eine kleine Hecke aus Rizinusstauden angepflanzt haben, wird inzwischen ausgeschlachtet, um defekte Tanks und Leitungen in den Dünger- und Pflanzenschutzabteilungen zu ersetzen. "Auf dieser Anlage", sagt Fabrikdirektor Hassan, "können Sie nicht mal mehr das Abführmittel Rizinusöl produzieren."

DER SPIEGEL 42/2002
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