14.10.2002

„Leben habe ich nicht gelernt“

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig, 61, über den Georg-Büchner-Preis, der ihm am übernächsten Samstag in Darmstadt verliehen wird, über vergeudete Jahre und den Traum der DDR-Regenten vom dichtenden Arbeiter
SPIEGEL: Herr Hilbig, Sie sind ein fleißiger Autor, aber kein fleißig gelesener. Seit Sie vor mehr als 20 Jahren mit einem Gedichtband debütierten, haben Sie mehr als 20 von der Kritik oft heftig gelobte Bücher veröffentlicht - und doch war keines ein großer Publikumserfolg. Woran liegt das?
Hilbig: Ich gelte als schwierig und düster. Das wollen die Leute nicht lesen. Ich bin keiner, der besonders viel Spaß macht.
SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht? Eines Ihrer erfolgreicheren Bücher, die Erzählung "Die Weiber", schildert finstere DDR-Realität mit sehr komischen Zügen.
Hilbig: Ja, merkwürdig, dass sich gerade das ganz gut verkauft. Ich habe das Gefühl, die heute 20-Jährigen wollen plötzlich wissen: Wie war das damals in der DDR, was war da los?
SPIEGEL: Die Neugier ist kaum verwunderlich, wenn man sieht, wie etwa das Klischee gepflegt wird, die DDR sei eine erotisch befreite, jedenfalls sexuell freizügige Zone gewesen. War sie''s wirklich?
Hilbig: Ich habe das so nicht erlebt. Ich bin immer nur frustriert durch die DDR gerast. Als Arbeiter und Schriftsteller, der damals ja noch nix veröffentlicht hat, war man ein Spinner und hatte es bei den Frauen schwer. Außerdem bin ich erst bei meiner Mutter ausgezogen, als ich 37 oder
38 war. Sehr merkwürdig. Aber es war schwierig, als Junggeselle in der DDR eine Wohnung zu kriegen. Dafür hätte man heiraten müssen. Da bin ich dann lieber bei Frauen untergekrochen, die selbst eine Wohnung hatten. Ich bin ja bis heute nicht sesshaft geworden. Ich nenne meine Wohnung hier in Berlin zum Beispiel einen "Waggon". Die sieht auch so aus, nicht wahr? Es liegt alles auf dem Fußboden herum.
SPIEGEL: Wie lange leben Sie schon am Prenzlauer Berg?
Hilbig: Seit 1994. Der Vorteil ist, dass uns nie die Mieten erhöht werden - weil unten im Erdgeschoss dieses Etablissement ist; die nennen sich Saunaclub, aber es weiß jeder, dass es ein Bordell ist. Früher war es sehr laut, fast jede Woche war eine Polizeirazzia hier. Inzwischen spielt sich alles ruhiger ab.
SPIEGEL: Sie bekommen nun die wichtigste Auszeichnung des deutschsprachigen Literaturbetriebs verliehen - haben Sie das dem untergegangenen Staat DDR zu verdanken, der Sie in jungen Jahren in einen "Zirkel schreibender Arbeiter" entsandte?
Hilbig: Na, ich glaube, ich war schon Schriftsteller, ehe ich in dreien oder vieren dieser "Zirkel schreibender Arbeiter" untergekommen bin. Immer war ich der einzige Arbeiter und der Einzige, der schrieb. Alles andere waren Hausfrauen, Lehrer, Studenten, die nur über Literatur quatschten. Der Staat oder die Kulturoberen der DDR wollten keinen die Wahrheit schreibenden Arbeiter haben. Die wollten lügende Arbeiter, und die waren schwer zu finden. Deshalb bin ich da auch immer rausgeflogen.
SPIEGEL: Wer oder was hat Sie denn wirklich bestärkt, Schriftsteller zu werden?
Hilbig: Das ist schon in meiner Kindheit passiert. Ich bin noch ein Konfirmand gewesen, ich ging nicht in die Jugendweihe; und weil wir Rabauken waren, bekamen wir mal eine Strafarbeit aufgebrummt. Ich war, glaube ich, der Einzige, der wirklich etwas geschrieben hat. Wir sollten uns eine Bibelgeschichte aussuchen, ich habe über den Durchzug Israels durch das Rote Meer geschrieben. Und da hat der Pfarrer zu mir gesagt: Du willst wohl mal Schriftsteller werden? Ich war überrascht.
SPIEGEL: Über das Rabaukentum zu Ihrer Schulzeit während der Nachkriegsjahre in Meuselwitz südlich von Leipzig gibt es in Ihren Büchern und Aussagen verwegene Andeutungen. Wie wild und brutal ging es damals wirklich zu?
Hilbig: Es war so, als ob die Kinder und Jugendlichen, die im Krieg geboren waren, mit dem Frieden nichts anfangen konnten. Es war denen einfach zu langweilig. Die haben weiter Krieg geführt. Bandenkriege gab es, teilweise mit Schießereien, das ging sehr weit. Wir waren eine kleine Industriestadt, in der es eine große Rüstungsfabrik gab. Sie ist sehr stark bombardiert worden. Am Kriegsende war ich fast vier. Ich weiß noch - ob es mir meine Erinnerung eingeredet hat oder ob ich wirklich noch ein paar Bilder sehe aus der Zeit -, wie in diesen Ruinenfeldern die Kinder hausten, und ich war immer der Kleine, weil ich einfach der Jüngste war.
SPIEGEL: Sie sind ohne Ihren Vater aufgewachsen, der vermutlich 1943 als deutscher Soldat in der Nähe von Stalingrad ums Leben kam; jedenfalls ist er seither vermisst. Nach eigener Aussage haben Sie seine Feldpostbriefe nie gelesen. Warum - hat es Sie nicht interessiert, was für ein Mensch Ihr Vater war?
Hilbig: Er wurde mir immer als Halbgott hingestellt von meinen Vorfahren. Gegen meinen Vater hatte ich keine Chance, der hat immer funktioniert, das wusste ich. Der war immer ordentlich; ein sehr praktischer Mensch, der alles konnte, immer pünktlich war, keine Ausfälle hatte - was eigentlich gar nicht zu glauben war. Der wurde einfach heroisiert.
SPIEGEL: Und das war der Grund, warum Sie nichts Näheres über ihn wissen wollten?
Hilbig: Inzwischen habe ich doch ein paar seiner Briefe gelesen. Vor drei Jahren ist meine Mutter umgezogen - raus aus dem Slum, in dem ich geboren bin, in eine Wohnung mit Fernheizung. Und plötzlich lagen bei diesem Umzug die Briefe da. Ich habe mir ein paar weggenommen und gelesen. Den merkwürdigsten Brief meines Vaters erhielt meine Mutter erst im November 1943, dabei kam die Vermisstenmeldung im April - vermisst bei Stalingrad, nicht gefallen, verschwunden.
SPIEGEL: Warum brauchte der Brief so lange?
Hilbig: Den muss mein Vater jemandem mitgegeben haben, deswegen kam der so spät an bei meiner Mutter. In dem Brief beschreibt mein Vater eine Geiselerschießung. Er war Augenzeuge. Mein Vater war in einer Reparatureinheit, und die haben sich da aufs Auto geworfen und sind irgendwohin gefahren, um sich das mal anzugucken, als Zuschauer. Ein sehr peinlicher Brief - obwohl er sich über die Geiselerschießung empört. Der Brief wäre in der Feldpost nicht durchgekommen. Das wusste er, deswegen hat er den Brief jemandem mitgegeben.
SPIEGEL: Und durch diesen Brief ist in Ihnen das Interesse an Ihrem Vater erwacht?
Hilbig: Ja, als ich ihn las, war die Diskussion um die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht in vollem Gang. Da wollte ich dann auch selbst was drüber wissen.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, diese Geschichte von Ihrem Vater in einem Roman zu verarbeiten?
Hilbig: Ich habe eigentlich nicht mehr vor, einen Roman zu schreiben. Ich schreibe die wie Kurzgeschichten, ohne Plan. Ich blicke ab Seite 200 nicht mehr durch.
SPIEGEL: Sie haben den Nutzen der Schriftstellerarbeit einmal so beschrieben: Es gelte, "gegen die vertracktesten Mechanismen der Selbstzerstörung in mir anzugehen", und "allein das Niederschreiben einigermaßen ordentlicher Sätze scheint mir zu helfen".
Hilbig: Ja, so ist es. Beim Schreiben, das ist die einzige Zeit, wo ich konzentriert bin und wo auch meine Ängste abfallen von mir. Wo ich mich sicher fühle.
SPIEGEL: Ihre jüngeren Gedichte wirken oft dunkel eingefärbt, fast resignativ**. Was meinen Sie mit einem Satz wie "Die Mannesjahre sind vergeudet und vertan"?
Hilbig: Ich meine das ganz konkret. Als Schriftsteller vergeudet man ja seine Zeit. Das ist ja nicht das Leben, sondern nur ein schriftliches Leben. Wenn man wie ich jetzt plötzlich 61 geworden ist, da hat man das Gefühl: Was hast du sonst noch gehabt? Also leben habe ich nicht gelernt, aber schreiben - denke ich manchmal.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass die Lebensvergeudung für den Schriftstellerberuf typisch ist, dass Sie in Ihrem einstigen Beruf als Heizer mehr Erfüllung gefunden hätten?
Hilbig: Nein, als ich da noch arbeitete, hatte ich auch das Gefühl: Ich vergeude meine Zeit, die ich zum Schreiben brauche! Ich musste mich jeden Tag praktisch in einen Schriftsteller verwandeln, nachdem ich Feierabend hatte. Bis Franz Fühmann, der unbedingt wollte, dass ich freischaffender Schriftsteller werde, gesagt hat: "Du spinnst, deine Knöpfe kann jeder drücken!" Also 1980 bin ich freischaffend geworden und hatte plötzlich das Gefühl, es nun auch beweisen zu müssen, dass ich Schriftsteller bin. Und ich wusste auch nicht wie, wie ich es beweisen konnte. Ich hatte keine Texte. Man hat immer das Gefühl, man hat keine Texte.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Schulbildung nach der achten Klasse Volksschule beendet - und sind doch, wie man Ihren Texten anmerkt, ein gelehrter Schriftsteller. Haben Sie es je bedauert, nicht studiert zu haben?
Hilbig: Inzwischen bin ich zynisch und sage: Mein Großvater war Analphabet. Wäre mein Großvater Germanist gewesen, wäre ich der Analphabet geworden. Meine Kenntnisse sind nicht sehr bedeutend. Ich muss, wenn ich einen literaturtheoretischen Text lese, jedes Fremdwort nachschlagen. Ich hasse die Strukturalisten schon aus diesem Grund: weil sie eine völlig unverständliche Sprache sprechen.
SPIEGEL: Aber gelesen haben Sie sie trotzdem.
Hilbig: Ein bisschen. Ich habe es versucht. Das war so eine Modeliteratur in der Prenzlauer-Berg-Szene der siebziger und achtziger Jahre.
SPIEGEL: Was bedeutet heute die literarische Moderne für Sie? Es gibt diesen schönen Satz in Ihrem Gedicht "Die Zisterne": "Einmal ihr Musen noch blättern im Traumbuch der Moderne."
Hilbig: Das war für mich die Literatur, die ich immer zu kriegen und zu lesen versucht habe. Hier im Osten war das schwierig. Und meine Verwandten im Westen schickten mir ständig Pullover! Irgendwann sagte ich: "Verschont mich mit euren Pullovern, schickt mir mal ein Buch von Beckett!"
SPIEGEL: Wer waren Ihre Leitfiguren - Beckett, Kafka?
Hilbig: Kafka gar nicht so stark. Das ist ein Missverständnis der Kritiker, die mir oft eine Nähe zu Kafka unterstellen.
SPIEGEL: Wer also waren Ihre Heroen?
Hilbig: Neben Beckett sind es zwei Polen, die mich sehr interessieren; beide sind sie tot: Bruno Schulz und Witold Gombrowicz. Und ich denke, dass ein Autor heute für mich immer wichtiger wird: William Faulkner.
SPIEGEL: Vor Ihrem endgültigen Entschluss, freischaffender Schriftsteller zu werden, kamen Sie in Untersuchungshaft. Weshalb?
Hilbig: Das war 1978, für zwei Monate. Die hatten einfach ein Ding konstruiert, weil sie meinen Briefwechsel mit dem Fischer-Verlag im Westen kannten, aber die Stasi konnte ja nun nicht sagen: "Wir haben alle Ihre Briefe gelesen", weil das gegen die Verfassung gewesen wäre. Und da haben die etwas konstruiert, um mich verhaften zu können. In der Kleinstadt, in der ich lebte, in Meuselwitz, brannten damals zwischen dem 1. Mai und dem 8. Mai, dem Tag der Befreiung, reihenweise Staatsfahnen ab. Ich nehme an, die haben die Stasileute selbst angesteckt. Und ich wurde verhaftet ein paar Tage später und konnte erst mal nicht beweisen, dass ich es nicht war.
SPIEGEL: Kam das damals für Sie vollkommen überraschend?
Hilbig: Das war überraschend. Im Knast habe ich mir Riesengedanken gemacht: Wie kannst du nachweisen, dass du das mit den Fahnen nicht gewesen bist? Man sitzt drei Wochen da drin, und es passiert gar nichts. Der Schrecken ist eigentlich, dass man nicht weiß, wie man je wieder rauskommt.
SPIEGEL: Waren Sie in Einzelhaft?
Hilbig: Nee, nee. Zu viert waren wir, bei den Kriminellen. Das wurde nicht als politisches Delikt gewertet, sondern einfach als Rowdytum. Wir saßen im so genannten Bullenknast. Eines Tages kam die Stasi dahin, und ich wurde dann zu den Fahnen überhaupt nicht mehr vernommen - nur noch zu meiner geplanten Veröffentlichung im Westen.
SPIEGEL: Und dann wurde Ihnen klar, das Ganze war eine Finte?
Hilbig: Ja. Es ging von da an um eine ziemlich massive Anwerbung. Zuletzt sagten die: "Sie können das alles weitermachen, aber unter unserer Kontrolle." Da habe ich gesagt: "Nee, dann mache ich es nicht, dann veröffentliche ich das Buch lieber nicht." Außerdem habe ich sofort dekonspiriert. Das half immer.
SPIEGEL: Was heißt das?
Hilbig: Dass man allen anderen in der Zelle erzählt, was die wollen. Man durchbricht die Konspiration dadurch.
SPIEGEL: Hatten Sie damals Angst?
Hilbig: Ich war schon schockiert, ich hatte mit dieser primitiven Masche einfach nicht gerechnet. Die drohten erst mal: "Sie können fünf Jahre kriegen!" Das gehörte bei denen dazu. Dann so zwei Wochen vor der Entlassung sagten sie: "Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten, kommen Sie raus." Und als ich das ablehnte, haben sie gesagt, "dann reden wir draußen weiter".
SPIEGEL: Da war Ihnen klar, dass Sie wieder rauskommen?
Hilbig: Ja. Das Gerichtsverfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Ich bekam sogar meine Lohngelder, die ich da eingebüßt hatte, für zwei Monate zurück. Aber das war dann ungefähr identisch mit dem Geld, das ich ein Jahr später als Strafe zu zahlen hatte - dafür, dass ich illegal ein Buch im Westen veröffentlicht hatte. Das haben alle möglichen Leute gemacht, aber nur drei sind dafür bestraft worden. Robert Havemann, Stefan Heym und ich.
SPIEGEL: 1983 durften Sie zum ersten Mal in die Bundesrepublik reisen - und 1985 erfolgte Ihre ziemlich plötzliche Übersiedlung.
Hilbig: Ja, ich bin quasi über das Wochenende in den Westen ausgereist. Ich habe mir am Freitagabend mein Visum abgeholt, musste von Leipzig nach Berlin zum stellvertretenden Kulturminister fahren.
SPIEGEL: Wer war das damals?
Hilbig: Klaus Höpcke. Nur hatte der schon Feierabend. Man hatte mich durch ein Telegramm dahin gerufen, es gab ja keine Telefone, und weil im Ministerium keiner mehr da war, musste ich mir das Visum in der Wohnung seiner Sekretärin abholen. Und dann bin ich zurück nach Leipzig gefahren, habe gepackt, und am Montag bin ich gefahren. Niemand wusste, dass ich ankomme im Westen. Ich habe dann noch ein Telegramm geschickt, an meinen Verlag, und mein Lektor hat mich abgeholt.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten im Westen einen Knacks bekommen. Weil Sie sich plötzlich gänzlich heimatlos fühlten?
Hilbig: Ja, ich war so dazwischen, zwischen den beiden Ländern. Ich merkte, die DDR gehört nicht mehr zu mir, der Westen aber auch nicht. Wie kompensiert man das? Durch Alkohol zum Beispiel.
SPIEGEL: Das haben Sie in Ihrem Roman "Das Provisorium" offen beschrieben. Hat Sie das Trinken je in Ihrer Kreativität beeinträchtigt?
Hilbig: Natürlich, unter Alkohol kann ich nicht konzentriert schreiben.
SPIEGEL: Fingen Sie erst im Westen mit dem Trinken an?
Hilbig: Ich hatte ein Stipendium. Das waren 20 000 Mark, glaube ich. Ich wusste gar nicht, wohin mit dem Geld. Jetzt konnte man alle Sorten Whisky durchprobieren.
SPIEGEL: Wurde nicht auch in der DDR viel gesoffen?
Hilbig: Da wurde ununterbrochen gesoffen!
SPIEGEL: Sie werden jetzt gern zitiert mit Ihrer Rede aus dem Jahr 1997: dass man vielleicht eines Tages feststellen werde, erst der Beitritt zur Bundesrepublik habe "uns zu den DDR-Bürgern werden las-sen, die wir nie gewesen sind, jedenfalls nicht, solange wir dazu gezwungen waren".
Hilbig: Ja, ich glaube, das war so. Die DDR-Bürger haben ihre Identität im Westfernsehen gesucht, besser: ihr Ziel.
SPIEGEL: Nun ist auch der Prenzlauer Berg, wo Sie wohnen, nicht mehr der reine Osten.
Hilbig: Jetzt ist es eine Art Schwabing. Es wohnen kaum noch Schriftsteller hier, die sind alle weg, weil die Mieten zu teuer geworden sind. Keine fünf Minuten von hier, am Kollwitzplatz, wimmelt es von Touristen.
SPIEGEL: Und Sie sehen das mit Widerwillen?
Hilbig: Nein, ich sehe es eher emotionslos. Ich registriere es. Ich registriere, dass 60 Prozent der ehemaligen Bewohner aus einem Arbeiterbezirk weggezogen sind und dass hier fast nur noch Westdeutsche wohnen. Wir wollten die Wiedervereinigung ja.
SPIEGEL: Sie auch?
Hilbig: Ich habe auch damals gesagt: Es wird nicht anders möglich sein.
SPIEGEL: Später haben Sie von "Unzucht mit Abhängigen" geredet.
Hilbig: Ja, das war ein Satz, der mir sehr übel genommen worden ist. Es sollte eigentlich ein Witz sein.
SPIEGEL: In "Das Provisorium" heißt es: "Wie konnte er sich vor ein Publikum hinstellen, wenn er nichts als dieser hohle Scharlatan war, der keinerlei Halt in sich selbst hatte." Quälen Sie sich auch heute noch mit Selbstzweifeln?
Hilbig: Schriftsteller denken entschieden zu viel über sich selbst nach.
SPIEGEL: Sollten sich Schriftsteller mehr beim Erzählen äußerer Dinge aufhalten?
Hilbig: Nein, das Nachdenken über sich selbst hat schon sein Gutes. Es muss sein, denke ich. Ich wüsste nicht, wie ich schreiben sollte, wenn ich weniger egozentrisch wäre. Das ist ja ein Vorwurf, den einem besonders immer die Frauen machen, dass man vollkommen egozentrisch ist ...
SPIEGEL: ... und dabei ist es womöglich die vornehmste Aufgabe des Künstlers und Schriftstellers?
Hilbig: Ich glaube schon. Ich würde sogar bei einer Frau Egoismus tolerieren. Ich bin ja gerade geschieden worden.
SPIEGEL: Sie sprechen entspannt darüber.
Hilbig: Ich tue jetzt entspannt. Ich habe versucht, mich an eine Bindung zu krallen, die nicht wirklich existiert.
SPIEGEL: Herr Hilbig, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Volker Hage und Wolfgang Höbel. * In Leipzig bei der Lektüre ihres Brigadetagebuchs. ** Wolfgang Hilbig: "Bilder vom Erzählen". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 64 Seiten; 24,90 Euro.
Von Volker Hage und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 42/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Leben habe ich nicht gelernt“

Video 01:39

Planespotter-Videos Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf

  • Video "Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf" Video 02:17
    Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf
  • Video "Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf" Video 01:58
    Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg
  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf