14.10.2002

TV-JUSTIZ„Das ist emotionales Theater“

Der Vorsitzende des Deutschen Richterbunds, Geert Mackenroth, über den Erfolg von nachmittäglichen TV-Gerichtssendungen und deren problematische Wirkung auf den realen Justizalltag
Geert Mackenroth arbeitete als Staatsanwalt in Bremen und als Richter in Schleswig-Holstein. Der 52-Jährige ist Präsident des Landgerichts Itzehoe und seit eineinhalb Jahren Vorsitzender des Justiz-Berufsverbands. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Mackenroth, haben Sie schon darüber nachgedacht, ob Sie nicht wie Ihre Kollegen Barbara Salesch oder Alexander Hold einen sehr gut bezahlten Job als Fernsehrichter übernehmen sollten?
Mackenroth: Es stimmt, auch ich habe solche Angebote gekriegt, aber ich bin Richter und nicht Schauspieler. Darüber hinaus gab es Anfragen von Fernsehsendern an den Richterbund, ob wir nicht telegene Kollegen und Kolleginnen vermitteln könnten.
SPIEGEL: War das nötig? Die Casting-Agenturen berichten von mehr als hundert Bewerbungen Ihrer Kollegen für den TV-Job.
Mackenroth: Die Richtergesetze der Länder sehen die Möglichkeit vor, sich ohne Angabe von Gründen für eine gewisse Zeit beurlauben zu lassen. Einige Kollegen fahren nach Australien, andere leben eine Zeit lang von einer Erbschaft, wieder andere schreiben ein Buch oder gehen zum Fernsehen. Ich akzeptiere das. Eine Kombination aus Neugier, Eitelkeit und Finanziellem lässt wohl Kollegen eine TV-Karriere anstreben. Aber dass es im Fernsehen eklatante Unterschiede zur Wirklichkeit gibt, muss ihnen klar sein.
SPIEGEL: Worin bestehen die?
Mackenroth: Hauptsächlich: Das Verfahren, durch das wir uns ja eigentlich erst legitimieren, findet im Fernsehen nicht statt. Wir wissen als Richter, dass wir nicht mit Maßstäben wie richtig und falsch, gerecht oder ungerecht arbeiten, weil sich darunter jeder etwas anderes vorstellt. Wir müssen uns auch an Prozessordnungen halten. In den Gerichtsshows merkt man davon nichts. Man bekommt den Eindruck, als könnten die Richter dort nach eigenem Gutdünken schalten und walten.
SPIEGEL: Die sechs Gerichtsshows, die derzeit im deutschen Fernsehen laufen, haben hohe Quoten. Muss Sie das nicht freuen, weil es Interesse an der Justiz beweist?
Mackenroth: Der Erfolg der Shows ist nicht wegzudiskutieren. Aber er ist auch schädlich. Denn die Shows zeichnen ein falsches Bild von der Justiz. Allein die Kleinigkeit, dass die Bücher auf dem Richtertisch für den Richter falsch herum, mit dem Rücken zum Publikum, stehen. Dies zeigt den virtuellen Charakter der Shows. Die Fernsehgerichtssäle werden missbraucht zur Darstellung einer bestimmten Fäkalsprache, verwendet werden Tricks aus der Literatur.
SPIEGEL: Tricks?
Mackenroth: Ich meine die im Fernsehen dauernd zu sehende überraschende Wendung eines Falls im Sinne der Novelle. So als gäbe es keine Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft, ändert sich vor dem Richtertisch die Sachlage oft entscheidend - und es bekennt sich plötzlich ein Zeuge zur Tat, weil es das Drehbuch so will. Ich habe gesehen, wie vor dem Jugendgericht, wo in Wirklichkeit keine Öffentlichkeit zugelassen ist, ein Zuschauer eine überraschende Aussage macht. Das Gericht muss dann wie eine Marionette den Windungen der Handlung folgen. Solche Überraschungen gibt es im realen Gericht so gut wie nie. Dass sich die Wahrheit in dem Moment ereignet, wo sie vor Gericht gesucht wird, das ist eine zu schöne Vorstellung.
SPIEGEL: Warum erzählt dann TV-Richter Hold, Gerichte würden immer wieder Aufzeichnungen seiner Fälle zu Ausbildungszwecken anfordern?
Mackenroth: Ich hoffe, um Studenten und Referendaren zu zeigen, wie man es nicht machen soll.
SPIEGEL: Sind Sie nicht zu pingelig?
Mackenroth: Gucken Sie sich doch bloß mal an, wie bei diesen Shows die Zeugenbelehrung passiert. Um Zeit zu sparen, geschieht das oft vollkommen en passant, während der aufgerufene Zeuge noch von der Tür zu seinem Platz geht.
SPIEGEL: Häufig wiederholte Gerichtsrituale sind für den Zuschauer halt langweilig.
Mackenroth: Für einen guten Richter ist es von entscheidender Bedeutung, zu einem Zeugen Kontakt herzustellen. Ich muss ihm in die Augen gucken, muss ihm vermitteln, warum er hier ist, dass es unsere Aufgabe ist, die Wahrheit herauszufinden, dass der Zeuge dabei eine große Rolle spielt, weil wir - die Richter - nicht bei dem Geschehen dabei gewesen sind.
SPIEGEL: Könnte es nicht sein, dass es vor wirklichen Gerichten zu steif zugeht?
Mackenroth: Der Gerichtsalltag ist im Vergleich zu dem, was auf dem Bildschirm abgeht, natürlich oft stinklangweilig. Trotzdem passiert bei uns das Leben, bei uns wird versucht, den Rechtsstaat zu leben und das umzusetzen, was die Verfassung eigentlich vorgibt, nämlich dass Recht die Konflikte löst und nicht die Axt.
SPIEGEL: Axt? TV-Gerichte sind rau, aber herzlich, Totschlag vor dem Richtertisch ist - jedenfalls bisher - nicht im Angebot.
Mackenroth: Kein normaler Mensch, erst recht kein Richter, würde sich die Pöbeleien bieten lassen, die im Gerichts-TV üblich sind. Das Aufeinanderlosgehen gehört offenbar zwingend dazu.
SPIEGEL: Die Produzentin Gisela Marx behauptet, deftige Ausdrücke gehörten zur Alltagssprache, Rempeleien zum Amtsgerichtsalltag, sie würde nur Wirklichkeit abbilden.
Mackenroth: Es passiert vor Gericht so gut wie nie, dass Leute sich anpöbeln oder prügeln. Der Richter hat die gesetzliche Pflicht, während der Verhandlung Straftaten wie Beleidigung zu unterbinden.
SPIEGEL: Beim Ausruf "Du Schlampe" hätte ein Verfahrensbeteiligter unter Ihrem Vorsitz Pech gehabt?
Mackenroth: Sofort gäbe es Sanktionen: von der Abmahnung über ein Ordnungsgeld bis zum Wortentzug.
SPIEGEL: Die Gerichtsshows haben das Erbe der Talkshows angetreten. Wenn man darin etwas Positives sehen will, kann man dann nicht sagen: Das Bedürfnis nach moralischer Orientierung ist ungebrochen?
Mackenroth: Hier sind wir an einem entscheidenden Punkt. In Talkshows und in TV-Gerichten geht es um Unwert-Urteile über Menschen. Vor dem wirklichen Gericht kämen wir in Teufels Küche, wenn wir uns ein Urteil über den Wert eines Menschen anmaßen würden. Wir haben Verantwortlichkeiten zu klären und zu richten, aber nicht moralisch zu urteilen.
SPIEGEL: Worin erkennen Sie denn diese moralische Orientierung der TV-Gerichte?
Mackenroth: Das zeigt die Kamera, das sagt die Showinszenierung. Man hat die Rolle des Guten vorher festgelegt, man hat die Bösen gekennzeichnet. Und dann gewinnt eben auch immer der Gute.
SPIEGEL: Wie wirken die Shows auf die Wirklichkeit vor Gericht?
Mackenroth: Ich habe einen Zeugen erlebt, der mir erklärte, er kenne die Zeugenbelehrung schon von der "Richterin Salesch"-Sendung, ich könne das Verfahren ruhig abkürzen. Kollegen berichten mir, dass Kläger, Beklagte und Zeugen meinen, zunehmend vor Gericht emotionales Theater aufführen zu müssen. Wenn in einem Nachbarschaftsstreit einem Bürger durch Bäume Licht weggenommen wird, bauschen die Beteiligten den Fall auf. Der Richter steht vor der schwierigen Aufgabe, den Kern des Streits aufzuspüren. Oft schädigen Parteien durch ihr theatralisches Auftreten ihre Interessen. Der Ton wird artifizieller, die Leute kommen nicht mehr so offen zu uns, wie wir sie gern hätten.
SPIEGEL: Ist die Justiz nicht selbst mitverantwortlich für den Erfolg fiktionaler Gerichtsshows - weil sie seit 1964 Kameras in echten Verfahren verbietet und sich so der Fernsehöffentlichkeit entzieht?
Mackenroth: Die TV-Berichte über den Simpson-Prozess in den USA haben gezeigt, dass Bilder aus Prozessen sehr schnell ein Eigenleben führen. Bilder von Verhandlungen vor dem Bundesverfassungsgericht sind hilfreich. Ich könnte mir auch Aufnahmen von Revisionsverhandlungen bei Obersten Bundesgerichten vorstellen. Was ich aber nicht will, ist, dass Staatsanwaltschaft und Verteidigung mit der gerade über den Bildschirm geflimmerten Live-Aufnahme der Zeugenvernehmung eines Vergewaltigungsopfers draußen Beweise würdigen, Pressepolitik machen und so ihr Süppchen kochen.
SPIEGEL: Vielleicht steckt hinter dem Verlangen der Öffentlichkeit, näher an die Vorgänge bei Gericht heranzukommen, das Vorbild des angelsächsischen Rechtssystems, wo das Volk in Geschworenen-Jurys Prozesse entscheidet.
Mackenroth: Wir haben auch hier zu Lande in Gestalt der Schöffen das Laienelement in der Justiz. Die TV-Gerichtsshows tagen ja gelegentlich auch als Schöffengerichte. Ich habe dort allerdings noch nicht einmal erlebt, dass irgendeiner dieser Schöffen einen wie auch immer gearteten Satz gesagt hätte.
SPIEGEL: Gibt es denn keine Sendung, die Ihnen gefällt?
Mackenroth: Ich kann mit der ZDF-Show "Streit um Drei" leben.
SPIEGEL: Die hat die geringste Quote.
Mackenroth: Ja, aber die Sorgen der kleinen Leute kommen zur Sprache, indem unspektakuläre Fälle ausgesucht werden. Hier gibt der Richter Hinweise, regt Einigungen an. Die virtuellen Verhandlungen ohne Anwälte lassen eher eine Konzentration auf das Menschliche zu. Hier gewinnt auch mal der Unsympathische.
SPIEGEL: Wenn Ihnen die übrigen Sendungen so missfallen, warum unternimmt der Richterbund nichts gegen die Shows?
Mackenroth: Ich empfehle Gelassenheit. Ich glaube, dass wir in einer solchen Auseinandersetzung nur verlieren könnten. Die Medienöffentlichkeit würde mit Begriffen wie Zensur und Ähnlichem arbeiten und sagen: "Macht ihr euren Job, wir machen unseren." Die Shows werden sich schnell überleben. INTERVIEW: NIKOLAUS VON FESTENBERG,
DIETMAR HIPP
* Mit Sandra Maischberger, Wolfgang Menge, Sabine Christiansen, Maybrit Illner, Hannelore Elsner, Nico Hofmann.
Von Nikolaus von Festenberg und Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 42/2002
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