14.10.2002

MEDIZINKeime im Kanal

Bei Darmspiegelungen können lebensgefährliche Erreger wie Hepatitis- oder Aidsviren übertragen werden. Seit neuestem gibt es Kontrollen. Doch reichen sie aus?
Erst eine S-förmige Biegung, dann links und weiter geradeaus; hinter der gefürchteten scharfen Linkskurve an der Milz gleich noch mal links, dann weiter bis zum Blinddarm - das ist der Weg, den Ärzte mit dem Endoskop zurücklegen, wenn sie im Darm auf Tumorsuche gehen.
Seit dem 1. Oktober bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen Endoskopien zur Vorsorge von Darmkrebs. Auch völlig Gesunde ab 55 Jahren haben seither Anspruch auf zwei Dickdarmspiegelungen im Abstand von zehn Jahren.
Keine Frage, die Früherkennung kann Leben retten. Doch sie birgt auch Gefahren: Denn das Endoskop kann gefährliche Keime, etwa Hepatitis- oder HI-Viren, von einem Patienten auf den anderen übertragen.
Wie sauber also sind die Endoskope? In den nächsten Wochen will die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) eine Studie vorlegen, bei der Geräte zur Magen-, Darm-, Blasen- und Bronchienspiegelung aus knapp 600 Praxen auf Keimrückstände nach der Desinfektion untersucht worden sind. Das Fazit des betreuenden Mediziners Lutz Bader vom Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München: "Es besteht dringender Handlungsbedarf."
KVB-Chef Axel Munte befürchtet sogar, die Ergebnisse könnten Vorsorge-Patienten verängstigen. So warnt Heinz-Peter Werner, der in Schwerin ein Prüflabor für Medizinprodukte betreibt, bereits: "Ich würde mich nicht endoskopieren lassen."
Die Studie bestätigt die erschreckenden Resultate einer kleineren Untersuchung an 55 Praxen und Krankenhäusern. Bei dieser so genannten Hygea-Studie, die im März veröffentlicht wurde, wiesen die Prüfer bei über der Hälfte der Einrichtungen an den Endoskopen auch nach der Desinfektion noch Keime nach. Vor allem in den dünnen Spül- und Instrumentierkanälchen der Geräte setzen sich Erreger fest. In den Spülsystemen der Optik stießen die Wissenschaftler mitunter auf ganze Biotope mit Mikroben, Hefe- und Schimmelpilzen.
Offenbar hängt das Ausmaß der Keimbesiedelung von der Methode der Reinigung ab: Spezielle Endoskop-Spülmaschinen, wie sie vor allem in Kliniken und großen Schwerpunktpraxen zu finden sind, schnitten deutlich besser ab als die Säuberung per Hand, wie sie in kleineren Praxen (wo die meisten Endoskopien durchgeführt werden) oft üblich ist.
Trotzdem warnt Werner vor zu viel Vertrauen in die Spülmaschinen. "Die meisten Modelle sind so konstruiert", erklärt er, "dass sie nicht registrieren, ob während des Spülvorgangs das Endoskopkanälchen verstopft - zum Beispiel durch ein Getreidekorn aus dem Stuhl des Patienten. Dann denken hinterher alle, das Endoskop sei sauber - aber in Wahrheit wurde der entscheidende Teil überhaupt nicht durchgespült." Und einem hartnäckigen Biofilm, bei dem sich die Mikroben in einer Schleimschicht verbergen, kann ohnehin oft auch die beste Spülmaschine nichts anhaben.
Das Risiko, sich bei einer Endoskopie mit Hepatits B oder C oder gar mit Aids anzustecken, bleibt trotzdem ungewiss. "Die mikrobiologische Kontamination, die wir gemessen haben", sagt Bader, "darf man auf keinen Fall gleichsetzen mit dem Risiko, sich zu infizieren."
Dokumentiert sind nur sehr wenige Übertragungen von Hepatitisviren - 1997 wurde der Fall eines Ehepaars bekannt, das bis dahin 20 Jahre regelmäßig Blut gespendet hatte. Als Routinetests auf Hepatits C plötzlich positiv ausfielen, forschten die Ärzte nach. Es zeigte sich, dass beide Ehepartner einige Monate zuvor bei demselben Arzt endoskopiert worden waren. Die Viren stammten von einem Patienten, der vor ihnen dran gewesen war. In New York musste 2001 eine Endoskopie-Klinik geschlossen werden, weil sich mindestens neun Patienten mit Hepatitis C angesteckt hatten.
Übertragungen von HIV oder der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) - Letzteres befürchten jetzt Ärzte in Kanada, da der erste kanadische vCJK-Tote vor seiner Erkrankung endoskopiert worden ist - sind bislang nie zweifelsfrei nachgewiesen worden. Trotzdem nehmen die Behörden die Infektionsgefahr durch Endoskope immerhin so ernst, dass es Menschen, die endoskopiert worden sind, in Deutschland mindestens ein halbes Jahr lang verboten ist, Blut zu spenden.
Tatsächlich ist das Wissen um das Risiko der Endoskopien keineswegs neu. Schon 1994 hat Werner im Fernsehen verkündet, dass er sich selbst nicht endoskopieren lassen würde - und damit einige Aufregung ausgelöst. "Ein sehr bekannter Arzt zum Beispiel", erzählt der Hygiene-Experte, "hat mir gesagt: ,Ich gebe Ihnen vollkommen Recht. Aber - so etwas dürfen Sie doch nicht im Fernsehen sagen!'"
Immerhin war der Rummel der Anlass für beide bayerischen Hygiene-Studien. Und mit der Einführung der endoskopischen Darmkrebs-Vorsorge müssen jetzt alle Geräte regelmäßig auf Keime untersucht werden. "Ein Schritt in die richtige Richtung", lobt Berndt Birkner, endoskopierender Arzt aus München, der sich seit langem freiwillig Qualitätskontrollen unterwirft. "Mit diesen neuen Kontrollen würde ich mich zur Vorsorge endoskopieren lassen", sagt Bader.
Trotzdem hat die Sache ein paar Haken. So gelten die neuen Regelungen nur für Kassenarztpraxen. Ärzte, die eine Privatpraxis führen, empört sich KVB-Chef Munte, könnten einfach weitermachen wie bisher. Auch Werner bleibt skeptisch. Durch Schulung und Kontrolle der Ärzte allein sei das Problem nicht zu beheben. Auch die Konstruktion der Endoskope und Spülmaschinen müsse verbessert werden, zum Beispiel durch Einweg-Kanalsysteme.
Doch jede Veränderung sei nur schwer durchzusetzen. "Überlegen Sie nur mal, welche Lobby sich wodurch wohl auf die Füße getreten fühlt. Leider", sagt Werner, "gibt es noch kein Patientenministerium." VERONIKA HACKENBROCH
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 42/2002
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