21.10.2002

ARBEITSMARKTSchwer vermittelbar

Die Wirtschaftsflaute erreicht die Politik: Vielen ehemaligen Bundestagsabgeordneten droht die Arbeitslosigkeit.
Mit dem Thema Arbeitslosigkeit kennt sich Ewald Schurer, 48, bestens aus. Vier Jahre lang war der Sozialdemokrat aus dem bayerischen Ebersberg im Haushaltsausschuss des Bundestags für Arbeitsmarktprogramme zuständig. Jetzt kann er sie bald persönlich auf ihre Wirksamkeit testen - im unfreiwilligen Selbstversuch.
Dem Ex-Parlamentarier, der wegen des mageren 26,1-Prozent-Ergebnisses der SPD in Bayern den Wiedereinzug in den Bundestag verpasste, droht die Arbeitslosigkeit. Sein früherer Job als "Key Account Manager" bei einem Wirtschaftsinformationsdienst ist während seiner Abgeordnetenzeit wegrationalisiert worden. Ob der Vater von drei Kindern bald eine neue Stelle findet, ist ungewiss. "In meinem Alter ist das heutzutage nicht so einfach", sagt er.
Vom Bundestag ins Arbeitsamt - wie Schurer bangen derzeit viele der 241 Bundestagsabgeordneten, die in der vergangenen Woche offiziell aus dem Parlament ausgeschieden sind, um ihre berufliche Zukunft. Wer nicht geradewegs in die Rente geht oder als Beamter eine Rückkehrgarantie in seinen alten Beruf hat, muss sich jetzt eine neue Existenz aufbauen - nicht gerade leicht bei vier Millionen Arbeitslosen und einer siechen Wirtschaft.
Vor allem Berufspolitiker, die sich auf eine lebenslange Versorgung im Parlament eingerichtet hatten, spüren jetzt am eigenen Leib die Realität außerhalb von Ausschusssälen und Bundestagsrestaurant.
Zwar erhalten alle ausgeschiedenen Abgeordneten ein Übergangsgeld - pro Bundestagsjahr eine Monatsdiät in Höhe von 6878 Euro. Aber für alle Ex-Parlamentarier, die dem Bundestag nur vier Jahre angehörten, bedeutet dies: Ende Januar läuft die staatliche Alimentierung aus.
Manch ein früherer Volksvertreter, der nun wieder zum Volk gehört, muss sich an das neue Leben erst gewöhnen. Christoph Moosbauer, 33, ehemaliger SPD-Abgeordneter aus München, stellte unlängst beim Besuch im Arbeitsamt fest, dass er von dort keine große Hilfe erwarten kann.
Da Abgeordnete nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen, stehen ihnen weder Arbeitslosengeld noch Umschulung zu. Allenfalls können sie noch Ansprüche aus ihrem früheren Beruf geltend machen.
Bei Moosbauer, der einst als wissenschaftlicher Mitarbeiter im bayerischen Landtag jobbte, sind das nur "ein paar hundert Euro" im Monat. Jetzt überlegt das Ex-MdB, sein Auto zu verkaufen - bis vergangene Woche kurvte er noch mit Chauffeur im Mercedes durch Berlin.
Ein Büro mit zwei Mitarbeitern, teure Auslandsreisen, Einladungen zu feudalen Partys, Zugriff auf die Fahrbereitschaft - das Leben als Abgeordneter macht anspruchsvoll. Das zeigt sich auch bei der Arbeitssuche: Besonders begehrt sind bei den Ex-Parlamentariern Jobs als Lobbyisten für die Wirtschaft - mit Spesenkonto und eigenem Büro in der Hauptstadt.
So sucht der frühere FDP-Hinterbänkler Hildebrecht Braun, 58, ein gelernter Anwalt, per Annonce einen neuen "Wirkungskreis" und preist sich den Unternehmen als "Kenner der Berliner Strukturen mit weltweiten Verbindungen" an.
Die frühere CDU-Abgeordnete Brigitte Baumeister, die als Schatzmeisterin in die Parteispendenaffäre verwickelt war und über gute Kontakte zur Rüstungsindustrie verfügt, möchte "grob in die Richtung Politikberatung" gehen.
Ob die Berufswünsche in Erfüllung gehen, ist indes fraglich. Die seligen Bonner Zeiten, in denen selbst Hinterbänkler problemlos als Türöffner bei Verbän-den und Wirtschaftskonzernen unterkamen, sind vorbei. "Nur Bundestagsabgeordnete mit prominenten Namen haben gute Chancen, in der Wirtschaft eine interessante Aufgabe zu finden", weiß Michael Tippmann, Partner der Personalberatung Kienbaum.
Auch Hans-Erich Bilges, der als Vorstand der Beratungsfirma WMP Eurocom mit altgedienten Polit-Größen wie Hans-Dietrich Genscher zusammenarbeitet, hält ehemalige Parlamentarier derzeit für schwer vermittelbar: "Vielen Hinterbänklern mangelt es erschreckend an Fachkompetenz." Wenn überhaupt, engagiere er frühere Volksvertreter nur noch für ein paar Monate - auf Honorarbasis.
Noch düsterer malt der ehemalige Grünen-Finanzexperte Oswald Metzger, die Lage. Personalchefs hätten einen regelrechten Horror vor Ex-Abgeordneten: "Wir gelten als Primadonnen, die sich nicht in Hierarchien einordnen können." Metzger will sich jetzt mit einer eigenen Politikberatung selbständig machen.
Besondere Schwierigkeiten bei der Jobsuche haben die 36 ehemaligen Mandatsträger der PDS. Lediglich eine Versicherung, die "Vertreter im Außendienst" sucht, hat bislang Interesse an einer Zusammenarbeit mit einstigen Klassenkämpfern bekundet.
Ex-Fraktionschef Roland Claus, der neben politischer Erfahrung ein DDR-Diplom als Ingenieurökonom vorweisen kann, sieht für seine Zukunft schwarz: "Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht." Und seine frühere Fraktionskollegin Christine Ostrowski, 57, zu DDR-Zeiten Lehrerin an der SED-Parteihochschule Berlin, plant schon für den "Notfall".
Wenn sie keinen anderen Job finde, werde sie sich als Grafikerin selbständig machen, sagt Ostrowski. Ihre Politikerfahrung könne ihr dabei von Nutzen sein: "Ich kann gut Flugblätter entwerfen." ROLAND NELLES
Brigitte Baumeister, 56
(CDU)
MdB seit 1990
Erlernter Beruf:
Diplom-Mathematikerin
Oswald Metzger, 47
(Bündnis 90/Die Grünen)
MdB seit 1994
Nach Jurastudium ohne Abschluss Inhaber eines Schreibbüros
Roland Claus, 47
(PDS)
MdB seit 1998
Erlernter Beruf:
Diplom-Ingenieurökonom
Von Roland Nelles

DER SPIEGEL 43/2002
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