21.10.2002

„Es war ein Kampf“

Rudolf Augstein über die SPIEGEL-Affäre und ihre Folgen
SPIEGEL: Herr Augstein, am fünften Abend Ihrer Haft sammelten sich vor der Hamburger Gefängnisbehörde mehr als tausend Demonstranten und riefen unter anderem: "Augstein raus - rein mit Strauß" oder "SPIEGEL tot - Freiheit tot". Konnten Sie das hören?
Augstein: Ja, klar. Als die Demonstranten kamen, hat man dafür gesorgt, dass ich das mitbekomme. Das Personal war zum Teil auf meiner Seite, die wollten, dass es mir gut geht. Deshalb war meine Zelle sofort frisch geweißelt worden, eine Fürsorge, die mich leider um die Lektüre all der interessanten Bemerkungen brachte, die an einer Gefängniswand stehen.
SPIEGEL: Hat man Sie wegen Ihrer Sympathisanten nach einem Monat in das Gefängnis nach Koblenz verlegt?
Augstein: Das kann einer der Gründe gewesen sein. Die Verlegung nach Koblenz war der mieseste Moment in den drei Knastmonaten. Ich war nachts eingeliefert worden in eine uralte Zelle ohne Lokus. Den Gürtel und die Schnürsenkel musste ich abgeben. Geweckt wurde morgens um sechs durch lautes Gebrüll: "Raustreten!" Und dann gleich der erste Anpfiff: Ich sollte gefälligst mein Hemd in die Hose stecken. Da dachte ich mir: Das kann ja heiter werden hier in Koblenz.
SPIEGEL: War das der schlimmste Moment in Ihrem Leben?
Augstein: Nein. Ich war einige Jahre im Krieg gewesen, an der Front. Krieg ist viel schlimmer. Einzelzelle und Hofgang ganz
allein sind natürlich kein Vergnügen, aber auch nicht der Vorhof zur Hölle.
SPIEGEL: Haben Sie, zumal in den ersten Wochen, befürchtet, die Aktion ziele auch auf Ihre persönliche Vernichtung? Auf ein Leben als Zuchthäusler?
Augstein: Nein. Ich wusste, sie haben es auf die Vernichtung des SPIEGEL abgesehen, nicht auf mich persönlich.
SPIEGEL: Und wie beurteilten Sie die Chancen dazu?
Augstein: Je länger ich einsaß, desto optimistischer wurde ich. Ich wusste ja, dass wir keinen Landesverrat begangen und auch niemanden bestochen hatten. Wir waren wirklich unschuldig, jedenfalls was diese strafrechtlichen Vorwürfe anging.
SPIEGEL: In den ersten Tagen der SPIEGEL-Affäre wichen Adenauer und Strauß aber keinen Millimeter zurück.
Augstein: Das war auch nicht ihre Art. Bei aller Vorsicht und Listigkeit, die den alten Herrn 14 Jahre im Amt hielt, war Adenauer doch auch starr und übrigens ein Meister der Superlative und der griffigen Formulierungen. Mit der Parole "Keine Experimente" hatte er bei der Bundestagswahl 1957 die absolute Mehrheit gewonnen. Wie oft er "Die Lage war noch nie so ernst" gesagt hat, konnte man nicht zählen. Es ist doch klar, als er bei der SPIEGEL-Debatte im Bundestag mit dem Rücken an der Wand stand, sein Kabinett zerbröseln sah, dass er in dieser Situation auch die ganz großen Worte wählte, also: "Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande!" Und: "Augstein verdient am Landesverrat, und das finde ich einfach gemein." Man darf nicht vergessen, dass Adenauer damals bereits 86 Jahre alt war, ein Urgroßvater, der nicht mehr jederzeit alle Aspekte überblickte.
SPIEGEL: Strauß tat das?
Augstein: Und ob! Formale Intelligenz und Gedächtnis ließen bei ihm, er war damals 47 Jahre alt, nichts zu wünschen übrig. Aber keiner hat so dampfwalzenhaft nach der höchsten Macht gestrebt wie Strauß und keiner sich dabei so blockierend im Weg gestanden. Während der SPIEGEL-Affäre traten alle seine minderen Eigenschaften ans Licht: Draufhauen, Verschwörungsbesessenheit, Geheimdienst-Anbeterei, Rechtsverachtung, Skrupellosigkeit, Unfähigkeit zu jeder Selbstkritik, dazu eine außergewöhnliche Fähigkeit, sich und anderen in die Tasche zu lügen.
SPIEGEL: Apropos: Lügen.
Augstein: Strauß hat Conrad Ahlers in Spanien verhaften lassen und über diesen skandalösen Vorgang den gesamten Bundestag belogen. Jahre später hat er behauptet, man habe während der SPIEGEL-Affäre im Panzerschrank von Rudolf Augstein die "Zielkartei" für die atomaren Waffen der Bundeswehr gefunden. Daran ist kein Wort wahr, nicht einmal annähernd. Diese Behauptung ist schlichte Spinnerei gewesen.
SPIEGEL: In seinen nach dem Tod publizierten "Erinnerungen" schreibt er, 1962 wäre ein "ungeheuerlicher Verrat brisanter militärischer Geheimnisse durch Augsteins Blatt" erfolgt.
Augstein: Die Wahrheit ist, dass Strauß als Einziger unter den damals handelnden Figuren erkennen konnte und wusste, dass der Artikel "Bedingt abwehrbereit" keinerlei Staatsgeheimnisse enthielt.
SPIEGEL: Die anderen Beteiligten haben es schließlich auch bemerkt.
Augstein: Anfang 1963 wusste es jeder. Strauß hatte verloren, wir hatten gewonnen. Die Einsicht war schmerzlich für ihn, für Adenauer, für dessen katholische Kanzler-Demokratur und all ihre Helfer und Nutznießer. Die SPIEGEL-Affäre, genau genommen der größte Justizskandal in der rechtsstaatlichen Geschichte Deutschlands, wäre aber womöglich anders ausgegangen, wenn nicht ein paar Umstände zusammengewirkt hätten: die Hilfe der anderen Hamburger Verlage, nicht mal Axel Springer stand abseits, die Empörung im Ausland und - das war entscheidend - die Parteinahme so vieler Deutscher zu unseren Gunsten. Der SPIEGEL hätte dem mit großer Wucht geführten Stoß nicht standgehalten, wenn die Öffentlichkeit sowie die SPD und FDP im Bundestag nicht rebelliert hätten.
SPIEGEL: Einen öffentlichen Protest in diesen Dimensionen hatte es bis dahin nicht gegeben?
Augstein: Nein. Mit der SPIEGEL-Affäre ging die Nachkriegszeit zu Ende, das patriarchalisch-katholische Regime war zu Ende. Die Ära Adenauer war vorbei, denn die Regierung Erhard ist ja doch schon etwas ganz anderes.
SPIEGEL: Ist es übertrieben, wenn manche Zeithistoriker sagen, mit der SPIEGEL-Affäre habe in Deutschland die Demokratie begonnen?
Augstein: Große Worte. Vielleicht kann man sagen, dass demokratische Normalität zur Regel wurde - trotz der Nazis und der autoritär gestimmten Staatsdiener, die ja nicht über Nacht verschwanden. Das Ganze bewirkte eben einen Klimawechsel, der durchgreifenden Politikern nicht zuträglich war.
SPIEGEL: Hat sich im Lauf der Jahrzehnte irgendeiner der SPIEGEL-Besetzer bei Ihnen entschuldigt?
Augstein: Nein. Das kann man auch nicht erwarten. Buback, der später Generalbundesanwalt geworden ist und den die RAF ermordet hat, war ja wirklich kein Gentleman. Er saß auf meinem Stuhl, las meine SPIEGEL-Akten und trank mittags in der Kantine des Pressehauses zwei Schoppen Wein. Die hat er selbst bezahlt, immerhin. Er war weder schnell noch fleißig, gute Manieren waren ihm fremd. Irgendein Wort des Bedauerns haben wir von dem nicht gehört, auch nicht von seinen Vorgesetzten.
SPIEGEL: Und von seinem braven Untergebenen Gerhard Boeden? Der hat es ja später zum Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz gebracht und galt allgemein als charmant.
Augstein: Mag sein. 1962 war er ein kleiner Kripo-Mann, der unsere Telefonzentrale besetzt hielt. Immer wenn ein Protestanrufer fragte, ob er denn die SPIEGEL-Telefone lahm legen dürfe, sagte er: "Das lassen Sie mal die Sorge der Sicherheitsorgane sein." Das war sein ganz spezieller Charme. Wahrscheinlich freute er sich einfach, dass er es später noch zum höheren Beamten brachte.
SPIEGEL: Nach der Volksschule hatte Boeden Schriftsetzer gelernt.
Augstein: Nichts gegen Schriftsetzer! Diesem wirklich ehrbaren Beruf verdanken wir viel, auch ich persönlich in den ersten SPIEGEL-Jahren. Bei der SPIEGEL-Besetzung haben sich die Schriftsetzer bei Auerdruck, wo das Blatt damals hergestellt wurde, wirklich eindrucksvoll verhalten. Sie haben die Beamten der Bonner Sicherungsgruppe, die unsere Redakteure begleiteten, als sie die vorzensierten und verspäteten SPIEGEL-Fahnen ablieferten, so lautstark und eindeutig beschimpft, dass die Redakteure sie beruhigen mussten.
SPIEGEL: Konrad Adenauer ist 1967 gestorben, Franz Josef Strauß 1988. Wie war Ihr Verhältnis zu den beiden zuletzt?
Augstein: Ich habe sie ja nie gehasst. Es war ein Kampf, nicht mehr, nicht weniger. Mit Strauß hatte ich ante finem schriftlich einen "Kamerad, weißt du noch"-Abend vereinbart. Und Adenauer durfte ich kurz vor seinem Tod besuchen. Er war der beeindruckendste Politiker, dem ich je begegnet bin. Wir haben uns umarmt und versöhnt. Ich war sehr bewegt, sentimental sogar, aber er auch.
SPIEGEL: Könnte sich die SPIEGEL-Affäre wiederholen?
Augstein: Nein. Aber es gibt auch keinen Grund, die Ereignisse von 1962 oder sogar mich zu bedauern. Wir sind durch die Affäre klüger geworden, also hat sie uns genützt. Vielleicht sind andere Leute dadurch auch klüger geworden, dann hat sie uns indirekt auch genützt. Außerdem: Was sind 103 Tage Gefängnis in einem langen Leben, wenn dadurch so viel erreicht wurde? INTERVIEW: HANS HALTER
* Am 7. Mai 1969 auf einem Empfang in der Bonner Redaktionsvertretung des SPIEGEL. * Oben: um 1955 im Garten seines Hauses in Rhöndorf; unten: Nr. 45/1962, 48/1962, 1-2/1963.
Von Halter, Hans

DER SPIEGEL 43/2002
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