21.10.2002

IRAKDas beste Öl der Welt

Bagdad hat große Pläne mit seinen Energiereserven, Europäer und Russen schließen bereits Verträge ab. Sie haben ihre Rechnung ohne die Amerikaner gemacht.
Es war kurz nach vier Uhr früh am Morgen des 19. Januar 1991, als der Himmel über der Welt des Dathar Chaschab zusammenbrach. Der Materialchef der Erdölraffinerie Daura südlich von Bagdad wälzte sich unruhig auf seiner Notpritsche im Betriebsbunker hin und her, da schlug die erste Rakete ein.
"Cruise Missiles und Smart Bombs ließen sie auf uns niederprasseln", erzählt Chaschab, 58, heute Chef der ältesten Raffinerie des Irak, "das ganze Sortiment amerikanischer Waffenbaukunst haben sie eingesetzt." 42 Tage lang brannte die Raffinerie und tauchte die Fünf-Millionen-Stadt am Tigris in einen Nebel aus Rauch, Staub und Gift.
Nicht dass es ihm an patriotischer Gesinnung mangle, aber seit jenem Wintermorgen vor elf Jahren ist Chaschab allergisch gegen alles, was donnert, knallt und explodiert. Die MG-Salven und Böllerschüsse, mit denen seine Landsleute vergangene Woche den Ausgang des irakischen Referendums feierten - 100 Prozent aller Wahlberechtigten sollen für Präsident Saddam Hussein gestimmt haben -, machten Chaschab nervös.
Den Schmieröl-Experten und Lehrmeister einer ganzen Generation von Raffinerie-Praktikern zwischen Kirkuk und Basra plagen ganz andere Sorgen. Aus nächster Nähe hat er den Niedergang der irakischen Ölindustrie erlebt, das vorläufige Ende eines Traums, der in den siebziger Jahren irakische Weltmachtpläne nährte. Dass es dem Feind in Washington letztlich nur um den Zugriff auf Bagdads unermessliche Reichtümer geht - in diesem Punkt deckt sich Chaschabs Weltbild exakt mit dem seines Präsidenten.
Auf 112 Milliarden Barrel gesicherter Erdölreserven schwimmt der Irak - genug, um etwa Deutschland bis zum Jahr 2111 zu versorgen. Weitere 220 Milliarden Barrel, so schätzt die amerikanische Energiebehörde EIA, schlummern noch unter dem irakischen Wüstenboden, und selbst diese Zahl könnte "bei weitem" übertroffen werden, denn die tief liegenden Öllager in der ausgedehnten Westwüste sind "so gut wie nicht erschlossen".
Bagdad verfügt über Rohöl aller Qualitäten - vom schweren, sauren "Basra Heavy" aus dem südlichen Rumeila-Feld bis zum hochwertigen, eher schwefelarmen "Kirkuk Light" im Norden, dem "besten Öl der Welt", wie Chaschab beteuert. Doch nicht nur viel und gutes Öl gibt es im Zweistromland - das meiste davon lagert auch noch nahe an der Erdoberfläche. Es ist, für ein bis zwei Dollar pro Barrel, um ein Vielfaches billiger zu fördern und auf den Markt zu bringen als etwa das Öl aus dem Kaspischen Becken, den Staaten Westafrikas oder den entlegenen Weiten Sibiriens.
Strategisch betrachtet und in Dekaden gemessen, steht der Irak nach wie vor hinter Saudi-Arabien auf der Pole-Position im großen Spiel um die Energieressourcen der Welt. Mit entsprechendem Appetit schauen denn auch die Ölkonzerne von Houston (Texas) über Paris und Moskau bis Schanghai nach Mesopotamien und versuchen sich in Stellung zu bringen.
Die Nase vorn haben derzeit eindeutig die Europäer und die Russen. Um die Erschließung der beiden gigantischen Felder von Madschnun und Nahr Umar in den Marschlanden nordwestlich von Basra bemüht sich der französische TotalFinaElf-Konzern, für das West-Kurna-Feld hat der russische Ölriese Lukoil ein Abkommen geschlossen. Shell interessiert sich für das Ratawi-Feld, Eni aus Italien und Repsol aus Spanien haben Verträge für Nassirija.
Fraglich ist nur, was diese zum Teil milliardenschweren Verträge nach einem möglichen Krieg im Irak und einer Ablösung der Saddam-Clique noch wert sein werden. Die Amerikaner, die ihre Ölfirmen derzeit gesetzlich daran hindern, sich direkt im Irak zu engagieren, drohen unverhohlen.
"Frankreich und Russland haben Interessen im Irak", so der Irak-Falke und ehemalige CIA-Chef James Woolsey: "Sollten sie sich aber allzu sehr für Saddam Hussein einsetzen, könnte es schwierig bis unmöglich sein, eine neue Regierung im Irak zu überzeugen, später mit ihnen zu kooperieren."
Die Ölfürsten Europas und Russlands scheinen indes der historischen Erfahrung zu vertrauen: Regime kommen und gehen, doch Experten und Techniker wie Chaschab, der Mittelstand des Ölmanagements, bleiben.
Fast drei Millionen Barrel Rohöl pro Tag hat Bagdad am Vorabend des Golfkrieges produziert, auf knapp 300 000 Barrel, etwa den damaligen irakischen Eigenbedarf, sank die Fördermenge danach. Seit 1995, als das "Öl für Lebensmittel"-Programm der Vereinten Nationen aufgelegt wurde, ist die Produktion wieder gestiegen - auf derzeit etwa zwei Millionen Barrel pro Tag.
Der größte Teil wird, unter Aufsicht der Uno, über eine Pipeline zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan und zum Off-Shore-Terminal Mina al-Bakr exportiert, um überwiegend an russische Zwischenhändler verkauft zu werden. Nach einem komplexen Preis-, Qualitäts- und Quotensystem verteilt sich die Ware dann auf dem Weltmarkt. Etwa die Hälfte des irakischen Öls landet, Ironie der derzeitigen Krise, bei amerikanischen Verbrauchern.
Ein viel lohnenderes Geschäft macht Saddams Ölministerium durch seine illegalen Exporte. Bis zu 200 000 Barrel pro Tag, so schätzt die EIA, gehen durch die löchrige alte Pipeline von Kirkuk zum syrischen Hafen Banjas, bis zu 150 000 über den von den nordirakischen Kurden kontrollierten Grenzübergang Habur in die Türkei. In geringeren Mengen schmuggeln kleine rostige Tanker Öl über die Häfen Basra und Umm Kasr entlang der iranischen Küste Richtung Dubai.
Der Öl-Export nach Jordanien, zum Teil von der Uno sanktioniert, soll nach den Plänen Ammans und Bagdads demnächst durch den Bau einer Pipeline vereinfacht werden. Doch dieses wie auch die anderen hochfliegenden Projekte der irakischen Führung würden ebenjene Milliardeninvestitionen voraussetzen, welche Russen und Europäer für eine ungewisse Zukunft versprochen haben. Solange Saddam an der Macht ist, entscheidet das Sanktionskomitee der Vereinten Nationen, was im Irak investiert werden darf - und dort führen die Vertreter Washingtons das Wort.
"Was immer wir planen", klagt Raffineriedirektor Chaschab, "wird von den Amerikanern durchkreuzt." Etwa fünf Millionen Barrel täglich - gut halb so viel wie der Nachbar Saudi-Arabien heute - könnte der Irak im Jahre 2010 produzieren, wenn er alle seine Bohranlagen aktivieren, seine Raffinerien herrichten, alle Pipelines in Stand setzten könnte.
Von diesem Ziel sei man freilich weit entfernt, gibt Chaschab zu. In Wahrheit reiche es nicht einmal für die kleine Zusatzanlage, die er gern am Rande seiner Raffinerie in Bagdad aufstellen würde:
Seit Beginn der Sanktionen braue der Irak für seinen lokalen Markt billiges, aber auch höchst giftiges Benzin, voller Schwefel und Blei. "Die Italiener haben uns eine Produktionsanlage für bleifreies Benzin angeboten, alles war besprochen und unterschrieben - nur die Vereinten Nationen wollten nicht." Warum? "Fragen Sie den Amerikaner im Uno-Komitee."
BERNHARD ZAND
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 43/2002
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