21.10.2002

KINOOdysseus in Ruinenfeldern

Mit dem Film „Der Pianist“ triumphierte Roman Polanski in Cannes. Nun kommt die ergreifende Überlebens-Story eines jüdischen Musikers in die Kinos.
Der Mann am Klavier lässt sich nicht beirren. Aus der Ferne sind Detonationen zu hören, gedämpft durch den Schallschutz des Warschauer Rundfunkstudios, doch er konzentriert sich auf ein Nocturne von Chopin. Der polnische Pianist Wladyslaw Szpilman spielt an diesem Tag, dem 23. September 1939, für seine Landsleute. Dann schlägt ein Geschoss ein, Putz geht auf ihn nieder, doch er gerät kaum aus dem Takt. Da zerbirst eine Scheibe, die Druckwelle einer Explosion erfasst ihn, und die Musik verstummt: Die Welt, in der Szpilman bisher lebte, ist zerstört.
Mit dieser Szene, in der ein Musiker die Kultur so lange wie möglich gegen die Barbarei verteidigt, beginnt Roman Polanskis Film "Der Pianist", der bei den diesjährigen Festspielen von Cannes die Goldene Palme erhielt und nun ins Kino kommt. Er basiert auf den Erinnerungen des vor zwei Jahren verstorbenen jüdischen Musikers und Komponisten Wladyslaw Szpilman, der die Zeit im besetzten Warschau in seinem Buch "Der Pianist - Mein wunderbares Überleben" eindringlich festhielt.
Die Hände des Pianisten, der von dem amerikanischen Schauspieler Adrien Brody verkörpert wird, werden im Verlauf des Films Steine schleppen, um Unterkünfte für SS-Schergen zu errichten; sie werden im menschenleeren Ghetto Nahrungsreste zusammenkratzen; sie werden, halb steif gefroren, in eiskaltes Wasser eintauchen.
Doch wenn sich der Pianist an einen Türrahmen lehnt oder seine Hände auf eine Tischplatte legt, fangen seine Finger oft wie von selbst an zu spielen. Auch wenn der Held die Hoffnung, dass es eines Tages wieder Schönheit geben wird, manchmal aufzugeben scheint: Seine Hände tun es nicht. Das rettet ihm am Ende das Leben.
Polanski, der als Kind aus dem Krakauer Ghetto flüchtete und dessen Mutter in Auschwitz ermordet wurde, folgt weitgehend Szpilmans Vorlage, die 1946 erstmals erschien. Er rekapituliert die Zeit vom Ausbruch bis zum Ende des Krieges, beschreibt Schritt für Schritt die Zerstörung einer Millionenstadt und die Ermordung eines Großteils ihrer Bewohner. Am Ende des Films schleppt sich Szpilman völlig entkräftet durch die Ruinen Warschaus wie der letzte Mensch nach dem Weltuntergang.
Anfangs, unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen, scheint er noch über das Pflaster zu schweben und den Boden der Tatsachen kaum zu spüren. Neben einer schönen Frau flaniert er eine Straße entlang, jedes Wort, jede Geste ein eleganter Schritt der Verführung. In dieser langen Einstellung wird jene Lebenslust spürbar, die nach Szpilmans Beschreibungen auch im besetzten Warschau lange ungebrochen war. Dann biegen Szpilman und die Frau um eine Ecke, wollen ein Lokal betreten - und bleiben jäh stehen. Schnitt auf ein Schild: Zutritt für Juden verboten.
Die Frau, keine Jüdin, schlägt vor, in den Park zu gehen. Auch das sei ihm verboten, erwidert er. Sie könnten nur stehen bleiben und sich unterhalten. Da geht die Kamera so nah an die Gesichter heran, als gäbe es nur die zwei und keine Welt um sie herum. Tage später wird die Mauer des Ghettos sie für Jahre trennen.
Polanski bringt die Menschen, die sich lieben, so dicht wie möglich zusammen; so ist der Schmerz, wenn sie auseinander gerissen werden, auch für den Zuschauer umso größer. Als Szpilman, seine Eltern und seine drei Geschwister aus dem Radio die Nachricht vom Kriegseintritt der Briten hören, umarmen sie einander und bilden einen großen, warmen Menschenkörper.
Dann, im August 1942, wird die Familie deportiert. Ein jüdischer Ghetto-Polizist, der den Pianisten gut kennt, zieht ihn am Bahnhof aus der Menge heraus. Nun tut sich eine andere Mauer, aus Menschen, vor ihm auf: Ein Kordon von Polizisten versperrt ihm den Weg zu seiner Familie, die in die Waggons gestoßen wird.
Das Gefühl, davongekommen und deshalb schuldig zu sein, prägt Szpilmans Buch bis in die Formulierungen. Oft spricht er von einem "Lotteriesystem", das über Leben und Tod entscheide. Mehrfach steht Szpilman im Verlauf des Films in einer Reihe von Menschen, aus der die deutschen Peiniger die Todeskandidaten selektieren; stets trifft bei diesem furchtbaren Roulette die Kugel nur den Nebenmann.
Der Überlebenskünstler Szpilman hatte alles Glück und Unglück dieser Welt: Die zweite Hälfte des Films erzählt von der unendlichen Einsamkeit des Helden, die bei seiner Odyssee durch die sterbende Stadt täglich wuchs. Der Deportation entronnen, aus dem Ghetto geflohen, trifft er oft wochenlang keinen Menschen mehr.
Ende 1944 blickt er dann plötzlich in das Gesicht eines Deutschen: des Hauptmanns Wilm Hosenfeld (Thomas Kretschmann). Statt Szpilman zu töten, fordert er ihn auf, sich ans Klavier zu setzen. Der Pianist berührt vorsichtig das Instrument und fängt an zu spielen. Mit jeder Taste, die er anschlägt, kehrt das Leben in ihn zurück, während sein Zuhörer erstarrt, als würde ihm Ton für Ton bewusst, welches Elend sein Land über die Welt gebracht hat.
Tatsächlich versorgte auch der reale Hosenfeld den Juden Szpilman mit Nahrung und half ihm so, die Zeit bis zur Befreiung Warschaus zu überstehen. Hosenfeld selbst starb 1952 in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager - trotz aller Bemühungen Szpilmans, ihn zu finden. Ein letztes Mal hatte das mörderische Roulette über Leben und Tod entschieden. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 43/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KINO:
Odysseus in Ruinenfeldern

Video 00:51

70 Stockwerke, 350 Meter Ein Wolkenkratzer aus Holz

  • Video "Fahrverbots-Urteil: Autohersteller könnten als Sieger dastehen" Video 03:20
    Fahrverbots-Urteil: "Autohersteller könnten als Sieger dastehen"
  • Video "Videos aus Südkorea: Curling im Wohnzimmer" Video 01:14
    Videos aus Südkorea: Curling im Wohnzimmer
  • Video "Schlacht um Ost-Ghuta: Die Bilder des Kriegs" Video 03:16
    Schlacht um Ost-Ghuta: Die Bilder des Kriegs
  • Video "Entdeckung: Maya-Relikte in weltgrößter Unterwasserhöhle" Video 00:49
    Entdeckung: Maya-Relikte in weltgrößter Unterwasserhöhle
  • Video "Fahrverbots-Urteil: Autohersteller könnten als Sieger dastehen" Video 03:20
    Fahrverbots-Urteil: "Autohersteller könnten als Sieger dastehen"
  • Video "US-Waffenbesitzer zersägt sein Gewehr: Eine weniger" Video 01:49
    US-Waffenbesitzer zersägt sein Gewehr: "Eine weniger"
  • Video "Polit-Thriller auf der Berlinale: 7 Tage in Entebbe" Video 01:49
    Polit-Thriller auf der Berlinale: "7 Tage in Entebbe"
  • Video "Extrem-Tüftler: Mit dem Pedal-Luftschiff übers Meer" Video 01:32
    Extrem-Tüftler: Mit dem Pedal-Luftschiff übers Meer
  • Video "Merkel sorgt für Lacher: Ach nee!" Video 00:40
    Merkel sorgt für Lacher: "Ach nee!"
  • Video "Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr: Bedingt einsatzbereit?" Video 02:07
    Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr: Bedingt einsatzbereit?
  • Video "Schlangenblut trinken, Skorpione essen: Dschungeltraining für US-Militärs" Video 02:08
    Schlangenblut trinken, Skorpione essen: Dschungeltraining für US-Militärs
  • Video "Protest gegen US-Waffengesetze: Tot, gestellt" Video 01:04
    Protest gegen US-Waffengesetze: Tot, gestellt
  • Video "Schlägerei auf der Carnival Legend: 23 Passagiere müssen Schiff verlassen" Video 01:34
    Schlägerei auf der "Carnival Legend": 23 Passagiere müssen Schiff verlassen
  • Video "Fun Facts über Curling: Dann zählt das größte Bruchstück" Video 01:54
    Fun Facts über Curling: "Dann zählt das größte Bruchstück"
  • Video "Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: Sie ist eine Art Mini-Merkel" Video 03:30
    Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: "Sie ist eine Art Mini-Merkel"
  • Video "70 Stockwerke, 350 Meter: Ein Wolkenkratzer aus Holz" Video 00:51
    70 Stockwerke, 350 Meter: Ein Wolkenkratzer aus Holz