Von Knade, Tadeusz
Szpilman starb am 6. Juli 2000 im Alter von 88 Jahren. Wenige Monate vor seinem Tod führte der polnische Journalist Tadeusz Knade ein Gespräch mit ihm. Auszüge: -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Szpilman, Sie haben Ihre Erinnerungen unmittelbar nach dem Krieg aufgeschrieben. Wieso wurden sie erst so spät bekannt?
Szpilman: Zum ersten Mal wurde das Buch gleich nach dem Krieg veröffentlicht, hier in Polen. Aber erst seit mein Sohn mich überredete, es noch einmal herauszubringen, wird es auf der ganzen Welt gelesen.
SPIEGEL: Was empfanden Sie, als die Deutschen im Herbst 1940 die Errichtung des Warschauers Ghettos bekannt gaben?
Szpilman: Ich nahm es auf wie mein Todesurteil. Ich sollte mich einschließen lassen, wie in einen Käfig? Im Ghetto leben, unter Menschen, die ich gar nicht kannte? Wie konnte man glauben, dass man mehrere hunderttausend Menschen deportieren kann? Aber sie konnten das. Nahezu alle Juden des Ghettos haben sie ermordet.
SPIEGEL: Auch Ihre Familie. Wann war das?
Szpilman: 1942. Unmittelbar, nachdem mit der Deportation begonnen worden war, wurden sie alle in einen Waggon gepfercht. Meine Eltern. Mein Bruder, der Philosoph war. Meine ältere Schwester, eine Rechtsanwältin. Und meine jüngere Schwester, eine Pianistin. Sie wurden alle mitgenommen und vergast. In Treblinka. Besonders tragisch ist, dass von meinem Bruder und von meiner Schwester, die zu jener Zeit noch sehr jung war, niemand verlangt hatte, in den Waggon zu steigen. Sie entschieden sich, mit dem Rest der Familie an der "Aussiedlung", wie wir damals glaubten, teilzunehmen. Ich wurde von einem jüdischen Polizisten, der mich von Konzerten her kannte, aus dem Kordon herausgeschubst. Alle anderen traten ihre letzte Reise an.
SPIEGEL: Und Sie?
Szpilman: Ich blieb im Ghetto, durfte es aber verlassen, wenn ich in einer Kolonne zur Arbeit gehen musste. Um mir den täglichen Teller Suppe zu verdienen, arbeitete ich als Maurergehilfe.
SPIEGEL: Warum nicht als Musiker?
Szpilman: Mir wurde eine Stelle in einem Orchester angeboten. Ich schwor mir, dass ich niemals für die Deutschen spielen würde, solange der Krieg dauerte. Also fing ich als Arbeiter an. In einer der Wohnungen, die wir renovierten und die für SS-Leute bestimmt waren, gab es ein Telefon. Ich rief Warschauer Freunde an: "Ich brauche ,Medizin'." Sie wussten sofort, worum es ging.
SPIEGEL: Um ein Versteck für Sie. Halfen die Warschauer den Juden ohne Bedenken?
Szpilman: Die Hilfsbereitschaft war sehr groß. Es ist übles Geschwätz, wenn behauptet wird, Polen sei ein antisemitisches Land. Natürlich konnte sich nicht jeder zur Rettung von Juden aufraffen. Nicht jeder wird als Held geboren. Aber mich retteten mindestens 30 Polen, die ihr Leben riskierten.
SPIEGEL: Nach Ihrer Flucht aus dem Ghetto Anfang 1943 hielten Sie sich in Warschau versteckt. Wie sind Sie mit der Einsamkeit fertig geworden?
Szpilman: Es war eine Qual. Als Warschau am Ende der Besatzung niedergebrannt wurde, schien die Situation hoffnungslos, und ich versuchte, Selbstmord zu begehen. Glücklicherweise erfolglos.
SPIEGEL: Sie hatten in all dem Unglück oft kaum fassbares Glück.
Szpilman: Viele Male! Mindestens 40-mal bin ich dem Tode entronnen! Wenn nicht öfter!
DER SPIEGEL 43/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.