28.10.2002

SKANDALE

Freiheit, lebenslänglich

Von Voigt, Claudia

Als Mädchen verschleppt, als Sklavin gehalten und zum sudanesischen Botschaftssprecher nach London gebracht - so beschreibt die Sudanesin Mende Nazer in einem Bestseller ihr Leben. Nichts als die Wahrheit? Nun soll die Asylbewerberin in ihre Heimat abgeschoben werden. Von Claudia Voigt

Das Leben der Mende Nazer gleicht einem Kaleidoskop, jeder dreht es sich so zurecht, wie es ihm gefällt. Es gibt viele Wahrheiten und viele Widersprüche. Auf eines aber können sich alle einigen: auf den 13. Juni 2000.

An diesem Tag kam die Sudanesin Mende Nazer auf dem Flughafen Heathrow in England an. Als sie das Gebäude verließ, glaubte sie an eine Sonnenfinsternis, einen so flachen und stumpfen Himmel hatte sie noch nie gesehen. Sie fror. Aber ihr gefiel das Auto, in dem sie zum Haus ihrer neuen Herrschaft in Willesden Green gefahren wurde. Weich glitt der Wagen über die vierspurigen Straßen. Aus dem Fenster sah sie hohe Häuser, in denen die Lichter angingen, sie mochte das Glitzern der Stadt.

Mrs. Koronky, ihre neue Herrin, umarmte sie freundlich. Sie durfte mit der Familie auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen, sie bekam einen Drink serviert und konnte das alles nicht fassen, weil es so anders war als in Khartum. Bei der Familie dort hatte sie in der Küche die Reste essen müssen, dort wurde sie geschlagen, dort hat sie auf dem Boden eines Schuppens gehaust, sieben Jahre lang. Jetzt schlief sie, zum ersten Mal in ihrem Leben, in einem richtigen Bett. Eine bequeme Nacht, auf die harte Tage folgen sollten.

Mende Nazer ist 22, vielleicht. Sie wuchs auf in den Nuba-Bergen im Sudan. Als sie etwa zwölf war, wurde sie nach einem Überfall in die Hauptstadt Khartum verschleppt, vielleicht. Sieben Jahre hat sie dort bei einer Familie als Sklavin gelebt, vielleicht. Im Sommer 2000 wurde sie nach London gebracht, um der Familie Koronky zu dienen. Abdul Mahmoud al-Koronky war damals sudanesischer Botschaftssprecher in Großbritannien.

Das ist Nazers Geschichte. So hat sie ihr Leben in einem Buch geschildert, es heißt "Sklavin" und steht seit seinem Erscheinen auf der Bestseller-Liste.

Nachdem Waris Dirie in ihrer Autobiografie "Wüstenblume" von ihrer Kindheit in Somalia erzählte, von ihrer Beschneidung, und mit ihrem Buch großen Erfolg hatte, gibt es eine Flut von Lebensberichten geschundener, gedemütigter und entrechteter Frauen. Sie schildern die Tragödien afrikanischer Kindersoldatinnen, die Isolation der Frauen in Afghanistan oder das Leben einer Weißen bei einem afrikanischen Voodoo-Stamm.

Es existiert ein Markt für exotische Schicksale. Deshalb wird ohne großen Zweifel geglaubt, gedruckt, gelesen. Die Wahrheit ist allerdings manchmal komplizierter, zu kompliziert für einen schnellen Erfolg.

In Nazers Erzählung gibt es einen Täter, einen prominenten noch dazu, und der wehrt sich. Das Buch "Sklavin" wird in England vorerst nicht herauskommen, weil Koronky, in dessen Haushalt Nazer gelebt hat, alles daransetzt, dies zu verhindern. Auch seine Regierung hat großes Interesse daran, dass ein solches Buch nicht erscheint. Denn wenn der Ruf eines hochrangigen Mitglieds der sudanesischen Botschaft in London leidet, dann leidet auch der des Sudan.

Nazer lügt, versichern Koronky und sein Anwalt, der für eine der angesehensten Kanzleien in London arbeitet.

Nazer lügt nicht, sagt ein sudanesischer Oppositioneller, der Nazers Geschichte kennt und verbreitet. Nazer lügt nicht, sagt auch ein Reporter, der Nazer unterstützt, der mit ihr das Buch "Sklavin" verfasst hat und darauf hofft, dass es bald auch in England erscheint.

Viele Menschen sind in Nazers Leben verwickelt. Sie verfolgen ihre Interessen, ihre Karrieren, ihre politischen Ziele. Mittendrin steht Nazer. Steht die schwierige Frage, was ist wahr an dieser Geschichte, die sich so gut verkaufen lässt.

Nazer sitzt in der Lobby eines Londoner Hotels. Viel Chrom, viel Glas, der Würfelzucker zum Tee wird mit einer Zange gereicht. Sie hockt ganz vorn auf der Kante eines weichen Sessels, spricht mit leiser Stimme und hört nicht auf zu lächeln. Lächelnd erzählt Nazer, wie sehr sie ihre Familie vermisst. Seit neun Jahren war sie nicht mehr in ihrem Dorf im Sudan. Ihr Blick kehrt sich nach innen, aber das Lächeln bleibt. Ihren Tee rührt sie kaum an. Als die Kellnerin abdecken möchte, räumt sie rasch das Geschirr zusammen.

Widersprich nie. Zerbrich nichts. Antworte immer "Ja, Herrin". Diese Regeln hatte Nazer als Sklavin in Khartum gelernt, um keine Prügel zu bekommen. In den ersten Tagen bei den Koronkys hoffte sie, wie ein Mitglied der Familie behandelt zu werden. Zwar stand sie auch hier morgens als Erste auf und ging abends als Letzte ins Bett, und dazwischen lagen an sieben Tagen in der Woche angeblich 14 Stunden Kochen, Putzen, Waschen, Kinderhüten. Doch der Ton war freundlich.

Bis zu jenem Tag, so erzählt es Nazer, da sie einen Nuba-Jungen in London anrufen wollte, dessen Telefonnummer sie aus Khartum mitgebracht hatte. Mrs. Koronky habe einen Wutanfall bekommen und ihr jegliche Freundschaft verboten. Nazer berichtet, dass sie von nun an ganz genau beobachtet wurde. Sie durfte das Haus nur noch verlassen, um den Müll hinauszubringen. Die Welt außerhalb beschrieb ihr Mrs. Koronky als einen Moloch: Mord und Verbrechen, böse Menschen, die sie jederzeit finden und töten könnten, ein Irrgarten, in dem sie erfrieren würde. Ihr Mut erlosch, sagt Nazer. Sie schleppte sich durch die Tage, müde und heimwehkrank.

Koronky klingt anders, selbstverständlich tut er das. Koronky hat mehr als 20 Jahre für die Botschaften des Sudan gearbeitet, 7 davon in London, jetzt lebt er wieder in Khartum. Am Telefon ist er anfangs höflich: Mende Nazer, sagt er, habe als Au-pair-Mädchen in seinem Haus gelebt. Er habe sie nach London geholt, damit sie die Welt sehen und ein Dollar-Gehalt verdienen könne. 300 Dollar habe sie im Monat erhalten, Kost und Logis frei. Sie sei wie ein Mitglied der Familie behandelt worden, niemals wie eine Hausangestellte. Und überhaupt habe dieses Mädchen gerade mal drei Wochen mit seiner Familie verbracht, er habe die ganze Geschichte langsam satt. Er werde klagen. Er werde jeden ruinieren, der darüber berichtet. Jeden.

Der Soziologe Kevin Bales definiert Sklaverei "als die vollkommene Beherrschung einer Person durch eine andere zum Zweck wirtschaftlicher Ausbeutung". Weltweit gebe es heute etwa 27 Millionen Sklaven, vorsichtig geschätzt. Eine versklavte Person werde von einer anderen Person mit Gewalt beherrscht und jeglicher persönlichen Freiheit beraubt. "Das entscheidende Merkmal ist Gewalt und das Festhalten der Person gegen ihren Willen", schreibt Bales.

"Mende hätte das Haus jederzeit verlassen können", sagt Koronky. "Ich war eine Sklavin", sagt Nazer. "Ich hatte Angst."

Anfang Juli 2000 reisten die Koronkys für zwei Monate in den Sudan, Nazer brachten sie bei Freunden in London unter. "Meine Retter" ist das Kapitel in ihrem Buch überschrieben. Sie durfte ausschlafen, aß gemeinsam mit der Familie zu Abend, ging mit zum Einkaufen auf den Markt nach Shepherd's Bush, "und allmählich wurde mir klar, dass London gar nicht gefährlich ist". Der Familienvater fing an, Fragen zu stellen. Wie viele Stunden arbeitest du bei Koronky? Wie viel verdienst du? Warum kündigst du nicht? Erst habe sie nur gelacht, sagt Nazer. Aber die Idee war da, und sie wurde immer größer in ihrem Kopf: Ich gehe weg. Weil sie der neuen Familie keinen Ärger machen wollte, beschloss sie zu warten, bis ihre Herrschaft nach London zurückkehren würde.

Wenige Tage, bevor Koronky und seine Familie im September 2000 wieder in London eintrafen, sprach Nazer auf der Straße Leute an. Sie sagt, sie habe jemanden finden wollen, der ihre Sprache verstand, jemanden, der ihr bei der Flucht helfen würde. Sie sagt, sie habe zufällig einen Jungen aus den Nuba-Bergen getroffen. Der informierte Munir Scheich al-Din Munir, einen oppositionellen Nuba-Politiker in London. Dann habe sie die Nachricht erhalten: Wir holen dich raus, am Montag, den 11. September, um drei Uhr nachmittags. Sie solle den Abfall hinaustragen, die Auffahrt hinunterlaufen, dort würde der Junge warten, und an der nächsten Straßenecke würden sie gemeinsam in das Auto von Munir steigen.

Am Wochenende davor träumte Nazer, dass sie in den Sudan fliegen würde, in Khartum den Bus nach Dilling nähme und in ihr Dorf zurückkehrte. Sie malte sich aus, wie sie vor ihrer Mutter stünde, vor ihrem Vater, wie sie sich in die Arme fielen und sich erzählten, was in den vielen Jahren geschehen war.

Am Tag der Flucht stellte sie sich ungeschickt an, machte beim Bügeln einen Brandfleck. Sie überlegte, ob sie den abgeliebten Teddy mitnehmen sollte, der sie schon in Khartum getröstet hatte. Obwohl der Junge befohlen hatte, "kein Gepäck", stopfte sie das Stofftier in ihre Unterhose. Dann, als Mrs. Koronky aus dem Haus gehen wollte, um die Kinder von der Schule zu holen, schnappte sich Nazer den Müllsack und rannte durch die geöffnete Tür ins Freie. Der Junge winkte ihr von der anderen Straßenseite aus zu, Hand in Hand liefen sie zu einem kleinen Park, dort wartete das Auto. Nazer zitterte und schwitzte und schaute sich panisch um. "Du bist jetzt in Sicherheit", sagte der Nuba-Politiker Munir, "bei uns kann dir nichts passieren."

So könnte es gewesen sein. So erzählt Nazer die Geschichte ihrer Flucht. Koronky sagt: "Sie ist nicht geflohen. Sie hat den Müll rausgebracht und kam nicht zurück."

Nazers Buch sei nicht die ganze Geschichte, versichert Munir, der Oppositionspolitiker, aber die ganze Geschichte könne er nicht erzählen. Er müsse seine Informanten schützen. Zurückgelehnt sitzt er auf seinem Sofa und spricht sehr, sehr leise. Er habe unter dem sudanesischen Regime gelitten. Er habe mitansehen müssen, wie Freunde und Weggefährten ermordet wurden.

Seit Anfang der achtziger Jahre herrscht im Sudan Bürgerkrieg. Der Norden des Landes mit der Regierungshauptstadt Khartum ist muslimisch geprägt und steht wirtschaftlich besser da als der christliche Süden. Die Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee aus dem Süden liefern sich immer wieder Kämpfe mit der sudanesischen Armee.

Munir verließ den Süden des Sudan vor zehn Jahren, seitdem kämpft er aus dem Exil gegen die Regierung. Als Munir von Nazers Fall hörte, muss ihm ihre Geschichte wie eine Chance erschienen sein. Ist er wirklich zufällig durch einen Nuba-Jungen auf Nazer gestoßen? Oder hat er von Informanten in der sudanesischen Botschaft erfahren, dass Koronky eine Haushaltshilfe unter primitiven Bedingungen arbeiten ließ? Ein verzweifeltes Mädchen, in dem man den Wunsch wecken konnte zu fliehen?

Munir sagt nicht: "So war es" oder: "So war es nicht". Er sagt nur: "Da war eine Lady aus den Nuba-Bergen, die gelitten hat, und ich musste ihr helfen."

Munir fuhr Nazer nach ihrer Flucht von Koronkys Haus aus direkt zu einer Anwältin. Die rief den Botschafter an, teilte ihm mit, dass sie noch an diesem Nachmittag einen Asylantrag stellen würde. Dann nahm Munir Nazer zu seiner Familie mit nach Hause. Hier sollte sie die nächsten sechs Monate leben. "Anfangs war es ein Alptraum", sagt Nazer.

Sie ging kaum aus dem Haus. Wenn es klingelte, schreckte sie zusammen, weil sie glaubte, Koronky komme sie holen. Sie aß kaum, sie übergab sich, sie konnte nicht schlafen. Munir brachte sie zu einem Arzt, der konnte einige ihrer Beschwerden lindern, helfen konnte er nicht. Sie sehnte sich nach ihrer Mutter, ihrem Vater, ihren Geschwistern, ihrem Dorf.

Munir arrangierte ein Treffen mit dem Journalisten Damien Lewis. Lewis war schon bei der Asyl-Anwältin dabei gewesen, da allerdings noch ohne Kamera. Munir hatte ihn ausgewählt, um Nazers Geschichte in die Welt hinauszutragen. Lewis hat bereits verschiedene Dokumentationen über den Sudan gedreht, seine Feinde sagen ihm nach, er führe einen journalistischen Feldzug gegen die sudanesische Regierung.

Bei diesem Treffen ließ Lewis die Kamera laufen, auch als Nazer zum ersten Mal seit ewigen Zeiten mit ihrer Schwester im Sudan telefonierte. Zitternd hielt sie den Hörer, stammelte ungläubig die ersten Worte ins Telefon. Das Telefon war Trost und Qual zugleich. Es holte die Stimmen ihrer Familie ins Londoner Wohnzimmer, aber sobald sie aufgelegt hatte, war die Sehnsucht nur noch stärker. Tagelang lag sie auf dem Bett und hing ihren Gedanken nach. Die Freiheit fühlte sich leer an.

Und dann erschien Mitte September 2000 im "Sunday Telegraph" die Schlagzeile. "Sudanesischer Diplomat hielt Sklaven-Mädchen in seinem Londoner Haus". Vieles, was dort stand, war falsch. Sie sei niemals sexuell belästigt worden, sagt Nazer. Weil die Journalistin aber nicht mit ihr gesprochen hatte, bevor sie ihren Artikel schrieb, waren solche Unwahrheiten nun im Umlauf.

Für Nazer war der Bericht ebenso verhängnisvoll wie für Koronky. Der Diplomat hatte einen Ruf zu verlieren und Nazer auch. Eine Frau, die in westlichen Medien behauptet, im Sudan oder im Haushalt eines sudanesischen Botschaftsangehörigen als Sklavin gearbeitet zu haben, bringt sich in die Rolle eines Staatsfeinds. Nazer wurde depressiv. Koronky beauftragte eine der renommiertesten Anwaltskanzleien in London und verklagte den "Sunday Telegraph" wegen Verleumdung.

Alisdair Pepper, Koronkys Anwalt, ist ein Mann, der es gewohnt ist zu gewinnen. Vor sich hat er einen Stapel Aktenordner liegen voller Beweise dafür, wie sehr Koronky im Recht ist und dass Nazers Lebensgeschichte nur eine einzige Lüge sein kann. Er kommt schnell zur Sache. "Tee? Kaffee? Gut. Also: Koronky möchte nicht, dass über diese Geschichte berichtet wird." Dann blättert er die Akten auf. Da sind Reden und Artikel aus Koronkys Studentenzeit, die ihn als Kämpfer für das Gute ausweisen, da sind Dokumente, die besagen, dass Nazer Teeverkäuferin und nicht Sklavin gewesen sei.

Und dann ist da noch eine Aussage von ihrem Vater, der nicht lesen und nicht schreiben kann: "Es gab keine Überfälle auf unser Dorf. Mende ist niemals verschleppt worden. Unser Dorf unterstützt die sudanesische Regierung."

Das Material ist umfangreich. Gekrönt wird es von einem Statement des "Sunday Telegraph", in dem die Zeitung ihren Artikel widerruft und sich nachdrücklich bei Koronky entschuldigt. Er hat den Prozess gewonnen und "eine beeindruckende Summe" als Schadensersatz bekommen. Aber es bleibt die Frage: Wurde Druck ausgeübt, um an die Zeugenaussagen im Sudan zu kommen? Und wie viel Angst hatte Nazers Vater?

"Ich bin Rechtsanwalt", sagt Pepper. "Und das sind vereidigte Aussagen." Nazer sagt: "Ich bin ein Niemand, und deshalb wird Koronky niemals zugeben, dass ich Recht habe."

Ein halbes Jahr blieb sie bei Munir und seiner Familie. Dann kam sie in ein Asylbewerberheim, und dort ging es ihr von Tag zu Tag schlechter. Der Journalist Damien Lewis bot ihr an, in seinem Haus zu leben. Erst wollte sie nicht, ihr muslimischer Glaube verbot es ihr. Aber als sie nur noch ein Wrack war, willigte sie ein.

Lewis schlug Nazer vor, gemeinsam mit ihm die Geschichte ihres Lebens zu schreiben. Sie willigte ein. Warum? "Weil ich möchte, dass die Leute mir glauben", sagt Nazer, und sie fügt hinzu: "Und ich will das Leiden im Sudan stoppen." Wie eine Maschine wiederholt sie diesen Satz. Es ist nicht ihr Satz, es ist ein Satz von Munir, den sie oft gehört hat.

Aber stimmt ihre Wahrheit? Egal, wie oft und wann man sie nach den Details ihrer Geschichte fragt, Nazer widerspricht sich nicht. Trotzdem gibt es Unklarheiten. Vor allem, weil das Buch den Eindruck erweckt, sie sei sehr viel länger als drei Wochen bei den Koronkys gewesen. Als ob die sieben Jahre Sklavenleben im Sudan und die drei Wochen in England nicht ausreichten für ein ganzes Buch. Als hätte man ihr Schicksal dramaturgisch verschärft.

Mittlerweile hat Nazer begriffen, dass es für sie keinen Weg zurück gibt. Sie ist frei, aber es ist nicht die Freiheit, die sie sich gewünscht hat. Schuld daran sind auch jene beiden Menschen in London, denen sie beschlossen hat zu trauen. Munir, der Oppositionelle, und Lewis, der Journalist, haben viel für Nazer getan, aber auch manches für sich selbst. Bis sie befreit wurde, kannte Nazer nur die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft. Nun ist ihr Leben dran.

Sie sitzt in der chromglänzenden Hotellobby und weint. Neulich hat sie ihrer Schwester und ihrem Schwager am Telefon von ihrem Buch erzählt. Der Schwager flehte: "Du weißt, was uns hier im Sudan droht, wenn du diese Dinge erzählst. Bitte schütze uns."

Am 10. Oktober wurde Nazers Asylantrag abgelehnt. Sie muss damit rechnen, in den Sudan abgeschoben zu werden. Die britische Einwanderungsbehörde argumentiert, sie sei eine illegale Einwanderin, im Sudan habe sie nichts Böses zu befürchten, in den Nuba-Bergen herrsche derzeit Waffenstillstand.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat an Innenminister Schily appelliert, Nazer in Deutschland aufzunehmen. "In ihrer Heimat droht der Nuba-Frau der Tod."

Nazer weiß das. Während ihre Asyl-Anwältin in England Einspruch gegen das Urteil einlegte, hat Nazer ihre Geschichte bereits bis zum Ende durchdacht. "Wenn ich in den Sudan zurückmuss, nehme ich mir das Leben."


DER SPIEGEL 44/2002
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