DER SPIEGEL



FILM

Heimweh nach gestern

Von Jenny, Urs

Fatih Akins italienisch-deutsche Familiensaga "Solino": Nichts Halbes, aber auch nichts Ganzes.

In Italien, wo ja sowieso alles schöner ist, soll das Kino in seiner besten alten Zeit ein echtes, Familienfrieden stiftendes Gemeinschaftserlebnis gewesen sein. Stühle wurden herbeigeschleppt, das ganze Dorf versammelte sich abends auf einer Piazza, vom Opa bis zum Enkel, auch die Mutter mit dem Jüngsten an der Brust, und auf eine weiß getünchte Mauer projizierte der Wandervorführer einen Film, damit alle zusammen von Brot, Liebe und Phantasie träumen konnten. Wer nicht dabei war, soll nicht behaupten, das habe es nie gegeben.

In den tristeren sechziger Jahren jedoch haben - aus Gründen, die man sich denken kann, aber nicht muss - mehr und mehr Leute Abschied genommen von dieser Idylle und sind nordwärts gezogen, in eine abweisende, unwirtliche Fremde, wo mit "dolce far niente" Schluss war, aber die harte Mark lockte. Zum Beispiel die Familie Amato aus dem apulischen Dorf Solino, von deren Schicksal über gut zwei Jahrzehnte hin nun der Film "Solino" erzählt: Mama, Papa und zwei kleine Söhne stehen eines Tages im Jahr 1964 im grauen, verrußten Duisburg auf dem Bahnsteig, und es fährt für sie lange kein Zug zurück.

Dass Papa kein Händchen für die Maloche im Pütt hat, bekennt er schon nach dem ersten Tag, und Mama mit ihrer unerschöpflichen Lebensdynamik muss sich zur Retterin aufschwingen: Man mietet ein leer stehendes Lokal, man eröffnet das "Solino", das sich Pizzeria nennt, obwohl Mama eigentlich immer nur in riesigen Töpfen rührt - und das Ristorante wird zur Wärmstube für all die entwurzelten Kohlenpott-Itaker, denen ein Teller Pasta asciutta hilft, ihr Heimweh zu stillen.

Fast alle Italiener, die in den sechziger Jahren als angeworbene Gastarbeiter nach Duisburg oder sonst wohin kamen, ließen ihre Familien zu Hause, bis sie nach ein paar Jahren halbwegs Fuß gefasst hatten. Insofern ist die "Solino"-Familie untypisch. Fast alle fuhren Sommer um Sommer in Sonderzügen, deren Zahl das Schienennetz der Bundesbahn dem Zusammenbruch nahe brachte, mit Sack und Pack und allen Ersparnissen in die Heimat zurück, um sich vom Himmel über der Ruhr zu erholen.

Auch insofern ist die "Solino"-Familie untypisch, denn sie scheint - nicht aus irgendeinem begreifbaren Grund, sondern bloß weil es für die Filmstory bequemer ist - mit dem Tag der Abreise die Verbindung zu ihrer apulischen Verwandtschaft abgebrochen zu haben. Und da die Kamera auch fortan kaum über den Tellerrand der Pizzeria hinausschaut und sich also zum Beispiel kaum für die Funktion des "Solino" in einem sich eben entwickelnden duisburgisch-italienischen Nachbarschaftsbiotop interessiert, bekommt der Film ungewollt etwas Klaustrophobisches.

Der junge Hamburger Regisseur Fatih Akin, 29, hat Talent, stürmische Energie und den unwiderstehlichen Charme eines Sonntagskindes. Mit dem Glück des Leichtfußes, der über Hürden nicht stolpert, weil er sie gar nicht sieht, sind ihm zwei kleine Spielfilme gelungen ("Kurz und schmerzlos" und "Im Juli"), die vergleichsweise großen Erfolg fanden, weil sie ihrem Anspruch gerecht wurden, frei von Filmkunst-Verdacht handfest und unterhaltsam zu sein. Der Beifall gab Akin Flügel. Mit seiner ganzen Begeisterungsfähigkeit hat er sich in das unvergleichlich größere, wirklich große Projekt "Solino" gestürzt.

Aber haben all die älteren, schlaueren Branchenhasen, die das Projekt dieses schönen neuen Familienfilms schon hätschelten, bevor Akin als Regisseur dazustieß, nie überlegt, wo denn eigentlich Opa und Enkel noch gemeinsam ins Kino gehen? Sie sitzen doch nur nebeneinander vor der Glotze. Und haben all die Geber und Gönner sich nie ernsthaft gefragt, woher ihr Jungregisseur ganz plötzlich können sollte, was da verlangt war?

Fördergelder aus Berlin, Brandenburg, Düsseldorf, Köln, Hamburg, Straßburg und Brüssel sind in den großen "Solino"-Topf geflossen, doch seine Substanz war und blieb ein dünnes, dürftiges Drehbuch aus der Hand der fleißigen Hamburgerin Ruth Toma ("Liebesluder", "Gloomy Sunday"), das viel behauptete, aber wenig anschaulich machte, und also dem Regisseur kaum half, dem Familienroman über das Amüsant-Anekdotische hinaus epische Fülle und Festigkeit zu geben. Die Saga, die wohl am ehesten als fetter TV-Dreiteiler ihr Publikum fände, kommt im Kino in einer zweistündigen Magermilchversion daher.

Aber halt! Es ist ja keineswegs so, dass nicht Akins vitales Kinotemperament eine ganze Reihe geglückter und bewegender kleiner Episoden zusammengekriegt hätte, besonders im italienisch gesprochenen ersten Drittel, das der unverschämte Lausbubencharme der Kinderdarsteller in Schwung hält. Als dann allerdings, nach einem eleganten Zehnjahressprung, Moritz Bleibtreu und Barnaby Metschurat in die Rollen der herangewachsenen "Solino"-Söhne eingestiegen sind, kommt die Geschichte nur noch ruckelnd und zuckelnd vom Fleck, und oft ist es allein die Musik, die mit unverdrossenem Gedudel gute Laune simuliert.

Am Ende, in den bitteren achtziger Jahren, ist auch das Duisburger "Solino" nicht mehr, was es einmal war. Der Vater und der ältere Bruder schlagen sich, jeder für sich, weiter soso, lala im Kohlenpott durchs Leben; der Jüngere ist als Pfleger mit der nun ewig kränkelnden Mutter ins wahre Solino heimgekehrt und findet dort, was des Sängers Höflichkeit das Glück seines Lebens nennt. Er restauriert die Idylle: Die hohe Mauer an der Piazza ist frisch getüncht, die Stühle sind herbeigeschleppt, das Volk sitzt erwartungsvoll, Opa neben Enkel - also Augen zu und Film ab! Man wird "Solino", was das Publikum angeht, gern alle Daumen drücken. Er hat es nötig. URS JENNY


DER SPIEGEL 45/2002
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