04.11.2002

RECHTSCHREIBUNG

Der Mutter Zunge

Von Bölsche, Jochen

Erst grassierte der "Deppen-Apostroph", nun hat eine zweite Sprachseuche die Republik befallen: Aus dem Schriftdeutschen verschwindet der Bindestrich.

Wenn sich der angehende Wissenschaftshistoriker Philipp Oelwein, 34, vorstellt, fügt er gern hinzu: "Mit oe - wie Goethe."

Die Sprache des Johann Wolfgang von Goethe zu pflegen zählt zu den Lieblingsbeschäftigungen des Hamburgers. So dokumentiert Oelwein in einer "Apostroph-Gruselgalerie" im Internet die modische Verwendung des angelsächsischen Apostroph-s nicht nur in Genitivkonstruktionen ("Waldemar's Grillcorner"), sondern auch bei der Pluralbildung ("T-Shirt's", "Kid's", "Snack's").

Bereits vor zwei Jahren hatte Oelwein so viele Fälle von "Apostrophitis" gesammelt, dass ihn angesichts all der "Hit's des Monat's" in deutschen Schaufenstern und all der "Link's" und "Info's" im Web tiefe Resignation befiel (SPIEGEL 26/2000).

Seit kurzem plagt den Sprachpfleger eine neue Seuche, die er "Agovis" nennt. Das Kunstwort, abgeleitet vom griechischen Agora (Platz; im übertragenen Sinne: Leere), soll die Abwesenheit eines Satzzeichens beschreiben: des Bindestrichs, Fachbezeichnung "Divis".

Kurz nach der Wende zum dritten Jahrtausend fiel die Unsitte erstmals richtig auf. In einem Newsletter aus dem Goethe-Institut bemängelte ein Pädagoge im April 2000 den Titel der "Shell Jugendstudie": "Warum eigentlich ,Shell Studie' und nicht ,Shell-Studie'?" Er hoffe, dass demnächst nicht noch die Schreibweise "Goethe Institut" folge.

Noch im selben Jahr begann die Leertaste den Buchmarkt des Dichter- und Denkerlandes zu erobern, und sie stieß nur auf schwachen Widerstand. Lediglich die - Tradition und Konservatismus verpflichtete - "Frankfurter Allgemeine" rügte in einer Sachbuch-Rezension, ein Buchtitel wie "Euro Crash" ohne Bindestrich sei "ein modischer Anglizismus, wie ihn Schreiber gebrauchen, die zu viel im ,Wall Street Journal' gelesen und darüber ihrer Mutter Zunge verlernt haben".

Fortan war kein Halten mehr. BMW rühmte die "Service Qualität" der "BMW Service Stützpunkte". In München entsteht eine "Allianz Arena", in Hamburg gibt es eine "AOL Arena" und demnächst auch noch eine "Color Line Arena". In seiner Regierungserklärung versprach Gerhard Schröder vorige Woche die Schaffung von "Personal Service Agenturen".

Kritiker sehen im Bindestrich-Verzicht ebenso wie in den Deppen-Apostrophen Beispiele für den deutschen Drang zum "pseudoweltläufigen Neusprech", den der Dortmunder Professor Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache, vor allem bei Unternehmen mit angestaubtem Image registriert. Der einstige Staatsbetrieb Post etwa verwirrt seine Kundschaft nun mit Ausdrücken wie "Postage Point", "Global Mail" und "Funcard Mailing".

Belege für mangelnde Sprachloyalität finden sich mittlerweile landauf, landab. So hat der Bindestrichverzicht längst auch den Kulturbetrieb erobert, dessen Plakate für eine "Operetten Gala" oder für die "Berliner Barock Solisten" werben. Eine der ältesten Bühnen Hamburgs schreibt sich "Thalia Theater".

Die ersten Industrie- und Handelskammern sehen bereits Handlungsbedarf: Sie bieten Sprachseminare zu Themen wie "Stiefkind Binde-Strich" und "Apostrophitis" an - und sie haben allen Grund dazu.

Denn nachdem Multis wie Esso dazu übergegangen sind, an Tankstellen "Bremsen Dienst" und "Motor Inspektion" anzubieten, drängt es nun auch Kleingewerbetreibende, Internationalität zu demonstrieren. Beispiele, gesehen an der B 73 bei Hamburg: "Küchen Zentrum", "Textil Druck", "Grill Imbiss", "Selbsthilfe Werkstatt", "Motor Roller", "Schuh Markt".

Allmählich wächst auch zusammen, was zusammengehört: Apostrophitis und Bindestrichdefizit vermählen sich zu Ungetümen wie "Aktion's Wochenende". In einer E-Mail, über die sich das Rechtschreib-Forum www.vds-ev.de mokierte, sucht einer einen "Studium's Platz als Informatiker".

Allerdings: In demselben Forum ist, ausgerechnet in der Rubrik "Anglizismenvermeidung in Webseiten", von einem "Mathe Lehrer" die Rede.

Können womöglich die Schulpolitiker der Länder für Abhilfe sorgen? Wer deren Website www.kultusministerkonferenz.de anwählt, lässt alle Hoffnung fahren. Gleich auf der Startseite grüßt ihn - die "Kultusminister Konferenz". JOCHEN BÖLSCHE


DER SPIEGEL 45/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 45/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RECHTSCHREIBUNG:
Der Mutter Zunge