DER SPIEGEL



GUARESCHI / SCHRIFTSTELLER

Komödie des Kleinkriegs

(Siehe Titel und Rücktitel)

Beinahe 30 Minuten lang ließ den sowjetischen UN-Delegierten Jacob Malik seine tausendmal erprobte klassenkämpferische Wachsamkeit im Stich. So lange brauchte er, um zu begreifen, daß sich hinter den vielen roten Halstüchern und Fahnen und hinter den vertrauenerweckenden Genossenvisagen auf der Leinwand im Bordkino der "Liberté" ein übles kapitalistisches Machwerk verbarg. Malik war in eine Vorführung des "Don Camillo und Peppone" geraten. In bewährter UN-Manier verließ er im Moment der verspäteten Erkenntnis den schwimmenden Kinoraum.

In einem kahlen Redaktionszimmer einer Zeitungskaserne in Mailand nahm ein Mann mit einem Stalinschen Zwirbelschnurrbart diese Nachricht mit demselben grimmigen Lächeln auf, das von den Mächtigen der östlichen Hemisphäre am echten Stalin gefürchtet wird. Giovannino (Hänschen) Guareschi, Vater des Ur-Don-Camillo*), den er zusammen mit dem Widersacher Peppone als Antipoden einer jetzt bald fünf Jahre alten Dauer-Fortsetzungsserie in seinem satirischen Blatt "Candido" erfunden hatte, hält den Film Don Camillo für nicht ganz stubenrein.

Im engen Kreise charakterisiert er ihn gern als "all''acqua di rosa", als Rosenwasser, was im Angelsächsischen soviel wie "pink" und auf west-deutsch soviel wie "rückversicherisch" heißen will. Guareschi glaubt, daß die "Roten" und damit der Kommunismus im Film besser wegkommen als im Original, in den "Candido"-Artikeln und im Buch.

Maliks Ausmarsch hat ihn in dieser Hinsicht etwas beruhigt.

Ohnehin reichen die politischen und nur intern vorgetragenen Bedenken Guareschis nicht aus, um ihn zu einem Protest gegen die plötzlich kaninchenhafte Vermehrung zu veranlassen, die seinen längst weltbekannten Figuren Don Camillo und Peppone, dem streitbaren Dorfpfarrer und dem KP-Bürgermeister, droht.

Nach den jüngsten Mitteilungen

* entsteht der zweite Don-Camillo-Film in Rom und sind der dritte und vierte bereits geplant;

* liegen aussichtsreiche Offerten für eine Theaterfassung des Stoffes vor.

Und vor einigen Wochen reiste der Don-Camillo-Entdecker für das deutschsprachige Gebiet, der Salzburger Journalist Alfons Dalma, zu Guareschi, um mit seinem berühmten Kollegen die Einzelheiten der Fortsetzung dieses, wenn nicht größten, so doch merkwürdigsten Buch-Erfolges der Gegenwart zu besprechen.

Das heißt: einer deutschsprachigen Fortsetzung. Denn in den USA, wo Buch-Haussen schneller gemacht, aber auch schneller vergessen werden, liegt der zweite Band von "Don Camillo und Peppone" schon vor.

Autor Guareschi hatte damit verhältnismäßig wenig zu tun. Wie er sich überhaupt vor künftigen literarischen Weltgerichten leicht von den heute schon sichtbaren Sünden und den unvermeidlich kommenden Rückschlägen des über Nacht

ausgebrochenen mondialen Guareschi-Rummels rechtfertigen kann. Etwa so:

"Ich war, bin und werde Journalist bleiben. Ich hatte eigentlich nie die Absicht, ein Buch zu schreiben. Und daß nun mein Verlagshaus aus meinen Artikeln Bücher macht, ist doch schließlich nicht meine Schuld."

Um es auch dem Letzten klarzumachen, daß hier kein literarischer Höhenflug angestrebt wird, porträtierte er sich selbst auf der Eröffnungsvignette des "Don Camillo und Peppone" mit Stalinbart, mit einem geflügelten und gehörnten Teufelchen und einem Engelchen an je einem Ohr und schrieb darunter: "So haben sie''s mir erzählt."

In der Einleitung heißt es dann: "Keine Literatur also oder ähnliche Ware. Ich bleibe in diesem Buch jener Zeitungsberichterstatter und beschränke mich darauf, Tagesereignisse zu erzählen."

Erst nach der Lektüre des "Don Camillo" und der wenigen guten Passagen der übrigen sieben unter seinem Namen veröffentlichten Bücher begreift man einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied gegenüber den derzeit gängigen Edel-Reportagen schriftstellernder Journalisten:

* Guareschi beschränkte sich darauf, zu "erzählen", nicht zu "berichten".

Und er kann blendend erzählen, knapp, pointiert, komprimiert, ohne ermüdende Betrachtungen, ohne bohrende Reflektion. Trotzdem glaubt man ihm seine erklärte Absicht, keine Literatur zu produzieren. Er hat dazu nämlich gar keine Zeit. Seit unter seiner Leitung aus dem satirischen Wochenblatt "Bertoldo" der "Candido" wurde, bewältigt Guareschi neben seinen Herausgeber-Pflichten ein wöchentliches Schreiberpensum von:

* einem großen Leitartikel,

* einer politischen Umschau von mehreren hundert Zeilen,

* einer Don-Camillo-Geschichte (etwa 300 Zeilen),

* einer Familiengeschichte (ebenfalls etwa 300 Zeilen).

Dazu zeichnet er in ständiger Konkurrenz mit seinem gleichfalls mit einem ansehnlichen, nur besser dressierten

Schnurrbart behafteten journalistischen Dioskuren Carlo Manzoni Vignetten-Serien (siehe Rückseite). Guareschi, der seine Karikaturen mit einem wirr gestrichelten Namenszug zeichnet, aus dem zwinkernd sein Profil herausschaut, - Guareschi glaubt selbst nicht, daß er besonders gut zeichnen kann - "glücklicherweise", wie er sagt: "Wenn ich es könnte, würde mich das viel mehr Zeit und Kraft kosten."

Guareschi muß mit beiden geizen. Sein riesiges Arbeitspensum, das ihn ohne Zweifel in engste Konkurrenz mit zeilenschindenden Lokal- oder Sportberichterstattern für eine imaginäre journalistische Hennecke-Ehrung bringen würde, bewältigt er aber nicht in sieben, sondern in drei Tagen, von Samstag bis Dienstag. Während dieser drei Tage arbeitet er möglichst durch. Mit Vorliebe behämmert er die Schreibmaschine in seiner kalten, mit falschem Marmor ausgelegten Küche. Dort legt er auf einem unbequemen Sofa kurze Schlafpausen ein.

Seine Mailänder Wohnung liegt einen Steinwurf vom Verlag entfernt in einer Nebenstraße, und die Hauptbeschäftigung seiner Mitarbeiter besteht darin, ihn während dieser Zeit in der Küche oder in der Redaktion vor unerwünschten Störungen zu schützen. Sie bewachen ihn wie die Amerikaner ihr Gold in Fort Knox.

Nach Redaktionsschluß geht''s im Mercedes-Diesel ab in die Bassa, die norditalienische Po-Landschaft, aus der Guareschi und fast alle seine Geschichten stammen. Der Diesel ist ein Zugeständnis an seine Koketterie mit der Uneitelkeit. "Einen Amerikaner fährt jeder, und die Dieselmaschine kennt man bei mir zu Hause."

Wie seinerzeit Ullstein seinem Erfolgsautor Remarque einen Lancia als Dank für unverhoffte Gewinne schenkte, so bedachte der Mailändische Ullstein, Rizzoli (14 Publikationen im eigenen Hause), seinen Erfolgsautor und Herausgeber Guareschi mit einem teuren Oldsmobile. Er konnte ihm keinen schlechteren Gefallen tun.

Der geschenkte Wagen nahm Guareschi die Bewegungs- und Bastelfreiheit in seiner Garage, die mit einem Haufen ständig wechselnder, meist zweirädriger Fortbewegungsgegenstände voll belegt ist.

Guareschi liebt es, Motorräder auseinanderzunehmen und sie zu Eigenkonstruktionen zusammenzubauen. Guareschi blieb beim Diesel. Der Oldsmobile wanderte in eine andere Garage zum Aufbocken.

Aus der Bassa, wo er viel schläft, viel sieht, hört und viel diskutiert, kehrt er dann am Wochenende mit neuen Einfällen und Geschichten nach Mailand zurück. Sein stark cholerisches Temperament ist aufgefrischt, bereit für eine neue Drei-Tage-Schlacht, die nur durch kurze Bastelstunden unterbrochen wird.

Manzoni legt ihm dann das neueste Produkt seiner satirischen Galerie "Mondanità" vor: in diesen Zeichnungen verulkt er das letzte blaue Blut Italiens und die oberen Zehntausend und vor allem die obersten Vierhundert à la Graf Bobby.

Guareschi, durchaus kein unpolitischer, herzensguter, friedlicher Mensch, als den man ihn so gern den Lesern verkaufen möchte, hat sich die KP-Linientreue aufs Korn genommen. Seine Serie heißt "Obbedienza cieca, pronta, assoluta" - "Blinder, bereitwilliger und unbedingter Gehorsam".

Sie verspottet den Kadavergehorsam der Genossen, die Guareschi mit Vorliebe als Neandertaler mit drei Nasenlöchern zeichnet. Das dritte dient nicht zum Atmen, sondern zum Entweichen des Verstandes. Denn eine der unumstößlichen Maximen des Candido-Direttore lautet: "Der Kommunist muß mit dem Bewußtsein bekämpft werden, daß ein Kommunist, der zu denken beginnt, kein Kommunist bleiben kann."

Aber Guareschi ist ein viel zu alter und viel zu guter Journalist, um seine Leser mit Maximen zu verjagen. Er streicht es ihnen nicht wöchentlich leitartikelnd aufs Butterbrot, wie feindlich er der heutigen italienischen Staatsform, die er "eine Demokratie der Greise und der falschen Schilder" nennt, gegenübersteht.

Da er andererseits aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, hat es sich mittlerweile herumgesprochen, daß der Vater von "Don Camillo und Peppone" ein erklärter und konsequenter Monarchist und Traditionalist, ein extremer Konservativer und ein strenger Nationalist ist. Ohne im engeren Sinne klerikal zu sein, schwärmt er privat von einer "Bindung der christlichen Demokratie an die konservativen Ordnungskräfte".

Der mit Guareschi befreundete italienische Publizist Indro Montanelli schrieb jüngst von Guareschi ganz ohne polemische Absicht als einem "Verteidiger des Faschismus". Er vergaß zu erwähnen, daß die Faschisten und Guareschi bei aller ideologischen Annäherung in der Wirklichkeit schlecht miteinander auskamen. Als

Guareschi sich weigerte, in Norditalien weiter für den Duce zu kämpfen, übergaben ihn die Faschisten den Deutschen, und er wanderte durch verschiedene KZ.

Von dort brachte er einen solchen allerdings verständlichen Grimm mit, daß er bis vor einiger Zeit alle deutschen Themen in seinem Blatt ablehnte. "Da bin ich zu voreingenommen." Inzwischen hat er seine feindselige Haltung etwas korrigiert, aber er ist alles andere als ein Deutschenfreund, und bei den Südtiroler Wahlen blies der "Candido" machtvoll ins anti-deutsche Horn.

Es bedarf schon der ganzen Unschuld eines deutschen Literaten, um, wie es der würdige Christian E. Lewalter jüngst in der "Zeit" tat, derart daneben zu hauen: "Guareschis literarisch virtuoses, ja raffiniertes Buch ist in der Gesinnung nicht nur anti-literarisch und anti-kulturell, sondern und vor allem anti-politisch."

In Wirklichkeit ist Guareschi ein sehr politischer Wolf in dem für Breitenwirkung heutzutage notwendigen unpolitischen Schafspelz. Guareschi führt den Kommunismus auf ebenso einfache wie geschickte Art ad absurdum: Auf dem Dorfanger als Kampfplatz macht der Kommunismus eine lächerliche Figur, hier hält er den praktischen Problemen nicht stand, ganz im Gegensatz zu der von Don Camillo, diesem Kraftkerl von Landpriester, repräsentierten Kirche.

Übersetzer Alfons Dalma zielt auf den politischen Kern, wenn er von Don Camillo und Peppone sagt: "Die beiden sind doch gleichzeitig feindliche Brüder und brüderliche Feinde. Es ist derselbe nationale Typ, und diese Gemeinsamkeit siegt immer über die politische Feindschaft. Außerdem impft Guareschi dem kleinen Mann die Unsinnigkeit jener Demokratie ein, die es zuläßt, daß ein Dorf unter dem Ost-West-Gegensatz leidet."

Die Kommunisten erscheinen bei ihm einmal als, wenn auch unfreiwillige, Feinde der Nation und zweitens als allerdings gutmütige Dummköpfe. Das alles liest auf die Dauer selbst der Dümmste zwischen den "Candido"- und Buchzeilen heraus.

Trotzdem kaufen sich die meisten "Candido"-Leser Guareschis Blatt natürlich, weil sie lachen und nicht, weil sie sich politisch bilden lassen wollen. Aber der "Candido"-Chef kann sich rühmen, neben Innenminister Scelba der von der italienischen KP zweitbestgehaßte Mann zu sein.

Ein Genosse schlug der Parteileitung in einem ausführlichen Schreiben die Liquidation Guareschis vor und begründete die Notwendigkeit dieses Schrittes nach seinem besten marxistischen Wissen und Gewissen. Die Kopie schickte er an Guareschi, der sie veröffentlichte. Den KP-Bossen blieb nichts anderes übrig als zu erklären, daß

sie auf den Vorschlag des Genossen nicht eingehen würden.

Guareschis Herausgeber-Hennecketum hat sich auch journalistisch ausgemünzt. Mit einer Auflage von 350 000 steht der "Candido" heute in Europa auf dem Sektor des satirischen Wochenblattes einsam an der Spitze.

Daß sein Direktor aber heute zu den jüngst arrivierten Welterfolgsautoren - mit acht Büchern und einer geschätzten Gesamtauflage von 1,5 Millionen in 30 Monaten - gehört, ist zum großen Teil das sehr platonische Verdienst des Salzburgers Alfons Dalma. Und das kam so:

Eines Tages im Jahre 1948 brachte eine italienische Bekannte dem Dalma Alfons ein Buch über den Brenner, das eine Auswahl satirischer Geschichten aus einer Mailänder Zeitschrift "Candido" enthielt. Der Originaltitel war "Mondo Piccolo - Don Camillo". Die Bekannte kommentierte: "Ist was zum Lachen."

Der Außenpolitiker der "Salzburger Nachrichten" legte das Buch zum Schmökern auf den Nachttisch und kam erst Wochen später dazu, einen Blick hineinzuwerfen. Er lachte auch und strich sich einige Geschichten an für die Zeitung.

Über einen gemeinsamen Journalisten-Bekannten ließ Dalma bei Guareschi um Erlaubnis zur Übersetzung und zum Nachdruck einiger Geschichten bitten. Guareschis Antwort, mündlich übermittelt: "Wenn Sie unbedingt wollen, bitte. Aber das kann doch niemand im Ausland interessieren. Das kann nur eine Pleite werden."

Zu dieser pessimistischen Prognose kam er auf Grund heimatlicher Erfahrungen. Die Don-Camillo-Auswahl war als Buch mittelprächtig eingeschlagen, aber nur in Norditalien. Dalma: "Der Erfolg war auf der Landkarte mit dem Messer abzuschneiden."

Mit anderen Worten: Giovannino Guareschi hatte alle Chancen, als ein Ludwig Thoma der Po-Ebene zu piemontischem und parmaischem Lokalruhm zu gelangen. Das wäre eine normale Aufwärtsentwicklung gewesen, von jenem Tage an, da er als kleiner Korrektor an der "Gazetta di Parma" begann, eine Stadtchronik zu schreiben, die rasch außerhalb der Stadtmauern gelesen wurde und ihm zum Sprung nach Mailand verhalf.

Nachdem aber Alfons Dalma einige Don-Camillo-Histörchen in seiner Zeitung veröffentlicht und ein vielfältiges "Da capo, Da capo"-Echo aus der Salzburger Leserschaft registriert hatte, kam der Stein ins Rollen. Dalma bot dem kirchentraditionsreichen Verlagshaus Otto Müller eine deutsche Don-Camillo-Auswahl an. Der Salzburger Müller-Verlag hatte sich seit eh und jeh genügend Spielraum von seinen theologischen Verpflichtungen gelassen, um literarische Außenseiter zu fördern.

Ein Best-Seller-Verlag war Otto Müller allerdings nie gewesen, und niemand ahnte, daß er es dank der Offerte von Alfons Dalma werden sollte. Am allerwenigsten Dalma selbst. "Ich hab''s aus Spaß gemacht", sagt er heute, und anders ist es auch nicht zu erklären, daß der Übersetzer eines Buches, das in deutschen und österreichischen Buchhandlungen über 3 Millionen D-Mark umsetzte - an die 300 000 Exemplare à 12 DM - , eine Vergütung erhielt, die, von Schilling auf D-Mark umgerechnet, ziemlich genau dem Honorar für einen zweiteiligen Illustriertenbericht entspricht. Das ursprünglich vereinbarte Fix-Honorar, inzwischen verdreifacht, kann nicht einmal als Ehrensold bestehen.

Der vorsichtige Otto Müller hatte sich von dem Stuttgarter "Story"-Herausgeber Dr. Post, einem versierten Kenner des Buchmarktes, den Erfolg vorschätzen

lassen. Dr. Post tippte auf 30 000 bis 40 000 Exemplare in einigen Jahren.

"Don Camillo und Peppone" erschien kurz vor Weihnachten 1950, und im ersten halben Jahr sah es so aus, als ob "Story"-Post mit seinem vorsichtigen Optimismus recht behalten sollte. "Es ging sehr zäh", erinnert man sich im Hause Müller jener Zeit, wo die tiefen Gewölbe noch nicht bis zum letzten Quadratmeter mit den Don-Camillo-Kisten belegt waren.

Der Durchbruch kam plötzlich im Laufe des Jahres 1951. "Don Camillo und Peppone" besiegten den bücherfeindlichen Sommer und eroberten sich das Weihnachtsgeschäft. Über die Ursachen des Dauerbooms gibt es so viele Theorien wie über die Herkunft der fliegenden Untertassen.

Der deutsche Erfolg löste eine Kettenreaktion aus, die Atomwissenschaftler vor Neid erblassen lassen könnte. Amerika zog sofort nach und überflügelte im "Buchdes-Monats"-Stil alle übrigen Länder. Vor Weihnachten, also ohne das Weihnachtsgeschäft, notierte der Best-Seller an verkauften Exemplaren:

* USA: über 500 000,

* Frankreich: über 300 000,

* Deutschland: über 250 000,

* Italien: über 200 000.

In seinem Heimatland überschritt also der Parmese Giovannino Guareschi die Nord-Süd-Trennungslinie auf dem Umweg Salzburg - New York - Paris. Sein Buch liegt jetzt in 17 verschiedensprachigen Ausgaben vor.

Aber fast jedes Land hat seinen eigenen "Don Camillo", denn jedesmal kam es zu einer etwas anderen Auswahl der "Candido"-Geschichten. Als man in Amerika dem ersten Band gleich die Fortsetzung

folgen ließ, stellte man die Auswahl von sich aus zusammen und ließ sie sich, als sie fertig war, pro forma in Mailand imprimieren.

Ob Guareschi das Imprimatur selber erteilte, darf bezweifelt werden. Diese und viele andere Sorgen hat ihm vermutlich sein Verleger Rizzoli abgenommen. Und nur durch das Erfolgsphänomen Rizzoli läßt sich das Erfolgsphänomen Guareschi ganz erklären.

Rizzoli, ein moderner Industriekapitän, hat den Erfolg des "Don Camillo" ausgenutzt wie ein guter Feldherr einen Durchbruch - er ist durchgestoßen. Er hat aus seinem Direktor Giovannino Guareschi eine Ein-Mann-Buchfabrik gemacht.

Beinahe jede Geschichte, jede Zeile, die Guareschi irgendwann geschrieben hat, wurde aufs Fließband geschoben und geschickt mit anderen Geschichten oder Berichten zu Büchern zusammenmontiert. Diese Fließbandprodukte werden als Markenartikel mit der Erfolgsgarantie "Guareschi" angeboten.

So sieht es jedenfalls Übersetzer Dalma, und er beschreibt das Verhältnis zwischen Autor und Verleger: "Rizzoli läßt dem Guareschi als Schreiber und Herausgeber alle Freiheiten. Aber geschäftlich kommandiert er. Und er hat sich das Auswertungsrecht so gesichert, daß Guareschi gar nichts dagegen machen kann, wenn Rizzoli einen Guareschi nach dem anderen in aller Herren Ländern verkauft."

Drei dieser Fließband-Guareschi liegen bis heute in deutschsprachigen Ausgaben vor: "Das Schicksal heißt Clothilde", "Carlotta und die Liebe" und "Enthüllungen eines Familienvaters"*). Im Vergleich zu ihnen erscheint "Don Camillo und Peppone" wie ein Jaguar-Sport-Roadster neben drei Dreiradlieferwagen. Gemeinsam ist allen vieren neben dem Autorennamen nur die Sammelbezeichnung "Buch".

Und auch die ist mehr als dürftig. Den Erzeugnissen der Guareschi-Rizzoli-Buchfabrik haftet zu stark der Klebeleim an, der jene "einzigartigen Feuilletons" zusammenhält, von denen der Autor in seinen "Enthüllungen eines Familienvaters" selber schreibt, daß er sie sich "gemeinsam mit der Schreibmaschine" herausquäle und sie ihm gleichzeitig "Brot und Geringschätzung" eintrügen.

Alle Vorteile des "Don Camillo und Peppone", vor allem die seltsam "einfach-brutale

und doch sentimentale" Diktion, wie Übersetzer Dalma sie analysierte, und die Kunst des Weglassens sind einer feuilletonistischen Schwatzhaftigkeit gewichen, die man vielleicht in wöchentlichen Dosen, nicht aber im Buch-Konzentrat verträgt.

Dazu kommt, daß Guareschi mit seinem Welt-Bestseller eine doppelte Chance hatte und sie auch ausnutzte. Sie lag in seinem Thema und in seinem Stil. Im Thema, weil er das größte sichtbare Übel, die Zweiteilung der Erde, auf kleinstem anschaulichem Raum, dem Dorf, darstellt. Im Stil, weil er menschlich-humoreskenhaft erzählt und nicht über Hunderte von Seiten in Alkoholikerseelen, Chikagoer Slums oder in den historischen Fehlschlüssen des wissenschaftlichen Marxismus herumbohrte.

Er kommt wirklich mit einem Sprachschatz aus, den er selber mit etwa zweihundert Wörtern angibt. "Es sind dieselben, mit denen ich früher die Geschichte vom Alten, der von einem Fahrrad gestürzt wurde, oder die Geschichte von der Fleischbeschauerin, die beim Kartoffelschälen ihre Fingerkappe lassen mußte, zu erzählen pflegte.

"Es sind erfundene Dinge (aber) ... es ist einfach eine Sache der Überlegung: man betrachtet die Umstände, die Jahreszeit, die Mode und den psychologischen Augenblick ... und man schließt daraus, daß ... dieses oder jenes Ereignis sich zugetragen haben könnte. Sie sind daher so wahrscheinlich, daß ich in einer Reihe von Fällen eine Geschichte geschrieben und dann nach einigen Monaten gesehen habe, wie sie in Wirklichkeit sich wiederholt."

Das ist eine simple, klare Ausgangsstellung. In Italien, das literarisch vielleicht noch ausgelaugter als Deutschland ist und wo die Schriftsteller von Silone bis Moravia in den alten, ausgefahrenen Gleisen weiterschreiben, war es eine Sensation. Oder genauer gesagt: Es wurde erst eine, als Don Camillo und Peppone bei ihren ewigen Schlägereien auf der Leinwand so ganz nebenbei den italienischen Neo-Verismus out-knockten.

Der aus der Not geborene Film-Stil des Neo-Verismus ist für Italien ein großer Dollarbringer geworden (SPIEGEL 46/1952). In seinen niederen Industrie-Regionen hat er sich zu einem Schema hinentwickelt, bei dem es darum geht, möglichst attraktive Frauen möglichst lange in möglichst ärmlichen und spärlichen Landarbeiterinnenfetzen zu zeigen. Dazu ein wenig Natursymbolik, einige Vergewaltigungen im Heu und ein möglichst blutiges Schlußdrama - das ist das Grundrezept, nach dem zum Beispiel der Gatte von Silvana Mangano, Produzent de Laurentiis, seine letzten Filme "Sensualita" und "Violenze Carnare" kurbeln ließ.

In den Kunstregionen kann der neue italienische Film auf de Sicas "Fahrraddiebe" und eine Handvoll guter bis interessanter Filme von Rossellinis "Rom, offene Stadt" bis zu Castellanis "Zwei Groschen Hoffnung" hinweisen. Damit hat er sich vorläufig erschöpft und droht in Manier auszuarten. Darum arbeitet de Sica jetzt für den amerikanischen Schinken-Produzenten David O. Selznick ("Vom Winde verweht" und "Duell in der Sonne"), darum schleppt sich Rossellini von Mißerfolg zu Mißerfolg.

Wie Guareschi in der Literatur mit seinen geraden, runden Geschichten einen Gegenpol zu der überfeinerten bis überdrehten literarischen Produktion von Alberto Moravia gesetzt hat, so markiert sein Film eine Gegenströmung zum auströpfelnden Neo-Verismus.

So konnte der Publizist Montanelli in einer züngelnden Polemik gegen die "Lüge des Neo-Realismus" mit einigem Recht schreiben:

"... und er (Guareschi) schien Don Camillo und Peppone in einer Person, ein

Abbild Italiens, gleich entfernt von der Rhetorik Mussolinis und Silones: ohne die Heiligen, Helden und Seefahrer (Mussolinis), aber auch ohne die Analphabeten und verlausten Bettler (Silones), ein Italien, dessen Lokalfarbe nicht von Briganten dargestellt wird, die von reichen Baronen ausgehungert und verfolgt werden, sondern von einem Proletarier und einem Pfarrer, dessen realistische und nicht neo-realistische gute Laune sich in einem kräftigen Lachen ausdrückt, vollblütige und optimistische Figuren wie Simplizissimus oder Rabelais, ein wenig gewöhnlich, aber ehrlich, in denen unsere beste menschliche Tradition wieder lebendig wird ..."

Schon diese von Montanelli gefeierte seltene Übereinstimmung von Autor und Milieu, von Thema und Form macht es verständlich, daß die übrigen Guareschi-Bücher im Kielwasser von "Don Camillo und Peppone" hinterherzockeln wie der Fischschwarm hinter dem Hai. Sie sollen ja schließlich auch nichts anderes als geschäftliche Nachlese halten.

Das läßt sich an der oft recht unsorgfältigen Art der Darstellung leicht ablesen. Immer wieder spürt der Leser durch die Zeilen den nächsten Umbruchtermin des "Candido" nahen, findet seitenlange Füller, hastig abgebrochene Ansätze. Immer wieder sinkt Guareschi bei "Clothilde" und in den anderen beiden Büchern auf das zwangsläufig niedrige Niveau eines gehetzten Zeitungsschreibers herab.

Übersetzer Dalma weiß sich mit dem Autor auch in diesem Punkte einig: "Es wäre besser, wenn nur Don Camillo in Deutschland erschienen wäre."

Dalma hat dem Müller-Verlag von der Übernahme der anderen Guareschi-Bücher abgeraten. "Es sind alles nur Neuigkeiten aus der imaginären, satirischen Welt des ''Candido'', und sie müssen in Buchform ermüden", argumentiert er. Und fügt hoffnungsfroh hinzu: "Ich baue auf den zweiten ''Don Camillo''."

Daß auch der wieder sein deutsches Publikum findet, dafür sorgt gerade in diesen Wochen Regisseur Julien Duvivier ("Unter dem Himmel von Paris"). In allen Vorberichten über seinen Don-Camillo-Film hieß es lobend: "Kein Geringerer als Duvivier ..."

Aber es war ein wenig anders. Wie alles um Guareschi nahm Verleger Rizzoli auch das Filmprojekt in eigene Hände. Er

brachte das Geld und suchte sich zwel Filmleute als Partner, je einen Franzosen und Italiener. Vom sicheren Weltgeschäft behält Rizzolt den Löwenanteil.

Dann suchte man einen italienischen Spitzenregisseur. Darüber berichtete die "Korrespondenz für Filmkunst": "Blasetti winkte lächelnd ab. De Sica lächelte nicht mal, für ihn war der Kommunismus immerhin eine so ernste Sache, daß man ihn nicht lächerlich machen sollte. Schließlich erwählte man den US-Regisseur Frank Capra (''Arsen und Spitzenhäubchen''). Er wollte, aber die Paramount, bei der er bis 1953 unter Vertrag steht, wollte nicht. Und dann fand man einen, der wollte und konnte und auch nicht unter Vertrag stand - Julien Duvivier. Es konnte losgehen."

Der fertige Film macht es schwierig zu verstehen, warum Duvivier nicht in die erste Wahl kam. Viel besser hätte er kaum werden können.

Aber mit der Regisseurswahl war der Ärger noch lange nicht vorüber. In den Ateliers in Rom und Paris sind die Arbeiter und Techniker fast durchweg in stark angeröteten Gewerkschaften organisiert. Bei den Außenaufnahmen im Flecken Brescello in der Emilia kam es zu Demonstrationen. Guareschi selber half, die Demonstranten niederzureden. Zu Hilfe kam ihm dabei die allgemeine Ratlosigkeit der Kommunisten ihm, dem "Candido", und vor allem dem Don Camillo gegenüber. Sein Hauptargument: "Der Peppone, dieser Kommunist - ist das etwa keine sympathische Figur?" Tatsächlich förderten Buch und Film die General-Anzeiger-Meinung, daß Kommunisten ganz umgängliche Leute sein können und "gar nicht so schlimm" sind.

Am Ende stellten die Roten von Brescello sogar Handlanger und Statisten für Guareschis Film. Angesichts verlockender Verdienstquellen verdrängten auch ausgedörrte Proletarierseelen gewisse Bedenken. Ein KP-Häuptling kam bei der Parteizentrale sogar um die Erlaubnis ein, eine kleinere Filmrolle zu übernehmen. Alles stand kopf: sie wurde ihm gewährt.

Das Entgegenkommen der anderen Seite war vielleicht kein schlechter Schachzug. Guareschi sagt heute bekümmert von seinem "Don-Camillo"-Film: "Das Schlimmste daran ist - die Kommunisten mögen ihn."

Im Atelier hing während der Dreharbeiten ein Schild mit der höflichen Aufforderung: "Es wird gebeten, nicht von

Politik zu reden." Es war das einzige Zeichen einer im übrigen stillschweigend eingegangenen Waffenruhe. Alle hielten sich daran.

Den größten Ärger aber machte Guareschi selbst. Zunächst werkelte er am Drehbuch mit. Fünfzig Prozent des ersten "Don-Camillo"-Filmscripts bucht er für sich. "Aber dann ging mir die Geduld aus."

Am zweiten, dem jetzt in Arbeit befindlichen Film, war er schon schwächer am Drehbuch beteiligt. Dann bot ihm Duvivier die Rolle des Peppone an. Vom Typ her stimmte die Besetzung, und außerdem war es ein wirksamer Publicity-Gag.

Guareschi hielt nur ein paar Tage durch. Schauspieler Gino Cervi, der ihn ablöste, brachte außer seiner etwas stärkeren Statur auch die Guareschi fehlende Filmruhe und vermutlich auch mehr schauspielerisches Können mit. Allerdings gehen die Meinungen hierüber weit auseinander.

Jedenfalls gab der Schauspieler-Autor in seinem "Candido" folgende lauwarme Erklärung: "Man weiß nicht, ob in einem Moment geistiger Umnachtung oder durch schlechte Freunde beraten oder durch seinen politischen Opportunismus Guareschi sich bereit fand, die Rolle zu übernehmen. Jedenfalls drehte er einige Szenen mit bestem Erfolg. Dann dachte er wahrscheinlich an seine Frau, die ihm damit drohte, nach Venezuela auszuwandern, wenn er diese Verrücktheit nicht aufgeben würde. Und so nahm er sein normales Leben wieder auf und verzichtete auf seine Schauspielerkarriere."

Die nächstliegende Begründung: er war zu cholerisch.

Dafür spricht die durchaus freundschaftlich gemeinte Charakteristik, die Übersetzer Dalma von Guareschi gibt: "Er ist ein Choleriker, fast ein Sanguiniker, fährt leicht aus der Haut und ist schwer beleidigt, wenn man ihn zehn Minuten warten läßt."

Im Autobiographischen beginnt es bei Guareschi zu hapern. Interviews gibt er nur widerwillig und nur, wenn es sich gar nicht vermeiden läßt. Es scheint, daß er sich wie viele Journalisten die Diskretion für sich selber reserviert hat. Seine Äußerungen über sich selbst sind unergiebig und oft widerspruchsvoll.

Zusammengefaßt ergeben sie das Bild eines heute 44jährigen Familienvaters mit zwei Kindern (Albertino, 12, und Carlotta, 9), der sich hektisch abarbeitet, statt das sehr bequeme Leben eines Erfolgautors zu führen, und der in Momenten, wo sein Temperament sich erholt, wirklich Stalin ähnlich sehen kann.

Niemand weiß genau, ob Guareschi wohlhabend, reich oder sehr reich geworden ist. Übersetzer Dalma: "Reich, sichtbar reich ist er nicht geworden. Er führt das Leben eines wohlhabenden Mannes wie tausend andere Herausgeber und Chefredakteure auch"

Andere Freunde Guareschis halten ihn zwar für reich, aber "er fängt mit seinem Geld nichts an". Einer von ihnen sagte einmal von ihm: "Er hat nicht mal die Zeit, sich zu überlegen, wie er es ausgeben soll, geschweige denn, es auszugeben."

Der Schnauzbart Guareschi ist nicht nur äußerlich eine bäuerliche Type. Sein Vater hatte eine kleine Klitsche in Fontanella in Oberitalien, "einer Oase des Sozialismus inmitten der kommunististischen Wüste".

Guareschi ist ein Selfmademan. Als berufliche Zwischenstationen nennt er: "Werbezeichner, Elektriker, Dekorationsmaler, Pförtner in einer Zuckerfabrik, Lehrer, Holzschnitzer, Volkszählungsbeamter." Dazwischen studierte er Jura, dann ging er zur Zeitung.

Trotz seiner mitunter verletzenden Offenheit bleibt er selbst seinen Mitarbeitern immer noch e in Buch mit sieben Siegeln. Das siebente und letzte ist das Geheimnis seiner Arbeitskraft, die allen unfaßlich erscheint. Der Welterfolg des Viel-Schreibers wurde keinesfalls leicht verdient.

Während der erste "Don-Camillo"-Film in Deutschland Rekordkassen bricht, läuft schon die Propagandamühle für den zweiten. Er soll "Die Heimkehr des Don Camillo" heißen. Denn als geschickter Stoff-Ökonomist und Filmpraktiker hatte sich Duvivier aus der fast unendlichen Geschichtenkette des "Don Camillo" nur einige Perlen herausgepickt und die Liebesgeschichte zwischen dem Gutsbesitzermädchen und dem Jungkommunisten Mariolini, im Buch nur eine kleine Episode neben vielen anderen, zum Handlungsträger erhoben.

Der erste Film endet mit der Abreise des Don Camillo, die im Buch ziemlich in der Mitte geschildert wird. Die Heimkehr bot sich also direkt an.

Trotzdem ließ der Regisseur zunächst emphatische Erklärungen von Stapel, er drehe niemals Fortsetzungen. Aber schon im Sommer wurde die Version lanciert, daß er sich noch einmal bereit erklärt habe - unter der Bedingung, daß Don Camillo und Peppone dann auch sterben.

Duvivier dreht zwar die Fortsetzung, der Pfarrer und der Bürgermeister aber denken gar nicht an den Leinwandtod. Manager Rizzoli wird sie so lange am Filmleben erhalten, wie sie gute Geschäfte versprechen - mit oder ohne Duvivier. Und der erste "Don-Camillo"-Film läuft in Paris jetzt im fünften Monat.

Alle Filmspekulationen, aller Mißbrauch und die Buchfehltritte können jedoch das

beinahe historische Verdienst des Giovannino Guareschi kaum schmälern. Die Münchner "Süddeutsche Zeitung" beschrieb es in zwei Sätzen:

"Noch niemand hat verstanden, den politischen Haß derart zu entgiften wie Guareschi. Kein anderer Schriftsteller hat die Tragikomödie des politischen Kleinkrieges so human dargestellt."

Kürzer, naiver und herziger nannten die amerikanischen "Book of the Month News" den Don Camillo ein "gem of good nature", einen "Edelstein der Gutmütigkeit".

Die Kirche, in Italien und überall dort, wo sie ein Verhältnis zu dieser sehr italienischen Katholizität Guareschis hat, begriff rasch, welchen Verbündeten sie in ihm gewonnen hatte. Es gab wenig Diskussionen über die Tatsache, daß Don Camillos Gewissen, mit dem er ständig Zwiesprache hält, von Christus am Kreuz verkörpert wird. In England allerdings genügte das, um den Film bis vor kurzem in totaliter zu verbieten - gemäß dem Buchstaben eines Zensurgesetzes, das jedes Erscheinen Christi auf den Kinoleinwänden verbietet. Nun erst, nach einigen Schnitten, hat die britische staatliche Filmprüfstelle den "Don-Camillo"-Film freigegeben.

In Deutschland verzeichneten nur die "Stuttgarter Nachrichten" als Leser-Reaktion auf den Roman-Abdruck "eine wahre Sinfonie von Mißtönen". Mehrere Schwaben sahen in der Schilderung dieser Zwiegespräche "eine abgeschmackte Anmaßung, die eine heilige Sache ins Lächerliche zieht".

Das salonbolschewistische "Wiener Tagebuch" dagegen leistete sich den schweren deviationistischen Schnitzer, dem Don Camillo "Lebensechtheit und Gedankenreife" zu bescheinigen. Es wurde zurückgepfiffen und mußte widerrufen.

Italiens KP - Organ "Unità" konnte es sich nicht verkneifen, über die "Kapitulation" des einst als fortschrittlich gepriesenen Duvivier vor dem Reaktionär Guareschi und dem Kapitalisten Rizzoli herzuziehen. Der "Candido" nahm den Fehdehandschuh auf und beschrieb in langen ungezeichneten Artikeln, hinter denen jeder Guareschi vermutete, genußvoll des armen Duvivier Dilemma.

In der Tat hatte sich Duvivier durch ein Schreiben an die Kommunisten, in denen er ihnen weitgehende Neutralisierung im Film versprach, rückversichern wollen. Aber der Brief wurde veröffentlicht, und Duvivier kann ihn zukünftigen Entdemokratisierungskammern vorlegen. Ob er allerdings als Entlastungszeugnis gegenüber dem ihn in KP-Augen belastenden Film angekreidet wird, erscheint mehr als zweifelhaft, ebenso zweifelhaft wie die kolportierte Äußerung des italienischen KP-Chefs Togliatti, Guareschi und sein Blatt seien "gefährlicher als zehn US-Divisionen".

Der Vatikan schaut mit zurückhaltendem, aber spürbarem Wohlwollen dem "Don-Camillo"-Rummel zu. Nur einmal ließ er kurz, aber unmißverständlich sein Mißfallen laut werden. Das war, als bei den Aufnahmen zum zweiten Don-Camillo-Film Fernandel als Priester bei einer Überschwemmung Christus anrufen will und dazu mechanisch niederkniet und in den Fluten untergeht. "Unmöglich", sagte die Kirche. Eingeweihte nehmen an, daß die Szene beim Schnitt fallen wird.

*) Giovannino Guareschi: "Don Camillo und Peppone", Otto Müller-Verlag, Salzburg, 1950, 324 Seiten. 12 DM.*) Giovannino Guareschi: "Das Schicksal heißt Clothilde", Alfred Scherz-Verlag, Bern. 1952, 240 Seiten, 12,50 DM; "Carlotta und die Liebe", Sanssouci-Verlag, Frankf., 1952, 290 Seiten, 11,80 DM; "Enthüllungen eines Familienvaters", Donau-Verlag, Wien-München, 1952. 396 Seiten, 16,80 DM.

DER SPIEGEL 1/1953
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GUARESCHI / SCHRIFTSTELLER:
Komödie des Kleinkriegs

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