07.01.1953

SCHWEIZKatyn für Pferde

Wo die Hälse geblieben seien, fragten die Schweizer Pferde-Metzger bei der Eidgenössischen Pferde-Regieanstalt in Thun an, als diese plötzlich den Markt mit hals- und kopflosen Pferderümpfen überschwemmte. Am Pferdehals (Preis damals 130 bis 170 Schweizer Franken) sitzt nämlich das zarteste Fleisch, und das Kammfett der Rösser ist ein beliebtes Hausmittel gegen Ischias und Rheuma.
Antworteten die Gestütsinspektoren der Thuner Regie, die Metzger sollten "d'Schnörre halten", sonst bekämen sie überhaupt kein Pferd mehr. Sowieso habe jeder Rumpf zehn bis zwanzig Kilo Übergewicht, und sie bezahlten niedrigste Preise.
Jetzt fragen Justizoberst Hagenbüchli (Großrichter der 9. Division und im zivilen Beruf Staatsanwalt des Kantons Zürich), und Justizhauptmann und Kavallerie-Hauptmann a. D. Häberling nicht nur nach dem Verbleib der Pferdehälse, sondern warum überhaupt rund 281 eidgenössische Kriegsrösser (darunter berühmte Turnierpferde) so plötzlich auf den Metzgerbänken enden mußten. Die beiden Militär-Juristen haben vom Eidgenössischen Militär-Departement den Auftrag, Klärung in die sogenannte "Pferdemord-Affäre von Thun" zu bringen.
Ins Rollen kamen die kopflosen Rümpfe durch einen Parforce-Ritt des in der Schweiz weit und breit bekannten Distanz-Reiters, Reiseschriftstellers und Journalisten Hans Schwarz. Ab 15. Oktober 1952 laufend veröffentlichte Schwarz in der Wochenzeitung "Nation" Enthüllungen über die grausame Liquidation ("Katyn für Pferde") von Hunderten von erstklassigen Militär-Pferden. Kommentierte die hochseriöse "Neue Zürcher Zeitung": "... wenn von dem, was er vorgebracht hat, auch nur die Hälfte stimmt, dann ist das noch reichlich genug."
Bis zum Jahre 1950 besaß die schweizerische Armee zwei große Pferde-Depots, aus denen sie ihren Bedarf an Zug- und Reittieren deckte:
* für die Versorgung der Artillerie, der Trains und der Stäbe die Eidgenössische Pferde-Regieanstalt (EPRA) in Thun, die eine hundertjährige Tradition hatte, und
* seit 1889 das Eidgenössische Kavallerie-Remontendepot in Bern.
Seit je sahen die weniger erfahrenen Berner mit Neid und Mißgunst auf die prächtigen und gutausgebildeten Pferde der Thuner Regie, die in den langen Jahren ihres Bestehens als Zuchtanstalt Weltruf erhalten hatte.
Mit sehr viel Genugtuung nahmen daher die Berner im November 1948 von einem Beschluß der eidgenössischen Räte Kenntnis: Da Artillerie, Train und Stäbe auch in der Schweiz inzwischen weitgehend motorisiert worden waren, hatten sich die Räte geeinigt, die Zucht in Thun aufzulösen. Das höchste Glück der Erde kann das Schweizer Militär jetzt nur noch auf dem Rücken Berner Remonten genießen. Die Weisung des Bundesrates lautete:
* Die besten der über tausend Thuner Pferde seien nach Bern zu überstellen.
* Jüngere Tiere seien an die Dragoner abzugeben.
* Ältere Pferde sollten für Reserve- und Depotzwecke verwendet werden.
Eines Tages erschien also in Thun der Chef des Pferdewesens in der schweizer Armee, Oberst der Kavallerie Charrièrede
Sévéry, und der Chef des Pferdelazarettes ("Kuranstalt") im Kavallerie-Remontendepot Bern, Veterinäroberst Meier, zur Übernahme des Thuner Beritts. Nur die wenigsten der aus den besten Gestüten Hannovers, Irlands und der Normandie stammenden Tiere bestanden vor den beiden hohen Herren. Von insgesamt 1116 Pferden fanden gerade 146 endgültig Gnade vor dem Pferdeverstand des "Preußenobersten aus Bern".
So nennen nämlich die Züchter im Hannoverschen den Veterinär Meier, wenn er dort regelmäßig zu seinen Einkäufen erscheint. "Der Preußenoberst aus Bern ist da! Heil!" begrüßten Hannovers Züchter Meier freundschaftlich, will Hans Schwarz wissen.
Wie es so Brauch beim Pferdehandel sein soll, ließen die hannoverschen Verkäufer Oberst Meier je nach Größe seines Einkaufes einige Pferde "à discrétion" mit auslesen. "Ist es wahr", so fragte Hans
Schwarz den Kavalleristen, "daß Sie diese schönsten Tiere ohne Zoll, ohne Patent und auf Transportkosten des Bundes an Private verkaufen und den Erlös in die eigene Tasche stecken?"
Als der "Preußenoberst" nun den Thuner Pferdebestand so schlecht einschätzte, war sein Kamerad Oberst Thommen, Kommandant der Thuner Pferde-Regieanstalt, empört. "Seine Pferde" sollten nicht dem Rivalen in die Hände fallen. Also ließ Thommen vorsorglich erst einmal die prächtigsten Tiere schlachten.
Um seinen Beritt nicht gegen die Thuner Pferde abstechen zu lassen, ließ der Preußenoberst Meier aber ebenfalls schlachten. Schrieb Hans Schwarz: "... der Oberst Meier in Bern muß auch noch daran und punkto Pferdemetzgerei ist gegen ihn der Thommen nur ein Wegglibueb (Anfänger)".
Wochenlang wurden also einmal von Thommen, einmal von Meier täglich vier
bis fünf Pferde der Thuner Regieanstalt, alle gesund und arbeitsfähig, geschlachtet. Nach offiziellen Erklärungen insgesamt 281.
Der reiterlichen Rivalität zwischen dem Obersten aus Bern und dem Obersten aus Thun wurden unter anderen geopfert:
* "Hummer", Sieger der olympischen Dressurprüfung in London 1948 (Schwarz: "der Olympier").
* "Französin", eines der sichersten Springpferde der Schweiz.
* Ein Dutzend Lipizzaner Paradeschimmel (Schwarz: "die zwölf Sonnenpferde").
Oberst Meier (ebenso sowie Oberst Thommen) drohte mit Klage gegen Hans Schwarz. Durch einen Anwalt ließ er dem Distanz-Reiter einen Eilbrief zukommen: "Oberst Meier hat alle Abschlachtungen von Pferden durch seine vorgesetzte Dienststelle visieren lassen." Aber die beiden Obersten haben bis heute noch nicht geklagt, und erst zehn Tage nach den Enthüllungen über den Pferdemord bequemte sich das Militär-Departement zu einer Erklärung: "Hummer" habe eine unheilbare Huf-Krankheit gehabt, und die "Französin" sei 1948 völlig verbraucht aus London zurückgekommen.
Schwarz behauptet dagegen, Photographien von "Hummer" im Besitz zu haben, auf dem das Pferd sechs Tage, bevor es zur Schlachtbank geführt wurde, munter und temperamentvoll in der Koppel herumspringt. Thommen als Vorstandsmitglied des Schweizer Pferdesportverbandes und als Vertreter der Eidgenossenschaft im Internationalen Olympischen Komitee habe sicher Käuferbeziehungen gehabt, die dem Schweizer Staat für diese wertvollen Tiere mehr als die lumpigen 400 Metzger-Fränklis hätten einbringen können.
Verteidigte sich Oberdivisionär von Muralt, Waffenchef der leichten Truppen, unter dessen oberste Zuständigkeit auch die Affäre von Thun fällt: "Die Pferde-Regieanstalt wies vor ihrer Liquidation einen Bestand von 923 Pferden auf (vorher hatte das Militär-Departement von nur 560 Tieren gesprochen). Die berühmten, aber keineswegs mehr vollwertigen Pferde wollte man nicht in unkundige Hände geben. Der Pferdebestand der Anstalt war stark überaltert und verbraucht".
Schließlich verloren sogar die höchsten Bundesbehörden ihr Gesicht beim Thuner Pferdemord. Für den 3. November wurde in Bern eine Pressekonferenz angesagt, bei der der Direktor des Militär-Departements, Oberst Bracher, persönlich den Vorsitz übernehmen und sogar Bundespräsident Kobelt anwesend sein sollte. Am 3. November früh wurde die Konferenz mit der Begründung abgesagt, daß die inzwischen eingeleitete militärgerichtliche Untersuchung der Vorgänge eine Stellungnahme der obersten Behörden der Schweiz "erübrige".
Hans Schwarz stieß in der "Nation" nach: Bei der Liquidation der Regieanstalt seien die Diebe wie die Kunden eines Ladens mit Selbstbedienung ein- und ausgegangen. Mit dem einzigen Unterschied, daß niemand an der Kasse saß. Oberst Thommen habe eigenhändig, tagelang und kistenweise die Akten des Gestüts verbrannt.
Die Militär-Juristen Hagenbüchli und Häberling haben es bis heute noch nicht geschafft, Klarheit in den Wust der Schwarzschen Anschuldigungen und die Unschuldsbeteuerungen der beiden Obersten hineinzubekommen. Außer den 281 Pferden blieb jetzt auch noch "Die Nation" auf der Strecke. Sie mußte am 1. Januar ihr Erscheinen einstellen. Ihre Finanziers haben der Zeitung die Kredite entzogen.

DER SPIEGEL 2/1953
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