21.01.1953

ULBRICHTDie Götter dürsten

(Siehe Titel)
"Die tollwütigen Hunde müssen allesamt erschossen werden."
Andrej Wyschinskij im "Trotzkisten-Prozeß".
Am vergangenen Donnerstagmittag unterhielt sich der bald siebzigjährige sowjetzonale Christ-Demokratenführer und stellvertretende Ministerpräsident der DDR, Otto Nuschke, mit einem Besucher aus West-Berlin, als in seinem Büro - im ersten Stock des Ost-CDU-Hauptquartiers - eines der beiden Telephone auf dem Ständer neben dem Schreibtisch rasselte.
Nuschke hatte eben versucht, seinem westlichen Besucher klarzumachen, daß an den Gerüchten über die Liquidierung des Gesundheitsministers Luitpold Steidle (Ost-CDU) kein wahres Wort sei. Lässig nahm er den Hörer ab und meldete sich in seiner schläfrigen Art: "Hier Nuschke."
Dann riß es den alten Parlamentsfuchs förmlich zusammen. Sein Gesicht wurde kalkweiß; ergeben hauchte er in die Muschel: "Jawohl, ich komme sofort!" Und dann mehr in die Büroluft hinein als zu dem Besucher: "Der Ministerpräsident wünscht mich zu sprechen."
DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl überrumpelte den verdutzten Ost-CDU-Chef mit der Nachricht, daß Nuschkes Parteifreund, Sowjetzonen-Außenminister Georg Dertinger, 50, soeben "von Organen der Staatssicherheit der DDR auf Grund seiner feindlichen Tätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik, die er im Auftrage imperialistischer Spionagedienste durchführte, festgenommen und in das SSD-Zentral-Gefängnis eingeliefert" worden sei.
Nach der Unterredung mit Grotewohl zog sich der alte Nuschke, sichtlich erschüttert, in die Einsamkeit seines Bauernhofes nach Niederneuendorf zurück. Er weiß seit langem, wer seinem Parteifreund Dertinger nach dem Leben trachtet.
Schon vor zwei Jahren schrieb der mächtigste Mann im Sowjetzonenstaat, der SED-Generalsekretär und stellvertretende Ministerpräsident Walter Ulbricht, 59, nach einem Besuch in Moskau in einem Geheim-Memorandum: "Den Besprechungen mit Andrej Wyschiniskij wohnte zum größten Teil Dertinger bei. Ich glaube, daß man - von sowjetischer Seite aus - die an den Tag gelegte Reserve bewußt wählte, weil man ihm nicht traut."
Dabei hat der frühere "bürgerliche" Journalist Dertinger nichts unterlassen, um seine innere Wandlung vom ehemaligen Stahlhelmer und Herrenclub-Mitglied zum SED-Satelliten immer wieder unter Beweis zu stellen. Er setzte ohne Zögern seine Ministerunterschrift unter den Vertrag über die Anerkennung der "Friedensgrenze an der Oder und der Neiße" und erntete dafür den volksdemokratischen Orden "Polonia Restituta". Es war Dertinger, der noch beim Neujahrsempfang der Ost-Diplomaten den Trinkspruch ausbrachte: "Es lebe unser Führer im deutschen Freiheitskampf, unser Präsident Wilhelm Pieck! Es lebe unser Befreier, Helfer und Freund Josef Wissarionowitsch Stalin!"
Dertinger toastete und prostete überhaupt sehr gern und war dabei nicht sehr vorsichtig in der Wahl seiner Gesprächspartner. Sein besonderer Intimus war der frühere Justitiar der Ost-CDU, Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Eberhard Plewe (von Dertinger "Ebbo" genannt). Er knüpfte Fäden zwischen Dertinger und vereinigungsfreudigen Funktionären der West-CDU. Der sowjetische Spionagedienst kam aber auch dahinter, daß Dertingers
Freund Plewe sich in Italien und in der Schweiz mit politisierenden amerikanischen und englischen Privatleuten getroffen hatte.
In Plewes Gehirn spukte die phantastische Idee, über Dertinger in die Weltpolitik einzusteigen. Plewe, der ein glühender Verehrer des amerikanischen Republikaners Taft ist, glaubte an die Möglichkeit einer Verständigung zwischen Taft und Stalin. Er wollte im vergangenen Jahr, als es so schien, daß Taft Chancen bei der Präsidentenwahl habe, Dertinger mit einem amerikanischen Senator der alten republikanischen Garde zusammenbringen.
Diese Pläne erweckten bei den Karlshorster Russen tiefstes Mißtrauen. Plewe wird seit dem 29. November vermißt. Er ist von einem Kuriergang aus dem Sowjetsektor nicht zurückgekehrt.
Einmal im Zuge, haben die 34 Staatssicherheitsbeamten, die am vergangenen Donnerstag das DDR-Außenministerium ausräumten, auch gleich die SED-Genossen Peter Florin (Leiter der Abteilung Volksdemokratien) und Max Keilson (UdSSR-Referent mosaischen Glaubens) mitgenommen.
Peter Florin, Sohn des in Moskau gestorbenen Alt-Kommunisten Wilhelm Florin und einer Russin, war 1945 als Major der Roten Armee nach Halle gekommen, wo ihn der damalige Landeskommandant für Sachsen-Anhalt, General Kotikow, zum Chefredakteur der kommunistischen Zeitung "Freiheit" machte. Da Florin aber der deutschen Sprache kaum mächtig war, mußte er nochmals auf die Schulbank. Nach Absolvierung eines Elementar-Lehrganges wurde der gut aussehende dunkelhaarige Russenzögling als hoffnungsvollster Volks-Diplomat ins DDR-Außenministerium kommandiert.
Florin galt bereits als Nachfolger des seit langem wackligen Dertinger. Jetzt wurde er für die lange Anklagebank des großen Revolutionstribunals vornotiert, auf der außer den Bürgern Dertinger und Hamann (ehemaligem Versorgungsminister und Vorsitzenden der Ost-Liberaldemokraten)
eine Reihe von hohen SED-Genossen sitzen werden. Die Götter des Kreml dürsten.
Auf der 11. Sitzung des SED-Zentralkomitees sortierte Ulbricht die "Verräter" in drei Gruppen:
* Agenten;
* Zionisten;
* Neutralobjektivisten*).
Ulbricht will in den nächsten Wochen freiwillig auf seine gewohnten Wochenend - Wintersport - Touren nach Oberhof verzichten. Er hat gleich nach dem Slansky-Prozeß in Prag - "nach Aufdeckung der zionistischen Verschwörung" - die Stafette des neuen Amoklaufes im Ostblock übernommen. Sein Parteispitzname aus der Weimarer Zeit, "Genosse Zelle", wurde so in doppelter Beziehung hintergründig.
Unter Ulbrichts Regie wurde auf der 11. ZK-Tagung die große Anklageschrift für einen kommenden Schauprozeß zusammengebraut, die den parteioffiziellen Titel "Lehren aus dem Prozeß gegen das Verschwörerzentrum Slansky" trägt. Seitdem bricht vielen hohen SED-Funktionären nachts der Angstschweiß aus, denn Ulbricht hat - um die Mitverschwörer nicht zu warnen - nur die Namen der "Hauptverschwörer" bekanntgegeben, die ohnehin seit zwei Jahren als Parteileichen gelten. Es sind die Namen:
* Kurt (Kuschi) Müller, bis zu seiner Verhaftung 1950 Stellvertreter des westdeutschen KP-Chefs Max Reimann;
* Fritz Sperling, der nach Müllers Sturz dessen Nachfolger in des Wortes doppelter Bedeutung wurde: erst als zweiter KPD-Vorsitzender, dann im Herbst 1951 als "spurlos" in der Sowjetzone Verschwundener;
* Paul Merker, bis zum August 1950 DDR-Staatssekretär und Mitglied des SED-Politbüros. (Er hat seinen Bewährungseinsatz nicht bestanden und wurde nunmehr in Staatssicherheitsgewahrsam genommen.
Hinzu kamen als Opfer der neunten Welle Merkers Emigrationsfreunde
* Alexander Abusch (der eigentlich Reinhart heißt) und
* Erich Jungmann, ehemaliger KP-Chefredakteur und Mitglied des westdeutschen KP-Vorstandes.
Einige Spritzer der ätzenden Säuberungslauge trafen auch den obersten Kaderchef des SED-Zentral-Komitees, Franz Dahlem, der nach Ulbricht als einflußreichster Exponent der SED-Führung gilt. Er habe während der deutschen Besetzung Frankreichs. "eine schwere Schuld auf sich geladen und den Interessen der imperialistischen Westmächte dadurch Vorschub geleistet", daß er den in Frankreich zurückgebliebenen Emigrantenklüngel zur freiwilligen Internierung anstiftete.
Doch dieser Rüffel ist zunächst nur ein Schreckschuß für den Fall, daß es Dahlem einmal gelüsten sollte, die seit Jahren zwischen ihm und Ulbricht schwelende Kontroverse zu einer Palastrevolte ausarten zu lassen.
Wie der leninbärtige Parteidiktator Walter Ulbricht mit seinen Widersachern umspringt, beweist sein K.o.-Schlag gegen seinen langjährigen Rivalen Paul Merker. Die Geschichte dieser Rivalität ist gleichzeitig die Geschichte zweier
Demagogen die einander fünfundzwanzig Jahre lang den Rang abliefen.
Sie begann 1925, bald nachdem in Mitteldeutschland der rote Aufstand im Keim erstickt worden war. Das war kein Ruhmesblatt für Walter Ulbricht gewesen, den seine thüringischen KP-Genossen (Ulbricht war Parteisekretär in Jena) damals mit einem Minimum an zulässigen Stimmen ins Zentralkomitee der KPD gewählt hatten. Ulbricht hatte durch seine Aufschneidereien ("In Thüringen hat jeder Arbeiter sein Gewehr hinter dem Küchenschrank") den militanten Revoluzzern in Moskau einen Bären aufgebunden, Als er später zur Rede gestellt wurde, konnte er kaum 800 brauchbare Gewehre nachweisen.
Nach Lenins Tod (1924) brach die Blutfehde zwischen Trotzki, dem Apostel der permanenten Revolution, und Stalin, der den "Sozialismus" zunächst in einem Land aufbauen wollte, aus. Ulbricht merkte, daß Trotzkis Stern, an den er bis dahin geglaubt hatte, im Sinken war. Er schloß sich einer Mittelgruppe der KPD an und wartete ab, nach welcher Seite er richtig zu fallen hatte. Ulbricht fiel auf Stalins Seite.
1925 bestand die KPD aus zehn Fraktionen, die sich untereinander bis aufs Messer bekämpften. Mit diesem Unfug räumte Stalin auf.. Er pfiff auf alle Organisationsspielereien und beschloß, aus der KPD eine Kaderpartei zu machen, mit einem ergebenen Apparat von Berufsrevolutionären, die nicht mehr demokratisch kratisch auf Zahlabenden oder Mitgliederversammlungen gewählt, sondern von oben bestimmt werden sollen. Stalins Deutschland-Kontaktfunktionär Dimitri Manuilski bekam den Auftrag, sich in Deutschland nach geeigneten Reorganisatoren umzusehen. Er fand keine besseren als den ehemaligen Tischlergesellen Walter Ulbricht und den "Nachtprediger" von Berlin, Paul Merker.
Merker kam aus dem Dunst der Berliner Kneipen. Er war Kellner, der bescheiden in Stube und Küche gleich hinterm "Resi" in der Raupachstraße in Berlin SO hauste. Als er das erste Mal in einer Nachtversammlung im "Ganymed" am Bahnhof Friedrichstraße, dem Verkehrslokal der Oberkellner, Barfrauen und Hotelportiers von Berlin, vor Bezechten und Einschlafenden sprach, stand er weit links vom offiziellen Gewerkschaftsvorstand.
In solchen Nachtpredigten organisierte Merker die Berliner Hotelportiers zu einer handfesten kommunistischen Kohorte. Für sich selbst löste er die soziale Frage auf andere Weise: Im Morgengrauen, wenn die Zecher, benebelt, nicht mehr zählen konnten, stellten ihnen Merker und seine Kumpanei noch ein paar leere Pullen "Gordon rouge" neben das Stuhlbein, um sie dann als ausgetrunken zu kassieren.
Im März 1925 sitzt Paul Merker nun neben Dimitri Manuilski, dem späteren Minister der Ukraine, um mit den höchsten Würdenträgern der Bolschewiki den organisatorischen Umbau der KPD zu einer Kaderpartei zu beraten. Ein phänomenaler Aufstieg vom "Ganymed" zum Kreml.
Neben ihm brütet Walter Ulbricht. Er begreift am schnellsten, was die Russen wollen: Zerschlagung der traditionellen deutschen Wohnbezirksorganisation und neue Erfassung der Parteimitglieder in den Betrieben, wo sie Zellen bilden sollen. Ulbricht bekam damals den Spitznamen "Zelle". So intensiv setzte er sich für den Umbau der KP zu einer Moskauer Agententruppe ein.
Solche Zellen können so gesiebt werden, daß kein abweichender Funktionär einen
Parteitag sieht. Wer als Delegierter zugelassen wird, bestimmt der Apparat.
Merkwürdig: für den Reichstag kandidierte Ulbricht 1928 nicht in seiner Leipziger Heimat, deren Mundart er vollendet beherrscht, auch nicht in Thüringen, wo sein Aufstieg begann, sondern in Westfalen-Süd. Er sollte allerdings dort keine Reden auf Sächsisch halten, vielmehr war es Zeit geworden, Ulbricht vor dem Zugriff der Abteilung I A der Berliner Politischen Polizei immun zu machen.
Auch Paul Merker lernte sehr schnell stalinistisch sprechen - immer im Wettbewerb mit Walter Ulbricht. Einer von beiden konnte nur der erste sein. Merker wurde KP-Sekretär im Parteihaus an Berlins Hackeschem Markt, Rosenthalerstraße 38, und gehörte - wie Ulbricht - zum Zentralkomitee. Merkers ehemalige Berufskollegen bewahrten ihm insofern ihre Anhänglichkeit, als sie ihm. wenn er mittags das Café Dobrin betrat, gleich eine große Tasse zum Mokkakännchen servierten - statt der Finkennäpfchen, die damals in Berlin vorwiegend für Liebespärchen üblich waren.
Der füllige Paul liebte immer volle Tassen. Unbeschwert von den Zweifeln der alten Spartakisten aus Bebels Tagen, spielte er sich schnell in Führerpositionen vor. Man sprach von ihm bereits als dem "Kronprinzen" der Partei. Da mußte die Führungsschicht der KP 1933 in alle Winde flüchten.
Es ist eine vereinfachende Legende, daß sich damals schon die Führer in Ost und West getrennt hätten. 1934 hielten sie noch allesamt in Brüssel einen Exilkongreß ab, und 1936, im spanischen Bürgerkrieg, war auch Ulbricht in Albacete, wo er nach dem Muster der GPU Vernehmungskeller einrichtete. in denen er die als "Trotzkisten" entlarvten Genossen mißhandeln ließ. Er ließ sie tagelang ohne Nahrung in fensterlose Zellen sperren, nächtelang verhören, viele Stunden in schrankartigen Zellen aufrecht stehen und mit Peitschen schlagen. Selbst Frauen wurden nicht geschont.
Erst nach 1940 begann die große Ostwanderung jener, die sich heute als die Reinen ansehen. Paul Merker war nach 1933 Chef der Pariser Exilgruppe. Eines Tages tauchte ein Mann namens Noel Field bei ihm auf, den der ehemalige kommunistische Reichstagsabgeordnete Paul Bertz aus der Züricher Emigrantenkolonie zu ihm geschickt hatte. Über Noel Field gibt es zwei nie geklärte Versionen:
Nach Aussage von Hede Eisler-Massing, der geschiedenen ersten Frau des inzwischen abgesetzten sowjetzonalen Propagandachefs Gerhart Eisler, sei Field 1934 in den USA für den Kommunismus geworben worden. Dann habe er als Beamter des US-State Department für die Kommunisten gewirkt.
Nach der Kreml-Auffassung war Noel Field der "Oberagent von Allan W. Dulles", dem amerikanischen Abwehrchef in der Schweiz (dorthin war Field 1936 versetzt worden). Er war beim Völkerbund in der Abteilung für Abrüstungsfragen tätig.
Jedenfalls unterhielt er neben seiner Völkerbundsfunktion in Genf ein "Unitarian Service Committee", das Emigranten unterstützte. Der erste prominente KPD-Emigrant der ihn ausmachte, war Bruno Goldhammer, der in Dresden Ostsachsens KP-Zeitung geleitet hatte und damals hungrig durch Zürich schlurfte. (Goldhammer hatte nach 1945 bis zu seiner Verhaftung eine führende Stellung im Ost-Rundfunk.)
Bald holten sich auch andere deutsche KP-Emigranten bei Noel Field Atzung und Zehrgeld. So Max Reimanns zeitweiliger Stellvertreter Fritz Sperling und Leo Bauer, der spätere Chefredakteur des sowjetzonalen Deutschlandsenders. Bauers und Sperlings Anhänglichkeit ging noch nach 1945 so weit, daß sie Fields Adoptivtochter, Erika Glaser, im westdeutschen KP-Apparat unterbrachten. Sie führte den Spitznamen "Champagnergirl" und verschwand am 26. August 1950 spurlos im Berliner Sowjetsektor.
Noel Field selbst wird seit August 1949 vermißt, nachdem er das Palace-Hotel in Prag verlassen hatte. Darauf reiste seine Frau nach Prag, fand ihn aber nicht und telegrafierte an Noels Bruder Herman um Beistand. Herman Field wollte kommen. ist jedoch das letztemal auf dem Warschauer Flughafen gesehen worden. Kurz darauf ist auch Frau Field verschwunden. Kein Mitglied der Familie ist jemals wieder aufgetaucht*).
Merkers Kontakt mit Noel Field, so gab er selber zu, beruhte hauptsächlich auf Kurierverbindungen, die Field zwischen den beiden Emigrantenzentren Paris und Zürich freiwillig übernahm. Field stellte sich als Briefträger für die Kominternpost zur Verfügung. Nach der heutigen Kreml-Version las somit US-Abwehrchef Allan Dulles, der Bruder des kommenden amerikanischen Außenministers John F. Dulles, die geheimste Kominternpost, und Paul Merker und seine damaligen Kumpane gelten deshalb als Komplicen des amerikanischen Geheimdienstes.
Bald nach Kriegsausbruch 1939 löste sich die Gruppe Merker in Paris praktisch auf. Für sie begann jetzt die schwere Zeit des Inselhüpfens. So verdächtige Vögel wie ehemalige kommunistische MdR und Berufsrevolutionäre nahmen damals auch die USA nicht mehr auf. Sogar biedere SPD-Funktionäre kamen nur bis auf die Westindien-Insel Martinique, wo sie verzweifelt unter Negern hausten. Heinz Brandler
und Dr. August Thalheimer, die Freunde Rosa Luxemburgs, drangen bis Kuba vor. Paul Merker und seinem Clan gelang jedoch der große Sprung nach Mexiko.
Mexiko kopierte nach dem ersten Weltkrieg sehr stark das planwirtschaftliche Vorbild der Sowjetunion. Dort wurden bereits 1918 die Erdölquellen der US-Konzerne verstaatlicht. Die Schule und das öffentliche Leben standen stark unter marxistischem Einfluß (Aufenthaltsgewährung für Trotzki, Unterstützung der Rotspanier, Aufnahme ihrer Miliz).
Hier landete nun Paul Merker mit seinem Verein. Man kann ihm nicht nachsagen, daß er direkt Anschluß bei Leo Trotzki gesucht habe. Der war kurz vor Merkers Landung - am 20. August 1940 - in seiner Villenfestung Coyoacan ermordet worden. Zu Merkers Kumpanei gehörte außer den deutschen Intellektuellen, wie Alexander Abusch und dem Staatsrechtler Dr. Leo Zuckermann, ein ganzer Schwarm von Tschechen. An der Spitze André Simone alias Otto Katz (er war nach 1946 Chefredakteur des kommunistischen Zentralorgans in Prag "Rude Pravo" und wurde nach dem Slansky-Prozeß gehängt) und der Schriftsteller Egon Erwin Kisch*).
Kisch ("der rasende Reporter") machte gleich eine Wallfahrt nach Santa Prieta, einem Indio-Dorf unter dem Davidstern, um eine echte Kisch-Reportage von Mexikos Juden mitzubringen, in der es hieß: "Auch ich trat vor, schloß die Füße aneinander und sprach nach, was der Rabbi uns vorsprach ..."
Bald erfuhren - 10 000 Kilometer von Mexiko entfernt - auch Ulbricht und Pieck, daß sich ihre Emigrationsgenossen im Schatten der silbertragenden Berge von Pachuca mehr nach dem Talmud richteten als nach dem Dogma von Lenin und Stalin. Heute liest sich das in dem Beschluß des von Walter Ulbricht dirigierten Zentralkomitees, das den Stab über die Gruppe Merker brach, so:
"Von dem Zeitpunkt an, als Paul Merker die Leitung der Emigrationsgruppe übernimmt, beginnt in der Zeitschrift ''Freies Deutschland'' (dem Zentralorgan der Mexiko-Emigranten) die Verteidigung der Interessen zionistischer Monopolkapitalisten. In der Augustausgabe 1942 bezeichnet Merker die zusammengeraubten Kapitalien des mit der Wallstreet eng liierten Bankhauses Warburg & Co. ... als jüdisches Gut**)." Merker habe schon damals "die bevorzugte Wiedergutmachung" zugunsten der aus Deutschland emigrierten Juden und die Europäisierung des Ruhrgebietes gefordert.
Dabei publizierte auch Ulbricht damals manches, was er heute am liebsten wieder auslöschen möchte. Er wurde zum Troubadour des Hitler-Stalin-Paktes. Über dieses Bündnis zweier Diktatoren schrieb er am 9. Februar 1940 in dem Stockholmer Komintern-Organ "Die Welt":
"Nicht nur die Kommunisten, sondern auch viele sozialdemokratische Arbeiter und nationalsozialistische Werktätige sehen ihre Aufgabe darin, unter keinen Umständen einen Bruch des Paktes zuzulassen. Wer gegen die Freundschaft des deutschen und des Sowjetvolkes intrigiert, ist ein
Feind des deutschen Volkes und wird als Helfershelfer des englischen Imperialismus gebrandmarkt."
Mitte Oktober 1941 standen die Truppen der NS-Wehrmacht vor Moskau. Da mußte Ulbricht schleunigst vor seinem kurzfristigen "Bundesgenossen" Hitler fliehen. Er kam mit dem "Generalstab der Weltrevolution" nach Ufa, wo er sein Büro als "Wissenschaftliches Institut Nr. 301" tarnte.
Als im Juni 1943 das Nationalkomitee Freies Deutschland gegründet wurde, trat Ulbricht zwar nicht als Vorsitzender in Erscheinung - das war der reimende Agitator Erich Weinert - aber alle deutschen Offiziere, die im September 1943 im Speisesaal der Villa Lunowo an der Chaussee Moskau-Leningrad saßen, wußten, wer Herr im Saal war, als ihnen Ulbricht die Stellungnahme der deutschen Kommunisten vortrug.
Als die sowjetischen Panzer am 16. April 1945 über die Oder rollten, versammelten sich auf Moskaus Twerskaja die sowjetdeutschen Statthalter bei Ulbricht. Unter seiner Regie wurden die Spitzenfunktionen verteilt. Wilhelm Piecks Sohn, Sowjet-Major Arthur Pieck, muß als Quartiermacher zuerst mit den sowjetischen Truppen in Berlin einrücken.
Das Gros des deutschen Agentenstabes folgte im Mai 1945 mit C 17-Maschinen. Für diesen Stab hatte Arthur Pieck inzwischen schon im unversehrt gebliebenen Verwaltungsgebäude des Reichsinnungsverbandes des deutschen Tischlerhandwerks in der Wallstraße Quartier gemacht. Hier zog der ehemalige Tischlergeselle Ulbricht im Mai 1945 ein, bereit, für Stalin die Ostzone zu unterjochen.
Die politischen Entscheidungen fielen damals in Karlshorst, wo die sowjetische Militäradministration ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Deren Chef war Marschall Grigori K. Schukow. Sein erbitterter
Gegenspieler wurde bald der Vertreter der KPdSU bei dieser Administration, der Oberst Sergej Tulpanow.
Marschall Schukow konnte Ulbricht nicht riechen und protegierte weniger brutale Typen wie den aus dem Zuchthaus Brandenburg-Göhrden befreiten Alt-Kommunisten Anton Ackermann alias Hanisch (heute Staatssekretär im DDR-Außenministerium) und später auch den SPD-Führer Otto Grotewohl.
Der Sowjet-Marschall warnte Grotewohl nach der Vereinigung der sozialistischen Linken, ja nicht Ullbricht in die Leitung der SED zu übernehmen, sondern sich stur dagegen zu wehren. Grotewohl schwieg. Von dem sensationellen Angebot Schukows, Ulbricht noch vor der Vereinigung kaltzustellen*), berichtete er dem Zentralausschuß der SPD kein Wort.
In der entscheidenden Sitzung des Zentralausschusses der Ost-SPD am 10. Februar 1946 war die Mehrheit gegen die Vereinigung zu Ostern 1946. Grotewohl dagegen stimmte mit der Minderheit, die sich um jeden Preis bis zu Ostern mit den Kommunisten vereinigen wollte. Es hätte seine Position noch mehr geschwächt, wenn er jetzt die offenen Warnungen Schukows in die Debatte geworfen hätte.
Später hat Grotewohl seine Untreue gegenüber dem Zentralausschuß bitter bereut, um so mehr, als es damals noch Alt-Kommunisten im Zentralkomitee der KPD gab, die Grotewohl gestanden hatten, lieber nach Sibirien zu gehen, als es noch einmal, wie vor 1933, zu einer Diktatur Ulbrichts kommen zu lassen. Sie hatten Ulbricht als Henker in Albacete und Moskau kennengelernt. Es nutzte nichts: Grotewohl wurde, obwohl gewarnt, zum Steigbügelhalter Ulbrichts.
Um diese Zeit hielten die "Azteken", wie Ulbricht die Mexiko-Gruppe um Merker nannte, nach einem Dampfer Ausschau, der sie heim in die Sowjetzone bringen sollte, wo die Ulbricht-Clique längst alle Schlüsselpositionen zwischen Elbe und Oder besetzt hatte. Ulbricht schickte kein Schiff. Eine Abreise über die USA blieb versagt. Die Amerikaner hatten schon mit den Brüdern Eisler (Kaffeehaus-Dialektiker Gerhart und Schlagerkomponist Hanns) Scherereien genug.
Endlich verirrte sich im Herbst 1946 ein sowjetischer Frachter nach Tampico. Aber es blieb trotz Hammer und Sichel im Topp schwierig, einen Sowjetzonenhafen anzulaufen. Der russische Kommandant von Rostock, in dessen Kommißtrott die Landung mexikanischer Emigranten nicht vorgesehen war, hielt den Dampferkapitän für nicht recht bei Trost, als er die seekrank auf der Reede vor Warnemünde schaukelnde Menschenfracht löschen wollte. Nach umständlichen Bemühungen gab Karlshorst schließlich die Einwilligung zum Einlaufen in den Hafen.
Aber die käsigen Gesichter der Emigranten wurden noch länger, als sie sahen, was für ein Trümmerhaufen Deutschland geworden war. Dann kamen die Vorwürfe der "Aztekinnen". Zahlreiche Emigranten hatten mexikanische Bürgertöchter geheiratet. Sie mißachteten die Privilegierten-Zulagen, die ihnen Wilhelm Piecks Einkaufsspezialist, SED-Genosse Erben, bewilligte, und machten ihren Männern so lange Szenen, bis sie eine Fahrkarte nach Prag in der Tasche hatten.
Dort stand Freund Otto Katz alias André Simone auf dem Wilson-Bahnhof und fuhr
die schönen Kreolinnen hinaus nach Schmichow, von wo damals noch die Maschinen der British European Airways nach London flogen. London war wieder Westen - mit Schiffen nach Mexiko.
Für solche bürgerlichen Anwandlungen hatten Ulbricht und seine Gefährtin Lotte Kühn (sie wurde erst vor zwei Jahren seine offizielle Ehefrau) kein Verständnis. Der betont einfachen Lotte Kühn genügt es, dem sächsischen Lenin die blauen Anzüge auszubürsten, für die er eine spießbürgerliche Schwäche hat, seine Reden zu korrigieren, die Manuskripte für das von ihm verfaßte "Lehrbuch für den demokratischen Staats- und Wirtschaftsaufbau" druckreif zu machen und als Büro-Kommandeuse über eine Flucht von Zimmern im "Haus der Einheit", der SED-Zentrale in der Ost-Berliner Lothringer Straße, zu herrschen.
Die intelligente Politfunktionärin hat in 17 Jahre langer kommunistischer Lebensgemeinschaft viel dazu beigetragen, aus dem Leipziger Schneiderssohn Ulbricht den unerbittlichen Parteidiktator zu machen, der bislang noch über die besten Beziehungen in Moskau verfügt.
Ulbricht schob damals - 1946 - die mehr oder minder enttäuschten "Azteken" in die Region des Kulturbundes ab. Nur den ehemaligen Weinkellner Paul Merker konnte er schwerlich für die Planbewirtschaftung der Musen einsetzen. Er wurde als Spitzenfunktionär für Gewerkschaftsfragen in das Politbüro der SED kooptiert und mußte nun die unpopulärsten Aufträge übernehmen, die nur ein so geschickter Dialektiker wie Ulbricht selbst gemeistert hätte.
1948 kam es in Magdeburg-Buckau zu Teilstreiks. Ein NKWD-Kommando kassierte die Rädelsführer. Die Betriebsräte sahen sich in den verriegelten Russen-Kellern an der Magdeburger Porsestraße wieder. Der sowjetzonale Gewerkschaftsbund (FDGB) berief eine Betriebsrätekonferenz ein. Ulbricht schickte Merker zu den Aufrührern, die von ihm Auskunft über die endlose Straße der Reparationen verlangten.
Merkers Gestammel wurde in Berlin sofort zensiert und durfte nicht veröffentlicht werden. Ein paar Tage später fuhr
Politbüro-Mitglied Hermann Matern hart an die Zonengrenze nach Ilsenburg ins Kupferwalzwerk. Die Tausend-Mann-Belegschaft trotzte dem SED-Parlamentär und verließ geschlossen den Versammlungsraum.
Diese Vorfälle trugen entscheidend zur Abschaffung der Betriebsräte bei, die dann Politbürokrat Merker parteioffiziell verkünden mußte. Seitdem herrschen Ulbrichts Betriebszellen-Aktivisten in den Betrieben der Sowjetzone.
Ulbricht hatte noch mehr Müll zu kehren. Er machte Merker 1949 zum Staatssekretär für die bodenreformierte Landwirtschaft. Paul Merker, die Schlappe von Magdeburg noch in den Knien, war abermals ein Hundertfünfzigprozentiger. Statt die weniger verfängliche Losung: "Schafft Produktionsgenossenschaften" auf den Dörfern auszugeben, verriet er das Endkonzept und propagierte damals schon die Errichtung von Kolchosen. Die Neubauern zwischen Elbe und Oder gerieten in Aufruhr.
Inzwischen war die Zeit reif für das große Scherbengericht. Eines Tages drang der Sachse Ulbricht in den Nachtprediger Paul Merker, der sich in der Morgenröte des "sozialistischen Staats- und Wirtschaftsaufbaues" nicht zurechtfand: "Nu, Baule, sach'' de Wahrheet, gennste eichentlich Noel Field?"
Da mußte der dicke Merker von den Politbüro-Fauteuils im zweiten Stock des Berliner Glaspalastes der Berliner SED zum fünften Stock klettern, wo die Vernehmungskammern der Partei-Kontroll-Kommission liegen.
Damals, im August 1950, begann die Funktionärstreibjagd Nr. 1. Damals starb der Chefredakteur des SED-Zentralorgans, Lex Ende, damals verschwanden Ostbahn-Chef Willy Kreikemeyer, zweiter KP-Vorsitzender Kuschi Müller, die ehemaligen Schweizer Emigranten Leo Bauer, Fritz Sperling und Bruno Goldhammer in den Kasematten*)
Nur Ulbrichts kaltgestellter Rivale Paul Merker, mit dem schlechten Gewissen von Paris und Mexiko, blieb noch auf freiem Fuß. Er wurde vom Staatssekretär wieder zum Kellner degradiert. Das langweilige Luckenwalde, inmitten der Streusandbüchse zwischen Leipzig und Berlin, wurde ihm als Verbannungsort zugewiesen, wo er in der Turmstube der HO jetzt denselben Großbauern, die er von Haus und Hof hatte treiben wollen, die Bockwürste transportieren durfte. Bis ihn der Staatssicherheitsdienst nach dem Slansky-Prozeß plötzlich im November verhaftete.
1950 hatten die Partei-Inquisitoren nur gerügt, daß er in sträflicher Sorglosigkeit den US-Agenten Noel Field als Briefträger für die Komintern benutzt hatte. Jetzt kam es schlimmer auf ihn zu. Jetzt - nach dem Prager Schauprozeß - sollte er sagen, welche internen Verbindungen er mit dem Bankier James Paul Warburg in New York angeknüpft habe.
James P. Warburg war während des Krieges stellvertretender Direktor des Büros für Kriegsinformationen im US-Verteidigungsministerium. Er war den Sowjets schon deshalb verdächtig, weil er 1946 in seinem "Report on Germany" die Rückgabe der Agrargebiete Niederschlesiens und Pommerns an ein ungeteiltes Deutschland gefordert hatte.
Inzwischen haben di e nimmermüden Parteikontrolleure weiteres Belastungsmaterial zusammengetragen, das sich in der Anklageschrift (Beschluß der 11. ZK-Sitzung) so liest: "Die Agenten Merker und Simone setzten alles daran, die gesamte deutsche Emigration in Mexiko in das feindliche Agentennetz einzubeziehen. Zu diesem Zweck beauftragten sie den größten Teil der deutschen Emigration, in die zionistische Loge ''Menorah'' einzutreten."
Weiter: "Zusammen mit Zuckermann (dem späteren, inzwischen nach Westen geflohenen Kanzleichef des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck) forderte Merker alle Genossen jüdischer Abstammung auf, nach der Rückkehr nach Deutschland in die jüdische Gemeinde einzutreten, angeblich, damit sie in den Genuß von Carepaketen der amerikanischen Agentenzentrale ''Joint'' kommen sollten, in Wirklichkeit, damit sie auf diese Weise dieser imperialistischen Agentur verpflichtet würden."
Die Joint-Zentrale ist die jüdische Care-Organisation, von der jetzt in Moskau behauptet wird, sie habe neun jüdische Ärzte dazu angestiftet, eine Reihe von sowjetischen Parteigrößen durch Fehldiagnose und falsche Behandlung ums Leben zu bringen.
Aus dieser Schlinge ist Paul Merkers Kopf in dem kommenden Schauprozeß nicht mehr zu retten. Sein Emigrationsgefährte Dr. Leo Zuckermann, den sich Wilhelm Pieck 1949 als Chef der Präsidialkanzlei - im Range eines Staatssekretärs - ins Fridericus-Schloß Niederschönhausen (heute Piecks Präsidentenpalais) holte, hat es klüger angestellt. Er konnte dem Staatssicherheitsdienst rechtzeitig durch die Maschen schlüpfen.
Zuckermann suchte Zuflucht bei der jüdischen Gemeinde in West-Berlin. Dann nahmen ihn die westlichen Besatzungsbehörden in ihre Obhut. Zuckermann möchte so schnell wie möglich nach den USA geflogen werden, wissen Kontaktleute. Er fürchtet die rächende Hand des Kreml.
Der Kreml hat über China Asien zu drei Vierteln aufgerollt. Der Kreml will über die Araber Afrika und den Nahen Osten aufrollen. Das wäre die kominform-politische
Deutung der roten Judenpogrome. Für den Hausgebrauch der Sowjetzonen-Regierung kommen noch andere Gründe hinzu: Die Notwendigkeit, die unzufriedenen Massen mit psychologischen Tricks von der gegenwärtigen Versorgungskrise abzulenken und das gähnende innen- und außenpolitische Vakuum zu überbrücken. Dazu sind die Parteileichen gerade gut.
Ulbricht hatte fest damit gerechnet, daß die DDR bis zum 15. Januar endlich als gleichberechtigte Volksdemokratie in den Kominformblock aufgenommen würde. Diese Erwartung gründete sich auf der Annahme, daß Bundeskanzler Adenauer bis dahin die Ratifizierung des EVG-Vertrages durchgesetzt haben würde. Analog zur Westintegration der Bundesrepublik würde Moskau dann die Sowjetzonen-Republik in den Ostblock integrieren und die Aufstellung der sowjetdeutschen Nationalarmee offiziell bekanntgeben.
Solange die Würfel nicht gefallen sind, muß Ulbricht (der eine manische Angst vor Attentaten hat) auch noch darum bangen, eines Tages selbst den Kopf hingeben zu müssen, falls es Moskau beim weiteren Tauziehen im Kalten Krieg einmal einfallen sollte, den ganzen Ulbricht-Kurs und - wenn es nützte - auch die ganze SED abzuschreiben, um zu einer friedlichen Lösung des Deutschland-Problems zu kommen.
Vorläufig findet der ewige Moskau-Fahrer Ulbricht noch offene Türen bei Außenminister Andrej Wyschinskij bei dessen Stellvertreter Puschkin (bis Mitte 1952 Leiter der sowjetischen diplomatischen Mission in Karlshorst) und bei MWD-Chef Berija. Aber das kann sich bei einer Drehung der Windfahne des Kreml schnell ändern. Ulbricht muß sich jeden Tag aufs neue bewähren. Er versucht es mit forcierter Linientreue und prompter Synchronschaltung bei jedem neuen dialektischen Schachzug. So auch bei der Säuberung der Partei von "zionistischen Volksschädlingen".
Das Politbüro der SED hat eine interne Anweisung erlassen, nach der Juden mit "zionistischen Neigungen" aus allen öffentlichen und Parteifunktionen zu entfernen und alle Handelsbeziehungen der "Staatlichen Handelsorganisation" (HO) und der Konsumgenossenschaften zu jüdischen Kaufleuten abzubrechen sind. Gleichzeitig wurden auf Anweisung der SED alle ehemaligen jüdischen Vermögenswerte in Ost-Berlin, die in den Jahren 1933 bis 1945 beschlagnahmt worden waren und nach Kriegsende treuhänderisch verwaltet wurden, entschädigungslos enteignet.
Die Durchleuchtung der jüdischen SED-Genossen wird fortgesetzt. Auch der sowjetzonale Goebbels, Gerhart Eisler, dessen Informationsamt aufgelöst wurde, und der ehemalige Regierungspressechef Albert Norden, Rabbinersohn aus Elberfeld, müssen sich dem "übergeordneten Ausschuß der Parteikontrollkommission" stellen.
Sie haben sich während des Krieges recht abenteuerlich als Rauschgift schmuggelnde Grenzgänger zwischen Mexiko und den USA durchs Leben geschlagen. Sie waren aber auch in Kuba bei den Anhängern von Rosa Luxemburg, Heinz Brandler und Dr. Thalheimer. Nun sollen sie sagen, ob sie außerdem auch Zionisten waren. Dann wäre das Maß voll.
Der "übergeordnete Ausschuß" ist ein Parteitribunal mit wechselnden Anklägern und Inquisitoren. Er soll die Spitzen von Partei und Staat streng nach den Richtlinien des neuesten ZK-Beschlusses überprüfen, in dem es heißt: "Die SED darf keine ungeklärten Verhältnisse mehr dulden und über das Verhalten der Parteimitglieder in der Emigrationszeit nicht mehr den ''Mantel der Liebe'' decken."
*) "Parteichinesischer Ausdruck für kritisch wägende Staatsfunktionäre. Der linientreue Funktionär darf nicht neutral und objektiv urteilen. sondern muß stur für wahr halten, was die Oberste Parteiführung als richtig erkannt hat.
*) Im Prozeß gegen den ungarischen Außenminister Laszlo Rajk wurde Noel Field als amerikanischer Geheimagent genannt, der mit Rajk in Verbindung gestanden habe. Rajk wurde zum Tode verurteilt.
*) Egon Erwin Kisch ist 1948 unter bis heute nicht geklärten Umständen gestorben. Zwei Jahre später starb sein Freund Rudolf Feistmann, außenpolitischer Chef des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland", an einer seltsamen Fleischvergiftung, nachdem die Ulbricht & Co. entdeckt hatten, daß seine alte Mutter in Washington D. C. lebte und mit Seife handelte. Feistmann gehörte zum intimen Kreis um Paul Merker und Otto Katz alias André Simone in Mexiko.
**) Warburg & Co: ehemals in Hamburg, wo heute das Bankhaus Brinckmann, Wirtz & Co. die Warburg-Tradition fortsetzt.
*) Marschall Schukow hat seine Intervention büßen müssen. Der Eroberer Berlins wurde auf Betreiben des Polit-Obersten Tulpanow, der Ulbricht protegierte, von der politischen Bühne abberufen.
*) Außerdem verschwanden: Das Mitglied des Parteivorstandes der KPD Hermann Nuding; der Leiter der westdeutschen Abteilung Parteischulen, Josef Schleifstein, und dessen Ehefrau (jüdischer Abstammung); der Propagandachef der KPD, Alfred Drögemüller. Der Leiter der Org.-Abteilung, Alfred Zeidler, starb auf merkwürdige Weise nach dem Versuch einer Rechtfertigung in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 4/1953
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