28.01.1953

REPORTAGEMalapartes Visionen

In einem schmucklosen Saal des Karlsruher Amtsgerichts wird in den ersten Märztagen ein Prozeß anlaufen, der eine literarische und juristische Delikatesse zu werden verspricht.
Beklagt ist eine der repräsentativsten Erscheinungen der Karlsruher Gesellschaft: Frau Dr. Inge Stahlberg, die Inhaberin des Stahlberg-Verlags. Mitbeklagt ist der Schriftsteller Kurt Suckert, alias Curzio Malaparte, der sich - wenn man ihm glauben darf - neben seiner photogenen deutschen Verlegerin den Journalisten, Photographen und dem Amtsrichter stellen wird. Autor Malaparte ("Die Haut"), der gern in Superlativen denkt, spricht und schreibt, hat versprochen, zu diesem Prozeß "die Weltpresse" mitzubringen.
Kläger ist Gesandter a. D. Gustav Braun von Stumm, ehemaliger Pressereferent und Leiter der Pressekonferenz des Auswärtigen Amtes. Er wirft der Verlegerin Stahlberg und dem Schriftsteller Malaparte vor, "wider besseres Wissen unwahre Tatsachen behauptet und verbreitet zu haben, welche ihn verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet sind".
Die "unwahren Tatsachen" sollen in Malapartes Buch "Kaputt" enthalten sein, das in 17 Sprachen übersetzt wurde und dessen deutsche Ausgabe 1951 im Stahlberg-Verlag erschienen ist. 1944 kam das Buch in Italien, 1946 in Frankreich heraus. In beiden Ausgaben wird der Kläger Braun von Stumm mit vollem Namen erwähnt.
Der "Kriegsberichter" Malaparte schildert eine Begegnung mit seiner Landsmännin Giuseppina Braun von Stumm, einer geborenen Marchesa Antinori, der Gattin des Klägers. Malaparte erzählt, wie aus der verwöhnten italienischen Aristokratin unter dem Einfluß ihres ehrgeizigen Gatten eine verhärmte und abgearbeitete Frau geworden sei.
Ohne make up sei sie bei Gesellschaften erschienen. Fast ärmlich gekleidet habe er sie in Berlin in der U-Bahn getroffen. Sie war blaß, hatte hohle Wangen, ihre geröteten Hände waren voll von "Frostsprüngen".
Malaparte schreibt: Braun von Stumm habe größten Wert darauf gelegt, daß seine Frau sich ohne Dienstboten um das Haus kümmerte. Er habe verlangt, daß sie wasche, koche, Schlange stehe, das Baby versorge und die Kinder beaufsichtige. Er sei stolz darauf gewesen, daß sie die Mühen, das Elend und die Leiden des Krieges mit den deutschen Frauen teilte. Braun von Stumm selbst aber habe seine Mahlzeiten im Clubhaus des AA eingenommen, sofern er nicht auf den häufigen und wohlbestellten offiziellen Empfängen speiste.
Dies war nach Malaparte der Grund, weshalb sich die Baronin schließlich mit Veronal vergiftete. In seiner französischen Ausgabe schildert er die Reaktion des Gesandten auf die Nachricht vom Tod seiner Frau: "Er zuckte nicht mit der Wimper. Er errötete leicht und sagte: Heil Hitler!"
Über Braun von Stumms Verhalten bei der Beerdigung schreibt Malaparte: "Er schämte sich, daß seine Frau nicht die Kraft gehabt hatte, die Leiden des deutschen Volkes zu ertragen."
Diese mit dicker Ironie getränkte Schilderung kostete den ehemaligen Gesandten einige Wochen Freiheit. Als er sich nach Kriegsende in einem französischen Internierungslager in Innsbruck bemühte, freigelassen zu werden, hielt ihm der Lagerkommandant nur Malapartes "Kaputt" unter die Nase und lehnte die Entlassung ab.
Seitdem bemüht sich Braun von Stumm um eine Korrektur des Bildes, das Malaparte von ihm gezeichnet hat. Der Stahlberg-Verlag kam ihm entgegen. In der deutschen Ausgabe wurde aus dem Gesandten Braun von Stumm ein Ministerialrat R. im Propagandaministerium. Seine Gattin Giuseppina wurde in Margherita umgetauft. Das "Heil Hitler!" als Quittung auf die Todesnachricht fiel weg.
Dem Braun von Stumm genügt das aber nicht. Seine Gegendarstellung: er habe mit seiner Frau in bestem Einvernehmen und in guten Verhältnissen gelebt. Zwei Hausangestellte hätten ihr die Hausarbeit abgenommen. Sie habe sich 1943 in einem Rückfall von Kindbettdepression das Leben genommen.
Braun von Stumm benennt gewichtige Zeugen und verlangt, daß die deutsche Ausgabe von Malapartes "Kaputt" eingezogen wird und daß der Verlag als Buße 10 000 DM an italienische Wohlfahrtseinrichtungen zahlt.
Dagegen argumentiert die Verteidigung: Malapartes Buch ist ein Roman, kein Tatsachenbericht. Man kann bei diesem Schriftsteller bestenfalls von "Reportagevisionen" sprechen. Braun von Stumm ist in der deutschen Ausgabe völlig unkenntlich gemacht.
Die Verteidigung argumentiert auch mit fast Malapartescher Ironie: "Das pflichtgetreue Verhalten des Freiherrn von R. nach dem Tod seiner Frau mag wohl einigen Lesern vielleicht übertrieben erscheinen, andererseits erscheint es aber geradezu beinahe mit großen geschichtlichen Vorbildern vergleichbar."
Ein bedauernswerter Amtsrichter wird nun in Karlsruhe vor der schwierigen Aufgabe stehen, die literarischen Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit zu ziehen und sich mit einem phantasiereichen Schriftsteller auseinanderzusetzen, der in der Literatur so ernst zu nehmen ist wie Orson Welles im Film und der über der brillanten Schilderung von Tatsachen leicht ins Flunkern gerät.

DER SPIEGEL 5/1953
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