11.03.1953

ELEKTROBIOLOGIE / MEDIZINDas elektrische Wesen Mensch

Der Landarzt Dr. Jobst Gödeke in Ärzen bei Hameln will die Erforscher der elektrischen Erscheinungen jetzt wieder auf einen Weg zurückführen, den sie an einem Sommerabend des ereignisreichen Jahres 1789 verlassen haben. Als an jenem Abend über Bologna die Sonne sank, sah der Anatomieprofessor Luigi Galvani, wie einige Froschschenkel, die seine Frau zum Trocknen an das Balkongitter gehängt hatte, rhythmisch zu zucken begannen. Die Kraft, die diese Zuckungen auslöste, wurde nach ihm Galvanismus und später Elektrizität genannt.
Auf dem letzten Kongreß in Essen rief Professor Dr. Hans Schäfer, der Ordinarius für Physiologie in Heidelberg, den deutschen Naturforschern und Ärzten die Auswirkungen dieser Entdeckungen in Erinnerung: "Die Europäer waren so erregt, daß sie über Galvanis zuckenden Froschschenkeln fast die Französische Revolution vergaßen."
Das Ereignis am Balkongitter von Bologna, sagt Landarzt Gödeke, sei zwar die
Initialzündung für eine Revolution gewesen, in ihren Nachwirkungen der Französischen von 1789 zumindest ebenbürtig. Aber sie sei in ihrer ganzen Bedeutung für die Menschen nicht erkannt und nutzbar gemacht worden.
"Das Zeitalter der elektrischen Kräfte ist noch längst nicht zu Ende", prophezeit Dr. Gödeke. "Wir haben uns bisher zu sehr von den Anwendungsmöglichkeiten der Elektrizität in der Technik bestechen lassen. Wir haben darüber vergessen, daß wir selbst, wie es Galvani entdeckt hatte, elektrische Wesen sind und in einer elektrisch geladenen Umwelt existieren. Die Revolution der Elektrobiologie, die Gesundheit und Wohlbefinden der Erbauer und Herrscher über die Elektromaschinen kontrollieren und erhalten kann, ist kaum über ihre ersten Anfänge hinausgekommen."
Zu diesen Anfängen rechnet er die Erfolge der Grundlagenforschung in den letzten dreißig Jahren. Sie hat in vielen einzelnen Untersuchungen entdeckt, welch ein kompliziertes Verbundsystem von Elektrizitätswerken ein lebender Organismus ist. Die stärksten elektrischen Energien produziert das Herz als kräftigster Muskel des Körpers. Aber auch das Gehirn und alle Nerven, Muskeln, Drüsen und Organe erzeugen elektrische Strom-Impulse.
Bis in die einzelnen Bausteine des Körpers, die Zellen, läßt sich der elektrische Ladungsaustausch beobachten. Im Ruhezustand enthält jede Zelle in ihrem Innern elektrisch geladene Kalium-Atome, an der Wandung geladene Natrium-Atome. Wird die Zelle erregt, dann wechseln die Atome ihre Ladungen. Und auf diese Weise verändert sich die elektrische Spannung in den Zellen.
Ein Mensch lebt aber nicht in einer elektrisch neutralen Umgebung. Auch die Atome der Luft wechseln ihren Spannungszustand und ihre Ladung sehr oft, meistens bei einem Witterungsumschlag.
Jede Änderung der elektrischen Ladung der Luft-Atome - so behauptet Dr. Gödeke - wirkt sich auch auf die elektrischen Ladungen der Atome im Organismus aus. "Daß hierdurch unser Körper, und noch besonders der kranke, gewaltig beeinflußt wird, liegt auf der Hand."
Für seine Patienten aus dem Weserbergland, die ihn in seinem Mansardensprechzimmer besuchen, hat der 42jährige Arzt ein von ihm selbst erdachtes Gerät aufstellen lassen, das die Luft nach Wunsch positiv oder negativ laden kann.
Aus dem Schleiflackkasten dieses "Ionostaten"*) ragt bis etwa in Augenhöhe eines Menschen ein blanker Sprühkopf aus der Halskrause eines Porzellan-Isolators. Mit einer Hochspannung von 40 000 Volt saugt er die Luft aus dem Zimmer an sich, lädt sie positiv oder negativ auf und bläst sie mit einem zischenden Strahl wieder in den Raum zurück.
In jeder Sekunde werden 360 Billionen Ionen in das Zimmer hineingesprüht. Der Luftstrom aus elektrisch geladenen Atomen ist so heftig, daß eine Kerze zu flakkern beginnt oder ganz ausgelöscht wird.
Nach zwei Minuten ist der ganze Raum von elektrisch geladenen Luftteilchen erfüllt. Die Fäden des als Kontrollinstrument aufgestellten Elektrometers spreizen sich in einem weiten Winkel auseinander.
Bei den Versuchen in den letzten Monaten will Dr. Gödeke festgestellt haben, daß Ekzeme und Geschwüre auf der Haut schneller heilen, wenn die Luft mit positiv geladenen Ionen angefüllt ist. In schnellwachsenden Geweben und Entzündungen überwiegt nach den bisher angestellten Untersuchungen die negative Ladung. Die positiven Ionen der Luft und die negativen in den Entzündungsherden und Geschwüren sollen sich gegenseitig anziehen. Dadurch soll ein für die Heilung günstiger Ladungsaustausch zustande kommen.
Nach einer alten Faustregel heilen Ekzeme und Geschwüre am besten bei schlechtem Wetter. Als Dr. Gödeke im letzten Jahr die Elektrizität der Luft von Bad Nauheim kontrollierte, zeigte sein Elektrometer bei Regen und bedecktem Himmel vorwiegend eine positive Aufladung der Luft an. Grob vereinfacht, ist die Luft bei schlechtem Wetter positiv, bei schönem Wetter negativ geladen.
Landarzt Gödeke behauptet nun, daß gehobene Stimmung und Wohlbefinden der Menschen bei Sonnenschein Folgen der negativen Luftelektrizität seien. Den Beweis will er mit seinem Apparat liefern: Wenn er negative Ionen ins Zimmer bläst, soll sich auch der Gesunde nach spätestens fünf Minuten subjektiv frisch und leistungsfähig fühlen.
"In negativer Luft wird das Herz als stärkstes Elektrizitätswerk des Körpers am besten entlastet", behauptet er. "Die Luft wirkt dann wie ein Verstärker der winzigen Stromimpulse der Herzmuskelfasern. Das Herz hat also bei gleicher Leistung weniger Arbeit zu bewältigen."
Die meisten Patienten, die bisher am Ionostaten behandelt wurden, haben Herzbeschwerden, Durchblutungs- und Kreislaufstörungen. Eine halbe Stunde Aufenthalt
in negativer Luft soll den ganzen Tag über nachwirken. Ebenso sollen Migräne, Kopfschmerzen, Nerven- und Gemütsleiden in negativer Luft schnell gebessert werden.
Bei Operationen, so meint Dr. Gödeke, müßte der Ionostat mit negativer Schaltung Thrombosen und Embolien verhindern, die meistens bei einer positiven Aufladung der Luft eintreten. Biometeorologische Wetterdienste in Hamburg, Frankfurt, Karlsruhe und einigen anderen Städten warnen vorläufig die Chirurgen, wenn Embolie-Wetter zu erwarten ist. Nach biometeorologischen Forschungen treten tödliche Komplikationen im Operationssaal meistens ein, wenn Wetterfronten durchziehen. Diese Fronten von Warm- oder Kaltluftmassen sollen mit großer Wahrscheinlichkeit die Psyche und über das vegetative Nervensystem den gesamten Organismus beeinflussen.
Die Biometeorologie hat seit den zwanziger Jahren in statistischen Massenuntersuchungen verblüffende Zusammenhänge zwischen Wetterfronten und Gesundheitsstörungen aufgedeckt, so bei Schlaflosigkeit, Lungenembolie, Thrombose, Herz- und Kreislaufkrankheiten. Die Wirkung einer Wetterfront auf den Organismus wird von den Forschern noch verschieden gedeutet. Eine der bestehenden Theorien besagt, daß die Niederdrucke der elektrischen Ladung der Luftatome unmittelbar auf den Körper einwirken.
Dr. Gödeke will aber seine Kollegen im Operationssaal durch künstliches schönes Wetter in Zukunft unabhängig von Wetterumschlägen machen. In ähnlicher Weise will er auch neue Forschungsergebnisse der Biometeorologen auswerten, nach denen der Wehenbeginn bei Geburten von der Wetterlage abhängig ist. Da heranziehende Wetterfronten den Beginn der Wehen fördern sollen, will Dr. Gödeke mit seinem Ionostaten künstliche Wetterfronten schaffen, indem er im Kreißsaal mehrmals die positive und die negative Aufladung der Luft wechselt. Ob beim Auftreten von Wetterfronten "die sonst üblichen Geburtszeiten um Stunden verkürzt" werden, wie Gödeke behauptet, hat die medizin-meteorologische Statistik noch nicht nachweisen können.
Zugleich verfolgt der Arzt aus Ärzen noch einen zweiten Zweck. Die Staubschicht, die sich bei eingeschaltetem Gerät auf dem Schleiflackdeckel unter dem Sprühkopf bildet, zeugt davon, daß die Schwebestoffe in der Luft vom Sprühkopf angezogen, aber nicht wieder fortgeblasen werden. Der Ionostat soll die Luft gleichzeitig mit der elektrischen Aufladung staub- und keimfrei machen wie auf hohen Bergen.
Dr. Gödeke verspricht deshalb seinen Patienten, "in wenigen Sitzungen unter geringem Kostenaufwand die Wirkung eines wochenlangen Kuraufenthaltes" zu ersetzen.
Die Zahl der Behandlungen reicht bisher noch nicht aus, um Urteilen über den Wert des Gerätes Gewicht zu geben. Der Landarzt muß noch den Beweis erbringen, den Galvani und alle seine Nachfolger schuldig geblieben sind: daß das elektrische Wesen Mensch sich erst richtig entfalten kann, wenn es ionisierte Luft schnappt.
*) Ion = elektrisch geladenes Atom.

DER SPIEGEL 11/1953
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.