11.03.1953

RÄTSELSENDUNG / RUNDFUNKDen Hörer verwirren

Noch vor wenigen Wochen bezeichnete der Münchener Landgerichtsdirektor Dr. Kießner den "Fall Seerose" als eine "interessante Sache". Jetzt brütet er vor dem geschwollenen Akt und muß sich entscheiden: Soll er einer mathematischen Formel oder dem sogenannten "gesunden Menschenverstand" folgen?
Mit dem "Fall Seerose" können alle Rundfunkteilnehmer ein Musterbeispiel für die Tücke der beliebten Rätselsendungen studieren. Aber zumindest 800 000 Hörer des Bayernfunks werden aus Dr. Kießners Entscheidung für zukünftige Quiz-Sendungen lernen, welche Bedeutung Verhältniswörter für die richtige Beantwortung von Preisfragen haben.
Alles begann in der 18. "Glückswelle", einer Unterhaltungs- und Rätselsendung des Bayernfunks für einen Schulaufbaufonds. Sprecher Arneth hatte eben die zweite Frage angekündigt.
Zweiter Sprecher, Fleyen-Schmidt: "Eine kleine Denkaufgabe."
Dritter Sprecher, "Glückswellen"-Leiter Wilhelm: "Bitte, lassen Sie sich durch nichts verblüffen. Sie müssen wirklich nicht rechnen. Sie brauchen nur zu denken."
Vierter Sprecher, Schauspieler Michel Lang: "Also wie ist die?"
Fünfter Sprecher, Straßner: "Nehmen wir an, auf einem Teich mitten im Wald wächst eine Seerose."
Fleyen-Schmidt: "Es ist eine ganz besondere Seerose."
Straßner: "Sie wächst nämlich jeden Tag um das Doppelte ihres Umfanges vom Vortage."
Lang: "Dann ist sie am nächsten Tag Tag immer doppelt so groß."
Wilhelm: "Freilich, das sagten wir schon."
Straßner: "Nach dreizehn Tagen ist es soweit."
Fleyen-Schmidt: "Sie bedeckt den halben Teich."
Lang: "Nach dreizehn Tagen schon den halben Teich, rasant, rasant."
Fleyen-Schmidt: "Nach wieviel Tagen insgesamt wird sie den ganzen Teich bedecken?"
"Glückswellen"-Leiter Wilhelm (über Musik): "Nach wieviel Tagen wird die Märchenrose, die jeden Tag um das Doppelte des Vortages wächst, den ganzen Teich bedeckt haben, wenn sie nach dreizehn Tagen den halben Teich bedeckt? Lösungswort ist die Anzahl der Tage."
800 000 Hörer grübelten und beantworteten die Frage mit der Zahl 14. Ein einziger schickte als Lösung die Zahl 13,631. Der Bayernfunk akzeptierte beide Antworten als richtig: die Zahl "14" und - als mathematische Lösung - die Zahl "13,631". Insgesamt 81 Einsender aber hatten sich für die Lösung 13½ entschieden. Unter ihnen war Bundesbahnrat Dr. Ludwig Reindl aus Regensburg, der nicht einsehen wollte, warum die "Glückswellen"-Mathematiker seine Lösung nicht auch als richtig anerkannten. Lag sie doch der mathematischen noch näher als die Antwort der 800 000 Einsender, die sich für die Zahl 14 entschieden hatten.
Verbittert erhob der Bundesbahnrat Dr. Ludwig Reindl gegen den Bayernfunk Klage. Um die Prozeßkosten niedrig zu halten, klagte er erstmal auf Auszahlung eines Gewinnbetrages von 200 DM.
Reindls Argument: Wenn die Seerose jeden Tag um das Doppelte ihres Umfanges vom Vortage wächst und am 13. Tage den halben Teich bedeckt, so ist sie nach Ablauf des ganzen 14. Tages um das Doppelte des halben Teiches, also um die Größe des ganzen Teiches gewachsen und würde demnach über den Teich um die Hälfte seiner Größe hinausreichen. Die Seerose braucht, um den Teich selbst zu bedecken, folglich nur noch einen halben Tag. Die richtige Lösung ist deshalb 13½.
Der Fall wäre nun für das Gericht gar nicht weiter interessant geworden, wäre dem Bayernfunk-Anwalt O. H. Leiling nicht eingefallen, seine Verteidigung auf den Tenor zu stützen: Die "Glückswelle" ist für einen breiten Hörerkreis bestimmt. Daher muß die Sendung in allgemein verständlicher Ausdrucksweise vorgetragen werden. Bei der 18. Sendung habe der Sprecher gesagt, die Seerose wachse um das Doppelte des Umfangs. Der Sprecher Lang habe bestätigt: "Dann ist sie am nächsten Tag immer doppelt so groß."
Aus diesen Erklärungen aber gehe auch einwandfrei hervor, was gemeint sei, nämlich, daß die Seerose am nächsten Tag immer doppelt so groß ist, d. h. ihre Fläche sich täglich verdoppelt. Oder anders ausgedrückt: Die Fläche wachse auf das Doppelte.
Der Durchschnittshörer habe deshalb auch die Worte "um" und "auf", "Fläche" und "Umfang" nicht so genau aufgenommen. Nach der Gesamtbeurteilung liege also der Kern der Aufgabe in den Worten des Schauspielers Lang: "Dann ist sie am nächsten Tag immer doppelt so groß." Die richtige Lösung sei deshalb 14.
Indes, Amtsgerichtsrat Dr. Wegert, der diesen Fall in erster Instanz behandelte, entschied:
* Die Lösung des Klägers Reindl mit 13½ Tagen ist nach den Denkgesetzen richtig.
* Die Lösung des Klägers Reindl ist aber nicht die einzig richtige Lösung.
* Die mathematische Lösung 13,631 entfällt, weil nach den Worten des "Glückswellen"-Leiters
Wilhelm "wirklich nicht gerechnet werden mußte".
Begründet Dr. Wegert: "Für den genau hörenden und das Gehörte logisch durchdenkenden Hörer mußte die Aussage Straßners (''Um das Doppelte''), die am Schluß der Frage Wilhelms wortgleich wiederholt wird, nur die eine Bedeutung haben, daß die Seerose sich jeden Tag verdreifacht, sie mithin lediglich - rein nach Denkgesetzen - 13½ Tage braucht, um den ganzen Teich zu bedecken. Der Bayernfunk kann sich nicht darauf berufen, daß statt der tatsächlich gebrauchten Präposition ''um'' die Präposition ''auf'' gemeint sei. Eine Verdoppelung ''um'' bedeutet aber schlechtweg eine Verdreifachung. Die Lösung des Klägers Reindl ist richtig und hätte als richtig erkannt werden müssen."
Und weiter: "Wenn nun Lang, der die Rolle des einfältigen und pfiffigen Plauderers spielt, die kurz vorher gesprochenen Worte des Ansagers Straßner (''Um das Doppelte'') wie folgt auslegt: ''Dann ist sie am nächsten Tag immer doppelt so groß'', so widerspricht diese Erklärung offensichtlich Straßners Angaben. Für sich allein gesehen, sollte die Lang-Plauderei lediglich die Bedeutung haben, daß sie den Hörer verwirrt.
"Da aber Langs Plauderei unmittelbar von den sachlich gesprochenen ''Glückswellen''-Leiter-Worten ''Ja freilich, das sagten wir schon'' bestätigt wird, gewinnt die Aussage Langs die Bedeutung einer authentischen Auslegung des Fragetextes, die nun nicht mehr zur Verwirrung des Hörers dient, sondern damit wesentlicher Bestandteil des Fragetextes selbst wird.
"Mit anderen Worten: Bei den Hörern wird der Eindruck erweckt, daß die Erklärung Langs ein wichtiger und nicht wegzudenkender Hinweis für die Lösung der Frage darstellt. Damit ist aber dargetan, daß alle Lösungen, die sich an die Aussage Langs halten und zu der Zahl 14 kommen, auch richtig sind."
Und da der Einsender Dr. Reindl, ergänzte Dr. Wegert, die geschätzte Einsendezahl der "Glückswelle"*) nicht richtig geraten hatte, brauchte ihm sowieso kein Preis zuerkannt zu werden. Für den Bayernfunk waren 200 000 DM vorerst gerettet, denn hätte das Amtsgericht der Klage des Bundesbahnrates Dr. Reindl stattgegeben: der Funk hätte wegen der Wortschnitzer "um" oder "auf" die gesamte Gewinnquote von 200 000 DM nochmals auszahlen müssen.
Die Wortschnitzerei aber war damit noch nicht beendet. Reindl legte gegen das Urteil Berufung ein. Landgerichtsdirektor Dr. Kießner von der 14. Zivilkammer des Landgerichtes in München übernahm den "interessanten Fall". Mathematiker gaben ihm einen Tip: Er solle sich doch mal - wenn schon Wortkniffelei getrieben werde - auch um die Bedeutung der beiden Wörter "Fläche" und "Umfang" kümmern.
Denn "Glückswellen"-Leiter Wilhelm hat seinen Sprecher sagen lassen, daß die Seerose täglich um das Doppelte ihres Umfanges wachse. Wenn der Umfang aber um das Doppelte wachse, sich also auf das Dreifache vergrößere, dann wachse die Fläche auf das Neunfache. Ohne Berücksichtigung der mathematischen Überlegung, daß die Fläche der Seerose in der ersten Tageshälfte schneller zunehme als in der zweiten, sei deshalb die richtige Denklösung: 131/8 Tage. Und das hatte keiner der Einsender herausbekommen.
*) Einen Gewinn konnte bei der "Glückswelle" nur der erhalten, der die Zahl der Einsendungen so genau wie möglich erriet. Mit der Zahl 809 478 hatte Reindl aber außerhalb der vom Bayernfunk anerkannten Schätzzahlen 809 243 bis 809 416 gelegen.

DER SPIEGEL 11/1953
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