29.04.1953

ADENAUER-REISE / INTERNATIONALES

Sieben Tage bis Rhöndorf

Unter den Reise-Gesellschaftern Dr. Adenauers, die in Hamburg-Fuhlsbüttel von Bord des PAA-Strato-Clippers jumpten, vermißten die Presse-Leute den Oberstleutnant a. D. Ulrich de Maizière, der als Theo Blanks Militär-Experte den Bundeskanzler nach den USA begleitet hatte.

General Eisenhowers ungedienter aber siebenfach ehrenpromovierter Musterschüler der Europa-Klasse, Konrad Adenauer, hatte (u. a.) als Leistungsprämie von dem Präsidenten erwartet, daß er

* eine verbindliche und für den zukünftigen Wahl-Catch verwendungsfähige Absage an alle sogenannten peripheren europäischen Verteidigungspläne und eine ebenso handfeste Zusage für eine strategische Verteidigung West-Deutschlands an der Elbe-Linie

zum Hamburger CDU-Parteitag würde mitbringen können. Ulrich de Maizière sollte ihm den Preis nach Hause tragen. Weil der Preis jedoch ins Wasser fiel, mußte de Maizière bereits von Washington aus allein die Rückreise antreten.

Hätte man jedoch bei Blanks in Bonn vorher besser Zeitungen gelesen, dann hätten die Spesen des Oberstleutnants a. D. überhaupt eingespart werden können. Denn bevor noch die "United States" mit Adenauer und Maizière an Bord in Le Havre die Leinen gelöst und West-Kurs genommen hatte, war in der britischen Presse eine Artikel-Serie über die strategische Situation Europas veröffentlicht worden.

Verfasser: der ehemalige Instruktions-Offizier der britischen Armee und jetzige Militär-Theoretiker Captain Liddell Hart aus Wolverton Park in England.

Einen "Dolch" in den Rücken der Adenauerschen Bemühungen um das Zustandekommen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) nannte der Stabschef der Atlantikpakt-Streitkräfte (NATO), General Alfred Gruenther, den Füllfederhalter Liddell Harts.

Dessen Forderung, die auch Adenauers, allerdings unter genau entgegengesetzten

Vorzeichen, in Washington war: die NATO brauche eine neue Perspektive ("NATO needs a new outlook").

Für die Bundesrepublikaner aber bedeutet Liddell Harts strategischer New Look, der Gesamt-Europa eine Chance geben soll, daß im Ernstfall nach sieben Tagen schon derbe Russen-Stiefel die gepflegten Rosen in Adenauers Garten in Rhöndorf am Rhein zertrampeln würden ("seven days from the Rhine"). Aber auch erst dann, wenn inzwischen die geplanten zwölf deutschen Divisionen stehen würden. Sonst ginge es noch schneller.

Demgegenüber meinen die Bonner Blank-Leute: "In unserem Hause sind die Experten der Ansicht, daß - nach genauer Abschätzung der gegnerischen Möglichkeiten - zwölf deutsche Divisionen genügen würden, um im X-Fall die wesentlichsten Teile des rechtsrheinischen Bundesgebietes zu verteidigen."

Captain Liddell Hart, 57, nach einem Besuch bei den Bonner Sicherheitskommissaren: "Es sind erfreuliche Optimisten. Aber ich gebe zu: Wer in dem quasi Verteidigungsministerium der Bundesrepublik sitzt, muß wohl Optimist sein"*).

In seiner neuerlichen Publikation meint der britische Militär-Experte nämlich, daß die zwölf deutschen Divisionen nur eine

Verstärkung der etwa "18 Deckungs-Divisionen" der NATO sein würden. Die Zahl 18 wie der Deckungs-Terminus sind in der Diskussion um die NATO neu.

Nun hat bisher kein NATO-Presse-Offizier dem Militär-Kritiker Liddell Hart (SPIEGEL 3/53) einen offensichtlichen Rechenfehler korrigiert. Denn: zur Zeit hat die NATO 25 Divisionen unter Gewehr. Hinzu kommen 25 weitere Mob-Divisionen, die in den beiden kommenden Jahren einsatzbereit stehen sollen.

Aber niemand stellte die Frage, wo denn in der Kalkulation Liddell Harts die Differenz zwischen 25 beziehungsweise 50 NATO-Divisionen minus den von ihm genannten "18 Deckungs-Divisionen" geblieben sei.

Der Rest von 7 beziehungsweise 32 NATO-Divisionen ist nun tatsächlich nicht etwa ein Opfer amerikanischer Sparmaßnahmen oder der Friedensoffensive Malenkows geworden. Sie existieren nach wie vor. Diese Differenz-Divisionen stehen nur. z. b. V. für den strategischen New Look. Und der sieht nach letztem Schnitt, Modell Liddell Hart, folgendermaßen aus:

* Die lineare Verteidigung sei tot. Es gebe keine Elbe-, Rhein-, Ardennen- oder Pyrenäen-Verteidigung mehr.

* Was es dagegen noch gebe, seien befestigte Stützpunkte (in denen die "Differenz-Divisionen" stehen), deren Nachschub gesichert werden kann und die eine Flankenbedrohung des angreifenden Gegners (durch die mobilen "Deckungs-Divisionen") und das Auffangen angeschlagener eigener Verbände ermöglichen.

* Die Verteidigung müsse "dynamisch" - durch taktisches Vorprellen und Zurücknehmen der einzelnen Kräftegruppen - je nach Lage geführt werden (Liddell Hart: "as offensive fluidity of force").

Europa könne gehalten werden, wenn die NATO

* nicht wie eine Rammstange ("batteringram"), sondern wie ein Bienenschwarm operiere, um den Gegner zu "paralysieren";

* die Vorstellung, man müsse den Gegner in Schlachten vernichten, aufgäbe, die nur zur Selbstvernichtung ("self-exposure") führen müsse, und

* sich von dem unsinigen Gedanken entferne, "Fluß-Linien" zu halten. Dabei "kann nichts weiter als ein kurzer Zeitaufschub erreicht werden".

Auch diesmal bezieht sich Captain Liddell Hart ausdrücklich auf Panzer-General Guderian (den er auch sonst als seinen Lehrer bezeichnet: "In allen Panzer-Angelegenheiten war ich schon damals Ihr gelehriger Schüler").

Aber die jetzigen Ausführungen des britischen Militär-Theoretikers sind nicht nur Ideen ohne Realität, geborgt bei einem kranken deutschen Ex-General. Liddel Hart hat Beziehungen zum War Office in London. Und fast noch bessere zum NATO-Hauptquartier (SHAPE) in Marly-le-Roy bei Paris. Gerade erst ist er von einer Inspektionsreise aus Frankreich an die

Grenze Schottlands zurückgekehrt. Er hatte erkunden wollen, "wie weit es inzwischen auf dem Festland mit der Sicherheit Europas ist". Den Beweis dafür, daß seine Ideen von real denkenden NATO-Militärs inspiriert wurden, liefert folgende kaum zufällige Anlage des letzten viertägigen NATO-Kriegsspiels in dem 16-Hektar-Sandkasten Voluceau:

* Manöver-Annahme: Ost-Kräfte unter Befehl des kosaken-bemützten Feldmarschalls Montgomery in Stärke von 63 (angedeuteten) Divisionen, davon 18 Panzer-Divisionen, brechen durch die Vogesen-Ardennen-Stellung.

* Manöver-Aufgabe: 18 (!) NATO-Divisionen, in drei getrennt operierende Armee-Korps gegliedert, versuchen die Masse des Gegners aufzusplittern. Bereitstellung von weiteren NATO-Divisionen, die etwa die doppelte Stärke der mobilen haben (!), in den (angedeuteten) Brückenköpfen ("beach-heads") von Zeeland, der Normandie, der Bretagne, Südost-(See-Alpen) und Südwest-Frankreich. Starke Luftangriffe von Norden und Süden her auf den gegnerischen Nachschub.

* Manöver-Ergebnis: "Monty" mußte (nach der Anlage des Kriegsspiels) mit seinen Kosaken nach einigen zeitgerafften Wochen trotz seiner zahlenmäßigen Überlegenheit den Rückzug über den Rhein antreten.

Selbst die Divisions-Stärken stimmen also bei der strategischen "Theorie" Liddell Harts und bei der Manöver-Praxis des NATO-Hauptquartiers überein.

Was nicht zu überraschen brauchte. Denn der Gedanke der "fließenden Verteidigung"

ist immerhin bereits zwei Jahre alt, und seit Ende 1951 wird bei keinem SHAPE-Kriegsspiel, das die Sicherung Europas vorbereiten soll, von "linearer Verteidigung" gesprochen.

Was Liddell Hart der Öffentlichkeit jetzt vorzeichnete und SHAPE in diesem Frühjahr durchexerzierte, bezeichnete General Maxwell Taylor nach seiner Rückkehr von Deutschland nach den Staaten in einem vielbeachteten Vortrag vor dem US-War College im Jahre 1951 bereits als die "beste aller möglichen Lösungen" des europäischen Verteidigungsproblems. Seither gehört der Vortrag Taylors zu den Elementar-Unterrichtsbüchern, die die Kadetten von West Point in ihrem Tornister-Gepäck tragen. Im zivilen Reisegepäck des Bonner Preußen Oberstleutnant Ulrich de Maizière wurde die Taylor-Schrift vermißt.

*) 1941 trat Deutschland an der Ostfront mit insgesamt 150 Divisionen an. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß Hitlers Unternehmen "Barbarossa" offensiv angelegt war. Die Dienststelle Blank legt auf die Feststellung Wert, daß das Unternehmen EVG defensiv sei.

DER SPIEGEL 18/1953
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