29.04.1953

3 D-PREMIEREBwana, der Teufel

Am Freitag vergangener Woche griff "die dritte Film-Revolution" auf den europäischen Kontinent über. Zwei große westdeutsche Kinos, der Düsseldorfer Europa-Palast und das Stuttgarter Universum, können sich rühmen, als erste europäische Filmtheater ihre Zuschauer mit einem abendfüllenden plastischen Film unterhalten zu haben.
Zwar vermochte der Reiz der dreidimensionalen Novität das große "Universum" schon am frühen Nachmittag mäßig zu füllen, aber als die Besucher am Schluß ihre Filterbrillen zur Desinfektion und Neuausgabe in bereitstehende Kästen warfen, ließen sie manche mißgelaunte Bemerkung fallen. Die Kommentare rangierten vom wortlosen Knurren bis zum unschwäbischen "nee, wissense, nee".
Der Constantin-Verleih, der deutsche Zweig der United Artists, wird sich über solche Verstimmung und die zu erwartenden unfreundlichen Pressekritiken mit dem stolzen Bewußtsein hinwegtrösten, das
Rennen um die erste europäische 3 D-Premiere gewonnen zu haben. Die Hatz war so scharf - Columbia hat auch bereits einen abendfüllenden plastischen Film für Deutschland angekündigt - , daß der Constantin-Verleih seinen plastischen Farbfilm "Bwana, der Teufel" nicht erst synchronisieren ließ. Der Film wurde wider alle normalen Geschäftserfahrungen mit deutschen Untertiteln gestartet, die in giftiggrünen Lettern erregend, aber undeutlich über die Leinwand flimmerten.
Zunächst war die Premiere auf den 17. April festgesetzt worden, aber die New Yorker Zentrale der United Artists konnte die zwei Originalkopien nicht rechtzeitig herüberbringen. Die Untertitelung wurde so rasch vorgenommen, daß sogar ein Verleihsprecher einsichtig bekannte: "Die Schnelligkeit ging auf Kosten der Qualität". Man dürfe "Bwana, dem Teufel" keinen künstlerischen Wert beimessen; man wolle mit diesem Film dem Publikum in erster Linie die neue Technik zeigen.
"Es ist die Geschichte eines englischen Kolonisten und seiner Frau", verkündete Constantin, "die, als um die Jahrhundertwende in Kenia, der Zentralafrikanischen britischen Kolonie, die erste Eisenbahn gebaut wird, gefährliche Abenteuer mit den reißenden Bestien des Dschungels, den Löwen zu bestehen haben. Opfer um Opfer verlangen die mähnigen Menschenfresser, bis Jock, der beherzte Ingenieur, sie zur Strecke bringt. Denn was hat wohl größere Überzeugungskraft für Wirksamkeit und Möglichkeiten dreidimensionaler Filmgestaltung als etwa das Erlebnis, einen Löwen gewissermaßen leibhaftig aus der Leinwand heraus über sich hinwegspringen zu sehen, wie es dem Publikum hier geboten wird."
Während die Zuschauer angestrengt durch ihre Polarisationsbrillen starrten, widmete sich Bwana, der teuflische Löwe, ausgiebig seiner offensichtlichen Vorliebe für gemischte Menüs, schlug und verschlang abwechselnd Hindus, knochige Engländer, ein niedliches Negerbaby und riesige Massai.
Der Titelheld, augenscheinlich ein beim Film in milder kalifornischer Sonne ergrauter, friedlicher Senior vom Schlage des Metro-Goldwyn-Mayer-Leu, operierte mit einer bejahrten Löwin. Dem Duo gelangen Einkesselungsmanöver und Flankenstöße, die jedem modernen Panzergeneral gut anstehen würden.
Aber schon der dritte dreidimensionale Hieb der Löwentatze ins Publikum ging ins Leere und bei dem schauerlichsten Gemetzel, bei dem Bwana nebst Gefährtin eine in einem Eisenbahnwagen bechernde Jagdgesellschaft liquidierten, mischten sich amüsierte Lacher aus dem Publikum in das gräßliche Stöhnen der Zerfleischten.
Auch in Düsseldorf blieb die 3 D-Sensation schon bei der Uraufführung aus. Während die beiden Schwarz-Weiß-Filme "Alraune" und "Rommel" am ersten Tag 5000 und 6000 Leute ins "Europa" gezogen hatten, kamen zu "Bwana, dem Teufel" keine 3000. Bei allen drei Vorstellungen flohen Besucher, unbeeindruckt von den frappierenden plastischen Eindrücken, mit spitzen Bemerkungen über die Naivität der Handlung aus dem Kino.
Der Löwe "Bwana" löste statt Angst und Schrecken merkwürdigerweise Äußerungen von Sympathie und ungehemmter Heiterkeit aus - etwa als er abends mißmutig in der Tür des Wohnwagens erschien und ein halbes Dutzend Menschen niederstreckte.
Dieser wenig überzeugende 3 D-Start bewies, daß die Produzenten der ersten großen plastischen Filme den gleichen Verlockungen erlegen sind, wie damals die
Hersteller der ersten Ton- und Farbfilme: sie konzentrierten sich auf die Effekte der neuen Technik und vernachlässigten Dramaturgie und Inszenierung.
Bei der Deutschland - Premiere von "Bwana, dem Teufel" zeigte sich eindeutig, daß der Durchschnittskinogänger nicht geneigt ist, dramaturgische oder darstellerische Schwächen darüber zu vergessen, daß ihm ein Blütenzweig oder der Federbusch eines tanzenden Negers plastisch durchs Gesicht fährt.
Trotzdem übertreibt Hollywood nicht, wenn es den "Beginn einer neuen Ära des Phänomens Films" verkündet. So wie die Filmleute in wenigen Jahren den Ton- und Farbfilm technisch und künstlerisch zur Perfektion entwickelt haben, werden sie auch lernen, mit den dreidimensionalen Effekten die neue Gattung "Plastischer Film" künstlerisch zu formen. Aber das wird wahrscheinlich noch dauern.
Bis dahin rankt sich wie in allen Gründerzeiten ein fragwürdiger Lorbeer um die Stirn des Pioniers, der im Falle 3 D-Film Arch Oboler heißt und bei "Bwana, dem Teufel" gleichzeitig als Autor, Regisseur und Produzent zeichnet.
In der Reklameversion liest sich das so: "Arch Oboler, bekannter Produzent, hat den Film in monatelanger Expedition im gefährlichen Mau-Mau-Gebiet von Kenia gedreht. Bewußt suchte er sich den abenteuerlichen Vorwurf, um das größere Abenteuer, die Schaffung des ersten plastischen Spielfilms überhaupt, überzeugend zu bestehen."
Leute, die sich in Hollywood gut auskennen, geben eine etwas abweichende Darstellung. Danach gehörte Arch Oboler jahrelang zu den vielen namenlosen und unglücklichen unabhängigen Produzenten. Als er sich 1950/51 zu einem Afrika-Film entschlossen und etwas Geld zusammengekratzt hatte, sah er sich plötzlich ohne Verleiher. Die großen Konzerne, wie Metro-Goldwyn-Mayer oder 20th Century Fox, hatten kurz zuvor mit aufwendigen Filmen wie "König Salomons Diamanten" und "Schnee am Kilimandscharo" den schwarzen Kontinent filmisch abgegrast.
Da griff Oboler - fast aus Verzweiflung - zu einem plastischen Filmverfahren und
sicherte sich die Benutzung des stereoskopischen Natural - Vision - Systems von M. L. Gunzburg. Aber auch das war keine revolutionäre Tat, denn der plastische Film steckt seit Jahrzehnten im Stadium des fast gebrauchsfertigen Experiments, das industriell noch nicht ausgenutzt ist. Die Metroscopix-Streifen, mit denen MGM zur Zeit in Deutschland ein Beiprogramm bestreitet, gibt es schon seit 1938.
"Mit sicherem Instinkt für das Neue", heißt es aber heute in den Reklamesprüchen, "verpflichtete Oboler sich Gunzburg, denn er ahnte - hier liegt die Zukunft."
Sie lag wirklich da. Ob Oboler es ahnte oder nicht - er war der erste, der Hollywood im Abwehrkampf gegen das Fernsehen einen Trumpf bieten konnte. Der Verleih der unabhängigen Produzenten, United Artists, griff rasch zu. Für 1 750 000 Dollar kaufte er "Bwana". Es wurde für beide Partner ein großes Geschäft.
Die wirklichen Großverdiener am plastischen Boom aber sind die Brillenfabrikanten. 1940 hatte Edwin Herbert Land, Chef der amerikanischen Polaroid-Kamerawerke, beim Abschluß eines ersten Auftrages zur Lieferung von Brillen für dreidimensionale Filmvorführungen auf der Chikagoer Weltausstellung erklärt: "Dies ist, so glauben wir, der Vorläufer ungewöhnlicher Entwicklungen auf dem Filmsektor."
Als die "ungewöhnliche Entwicklung" vor drei Monaten in Form eines 3 D-Booms ausbrach (SPIEGEL 9/53), konnte Land seine Brillen-Produktion buchstäblich über Nacht verhundertzwanzigfachen. Das Werk steigerte die Erzeugung von 100 000 auf 12 Millionen Stück pro Monat. Aber die Nachfrage nach Lands Monopolartikel ist noch größer.
Der Polarvid-Produktion von 12 Millionen Brillen (à 10 Cent - etwa 40 Pfennig - pro Stück) stehen für die nächsten acht Wochen Bestellungen auf 75 Millionen Stück gegenüber. Aber selbst wenn die Produktionszahl die Bevölkerungszahl erreicht hat, wird das Geschäft monatlich weitergehen, denn jede Brille muß nach Benutzung weggeworfen oder desinfiziert werden. So verlangen es die amerikanischen
Hygienevorschriften. Eine neue Brille ist, jedenfalls im Moment noch, für die amerikanischen Kinobesitzer billiger als die in den USA offensichtlich noch nicht organisierte Brillen-Desinfektion en gros.
Das kleinere deutsche Gegenstück zu den Polaroid-Kamerawerken ist die Erwin Käsemann GmbH in Oberaudorf am Inn. Ihre Brillen werden für 30 Pfennig pro Vorstellung und Nase verliehen. Bei fünf Vorstellungen und gutem Besuch kann zum Beispiel das Stuttgarter "Universum" gut 3000 Besucher täglich zählen. Das sind pro Tag allein 1000 DM an Brillenmiete.
Ufa-Direktor Kemna, der den Düsseldorfer Europa-Palast jetzt als erstes Ufa-Theater für 3 D technisch eingerichtet hat, glaubt schon nicht mehr, daß die Publikumsfreudigkeit zu (guten) dreidimensionalen Filmen allein durch die Brillen geschwächt werden könnte:
"Nachdem die Amerikaner die 3 D-Brille als Modeartikel propagiert haben, läuft drüben jeder mit seiner 3 D-Brille in der Westentasche umher, wie wir hier mit unserer Sonnenbrille. Es gibt 3 D-Brillen in Luxusausführung von massivem Gold bis zur 50-Cent-Brille in Nickel."
Das Vorurteil gegen die Polaroid-Brillen werde auch in Deutschland fallen, prophezeit Kemna. "Besonders dann, wenn die Damen erstmal erkannt haben, daß sie aus der 3 D-Brille einen beliebten Gegenstand des Flirtens und Kokettierens machen können."

DER SPIEGEL 18/1953
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