29.04.1953

UNTERHALTUNG / GESELLSCHAFTSSPIEL Der Sturz des Kanzlers

Getreu seinem Slogan "Sag es mit Spielen" hofft der Capisco-GmbH-Gründer und Gesellschafter Dr. Waldemar Lentz seinem ersten Produkt "Wir spielen Regierung", einem "heiteren (Würfel- und Köpfchen-)Spiel nach dem Leben", in einer zweiten Auflage von 6000 Exemplaren neue Breitenwirkung zu verschaffen.
Das von der Capisco herausgebrachte Spiel soll in zwei Abschnitten, dem "Wahlkampf" und dem "Kampf um die Regierung", spielbegierige Abc-Schützen mit den wesentlichen Zügen (und Tücken) der demokratischen Staatsform vertraut machen. Die ersten 5000 Exemplare wurden - schon wegen des hohen Preises (18,50 DM) - weniger durch den Spielwarenhandel als durch die offiziösen, halb- und vierteloffiziösen Kanäle des Bonner Jugendwerkes und ähnlicher Einrichtungen vertrieben. Hauptempfänger waren Heime und Jugendherbergen, Schulen und Erholungsstätten.
Daher ist die Capisco GmbH zwar nicht direkt von Bonner Subventionen ("Wir haben keinen Pfennig Subvention erhalten"), aber doch vom Bonner Wohlwollen abhängig. Und die Verlängerung dieses Wohlwollens wurde jetzt von einigen Änderungen abhängig gemacht, die dem Spiel zwar nicht Charakter und Reiz rauben, aber doch beweisen, wie tierisch ernst die beamteten und bestellten Wächter der Demokratie ein ehrlich grunddemokratisches Spielchen nehmen - und wie wenig sie ihrer eigenen Staatsform zutrauen.
Nur so lassen sich die Änderungen erklären, die Dr. Lentz jetzt in die zweite Auflage einbauen muß und von denen eine einzige sachlich berechtigt ist: Auf dem Wahlkampfspiel (4 Parteien, jede Partei hat 6 Kandidaten, die per Würfel vier Wahlkreise und viele Versammlungsschlachten
überwinden müssen) präsentieren am Parlamentseingang zwei Posten in Stahlhelm das Gewehr. Die müssen weg. Nach der "Wahl" kämpfen die Spieler mit schach-ähnlichen Möglichkeiten um die Regierung. Und dabei gelten einige Spielregeln, die in Bonn nur Stirnrunzeln bewirken.
Paragraph 1 bestimmt, daß der als stärkste Partei aus dem Wahlkampf hervorgegangene Spieler wählen darf, ob er Koalitionsführer oder Einzelspieler, also Opposition sein will.
Der Paragraph 10 schreibt vor: Siegt der Einzelspieler, so erhält er die ganze Kasse, siegt aber die Koalition, so muß der Koalitionsführer die Kasse mit den beiden anderen Spielern im Verhältnis 50 - 25 - 25 teilen. Diese ganz sinnfällige Spielregel, die mit den Wahlgesetz-Entwürfen der Regierung übereinstimmt, könne, so glaubt man in Bonn, den künftigen Wählern die Begeisterung für die Regierungskoalition nehmen.
Während des Wahlspiels werden auf bestimmten Feldern vom Spielleiter Karten gezogen, die nach Ansicht der Capisco GmbH demokratische Grundweisheiten einträufeln und das Spiel spannender machen. Die Karten, die auf den roten Feldern der "öffentlichen Meinung" gezogen werden, haben zum Beispiel folgende Texte:
* "Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuß eingesetzt, um zu klären, woher Ihre (des Spielers) Partei das viele Geld hat." - Gegen diese Formulierung legte Bonn ein Veto ein.
* "Klugerweise haben Sie als Politiker Ihren Beruf beibehalten, als Sie in die Politik gingen. So gelten Sie als Mann von unabhängigem Urteil." - Gegen diesen Text erhob Bonn Einspruch mit der Begründung: "Das ist eine Verdächtigung der anderen."
* "Sie haben sich von Journalisten beraten lassen, daß man nichts glauben soll, was man nicht selbst gesehen hat." Bonns Veto: "Taktlos."
* "Der SPIEGEL hat gemeldet, daß Sie Ihre Steuern unregelmäßig zahlen." - Hier änderte Bonn zu Recht: "Das Finanzamt hat entdeckt, daß Ihre Steuerehrlichkeit zu wünschen übrig läßt." Denn wann hätte der SPIEGEL je über unregelmäßig zahlende Steuerzahler berichtet?
Um einige dieser Kartentexte kämpft Dr. Lentz erbittert. Immerhin hat er schon Kartentexte durchgesetzt, die nicht unbedingt den Geist blinden Vertrauens fördern. So darf ein Spieler 10 Felder vorrücken, wenn er die Karte "Sie haben ein Angebot der Kuhhändler abgelehnt" zieht. Die Capisco erklärt dem jugendlichen Spieler: "Ein Abgeordneter darf an keinen Auftrag gebunden sein."
Den größten Ärger aber machte dem Dr. Lentz die United-Press mit einer aus Bonn datierten Meldung. Da hieß es: "Der Verkäufer des neuen Gesellschaftsspiels 'Wir spielen Regierung' ist bitter enttäuscht - erst wollten die Bonner Behörden das Spiel zu Geschenkzwecken sogar in größeren Mengen kaufen, und jetzt wird nichts aus dem Geschäft, weil das Spiel auch den Sturz des Kanzlers vorsieht.
"Dem Verkäufer wurde der Bescheid zugestellt: 'Da hier immerhin die Möglichkeit gegeben ist, daß die Opposition den Kanzler stürzen kann, sehen wir in dem Spiel doch nicht jenen ursprünglich vermuteten erzieherischen Wert ...'"
Capisco-Lentz, selbst einmal Nachrichtenchef des Drahtlosen Dienstes, wehrte sich: "Meine Koalitionsschaukel mag man
aus anderen Gründen nicht." Es dauerte Monate, bis die Panne repariert war und die Bonner Bestellungen einliefen. Advokat des Spiels war der Staatssekretär des Innenministeriums Ritter von Lex und der Chefpädagoge der Deutschen Demokratie, Dr. Franken, von der Bundeszentrale für Heimatdienst.
Staatssekretär Ritter von Lex verbrachte sogar seinen Weihnachtsurlaub mit dem Spiel, aber im übrigen "sagte niemand nein und sagte niemand ja." Bis Lentz 40 Bonner Jungen mobilisierte, die mit dem Demokratie-Spiel in einem Turnierkampf über 40 Beamte aus Bonner Ministerien siegten. Da war das Eis gebrochen, und die Empfehlungen gingen durch die Bonner Ministerien.
Zu den Gegnern des Spiels gehörte offensichtlich auch das Münchener Patentamt. Es lehnte die Patentanmeldung zunächst als "ärgerniserregend" ab, weil das Spiel "als Karikierung einer der höchsten Einrichtungen des Staates und als ärgerniserregend betrachtet wird".
Die Capisco-Planer bereiten trotzdem optimistisch zwei weitere Spiele vor. Ein Spiel "Der Schmuggelkönig", in dem drei Spieler als drei arme Staaten ihre Grenzen beseitigen, ihre Zölle aufheben und, nach der Kaltstellung des "Zollkopfes", einer Art Schwarzen Peters, ein vereinigtes Europa bilden und unverschämt reich werden.
Das zweite Spiel soll "Die Jagd nach dem Glück" heißen und den Klassenhaß schon im Kindesalter bekämpfen. Es demonstriert, wie vier Spieler von vier ungleichen Positionen aus starten, doch alle Glück und Wohlstand erreichen können.
Schwerer tut sich Dr. Lentz mit seinem Popularisierungsversuch "Wir zahlen Steuern". Die zahlreichen Besucher im rauchgeschwängerten Capisco-Büro in München (jeder Gast kriegt eine Tasse Kaffee, muß aber eine Stunde Probe spielen, für jede Anregung gibt es eine Runde Schnaps) haben schon gespöttelt: Lentz hoffe wohl auf einen Scheck vom Finanzminister, wenn er das Steuerspiel nicht herausbringe.

DER SPIEGEL 18/1953
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