13.05.1953

VOLKSÄRZTE / MEDIZINGenese schneller, Genosse

In Bad Elster, dem Bad der sowjetzonalen Privilegierten, darf Sowjetzonen-Gesundheitsminister Luitpold Steidle, 55, jetzt seine müden Glieder pflegen. Hier hat Oberst a. D. Steidle, der seit 1943 - nach seiner Kapitulation in Stalingrad - die Sympathie der Karlshorster Kontroll-Russen genießt, viel Zeit, darüber nachzudenken, was in allen SED-Zeitungen steht: "Das Gesundheitsministerium der ''DDR'' hat völlig versagt."
Auf Minister Steidles Schuldkonto stehen:
* "Mängel in der Heranbildung fortschrittlicher Ärztekader", nachdem bis Ende vergangenen Jahres 7500 Ärzte aus der Sowjetzone nach Westdeutschland geflüchtet sind. Ferner:
* "Mangelhafte Initiative bei der Erfüllung des Plansolls, den galoppierenden Krankenstand in der ''DDR'' zu drosseln."
Diese Vorwürfe spezifizierte der Leiter der sowjetzonalen staatlichen Einheits-Versicherungsanstalt, Paul Peschke, im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland". Peschke, der früher die sowjetzonale Eisenbahner-Gewerkschaft dirigierte, rechnete dem Gesundheitsminister vor, daß er den Etat der "Deutschen Demokratischen Republik" mit 270 Millionen Mark überbelastet habe.
Diesen Betrag mußte das "DDR"-Finanzministerium im vergangenen Jahr zusätzlich auswerfen, um das Defizit der staatlichen "Deutschen Versicherungsanstalt" des SED-Genossen Peschke abzudecken. Die vier Milliarden des normalen Versicherungsbudgets hatten nicht ausgereicht, weil in der "DDR" die Krankheiten im Hennecke-Tempo grassierten.
Genau nach der Statistik: 1948 gab es nur 3,97 Prozent Kranke unter den sowjetzonalen Werktätigen; 1951 waren es schon 5,61 Prozent, und 1952 stieg der Jahresdurchschnitt sogar auf 6,7 Prozent. (Zum Vergleich: In der Bundesrepublik waren im vergangenen Jahr nur 3,54 Prozent Pflichtversicherte krankgemeldet.)
Geflüchtete Fachmediziner deuteten den Anstieg der sowjetzonalen Krankenkurve als ganz natürliche Reaktion auf die jahrelangen Entbehrungen, die seelischen und körperlichen Überbelastungen, die sich bei vielen "DDR"-Bürgern schon bei Erreichung des 45. Lebensjahres ruckartig als Kräfteschwund (Anämie, Dystrophie und nervöse Störungen) und progressive Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten bemerkbar machten.
Der stets mit Privilegierten-Speck genährte Gesundheits-Weichensteller Paul Peschke kann das nicht verstehen: "Das ist doch eine völlig anomale Bewegung. Sie steht in schroffem Widerspruch zu der hervorragenden Verbesserung aller Lebensbedingungen in der DDR."
Bei seinen Kontrollen will Peschke festgestellt haben, daß zum Beispiel "in Halle, Bernburg, Eisleben, Leuna und Quedlinburg 50 Prozent der ''Kranken'' durchaus voll arbeitsfähig waren." Weiter: "Um krankgeschrieben zu werden, umgehen die Bummelanten der ''Deutschen Demokratischen Republik'' geflissentlich ihren Betriebsarzt und erreichen ihr Ziel dann bei einem freipraktizierenden Arzt." Ergo müsse endlich überhaupt Schluß gemacht werden mit der letzten freien Arztpraxis.
Der Schreckschuß saß. Wer sich von den "freien" Ärzten bisher noch nicht einer
Poliklinik oder einem Betriebsambulatorium angeschlossen hat, darf jetzt nur noch zugewiesene "Zwischenbehandlungen" vornehmen. Das Krankschreiben besorgen ausschließlich Betriebsärzte. Sämtliche freiberuflichen Ärzte werden laufend durch den beamteten Kreisarzt kontrolliert.
Die Ärztekammern als berufsständische Vertretungen sind längst aufgehoben worden. Heute marschieren alle Sowjetzonen-Ärzte geschlossen in der Gewerkschaft "Gesundheitswesen" des SED-dirigierten "Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes" (FDGB).
Von der Gesundheits-Gewerkschafts-Leitung ging auch die Anregung aus, die das ärztliche Behandlungswesen nach dem Prinzip "Genese schneller, Genosse" revolutionierte. Um die Produktionsverluste, Krankengelder, Arzthonorare und Medikamentenkosten möglichst niedrig zu halten,
wurden bei zahlreichen Großbetrieben Nachtambulatorien eingerichtet, in denen angeknockte Werktätige über Nacht kuriert werden, damit sie am Tage keine Arbeitsstunde versäumen.
Wer sich permanent unwohl fühlt, wird jeden Abend ins Nachtambulatorium gesteckt und dort so lange mit Lichtbädern, Injektionen und Massagen behandelt, bis ihm die Augen zufallen. Zur Frühschicht weckt ihn eine Betriebskrankenschwester.
Viel nachzuholen gibt es - nach Peschke - auch noch "auf dem Gebiet der Genesenden-Betreuung". Der Kranke oder Unfallverletzte in der "DDR" darf seit einem halben Jahr seine Gebrechen nicht mehr zu Hause ausheilen. Vielmehr wird er bei Erreichen eines gewissen Genesungsgrades dem "Sozialbevollmächtigten"*) des Betriebes überstellt, der ihm dann leichtere Arbeiten (Hofkehren, Abortsäubern usw.) verordnet, bis sich der Rekonvaleszent endlich völlig gesund meldet.
Der Sozialbevollmächtigte muß ferner systematische Krankenbesuche organisieren und dafür sorgen, daß die Kranken die unproduktive Zeit mit dem Studium "fortschrittlicher Lektüre" überbrücken. Wörtlich aus einem kürzlich im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" veröffentlichten Muster-Krankenbericht: "Genosse Ernst Schneider war nie allein. Bei ihm war immer die Partei."
Die roten Blinklichter des Gesundheits-Weichenstellers Peschke scheuchten bis Ende vergangenen Jahres rund 7500 Ärzte über die Zonengrenze in den ohnehin mit Ärzten übersetzten Westen Deutschlands. Hier ist die Inflation der Mediziner so groß, daß im Schnitt ein Arzt auf 750 Einwohner kommt. (In der "DDR" muß ein Arzt mindestens die doppelte Anzahl Einwohner betreuen.) Während sich wegen dieser Inflation im Westen Deutschlands sechs Prozent der approbierten "freien Ärzte" bereits anderen Brotberufen zuwenden mußten, wurden die von Ärzten entblößten Landgebiete der Sowjetzone zur Krankenwüste.
Wegen des akuten Ärztemangels und auch wegen des erhöhten Ärztebedarfs durch die vorbereitete Aufstellung der "Nationalarmee" beschloß der Ministerrat der "DDR" bereits im vergangenen Jahr eine "Verordnung zur beschleunigten Heranbildung von Volksärzten". Nach diesem Beschluß (vom 20. Juni 1952) sollen in diesem Jahr 1000 Volksärzte in einjährigen Lehrgängen ausgebildet werden. Diese Ausbildung soll sich nach den Methoden richten, die während der letzten Kriegsjahre bei der Schnellausbildung von Militärärzten angewandt wurden. Die Volksärzte sind nach den bereits amtierenden Volksrichtern und Volkslehrern die dritte Kategorie von "Fachärzten neuen Typs", die als einzige Qualifikation für ihren Beruf politische Linientreue mitbringen. (Auch Volkslehrer und Volksrichter haben nur einen einjährigen Schnellkursus absolviert. Sie stammen aus einwandfrei proletarischen Berufen.)
Es meldeten sich aber nur 800 Äskulap-Aspiranten. Sie werden hauptsächlich in den großen Krankenhäusern der Sowjetzone geschult. Das größte Kontingent wurde dem Chefarzt des Friedrichstadt-Krankenhauses in Dresden, Professor Dr. Fromme, zugeteilt, der - als bekanntester Mediziner der Sowjetzone - vor einem Vierteljahr an Stalins Krankenlager stand.
Professor Dr. Fromme gab zu bedenken, daß er im einjährigen Schnellverfahren aus seinen besten Kursanten allenfalls "Wundärzte II. Klasse" machen könne.
(Die gab es mal vor 70 Jahren in den rückständigen Landgebieten Preußens.)
Daneben läuft noch der Plan, beschäftigungslose Jungärzte aus Westdeutschland in die Sowjetzone herüberzulocken. Hiervon versprach sich der angeblich an Kreislaufstörungen leidende Gesundheitsminister der "DDR", Luitpold Steidle, der von Beruf Landwirt ist, mehr als vom medizinischen Hennecke-Drill.
Aber Gesundheits-Weichensteller Peschke mißtraute Minister Steidles Verbesserungsvorschlägen schon wegen des Lobes, das ihm kürzlich der RIAS spendete. Danach habe sich Steidle (nach Abschuß des "landesverräterischen" Außenministers Dertinger) - als einziger Prominenter der Ost-Bürgerparteien - "wohltuend" bei den jüngsten Verbeugungen der sowjetzonalen Christdemokraten vor dem SED-Politbüro zurückgehalten.
Minister Steidle versuchte, das RIAS-Lob durch eine fortschrittliche Eloge auf der deutsch-polnischen Freundschaftskundgebung in Frankfurt/Oder zu übertönen: "Man muß nicht nur die Feinde und Verräter, die es heute schon sind und bekannt sind, bekämpfen, sondern auch die, die es noch werden wollen."
Ministerfrau Elisabeth Steidle, die sich bescheiden mit ihren fünf Kindern in München-Freimann durchschlägt, glaubt nicht, daß ihr abtrünniger Gatte, der ehemalige Oberst und überzeugte Katholik Luitpold Steidle, trotz der heftigen Gesundheitskritik zum Verräter an der "DDR" werden wird. (Minister Steidle ließ nur gelegentlich eines seiner Kinder nach Ostberlin kommen, stoppte aber zuletzt auch diesen Westbesuch.)
Sie glaubt vielmehr, daß er nach seiner Kreislauf-Entstörung den leidigen Ministerposten aufgeben darf, um dann als forscher General der sowjetzonalen "Nationalarmee" einen Posten im Führungskader zu bekommen.
Oberst a. D. Steidle, den der Moskauabtrünnige Schriftsteller Theodor Plievier in seinem Reportage-Roman "Stalingrad" als mannhaften Kommandeur skizziert (er nennt ihn "Oberst Steinle"), ist der Prototyp des konservativen preußischen Offiziers. Steidle, der nach der Kapitulation von Stalingrad dem kommunistischen "Nationalkomitee Freies Deutschland" angehörte, war einmal Taktik-Lehrer von hohen Graden.
*) Offizieller Titel des SED-Funktionärs, der in jedem volkseigenen Betrieb - als eine Art Sanitätsgefreiter Neumann - die Kranken in Trab setzen muß.

DER SPIEGEL 20/1953
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