20.05.1953

BEKENNTNISSCHULEGeschichtlich sehr belastet

Mit einem Hirtenbrief, der in allen Kirchen der Erzdiözese Köln verlesen worden ist, hat nun auch der Erzbischof von Köln, Kardinal Joseph Frings, in den Streit eingegriffen, der überall in Deutschland immer wieder aufflackert. Der Seelenhirte hat die katholischen Gläubigen aufgefordert, sich "mit allen Kräften" für katholische Bekenntnisschulen einzusetzen. Es seien Kräfte am Werk, derartige unter dem Schutz des Gesetzes stehende Schulen zu unterdrücken. Ein solcher Ungeist dürfe sich in Deutschland nicht wiederholen und müsse vom ganzen Volk verhindert werden.
Aber nicht nur auf solch hoher, sondern auch auf niederer Ebene gibt es immer wieder Streiter in dem harten täglichen Kleinkampf zwischen den Verfechtern der verschiedenen Schulformen. In Bayern hat jüngst ein Vorgang sein Ende gefunden, der für die Beharrlichkeit in diesem Ringen beispielhaft ist.
Geschehen war dies: Am 30. Mai 1952 hatten fünf Erziehungsberechtigte des kleinen Ortes Planegg bei ihrer Gemeindevertretung einen Antrag auf Errichtung einer Gemeinschaftsschule - in der katholische und evangelische Kinder gemeinsam
unterrichtet werden - eingereicht. Dem Antrag waren 25 Unterschriften beigelegt, wie es das Bayerische Schulorganisationsgesetz von 1950 vorschreibt.
Der Antrag wurde zunächst der Aufsichtsbehörde, also der Regierung von Oberbayern in der Münchner Maximilianstraße, weitergegeben. Da aber diesem Antrag am 26. Mai die übliche Schuleinschreibung der Abc-Schützen vorausgegangen war, kam aus München der Bescheid zurück, die Einschreibung für Schulneulinge sei am 10. August zu wiederholen.
Das Ergebnis dieser neuen Einschreibung war: 34 Eltern entschlossen sich, ihre Kinder künftig in eine Gemeinschaftsschule zu schicken. 13 Eltern meinten, die katholische Bekenntnisschule sei wohl das bessere. 26 Elternteile waren nicht erschienen.
Als schließlich am Dienstag, dem 2. September, dem Schulbeginn in Bayern, auch diese 26 Eltern sich entschieden hatten, stellte sich heraus, daß sich insgesamt Eltern von 62 Schulanfängern für die Gemeinschaftsschule und 15 für die katholische Bekenntnisschule ausgesprochen hatten.
Am 4. September kamen zu dem Schulleiter Ludwig Keller weitere zwölf Elternteile und verlangten Aufnahme ihrer Kinder in eine Gemeinschaftsschule. Übrigblieben mithin drei Kinder, ein Bube und zwei Mädchen, die dem Willen ihrer Eltern nach in die katholische Bekenntnisschule gehen sollten.
Die Lage wäre also klar gewesen: Die überwiegende Mehrheit der Eltern hatte sich für die Gemeinschafts-Erziehung ihrer Kinder ausgesprochen. Da kam aber die Nachricht, in der Gemeinschaftsschule werde kein Religionsunterricht gegeben. Die inzwischen mit 75 Schülern und Schülerinnen besetzte erste Klasse der Gemeinschafts-Volksschule werde also ohne Religionsunterricht sein. Der dies gesagt habe, sei der Pfarrer Schuster. Er habe es am letzten Sonntag von der Kanzel verkündet.
Über diese Nachricht erschrocken, liefen die Eltern zu dem Schulleiter Keller. Was denn nun werde, wollten sie wissen. Sie könnten in keinem Falle zulassen, daß ihre Kinder ohne Religionsunterricht aufwüchsen, bei allem Verständnis für die Gemeinschaftsschule.
Schulleiter Keller gab den verstörten Eltern die Auskunft, nach Artikel 136 der Bayerischen Verfassung*) und nach dem Schulorganisationsgesetz werde in den Schulen der Religionsunterricht garantiert, gleichviel, ob Bekenntnis- oder Gemeinschaftsschule. So beruhigten sich die Eltern wieder.
In den kleinen Ort war der Oktober eingezogen. Zwei Versammlungen der Elternschaft, die in der Zwischenzeit über die Planegger Gastwirtsbühnen gelaufen waren - die eine am 21. September im Gasthof "Zur Eiche", geleitet von Pfarrer Schuster, die andere am 22. September in der Gastwirtschaft Kottmeier, einberufen von der "Gesellschaft zur Verbesserung des bayerischen Schul- und Bildungswesens" unter ihrem Leiter Rudolf Lehrl - , brachten zwar keine eindeutige Verbrüderung, aber Ruhe.
Doch es war eine trügerische Ruhe. An einem Septembertag trifft der Schulleiter Ludwig Keller den dritten Bürgermeister seines Ortes, den Bayernpartei-Bundestagsabgeordneten Heinrich Märkl. Der
Abgeordnete Märkl zeigt Keller einen Brief, den er soeben von seinem Partei-Generalsekretär Besold erhalten habe. Besold wiederum habe ihn von dem Regierungsschulrat Zinkl in München bekommen. Und jener endlich von seinem Bruder, dem Domkapitular Zinkl, der Leiter des Schulreferates beim Erzbischöflichen Ordinariat in München ist.
Was der Schulleiter Keller nun liest, ist die Beschwerde des Erzbischöflichen Ordinariats an das Bayerische Kultusministerium "betreffs Beeinflussung der Eltern durch die Lehrkräfte der Volksschule Planegg bei der Schuleinschreibung zugunsten der Gemeinschaf tsschule".
Unter anderem habe der Pfarrer Schuster berichtet, daß 26 Eltern kurzerhand in das Klassenzimmer der Gemeinschaftsschule verwiesen worden seien, um so ohne ihr Wissen zur Gemeinschaftsschule gezwungen zu werden.
Keller verwahrte sich energisch in einem Brief an seine vorgesetzte Behörde in München gegen diesen geistlichen Vorwurf.
Eine Untersuchung bestätigte seine Angaben. Wieder war Ruhe in Planegg. Aber es war wieder nur eine trügerische Ruhe.
An einem Oktobertag klopft es an die Tür des Klassenzimmers der Mädchenklasse 4 in der Volksschule Planegg. Als der Lehrer Appeltauer nachsieht, steht draußen der Kaplan Wagner, der in der gleichen Schule neben Pfarrer Schuster den Religionsunterricht gibt. "Darf ich den Kindern mal schnell etwas sagen?", fragt der Kaplan den Lehrer Appeltauer.
Der Lehrer Appeltauer zieht sich auf den Gang zurück, um nicht den Eindruck zu erwecken, er sei neugierig oder wolle gar den Kaplan belauschen. Der Kaplan verteilt indessen in der Klasse Briefe des Pfarrers Schuster an die Eltern katholischer Kinder. Einen der Briefe bringt Appeltauer seinem Schulleiter.
In dem Schreiben des Pfarrers Schuster heißt es: "Liebe katholische Eltern! Am 22. September waren alle katholischen Eltern unserer Pfarrgemeinde zu einem Aufklärungsabend über den wirklichen Begriff von Bekenntnis- und Gemeinschaftsschule
aufgerufen. Da aber nicht alle kommen konnten, wendet sich in diesem Brief Ihr Pfarrseelsorger heute an Sie, katholischer Vater und katholische Mutter, um Ihnen das Allerwichtigste über dieses Thema zu sagen ...
"Christus selbst hat seine Lehre, seine Sakramente, seine Gebote an eine bestimmte Form, an seine Kirche und das Bekenntnis zu ihr gebunden ... Die Gemeinschaftsschule muß mit Rücksicht auf die verschiedenen Bekenntnisse an diesem kostbaren Erziehungsgut vorbeigehen. Christus aber sagt uns: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht ..."
Der Brief gipfelt: "Die Gemeinschaftsschule ist schon geschichtlich sehr belastet mit dem Verdacht, eine Schule der Gottlosen und der Gottlosigkeit zu werden."
Gerade hatte der Schulleiter Keller den Brief, den der Kaplan Wagner an die Schulmädchen verteilt hatte, zur Akte "Pfarrer Schuster" gelegt, da trat ein neues Ereignis ein. Am 1. November, dem Allerheiligentag, sitzt der Schulleiter Keller auf seinem Platz in der hinteren 9. Reihe des Kirchenschiffes und hört sich die Predigt seines Widersachers an, des Pfarrers Schuster. Da horcht er auf.
Von der Kanzel herunter wettert der Geistliche: "Ich sage Euch, in der Schule Planegg ist eine Bestechung vorgekommen, als es um die Abstimmung für oder gegen die Gemeinschaftsschule ging."
Zunächst noch an einen Scherz glaubend, geht der Schulleiter nach Hause in die Hofmarktstraße 1. Es vergehen einige Tage, da wird ihm klar, daß Pfarrer Schuster es ernst gemeint hatte. Am 7. November wird der Lehrer Naejetly von dem Juristen des Schulamtes München-Land, Dr. Frank, vernommen.
Am 21. September habe er, Naejetly, bei der Versammlung der katholischen Elternschaft im Gasthaus "Zur Eiche" eine Frau Hoepfner gesprochen. Ob das stimme?
"Ja", meint der Lehrer Naejetly.
Die Frau Hoepfner sei die Mutter des einzigen Buben, der in die 1. Klasse der Bekenntnisschule habe gehen wollen, jetzt aber als Gastschüler in der Gemeinschaftsschule sitze. Ob das stimme.
"Ja", sagt wieder Naejetly.
In der Gastwirtschaft "Zur Eiche" habe er, Naejetly, dann zur Frau Hoepfner gesagt: "Hier haben Sie drei Mark, kaufen Sie Ihrem Mann einen Schnaps und lassen Sie Ihren Jungen in die Gemeinschaftsschule gehen." Ob das stimme?
Zum erstenmal sagt jetzt der Lehrer Naejetly: "Nein."
Er erzählt vielmehr: Die Frau Hoepfner sei an diesem Abend auf ihn zugekommen und habe ihm gesagt, ihr Mann könne nun doch nicht zur Versammlung kommen. Er habe so das Reißen. Er, Naejetly, habe dann zur Frau Hoepfner gesagt: "Kaufen Sie Ihrem Mann doch einen Schnaps." Keine Rede von "Hier haben Sie drei Mark". Und keine Rede von "Lassen Sie Ihren Buben in die Gemeinschaftsschule gehen", wie es Pfarrer Schuster berichtet worden war.
Zwei Tage später, am 9. November, bestätigt auch Frau Hoepfner im Rathaus in Planegg dem Schuljuristen Dr. Frank, was der Lehrer Naejetly schon ausgesagt hatte.
Schließlich kommt es, wie es kommen muß: Die Parteien interessieren sich für den Fall Planegg. Die FDP greift die Frage im Bayern-Landtag auf. Viermal stößt der FDP-Abgeordnete Bungartz vor, ehe der christlich-demokratische Kultusminister Schwalber dem Freien Demokraten Rede und Antwort steht: Er habe das Erzbischöfliche Ordinariat um weitere Veranlassung gebeten.
Was er damit meinte, drückte er in der Fragestunde der 131. Sitzung des Bayerischen Landtags wie folgt aus: Nach einem Bericht der Regierung von Oberbayern vom 20. Februar 1953 habe sich ergeben, daß die Geistlichen in Planegg bei der Schuleinschreibung aus Anlaß der Errichtung einer Gemeinschaftsschule während des Religionsunterrichtes Elternbriefe verteilt und damit gegen die Durchführungsbestimmungen zum Schulorganisationsgesetz verstoßen hätten.
Weiter: "Die Frage, ob gegen die Religionslehrer, in diesem Falle gegen die Geistlichen, staatlicherseits eine Untersuchung eingeleitet werden kann, wurde einer eingehenden Prüfung unterzogen. Dabei hat sich ergeben, daß nach übereinstimmender Rechtslehre und Verwaltungspraxis dem Staat keinerlei dienstaufsichtliche Befugnis gegenüber geistlichen Religionslehrern zusteht. Insoweit muß es infolgedessen für das Kultusministerium bei dem Ersuchen an das Erzbischöfliche Ordinariat sein Bewenden haben."
*) Art. 136 (Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach). (2) Der Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach aller Volksschulen, Berufsschulen, mittleren und höheren Lehranstalten. Er wird erteilt in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der betreffenden Religionsgemeinschaft.

DER SPIEGEL 21/1953
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