20.05.1953

CURRY / FORSCHUNGKrankheit aus der Luft

Wissenschaftler tagen gern in Ferienstädten. Sie können dann ihre Reise zu einem kleinen Urlaub ausdehnen; nach Vorträgen und Diskussionen ergeben sich Möglichkeiten zu Dampferpartien und Ausflügen, zu Geselligkeit und Tanz. Besonders die Ehefrauen, die zu solchen Tagungen so unvermeidlich wie die Lichtbildervorträge gehören, wissen das zu schätzen.
In Anbetracht dieser schönen Tradition brachten die Forscher der Internationalen Union für Thermalmedizin, Klima- und Meeresheilkunde ein echtes Opfer, als sie eine geplante Tagung in Lissabon, der nach Baedeker schönsten Stadt Europas, absagten, um statt dessen an Deutschlands regenreichem Ammersee zu tagen. Die Professoren Pietro Cignolini, Genua, und Albert Graveline, Ostende, haben ihre Kollegen für den nächsten Oktober nach Riederau eingeladen, weil sie auf ihrem Kongreß den wissenschaftlichen Nachlaß Manfred Currys sichten wollen.
Auch die deutschen Ärzte erfahren seit einigen Wochen aus Gedenkartikeln in ihren Fachzeitschriften, welch "bedeutenden Forscher" sie mit Manfred Curry am Unglücksfreitag, dem 13. Februar, verloren haben. Ehe Dr. Curry an jenem 13. Februar morgens um 9 Uhr nach einer Grippe im Leberkoma starb, hatten die
deutschen Mediziner Lobesworte für ihn nur sehr, sehr sparsam verwendet.
Schuld daran war, daß sich der sportlich unbefangene Deutsch-Amerikaner Curry nie dem feierlichen Schritt würdevoller Medizin-Magister anpassen konnte, im weißen Segeldreß immer einige Schritte voraus lief und manchmal von Abwegen zurückgepfiffen werden mußte.
Curry war es gewöhnt, von seiner weißen Villa am Ammersee aus die Welt mit Sensationen aller Art zu überschütten. Die letzte startete er noch im Frühjahr 1952.
Was er damals mit weicher, unaufdringlicher Stimme behauptete, besagte nicht weniger als: alle Patienten auf der Welt sind bisher unter falschen Voraussetzungen behandelt worden. "Krank werden kann nur jemand, bei dem das Gleichgewicht der elektrischen Ladungen im Gehirn gestört ist", behauptete Dr. Curry.
Sogar der Krebs, sagte er weiter, könne mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit künftig verhütet werden. Curry versprach glückliche Ehen und allgemeines Wohlbefinden, wenn sich die Menschen die elektrischen Kräfte dienstbar machten, die "von der Natur in so reichem Maße" angeboten würden. Bisher seien von der Medizin noch nicht die Strahlungen berücksichtigt worden, in deren Kraftfeld sich das Schicksal der Menschen vollzöge.
Während die Hefte 7 und 10 der medizinischen Zeitschrift "Hippokrates", in denen Curry diese sensationellen Behauptungen aufstellte und zu beweisen suchte, in Kliniken und Ordinationsräumen zirkulierten, putzte der Initiator der Aufregung gleichmütig sein neues Segelboot, dessen seltsam geformter Bug ganz unter der Wasseroberfläche lag, für eine Regatta auf dem Gardasee.
Noch mehr Wirbel aber hatte Curry gemacht, als er im Herbst 1946 die ganze Menschheit nach ihrer Wetterempfindlichkeit in drei Typen eingeteilt und Ratschläge gegeben hatte, wie jeder mit Sicherheit glücklich und gesund werden könnte. Die Ansicht der Gelehrten zu dieser Typenlehre faßte Professor Gerhard Winter, Pflanzenpathologe in Bonn, in dem simplen Satz zusammen: "Das ist zu schön, um wahr zu sein."
Es war Currys Schicksal, daß er selten ernst genommen wurde, obwohl er in jeder seiner vielen Betätigungen Höchstleistungen vollbracht hat, auf die gute Spezialisten ein ganzes Leben lang trainieren müßten. So als 100-Meter-Läufer (drittbester der Welt), Eiskunstläufer (Deutscher Meister), Regattasegler (Deutsch-Ungarischer Meister), approbierter Arzt, Schriftsteller, Filmregisseur, Erfinder, Aerodynamiker, Bioklimatologe und Strahlenbiologe.
Dieses imposante Register verzeichnet die Höhepunkte einer Laufbahn, die für einen in den Bereichen verschiedener Wissenschaften arbeitenden Mediziner so amüsant, verblüffend und beeindruckend zugleich ist, daß sie im Europa der genormten Maß-Karrieren ohne Parallele sein dürfte.
Als Enkel eines Bostoner Bankiers und einer leidenschaftlichen Pianistin, als Sohn eines amerikanischen Physikers und einer
russischen Aristokratin vereinigte Manfred Curry alle erdenkbaren konträren Eigenschaften in seiner Erbmasse. Die Galerie der Vorfahren läßt schon die Spannung ahnen, in die Manfred Curry am 11. Dezember 1899, 20 Tage vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts, hineingeboren wird.
Im selben Jahr hat Großmutter Curry ihre spitzgieblige Villa am Westufer des Ammersees bauen lassen, weil sie als Pianistin im Lande ihrer Vorbilder Händel und Bach leben will. Zur gleichen Zeit bosselt Currys Vater, Dr. Charles Curry, als Privatgelehrter in Boston an seiner "elektro-magnetischen Theorie des Lichts". Er ist nebenbei passionierter Segler und setzt auch seinen Sohn Manfred schon mit sechs Jahren an die Pinne.
Als er zwölf Jahre alt ist, fällt er dem späteren König Ludwig III. von Bayern auf, weil er als dritter Mann auf der Jolle "Bibamus" den Sieg bei einer Regatta auf dem Ammersee holte. Der König nimmt den Jungen auf den Schoß und läßt sich von ihm erzählen, wie "Bibamus" an letzter Stelle lag und die beiden Erwachsenen schon aufgaben und der Aufforderung des Schiffsnamens gemäß die mitgenommenen Bierflaschen öffneten. Wie dann aber der junge Curry vom Süden her ein Gewitter aufziehen sah, rasch die günstiger werdenden Windverhältnisse prüfte und die Jolle schließlich noch als erste durchs Ziel jagte.
Mit dem gleichen jungenhaften Schwung bricht Curry später in die heiligen Bezirke der Wissenschaft ein. In die ärztliche Kunst wird er von besten Fachleuten eingeführt, in die innere Medizin von Friedrich von Müller, in die Chirurgie von Ferdinand Sauerbruch. Aber das Segeln ist ihm anfangs noch wichtiger.
Mit 20 Jahren schreibt er in den Semesterferien sein erstes Buch: "Die Aerodynamik des Segelns". Es gilt lange als "Bibel aller Regattasegler" (und ist 1949 in der 5. Auflage unter dem Titel "Regattasegeln" erschienen). Übersetzungen kommen in England, den USA, der Türkei, Frankreich und Spanien heraus.
Ein günstiger Wind treibt ihn schließlich vom Wasser weg in die Arme der Eiskunstläuferin Hazel. Als Eiskunst-Paarläufer fasziniert er die Zuschauer im New Yorker Madison Square Garden. 1925 gewinnt
er die deutsche Eiskunstlauf-Meisterschaft im Paarlaufen. Hazel wird seine Frau.
Typisch für Curry ist es nun, wie ihn Anregungen von außen auf skurrile Ideen bringen. Die Lockung der Medizin, selbst als Forscher und Sucher tätig zu sein, die Liebe zur Leichtathletik und die Besessenheit von der Seglerei schlagen sich in einer seltsamen Erfindung nieder: Er baut 1925 in München ein Ruderfahrzeug für das Land, das Curry-Landskiff. Es ist ein Gefährt, das in seinem Mechanismus dem Holländer für Kinder ähnelt, durch Ruderbewegungen mit den Armen getrieben wird und Geschwindigkeiten bis zu 40 Stundenkilometern erreicht.
Nach einigem Wirbel in Amerika wird es wieder still um dieses merkwürdige Fahrzeug. Schuld daran ist vor allem sein Schöpfer, dem schon wieder ganz andere Erfindungen im Kopf spuken. Diesmal ist es eine Bremse für Segelboote. Sie ist aerodynamisch so gut konstruiert, daß sie später auch für Flugzeuge übernommen wird. So ergibt sich das Kuriosum, daß der 1930 approbierte Arzt ein Jahr später seine ersten Vorlesungen über Aerodynamik hält. Das ist im Institut für Technologie der Harvard-Universität in Boston.
Wieder erwirbt sich Curry schnell einen Ruf auf dem Fachgebiet: Zur Sitzung der "Royal Aeronautical Society" in London werden 1933 drei Ehrengäste eingeladen, Luftschiffpionier Dr. Eckener, Ballonflieger Prof. Piccard und: Aerodynamiker Dr. med. Curry.
Nun meldet sich das künstlerische Erbe der Großmutter. Der junge Arzt, Wetter- und Luftfahrtforscher tut wieder einmal etwas Unerwartetes. Er kauft sich eine Filmkamera und dreht für Ufa und Bavaria Kultur- und Kurzfilme. Von seinen Regattafilmen wird einer, "Boote mit Flügeln", sogar auf der Biennale gezeigt.
Auch in seinem Äußeren kehrt Curry jetzt den Künstler heraus. Er baut sich 1935 einen alten Dampfer zu seinem Stromlinienboot "Tiger" um und haust als maritimer Bohemien auf dem Ammersee. Aufs Wasser aber folgt ihm die Eisläuferin Hazel nicht. Die Ehe wird im gleichen Jahr geschieden. Zu einer zweiten Ehe holt sich Bohemien Curry die Sängerin Maria Hester,
die ihm mit ihren roten Haaren als Lady Hamilton im Theater am Berliner Nollendorfplatz aufgefallen ist.
Maude Hester-Curry hilft mit beim Bücherschreiben und in der ärztlichen Praxis. Unmerklich begradigt sie den Zickzackkurs ihres unruhigen Mannes und langsam schiebt sich bei ihm wieder einmal die Wissenschaft in den Vordergrund. Er kombiniert diesmal Segel-Erfahrungen, ärztliches Wissen und leichte persönliche Beschwerden bei Witterungswechsel. Die Summe daraus: Forschungen über die Wetterfühligkeit des Menschen.
Mit einer sonst für ihn ungewohnten Stetigkeit und Beharrlichkeit verfolgt er dieses Thema bis zum Kriegsende. 1946 bringt er dann im Selbstverlag sein zweibändiges Werk "Bioklimatik" heraus. Und kurz darauf ist er wieder einer der meistzitierten Männer in der Presse. Die Zeitungen feiern ihn als den größten Vertreter des jungen Forschungszweiges, der den Einfluß des Klimas auf den Menschen untersucht.
Aber gerade die ungewöhnlichen Theorien und frappanten Folgerungen des Dr. med. Manfred Curry scheinen den anderen Bioklimatikern verdächtig. Sie sind an solche tollen Sprünge in der Wissenschaft nicht gewöhnt. Curry galt bei seinen Segelfreunden immer als der Typ des wissenschaftlichen Rechners. Es war seine Stärke, Windverhältnisse und Veränderungen des Windes sofort richtig einzuschätzen und auszunutzen.
Jetzt hat der Sportsmann in den Augen der Forscher auf 1534 Seiten Kunstdruckpapier so etwas wie einen Weltrekord in wissenschaftlicher Athletik geliefert und - wie ihm sarkastische Kritiker nachsagen - Krankheiten und Lebensregeln "aus der Luft gegriffen".
Der von Wind und Wetter abhängige Segler Curry beobachtete, wie seine Patienten in der Sprechstunde auf das Wetter reagierten. Das war etwa zur gleichen Zeit, als Professor Knoch mit seinen Regierungsräten vom Reichswetterdienst systematische Untersuchungen über die Abhängigkeit der Krankheiten vom Wetter einleitete.
Die Forschungsbeamten fingen an, statistische Unterlagen zu sammeln. Der Privatmann Curry aber geht von Beobachtungen aus, die er am Ammersee gut machen konnte. In die Ebene nördlich der Alpen fällt oft freier Föhn ein, von dem seit Jahrhunderten bekannt ist, daß er psychische Wirkungen auslöst und manche Krankheitsbilder beeinflußt.
Als Pendant zu seinen künstlerischen Ambitionen kommt Curry zu einer streng naturwissenschaftlichen Erklärung: Der Föhn trägt reinen dreiwertigen Sauerstoff, Ozon, aus den höheren Luftschichten in die Niederungen. Ozon wird auch in den Blitzen während des Gewitters erzeugt. Curry verdächtigt diesen Stoff, die Wirkung auf den Körper auszuüben.
Er setzt Patienten in eine Klimakammer und läßt künstlich erzeugtes Ozon zuführen. Die Veränderungen sind nicht eindeutig und längst nicht so stark wie bei Föhn und nach einem Gewitter. Curry folgert: Natürliches Ozon scheint sich also vom künstlichen zu unterscheiden, denn in der Natur kommen auch chemisch nicht ganz reine Abarten, die Ozonide, vor. Deshalb weicht Curry ganz vom Begriff Ozon ab und führt ein neues Wort für das natürliche Ozon ein: Aran.
Die Firma Siemens in Erlangen baut ihm nach seinen Angaben und einem Curry-Patent ein Aran-Meßgerät. Es ist ein handlicher Apparat, der auf einer Fensterbank Platz hat. Von einer Skala läßt sich die jeweilige Arankonzentration ablesen. Natürlich
wettert die Fachwelt gegen diese Neuerungen.
Aber schon 1952 werden an zwölf deutschen Universitäten regelmäßig Ozonmessungen ausgeführt. Die Wetterdienste verwenden die laufenden Meßergebnisse als Unterlagen. Aber der Name Curry wird in diesem Zusammenhang selten erwähnt. Mit Betonung spricht man in den Instituten vom "Siemens-Ozon-Meßgerät".
Currys Theorie über die Wirkung des Ozons auf den Organismus hat tatsächlich eine weiche Stelle. Manfred Curry hatte die Forscher selbst mit einem seiner eindrucksvollen Beispiele auf die Fährte gesetzt. Curry: "Wer sich eine Viertelstunde in einer geschlossenen Telephonzelle aufhält, spürt Beklemmungen und Atemnot, bekommt Herzklopfen und Schweißausbrüche. Sauerstoff ist in der kurzen Zeit kaum verbraucht worden. Aber die Arankonzentration ist auf ein Minimum abgesunken."
Das ist ein gefährliches Beispiel, denn die Ärzte müssen daraus folgern: Wenn das Ozon in geschlossenen Räumen so schnell verbraucht wird, kann im Zimmer ja selten die gleiche Konzentration herrschen wie im Freien. Dann dürfte der Kranke im Bett einen Wetterwechsel nicht spüren. Wozu also überhaupt medizinische Meteorologie? Curry hat auf diese Einwände nicht offiziell geantwortet.
Bei seinen Untersuchungen ist ihm aufgefallen, daß nicht alle Menschen auf Wetterreize gleichmäßig reagieren. Es gibt sogar Menschen, die viel Aran gut, und andere, die es nicht vertragen. So teilt er, wie vor ihm der Tübinger Psychiater Ernst Kretschmer, die Menschheit in Typen ein. Er unterscheidet den W-Typ, der sich beim Durchzug einer aranarmen Warmfront nicht wohlfühlt, den K-Typ, der aranreiche Kaltfronten nicht verträgt, und den gemischten G-Typ (SPIEGEL 25/1949). Der W-Typ paßt besser in das aranreiche Bergland, der K-Typ in die aranarmen Täler und Ebenen.
Bis zu diesem Punkt paßt sich die Theorie dem medizinischen Denken an. Aber jetzt folgt wieder ein echter Curry-Sprung: Er sieht sich die Menschen näher an, die er nach ihrer Aran-Empfindlichkeit in die drei Schubfächer eingeordnet hat. Und entdeckt die gleichen Unterschiede in ihrem Körperbau und ihrem psychischen Verhalten. Die Kaltfrontempfindlichen erkennt
er schon auf Bildern an ihrem eckigen Gesicht und ihren scharfen Zügen. Sie überschätzen sich leicht selbst, sind herrschsüchtig, schroff in ihrem Auftreten, verstandesbetont und ungesellig.
Aranhungrige, "warmfrontfeindliche" W-Typen sind schon im Gesichtsausdruck weichlich und rund, außerdem temperamentvoll, verbindlich, gefühlsreich.
Diese Typenlehre ist für Curry der "Schlüssel zum Leben". So will er festgestellt haben, daß in 95 Prozent der glücklichen Ehen ein K- und ein W-Typ vereint sind. Das scheint die alte Redensart von den sich anziehenden Gegensätzen zu bestätigen. Jeder, sagt Curry, sei zwar für sein ganzes Leben auf seinen Typ festgenagelt, aber eine Krankheit könne zeitweilig seinen Typ ändern. So behauptet Curry, er selbst sei bis 1939 ein K-Typ gewesen. Eine Herzmuskelentzündung habe ihn nach seinen eigenen Messungen auf W umgestimmt.
Die Krankheit hat nicht nur seinen Typ verändert, sondern auch ein neues Forschungsgebiet für ihn erschlossen. Ein
Wünschelrutengänger bietet sich damals an, dem kranken Arzt zu helfen. Wie erwartet, schlägt die Rute genau über Currys Bett aus. Der Rutengänger stellt ein Entstrahlungsgerät im Keller auf: Prompt unterbleibt der Ausschlag der Rute.
Seitdem hat Manfred Curry das Problem der unbekannten Strahlungen nicht mehr losgelassen. Die Krankheit hat ihn zugleich sensibler gemacht. Er will jetzt Strahlen spüren, die von jedem Menschen wie von einem Radiosender ausgehen und von einem anderen wie von einer Antenne aufgenommen werden sollen.
Über diese Strahlungen sagt Curry: "Einerseits nämlich gehen von den Augen gerichtete Strahlen aus, andererseits umgibt den ganzen Körper ein Feld, das verschiedene Intensitäten je nach Typ aufweist und demgegenüber eine andere Person, sei es bewußt oder unbewußt, beim Überschreiten bestimmter Reizzonen ein genau definierbares Empfinden registriert."
Strahlen, die bisher kein Physiker nachnachweisen konnte, benutzt Curry für
seine medizinischen Diagnosen. Wenn er sich mit der Wünschelrute einem Patienten nähert, dann bleibt er plötzlich einen bis zwei Schritte vor ihm stehen, weil die Wünschelrute ausschlägt. Curry behauptet, daß er jetzt den "kritischen Abstand" erreicht habe. Wäre der Patient ein Raubtier, sagt er weiter, dann würde er beim nächsten Zentimeter, den er näher käme, auf ihn losstürzen.
Diese Entfernung, in der ein Kontakt zwischen zwei lebenden Wesen hergestellt sein soll, nennt Curry den "Reaktionsabstand". Dieser Mißwert liegt nach Curry bei gesunden Menschen zwischen 0 und 100 Zentimeter. Als Curry bei über hundert Besuchern und Patienten in seiner Schreibtischecke auf Distanz gegangen ist, kennt er schon die näheren Zusammenhänge: "Das faszinierende Ergebnis dieser Messungen ist, daß sich Menschen mit kurzem Reaktionsabstand zu solchen mit langem Abstand hingezogen fühlen und umgekehrt."
Was es bedeutet, einen zu hohen oder zu niedrigen Reaktionsabstand zu haben, sagt Curry selbst: "Das Gehirn kann mit einer Batterie verglichen werden. Beim W-Typ ist diese Batterie zu wenig geladen - daher der kurze Reaktionsabstand, daher auch die leichte Erschöpfbarkeit des Körpers. Beim K-Typ mit langem Reaktionsabstand ist die Batterie überladen.
"Das kann leicht zu Verkrampfungen im Organismus führen. Beim gesunden Menschen hält wie beim modernen Auto ein gut funktionierender Regulator den richtigen Ladungszustand aufrecht. Demnach ist eine Krankheit theoretisch überhaupt nur dann möglich, wenn das Ladungsgleichgewicht des Gehirns gestört ist. Das führt zu einer schlechten Funktion des vegetativen Nervensystems und später zu einem organischen Leiden."
Mit gewohnter Unbekümmertheit spricht Curry das aus, was die anerkannten Vertreter der modernen psycho-somatischen Medizin*) denken, andeuten, aber als vorsichtige Wissenschaftler nicht in Buchstaben festzulegen wagen. Ihnen fehlt nämlich der Nachweis der Hirnforscher, daß es solche bioelektrischen Kräfte wirklich gibt und welche Aufgaben sie erfüllen.
Curry setzte sich über diese Frage hinweg. Zur Abrundung seiner bioelektrischen Thesen muß er noch wissen, woher das menschliche Gehirn seine Energien nimmt. In "unzähligen Versuchen" werden die "Tankstellen" ermittelt.
Wenn Curry mit seinen Patienten auf dem Rasen vor seiner Villa spazierengeht, und zufällig noch einmal ihren Reaktionsabstand überprüfen will, dann merkt er, daß an manchen Stellen der Reaktionsabstand plötzlich abnimmt und an anderen wieder länger wird. Die kritischen Stellen werden markiert. Noch heute verunzieren rote, blaue und weiße Holzpflöcke den Rasen vor der Villa, die er bis zu seinem Tode bewohnt hat. Sie bilden ein quadratisches
Muster in Schachbrettform. Auf seinen vielen Reisen durch die Schweiz, Frankreich, Österreich und Italien will Curry solche Stellen, an denen sich der Reaktionsabstand verändert, in genau den gleichen Abständen entdeckt haben. Er folgert gleich: "Dieses sind die Schnittpunkte eines Netzes von Strahlungen, das anscheinend den ganzen Erdball umspannt." Die Strahlungen sollen vertikal verlaufen, in großen Höhen und auch tief unter dem Wasserspiegel nachweisbar sein.
In diesem Käfig aus unsichtbaren Strahlen soll sich, laut Curry, das Schicksal der
Menschen vollziehen. Halten sie sich lange auf einem Fleck auf, der in Currys Park mit einem roten Pflock besteckt ist, dann wird nach Curry "ihre Gehirnbatterie überladen". Über einem blauen Pflock sinkt die Ladung der Batterie dagegen schnell ab.
In der Wirkung ist Currys Strahlennetz den mythischen Erdstrahlen zum Verwechseln ähnlich. Curry gibt auch zu, daß Wasseradern die Wirkung der Strahlen verstärken könnten. Aber das Netz verläuft ihm zu gradlinig, als daß gewundene unterirdische Wasserläufe die Ursache sein könnten. Er behauptet, die Strahlung komme "von oben".
Mit den Wünschelrutengängern ist Curry auch einig, daß Strahlenkreuzungen am Ausbruch der Krebskrankheiten schuld sind*). Auch er empfiehlt, das Bett von Krebskranken zu verstellen, damit die Kreuzung der Strahlungen ihren verderblichen Einfluß nicht mehr ausüben kann.
Typisch für Currys Arbeitsweise ist es, daß er selbst das wissenschaftliche System der Rutengänger an Details und Geschlossenheit der Beweisführung übertrifft. Die Rutengänger haben immerhin dreißig Jahre gebraucht, um ein noch sehr lückenhaftes Denkgebäude aufzubauen. Curry hat in drei Jahren mehr geschaffen.
Solche Gedankenkonstruktionen über unkontrollierbare Experimente haben in der Wissenschaft die winzige Chance, später einmal als genial anerkannt zu werden. Zunächst aber wecken sie Verdacht, weil es unter normalen Umständen nicht wahrscheinlich ist, daß heute noch ein einzelner Mensch derart unerwartete Entdeckungen machen kann.
Curry hat die Strahlungen in siebzig Häusern untersucht, in denen kurz zuvor Krebskranke gestorben waren. Unter den Augen von Beamten der bayrischen Gesundheitsbehörde und Münchner Klinikprofessoren sucht er in den Geschossen unter oder über einer Krebswohnung die Strahlungslinien und ihre Kreuzungen. Wo er aufladende Kreuzungen findet, markiert er die Stelle mit Kreide. Über oder unter diesen Punkten stand bis jetzt in allen Fällen das Bett, in dem der Krebspatient geschlafen hatte. Auch die kranken Organe mußten nachts genau auf dem Punkt gelegen haben, den Curry als Strahlenkreuzung angegeben hatte.
"Die Chancen, daß meine neuen Erkenntnisse stimmen, stehen 70 zu 0", resümiert Sportsmann Curry überzeugt.
In seinem winzigen Laboratorium im ehemaligen Dienstbotenhaus von Großmutter Currys Villa werden zur Zeit Frühdiagnosen auf Krebs gestellt. Noch im vorigen Jahr beklagten bekannte Krebsspezialisten wie Professor Friedrich Lönne, daß die meisten Krebse der inneren Organe zu spät behandelt würden, weil es keine sichere
Methode gebe, den Krebs frühzeitig zu erkennen.
Curry bemüht sich auch um eine solche Methode - auf seine Weise. Er gräbt die von Außenseitern der Medizin um die Jahrhundertwende gepflegte Kapillar-Analyse*) aus und verknüpft sie mit seinen Strahlungsforschungen. Keiner von Currys Vorgängern hat so plastische und interessante Bilder auf das Filtrierpapier bekommen.
So wird zum Beispiel der Saft von Blüten und Blumenzwiebeln ausgepreßt und in die flache Schale geschüttet. Die Säfte ziehen in das Filtrierpapier ein und malen "in vollendeter Form- und Farbenschönheit" die Blumen, von denen sie stammen, auf das Papier. "Die ehemaligen molekularen Verbindungen hatten sich in ebenso wunderbarer wie unbegreiflicher Weise nach den bestehenden Gesetzen wieder zusammengefügt", konstatiert Curry.
Noch mystischer mutet das Experiment an, das anschließend mit menschlichem Blut gemacht wird. In den unteren Rand des Filtrierpapieres zieht das Blut ein und verziert ihn mit einem raupenähnlichen Gebilde. Darüber wachsen aber manchmal eigenartige Knollen, die wie Pilze oder vom Wind zerzauste Kohlköpfe aussehen. In diesen Wucherungen will Curry das Bild von Krebsgeschwüren erkennen.
Alle diese grotesken Bilder entstehen aber nur, wenn das Experiment auf einer von Curry entdeckten "aufladenden Kreuzung" ausgeführt wird. Rückt man die Gefäße etwas zur Seite, dann sind auf dem Filtrierpapier nichtssagende Gebilde zu sehen. Die "zusätzliche Kraft der vertikalen Strahlung" verrät ihm, ob das Blut von einem gesunden oder einem krebskranken Organismus stammt.
Currys letzte Forschungen verraten deutlicher als seine früheren Ergebnisse, daß der vielseitige Weltmann auch in der Wissenschaft intuitiv arbeitet. Er setzt nicht wie ein "Laborsklave" mit unendlicher Geduld und peinlicher Präzision ein Steinchen auf das andere, um ein festes Fundament zu schaffen, sondern entwirft ein großzügiges Gebäude, um erst später die Steine des Beweises hineinzumauern. Und diese Steine sind noch nicht verfugt.
Currys Nachfolgern, die nach seinem überraschenden Tod unter Leitung von Dr. Hans Adolf Hänsche jetzt in Riederau arbeiten, bleibt eine Riesenaufgabe. Hänsche gibt eine Oberarztstelle in Norderney auf, um Currys Arbeiten fortzusetzen. Frau Maude Hester-Curry will im Spätsommer eine Privatklinik eröffnen, in der nach Currys Grundsätzen geheilt werden soll.
Die Zeit der Sensationen aus Riederau ist einstweilen vorüber. Dr. Hänsche kündigt eine Periode hartnäckiger und zäher Arbeit an. Er will konservieren und aufbauen, was Curry in sehr gewagten, ausgefallenen Entwürfen angedeutet hat. Die Wissenschaft soll sich mit Currys Werk auseinandersetzen.
Die vierzehnhundert glitzernden Silberbecher, Pokale und Schalen, die Dr. Manfred Curry um seinen Schreibtisch postiert hatte, sind ohne Ausnahme Preise für sportliche Leistungen. Die Wissenschaftler haben ihn zu Lebzeiten nicht mit Silber bedacht.
*) Die psycho-somatische Medizin (Soma: Körper) geht von den neuen Entdeckungen aus, die eine enge Verbindung von seelischen und körperlichen Vorgängen bewiesen haben.
*) Tatsächlich wollen die anerkannten Krebsforscher nachgewiesen haben, daß Krebs durch den Einfluß von Strahlen entstehen kann.
*) Bei der Kapillaranalyse werden Flüssigkeiten verschiedener Art in Glasschalen geschüttet. Dann läßt man ein Stück Filtrierpapier in die Flüssigkeit hineinragen. Die Flüssigkeiten steigen in das Filtrierpapier auf und malen seltsame Muster auf das Papier.

DER SPIEGEL 21/1953
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