27.05.1953

SEDFäden zum Strick

Ein wenig bleich, aber sonst noch ganz kregel, schwankte der bisherige Kaderchef der SED, Franz Dahlem, von der offiziellen Bühne des SED-Politbüros, um sich im Ostberliner Regierungskrankenhaus Scharnhorststraße - dicht neben dem obersten Sowjetzonen-Gericht - auf Kehlkopfleiden behandeln zu lassen.
Dort pflegt ihn nun die Chefärztin Dr. Helga Wittbrodt, die wegen kommunistischer Umtriebe aus dem Westberliner St.-Joseph-Krankenhaus herausflog. Was dem sonst so robusten Patienten in der Kehle würgt, ist nicht allein der schleichende Kehlkopfkrebs.
In der Röntgenkammer der obersten Partei-Inquisitoren im "Glaspalast", dem Gebäude der SED-Leitung, diagnostizierte SED-Parteikontrollchef Hermann Matern, daß der "Held der (Partei)Arbeit", Altkommunist Franz Dahlem, 61, an "völliger Blindheit" leidet.
Was es mit dieser Blindheit auf sich hat, weiß am besten Dahlems ehemaliger persönlicher Sonderbeauftragter Karlheinz Reinecke. Dieser Sonderbeauftragte, ein ehemaliger Redakteur der Nationalen-Front-Zeitung "Deutschlands Stimme", hinterging seinen Auftraggeber schon im vergangenen August, als ihn Dahlem zur Verbindungsaufnahme mit FDP- und CDU-Politikern nach Westdeutschland geschickt hatte.
In harmlosen Interviews sollte der inzwischen geflüchtete Sonderbeauftragte - in der Biedermannsmaske eines verständigungsbereiten Journalisten - bürgerliche westdeutsche Politiker auf Annäherungsmöglichkeiten testen. Der "Sonderbeauftragte" interviewte den CDU-Bundestagsabgeordneten Ernst Müller-Hermann und den SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Siegfried Bärsch in Bremen. Er
tat aber auch noch ein übriges und verpflichtete sich dem amerikanischen Nachrichtendienst.
Kaderchef Dahlem hatte davon keine Ahnung. Er freute sich diebisch über die optimistischen Kontrollberichte, die ihm auch die anderen in die Bundesrepublik geschickten Instrukteure und Kontaktleute andienten. Das SED-Zentralkomitee schwelgte in Illusionen.
Dann platzten plötzlich die kommunistischen Tarnbüros in Westdeutschland am laufenden Band: in Karlsruhe das Spionagezentrum der "Gesellschaft für deutschsowjetische Freundschaft", in Köln, Düsseldorf, Frankfurt und Baden-Baden die Stützpunkte des "Nationalrats der Nationalen Front", nachdem der sowjetzonale Nationalratssekretär Jost mit seinem ganzen Aktenmaterial nach Westberlin durchgebrannt war.
Als dann die Sicherungsgruppe der Bundeskripo auch das Industrie-Spionagenetz der SED aufdeckte (Aktion "Vulkan"), verfluchte Ulbricht Dahlems ganze Agenten-Sippschaft: "Wie gomblette Idjoten ham se sich benommen. Wenn wir so in Moskau gearpeided hädden, wärrn wir heute nich hier ..."
Als der so blamierte SED-Generalsekretär darauf von den Karlshorster Kontrollrussen das Versagen der ganzen Infiltrationsarbeit zugeben mußte, war er nun bereit, dem Drängen eines Frondeurs nachzugeben, der sich wie ein Igel vorrollte. Es war Hermann Axen, 37, Chef der Agitationsabteilung des Zentralkomitees und Avantgardist der jungen Parteimarschierer. Er hat nach 1945 die Kader der kommunistischen FDJ geschmiedet.
Axen spannt seit langem auf den Sprung vom Sekretariat des Zentralkomitees (er ist eines der neun Mitglieder des ZK-Sekretariats) ins Politbüro. Er rammte Dahlem, der seit dem Prager Slansky-Prozeß wegen seines "kapitulantenhaften Verhaltens" als Chef der KPD-Westemigranten ohnehin die weichsten Angriffsstellen bot*).
Anfang Mai erzwingt Agitationschef Axen von SED-Generalsekretär Walter Ulbricht eine klare Stellungnahme gegen Dahlem, Ulbricht gibt sie trotz permanenter Reibereien mit dem eigenwilligen Kaderchef nur ungern. Er wittert hinter Axens Forderung die Absicht, ihm, dem allmächtigen Parteidiktator, die nicht unbeträchtliche
"Dahlem-Fraktion" innerhalb der Parteiführung auf den Hals zu hetzen. Ulbricht argwöhnt, daß der unberechenbare Axen möglicherweise dadurch seinen, Ulbrichts, Sturz vorbereiten wolle.
Um diese Gefahr zu neutralisieren, trug der besorgte Ulbricht dem forsch in Führung gehenden Axen zunächst einmal auf, "konkretes Material über Dahlem" herbeizuschaffen. Was Axen dann in den nächsten Wochen vorlegte, stammte aus den Mülltonnen örtlicher Partei-Kontrollkommissionen.
Da es aber auch der Zentralen Partei-Kontrollkommission zu primitiv erschien, jedes Verbrechen auf Dahlems "Blindheit" zurückzuführen, bedurfte es noch stärkerer Kaliber. Da gab Axen das Stichwort: "Slansky-Bande".
Axen kennt tatsächlich Interna aus der Entstehungszeit der "Slansky-Pest". Die Gehenkten von Prag verdanken ihm die ersten Fäden zum Strick. Er hat sie schon 1948 an Berijas MGB verpfiffen. Das kam so:
Am 12. April 1948 hatten sich in Weimar die ehemaligen deutschen und tschechoslowakischen Häftlinge des NS-Konzentrationslagers Buchenwald (darunter die später gehenkten "Verräter" Slansky, Frank und Swab) getroffen. Auch Axen war als rassisch verfolgter Jungkommunist bis 1939 in Buchenwald hinter Stacheldraht gewesen, ehe ihn das Reichssicherheitshauptamt - nach der Annäherung zwischen Berlin und Moskau - in die Sowjetunion abgeschoben hatte.
Nach den offiziellen Zeremonien war die kleine Gruppe der ehemaligen Buchenwälder jüdischer Abstammung, darunter
Axen, am 12. April 1948 in die komfortable Wohnung des SED-Kulturreferenten Stefan Heymann gezogen, um hier eine regelrechte "fraktionelle Versammlung" abzuhalten. Sie kritisierten sehr deutlich das Verhalten des "großen Bruders aus Moskau" in den Satellitenländern und dekretierten sektiererisch:
"Der Weg zum Sozialismus muß sich nach den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen richten, die in jedem einzelnen Land vorhanden sind. Es gibt kein automatisches Übernehmen des russischen Weges zum Sozialismus."
Die mit dem Moskauer Kurs unzufriedenen deutschen SED-Funktionäre forderten unter Berufung auf Karl Marx und Friedrich Engels sogar noch mehr:
"Jedes Volk hat das Recht, seine Staatsform selbst zu bestimmen. Kein Staat darf gewaltsame Annexionen vornehmen und Kontributionen verlangen, wie das nach diesem Kriege im Osten und Westen geschehen ist."
Und weiter: "Jede Austreibung der Bevölkerung aus bestimmten Gebieten bedeutet Rückkehr zu einer Kolonialpolitik, die bisher von sozialistisch eingestellten Menschen und Parteien aufs schärfste bekämpft wurde." Das alles gab Axen später in Karlshorst zu Protokoll.
Wie weit nun aber Kaderchef Franz Dahlem mit dieser "Verräterfraktion" Fühlung hatte, mußten die roten Parteidetektive erst mühsam konstruieren Der Umweg führte über seine Ehefrau, Käthe Dahlem, der nachgewiesen wurde, daß sie während des Krieges einmal bei dem für den ganzen Ostblock zum Standardbegriff gewordenen "amerikanischen Generalagenten" Noel Field vorstellig geworden war. Käthe Dahlem wollte damals über Fields Beziehungen die Befreiung ihres eingesperrten Mannes erreichen.
Partei-Chefkontrolleur Hermann Matern attestierte trotzdem: "Wir glauben nicht, daß die Genossin Dahlem nach 1945 dem Genossen Dahlem von den Gesprächen mit Field nichts erzählt hat. Wir sind der Meinung, daß Genosse Dahlem der Partei nicht die Wahrheit gesagt hat, wenn er behauptet, daß der Name Field, dieses Teufels in Menschengestalt, für ihn kein Begriff war."
Zwischenrufe des "Genossen" Dahlem wie: "Das sind gemeine Angriffe aus dem Hinterhalt", verschlechterten nur noch seine Situation. Jetzt steht in seinem am 20. Mai veröffentlichten Absetzungsurteil:
"Genosse Dahlem hat keine Lehren aus seinen Fehlern und seiner völligen Blindheit gegenüber feindlichen Agenten gezogen und will eine völlige Klärung verhindern. Zur Sicherung der Parteiführung wird er daher seiner Funktion enthoben, aus dem Zentralkomitee und damit aus dem Politbüro und Sekretariat ausgeschlossen."
Zu seinem 61. Geburtstag am 14. Januar hatte es noch im parteiamtlichen Pressedienst der SED geheißen: "Dahlem war maßgeblich an der Säuberung der Parteiorganisation von parteifeindlichen Elementen beteiligt und nahm an allen wichtigen internationalen Beratungen im Kampf gegen die trotzkistischen Verschwörer teil ..."
*) Der militante Berufsrevolutionär Dahlem befolgte 1939 nicht die Kreml-Order, zum Befehlsempfang nach Moskau zu kommen. Er blieb in Frankreich. Seine beiden Brüder Jacques und Robert leben heute noch dort als kleine Parteimitglieder der KPF.

DER SPIEGEL 22/1953
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