03.06.1953

ITALIEN

Wahlkampf mit Witz

Wir Kommunisten werden keine Wahlen brauchen, um eines Tages in Italien an die Macht zu kommen", prahlte im "Rapido"-Zug Mailand - Rom der oberste Propagandakommissar von Palmiro Togliattis KPI, Gian Carlo Pajetta. Gegenüber saß sein alter Schulkamerad Professor Guiseppe Gorgerino. Der Professor - hauptberuflich oberster Propaganda-Manager von Alcide de Gasperis "Democrazia Cristina" - tröstete seinen ehemaligen Freund und politischen Gegner: "Selbst in diesem Falle hast du keinen Grund, das Schlimmste zu befürchten. Zwar wirst du als einer der ersten von deinen russischen Freunden zum Tode verurteilt werden, aber mich wird Malenkow zu seinem Botschafter beim Heiligen Stuhl ernennen und auf meine sehr energische Befürwortung dich begnadigen".

Über solchen Späßen fanden die beiden Propagandisten aus der hitzigen Atmosphäre des italienischen Wahlkampfes in das Schulbubenidyll ihrer Jugendzeit zurück.

Professor Gorgerino: "Gian Carlo Pajetta war der schlechteste Schüler in unserer Klasse, und da ich der zweitschlechteste war, saß ich vier Jahre lang als sein Nachbar auf der letzten Bank. Dann aber fiel es ihm eines Tages ein, einem Mädchen die Zöpfe abzuschneiden, und er wurde ausgeschlossen. Das nächste Mal haben wir uns im Krieg getroffen, wobei ich noch immer ein frommer Katholik war, während mein Freund, wie ich bei dieser Gelegenheit erfahren mußte, sich in einen fanatischen Kommunisten verwandelt hatte."

Diese neue Begegnung fand im Winter 1944 unter dem Schutz der Dunkelheit im

Botanischen Garten von Milano statt, aber Gian Carlo konnte den alten Schulfreund Gorgerino zunächst gar nicht erkennen. Denn der von den Faschisten zum Tode verurteilte Professor hielt sein Gesicht hinter einem sorgsam gezüchteten Mosesbart und seine Identität hinter einem falschen Namen verborgen, den er als der Generalsekretär des Comitado Nazionale di Liberazione (Nationales Befreiungskomitee) damals trug. Professor Gorgerino: "Ich gab mich sogleich Gian Carlo zu erkennen, denn wir beide standen ja hinter der gleichen Barrikade. Gian Carlo aber teilte die Freude der Begegnung nicht. Schon nach wenigen Minuten der Unterhaltung bemerkte ich, daß er in mir nicht mehr den Freund sehen wollte."

Nach dem Kriege bezog Gorgerino ein Büro im Haus der demochristlichen Zeitung "Il Popolo", und Zopfabschneider Pajetta errichtete sein Kommissariat im Hause der kommunistischen Zeitung "L''Unità". Von diesen beiden Festungen aus führten sie den Kampf während der Wahlen von 1948, der den Kommunisten 30,8 Prozent aller Stimmen und den Christlichen Demokraten 48 Prozent einbrachte, und diese beiden Festungen waren ihr Ziel, als sie der Mailänder Schnellzug am 17. Mai um 14.55 Uhr in Rom abgesetzt hatte.

Seufzte anschließend Professor Gorgerino: "Für uns ist dieses Mal der Wahlkampf ganz besonders schwierig, da das lange Verbleiben an der Macht das Ansehen jeder Partei verzehrt. Ich beneide Freund Pajetta um die Leichtigkeit seiner Arbeit, obwohl die Russen dafür sorgen, daß auch er Kummer hat."

Um das "verzehrte" Ansehen seiner Partei in den Augen der durch eine dreitausendjährige traurige Erfahrung mit nicht eingehaltenen Wahlversprechen belehrten Italiener doch noch zu retten, ließ Professor Gorgerino Plakate in einer Gesamtlänge von über 2000 Kilometern drucken, die nur sehr wenige Wahlversprechen enthielten. Hingegen mangelte es nicht an kleinen Nadelstichen, die dem Gegner Stimmen aus der Tasche picken sollten. Gorgerino: "Sogar Freund Pajetta gab mir bei unserer Begegnung im

Schnellzug zu, daß ihm unser Plakat über den russischen Touristen gar nicht angenehm gewesen war (siehe Seite 19).

Auf diesen Geistesblitz ist Professor Gorgerino ganz besonders stolz. Denn er ist sich sicher, daß die auf dem Plakat geschilderte Unsichtbarkeit des russischen Touristen bei den Hunderttausenden von Italienern Eindruck machen wird, die an den sechs Millionen nichtrussischer Touristen gut verdienen.

Pajetta piekte mit einer Gabel zurück, die er zu Hunderttausenden aus Pappe stanzen und auf jeden italienischen Mittagstisch werfen ließ. Sagte die mit dem Kreuz der Democristiani geschmückte Gabel:

"Wählt uns, damit wir für euch essen können." Die mit kommunistischen Pappdeckelgabeln beschenkten Italiener schmunzelten und fanden auch den Spitznamen "Forchettoni" - große Gabeln - , den Pajetta seinen an der Regierung sitzenden Gegnern applizierte, äußerst lustig. Sie fragten sich aber, und dieses Mal recht bedrückt, wer wohl die 2000 Kilometer von Plakaten und die Hunderttausende von Gabeln, mit deren Hilfe man sie überzeugen will, zu bezahlen haben wird.

Professor Gorgerino gibt zu: "Wir haben bis jetzt nahezu eine Milliarde Lire (etwa 7 Millionen DM) für die Wahlpropaganda ausgegeben, aber die Kommunisten gaben mehr als zwei Milliarden aus. Allerdings stehen für unsere Propaganda Zehntausende von Geistlichen in ganz Italien gratis zur Verfügung, während die Kommunisten ihre Propaganda voll und ganz bezahlen müssen."


Von wo die Kommunisten Milliarden für die Propaganda bekommen, weiß nicht einmal Gian Carlo Pajetta ganz genau, da ihm zwar der geheimnisvolle Herr Augusto Doro, in der Piazza Carducci 132 in Turin wohnhaft, jeden benötigten Betrag unverzüglich zur Verfügung stellt, es aber vorzieht, sich über die Herkunft dieser Milliarden moskowitisch auszuschweigen.

Einen erheblichen Teil davon verpulverte Propagandachef Gian Carlo Pajetta, um Genaueres zu erfahren, aus welchen Taschen Schulkamerad Gorgerino seine Milliarden für die Propaganda ziehen konnte. Das Resultat war äußerst mager. Denn die Democristiani verstanden es so gut, ihre Geheimnisse zu hüten, daß Pajetta die Leser der Unità nur mit sehr spärlichen Enthüllungen erfreuen konnte:

* Es gelang ihm, ein verjährtes Brieflein des Verwalters der demochristlichen Zeitung "Il Popolo", Vincenze Tecchio, zu ergattern, das der am 23. März 1951 an den Chefredakteur des "Il Popolo", Renato Angiolillo, geschrieben und sich darin gerühmt hatte, von der von der Regierung kontrollierten IMI-Bank einen Kredit von 300 Millionen Lire (etwa zwei Millionen DM) beschafft zu haben.

* Er zitierte in großer Aufmachung einen Satz aus der Rede des von den Democristiani abgesprungenen monarchistischen Kandidaten Matteo Tonengo, die der am 9. Mai in Canavese gehalten hatte: "Ich übernehme die volle Verantwortung für meine Behauptung, daß die Nummernschilder, die jeder landwirtschaftliche Karren tragen muß, für die Wahlpropagandakasse der demochristlichen Partei drei Milliarden Lire (20 Millionen DM) abgeworfen haben."

Kein Kopfzerbrechen brauchten sich hingegen die neugierigen Italiener die Frage

kosten zu lassen, woher die Neufaschisten ihre Gelder für Propaganda haben könnten. Die war so ärmlich, daß sie ohne weiteres auf leere Kassen schließen ließ. Generalsekretär der Neufaschisten, Augusto de Marsanich: "Die Armut unserer Partei springt jedem in die Augen."

Die Neufaschisten hat Alcide de Gasperi - trotz eines geeigneten Faschisten-Verbotsgesetzes - zu den Wahlen zugelassen. Wenn - wie die Wahlarithmetiker der Democrazia Cristiana annehmen - Mussolini-Diadoche Augusto de Marsanich statt bisher 550 000 Stimmen bei den bevorstehenden Wahlen drei Millionen einheimsen wird, so geht das nach allgemeiner Voraussicht auf Kosten der Kommunisten und Links-Sozialisten.

Wesentlich unangenehmer sind den christlichen Demokraten die Monarchisten des neapolitanischen Schiffsreeders Achille Lauro. Der hat sich mit seinen 52 Frachtern auf allen Weltmeeren einige Milliarden Lire zusammengeschippert, die er nun in die Propaganda für das ehemalige italienische Königshaus Savoyen steckt.

Professor Gorgerino wird darüber hinaus den Verdacht nicht los, daß mit Lauros Ehrgeiz, Italiens exilierten König Umberto im Triumphzug nach Rom zurückzubringen, auch der Aufenthalt des italoamerikanischen Propaganda - Zauberers Guido Orlando in Rom zusammenhängt. Der bewohnt seit Wochen das Appartement 409-410 in Roms vornehmstem Hotel "Palazzo Ambasciatori".

Daß Orlando monarchistische Neigungen hat, ist presse-notorisch. Er sorgte selber für das Bekanntwerden dieser Tatsache, indem er im vergangenen Jahr verriet, was er dem Chef des Hauses Hohenzollern, dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, angetragen hatte: "Die Deutschen wollen einen politischen Gott besitzen, um ihn anzubeten. Für den vakanten Posten

schlage ich Louis Ferdinand als einen neuen Kaiser vor. 98 Prozent Volkswillen, um ihn auf den Thron zu setzen, verpflichte ich mich, in kürzester Zeit zu fabrizieren."

Achille Lauros monarchistischer Enthusiasmus ist Alcide de Gasperi und seinem Propaganda-Manager Gorgerino deswegen besonders unangenehm, weil dessen mögliche Erfolge leicht voraussehbar auf Kosten der Vierer-Allianz zwischen christlichen Demokraten, Republikanern, Sozialdemokraten und Liberalen gehen müßten. Die Allianz wurde geschlossen, um bei den Wahlen am 7. Juni in einer gemeinsamen Anstrengung 50,01 Prozent der Stimmen zu erzielen.

Für eine solche Leistung setzt das im Frühjahr unter lautem Krach vom italienischen Parlament verabschiedete Wahlgesetz eine Prämie aus. Der Partei oder Parteien-Gemeinschaft, die mehr als die Hälfte aller Stimmen auf sich vereinigen kann, bekommt als Sonderbelohnung Sitze geschenkt, bei 50,01 Prozent der Stimmen 65 Prozent der Sitze. Das würde mit den gewählten etwa 380 Sitze von den 590 des italienischen Parlaments ausmachen*).

In einem Punkt allerdings sind Achille Lauros Monarchisten zu einem ärgerlichen Handicap gekommen. Sie, die auf ihren Fahnen den schönen Spruch "Für König, Gott und Vaterland" stehen haben, konnten zwar die göttliche Unterstützung ihrer Wahlpropaganda-Parolen unwidersprochen behaupten. Die des Königs Umberto aber wurde ihnen ausdrücklich versagt.

Verbleibt für die Monarchisten nur das Vaterland, dessen Unterstützung noch aussteht.


DIE ARMEN LEUTE VON ISCHIA

von Elisabeth Sarwasjan

Die Kommunistische Partei Italiens zählt rund 2 Millionen eingetragene Mitglieder. Man schätzt, daß die Partei im Falle eines Krieges etwa 200 000 kampfentschlossene Partisanen auf die Beine bringen kann. Auf Grund der Ende Mai vorigen Jahres in Süd- und Mittelitalien durchgeführten Provinzialwahlen hat man errechnet, daß die KPI bei den Parlamentswahlen am Sonntag zwischen 20 und 25 Prozent der Stimmen bekommen wird. Die KPI ist die stärkste aller kommunistischen Parteien der westlichen Welt. Wie erklärt sich der ungewöhnliche Anhang des Kommunismus in Italien? Der nachstehende Bericht Elisabeth Sarwasjans enthält mindestens eine Teilantwort: das Elend der Bevölkerung Süditaliens ist unvorstellbar. Elisabeth Sarwasjan - Deutsche von Geburt, durch Heirat Iranierin geworden - berichtet nicht unter einem politischen Gesichtspunkt. Sie berichtet aus Mitleid mit den armen Leuten von Ischia.

Ich war vor 14 Jahren zum letzten Male auf Ischia. Damals hatten wir ein kleines Häuschen dort. Ein 16jähriges Mädchen war uns im Haus behilflich. Sie kam am Morgen eine Stunde über den Berg und trug auf dem Kopf die Einkäufe für den Tag. Die Milchflasche war mit einer kleinen festen Tomate verschlossen. denn Korken waren Luxus.

Carmela - so hieß das Mädchen - hatte fünf Schwestern und sechs Brüder. Wenn sie am Sonntag in die Kirche wollten, mußten die drei ältesten Schwestern nacheinander gehen, weil sie zu dritt nur ein Paar Schuhe hatten. Das trugen sie in der Hand bis zum Kirchenportal und dort übernahm es eine Schwester von der anderen.

Heuer kehrte ich auf die "Wunderinsel" zurück. Nach einiger Mühe fand ich Carmela. Sie hatte inzwischen geheiratet, lebte aber noch bei ihren Eltern. Die Wiedersehensfreude war unbeschreiblich; es regnete Tränen und Küsse. Aus dem geplanten kurzen Besuch wurde ein Aufenthalt von einem Monat, denn Carmela, ihre Eltern, ihre Brüder und Schwestern, sie alle wollten mich nicht fortlassen.

Ihr Haus steht in einem Weingarten, wie fast alle Häuser der Insel. Haus und Wein gehören nicht ihnen, denn das Land der Insel ist fast ausnahmslos im Besitz einiger weniger Reicher. Die aber das Land bearbeiten, sind Tagelöhner. Bauern in unserem Sinn sind unbekannt.

Eine Wasserleitung gibt es auf der Insel nicht. Dafür kann man heute noch die Reste des römischen Aquäduktes bewundern. Für die Menschen des 20. Jahrhunderts genügt Zisternenwasser, das in heißen Sommern versiegt und außerdem immer von allerlei Getier springlebendig ist. Wenn am Grund der Zisterne kein Aal lebt, wimmelt es von Mikroben. Im vergangenen Jahr vertrockneten die Zisternen und die Aale mit ihnen. Der Jammer war groß, denn ein Aal bedeutet eine Anschaffung, die nur die wenigsten vermögen.

Die Insel hat ca. 35 000 Einwohner, aber ein Krankenhaus ist nicht vorhanden. Ist eine Überführung nötig, so muß sie mit dem Kursschiff nach Neapel erfolgen. Reicht die Zeit dazu nicht mehr, so ist wieder ein Mensch von Not und Elend erlöst.

Manchmal hilft man sich wie bei der Frau von Carmelas Bruder, die eine vereiterte Blinddarmentzündung hatte. Carmelas Bruder erzählt: "Es war Abend, das nächste Schiff wäre am anderen Morgen gegangen. Zu spät für meine Frau. Der Arzt sagte: ''Beppo, wir wagen es, du kannst mir assistieren.'' Der Tisch war zu kurz, wir stellten noch zwei Kisten aufeinander, darauf legten wir sie. Dann holte ich noch schnell eine zweite Petroleumlampe aus der Nachbarschaft. Narkose hatte der Arzt

nicht. Er gab eine Spritze, aber meine Frau schlief nicht ein. ''Nun'', sagte der Arzt, ''dann mußt du eben zuschauen, wir können nicht mehr länger warten'', und er fing an zu schneiden. Ich stand daneben mit der Lampe in der Hand. Es ging alles gut."

Schlimmer ist es, daß es keine Gemeindeschwester, keine Fürsorgerin, keine Mütterberatungsstelle auf der Insel gibt, und daß die Kinder in den fünf Jahren, die sie durchschnittlich die Volksschule besuchen, und auch späterhin, keinerlei Aufklärung oder Belehrung über Hygiene oder sanitäre Maßnahmen, geschweige denn Säuglingspflege, erhalten.

Wir waren einige Tage bei Carmela, als sich der Zustand der acht Monate alten Zwillinge ihres Bruders sehr verschlechterte. Bis dahin hatte ich mich noch nicht genauer dafür interessiert; denn zunächst benötigte ich meine ganze Kraft, um die Bekanntschaft mit den 11 Geschwistern Carmelas, von denen 9 verheiratet waren, ihren Frauen, Männern und 35 Kindern, zu erneuern. Mir war also nur bekannt, daß Marios Zwillinge darmkrank seien und nicht mehr.

Ich war gerade auf dem Weg mit Carmela, um Mario einen Besuch abzustatten, als uns eine klagende Frau die Nachricht brachte, daß der eine der Zwillinge Marios vor wenigen Stunden gestorben sei. In einer winzigen Steinbaracke, Marios Wohnung, lag mit offenen Augen das Skelett eines Kindes auf einem Brett, die Händchen gefaltet. Lauter kleine Knöchelchen waren es. Aber sie hielten kein Kreuz, und keine Kerze brannte. Zu Füßen waren einige Blumen aufgestellt und die kleine Leiche war mit weißen Zuckermandeln eingerahmt.

Dann erfuhr ich den Hergang der Tragödie. Die Mutter hatte die Zwillinge nicht mehr stillen können, Kuhmilch aber war unerschwinglich, denn ein Liter Kuhmilch kostet 160 Lire. Mario aber muß mit einem Tagesverdienst von 300-400 Lire seine ganze sechsköpfige Familie ernähren. Die armen, zahnlosen Würmer wurden also mit Brot gefüttert und wurden darmkrank. Darauf spritzte man Penicillin, aber es half nicht. Die Kinder wurden immer elender und verhungerten langsam. Schließlich, am Vorabend des Todes, war gerade Geld im Haus. Die Zwillinge bekamen einen Teller Spaghetti. Der eine starb daran.

Daraufhin wollte ich einen Aufklärungsfeldzug über Haferschleim beginnen, mußte ihn aber sofort umstellen, da man auf der Insel Ischia Haferflocken weder kennt noch kaufen kann. Wir einigten uns dann für zukünftige ähnliche Fälle auf Gerstenschleim. Carmela klagte immer wieder unter Tränen, daß all dies nur geschehen könne, weil man sie wie die Halbwilden leben lasse. Ich konnte ihr nicht Unrecht geben.

Am nächsten Morgen wurde das Kind begraben. Ich wußte, daß zum Friedhof nur die Männer mitgehen, die Frauen bleiben im Trauerhaus. Von der kleinen Leiche war nur noch der Kopf mit den offenen Augen zu sehen. Das ganze Körperchen war über und über mit Zuckermandeln bedeckt. Wir schätzten auf 10 Kilo. Das Kilo zu 1500 Lire! In Süditalien ist es nämlich Sitte und Pflicht für Freunde und Bekannte, kleinen Kindern und jugendlich Verstorbenen Zuckermandeln in den Sarg zu streuen.


Marios Zwilling hatte natürlich keinen Sarg, sondern nur ein kleines Brettchen.

Als Carmelas Brüder die kleine Leiche hinaustrugen, warf man daher mit beiden Händen die überfälligen Zuckermandeln, auch das ist Sitte, dem Trauerzug nach. Die Mandeln fielen in den Straßenstaub; die wartenden Kinder aus der Nachbarschaft stürzten sich darüber her und verspeisten sie mit Wonne.

Da begann ich den zweiten Aufklärungsfeldzug - diesmal gegen die Unsitte der Zuckermandeln. Aber ob ich gegen diese geheiligte Überlieferung viel vermochte, bezweifle ich. Eher hatte ich schon mit dem Gerstenschleim Erfolg, denn der zweite Zwilling blieb am Leben. Auf dem Heimweg von diesem denkwürdigen Begräbnis fragte ich Carmela nach dem Pfarrer. Sie antwortete mir müde: "Da war kein Pfarrer, die Zwillinge sind nicht getauft."

Es gab mir einen kleinen Schock. Carmelas Familie und alle ihre Geschwister waren mir als tiefreligiös in der Erinnerung. Sie hatten vor dem Krieg ihr Schicksal im Vertrauen auf die Madonna getragen, und ihre Frömmigkeit kam von Herzen. Vorsichtig erkundigte ich mich, ob es Mario nicht bedrücke, daß sein Kind ungetauft gestorben sei? Carmela zuckte die Achseln. "Vielleicht?" Und dann, die Augen voller Tränen: "Wir alle haben den Glauben verloren, wir alle, und das ist das Schlimmste."

Von da bis zu der Entdeckung, daß Mario Kommunist geworden sei, war es nicht mehr weit. Trotzdem erschütterte es mich einigermaßen zu erfahren, daß nicht nur Mario, sondern alle 12 Geschwister samt Männern und Frauen Kommunisten seien. Die alten Eltern, die noch Analphabeten sind, sind kindergute und anständige Menschen. Wenn ich noch ein größeres Lob wüßte, ich müßte es ihnen geben. Dennoch hat sie die soziale Struktur Süditaliens schutzlos in die Arme des Kommunismus getrieben.

Zwölf Stunden Arbeit für zwei Mark

Nun mußte ich also meinen dritten Aufklärungsfeldzug beginnen. Um es gleich zu sagen: er scheiterte - nicht an meiner Überzeugungskraft, denn keinem Deutschen, der weiß, was Kommunismus bedeutet, wird es daran fehlen, und nicht an dem Vertrauen meiner Freunde, denn sie waren seit ihrer Kindheit, als ich sie aufwachsen sah, so sehr gewöhnt, bedingungslos zu mir aufzuschauen, daß es ihnen gar nicht in den Sinn gekommen wäre, mir nicht zu glauben. Er scheiterte ganz einfach an den Zuständen.

Um diese vielleicht ungeheuerlich klingende Behauptung zu erklären, lasse ich einige Zahlen sprechen. Die Insel hat außer Fremdenverkehr, der in der Hauptsache auf Porto d''Ischia und Casamicciola beschränkt bleibt, keinerlei Industrie. Die ganze Insel, die vom Monte Epomeo beherrscht wird, hat auf seinen zum Meer auslaufenden Hängen ausnahmslos Weinbau. Getreide wird nicht angebaut, selbst Mais gedeiht nicht, ebenso fehlen Wiesen und größere Gärten. Um Porto d''Ischia befinden sich Mandarinen- und Orangenpflanzungen als Ausnahme. Im allgemeinen decken sie nur den Eigenbedarf. Auf der West- und Südseite der Insel kommt wegen des offenen, meist bewegten Meeres der Fischfang kaum in Betracht, da nur Kähne vorhanden sind.

Die Verhältnisse in Porto d''Ischia und Casamicciola sind durch den Fremdenverkehr verhältnismäßig günstig. Ausgesprochene Notstandsgebiete sind Panza, Barano und Forio mit dem größten Teil der Bevölkerung. Hier gibt es als einzige Verdienstmöglichkeit die Arbeit im Weinbau. Ein Tagelöhner erhält für 12 Stunden Arbeit 300 Lire (2,10 DM), während der Ernte vielleicht 400 Lire (2,80 DM). Der Liter Wein kostet durchschnittlich im freien Verkauf 80 Lire. Für einen Familienvater erhöht sich, solange er im Weinberg beschäftigt ist, der Verdienst keineswegs, so daß von dem Lohn von 300 Lire in der Regel mindestens fünf Personen leben müssen. Und das sind die Preise für die Hauptnahrungsmittel (100 Lire gleich 70 Pfennig):

* 1 Kilo Rindfleisch ... 1100 Lire

* 1 " Kartoffeln ... 30 "

* 1 " Bohnenkerne ... 170 "

* 1 " Butter ... 1200-1400 "

* 1 Liter Milch ... 140-160 "

* 1 " Ziegenmilch ... 80 "

* 1 " Olivenöl ... 540 "

* 1 Kilo Brot ... 90-110 "

* 1 " Zucker ... 280 "

* 1 Ei ... 40 "

Über die Wintermonate ruht die Arbeit. Es gibt keinerlei Arbeitslosen- oder sonstige Unterstützung, ebenso ist die Einrichtung einer Krankenkasse unbekannt. Carmelas Vater hatte während meiner Anwesenheit eine schwere Lungenentzündung. Als wir ihn mit vielen Spritzen, nach bangen Tagen, noch einmal durchgebracht hatten, war eine Apotheker - Rechnung von


20 000 Lire zu bezahlen. Der Arzt hatte ihn umsonst behandelt. Der Apotheker aber mußte bezahlt werden; niemand von uns wußte einen Rat. Der arme Alte jammerte, daß wir ihn nicht hatten sterben lassen. Dazu wurden noch zwei seiner Söhne entlassen, weil die Arbeit beendet war.

Carmelas Schwester Palmina ist mit einem Fischer verheiratet. Er arbeitet auf der Thunfischflotte, die vom 1. März bis zum 31. Oktober ausfährt. Bei einem durchschnittlich 14stündigen Arbeitstag verdient er für sich, seine Frau und die vier Kinder 600 Lire täglich. Vom 1. November bis zum 1. März hat er keine Unterstützung und bindet Besen. An manchen Tagen verdient er dabei 100 bis 150 Lire.

Seine Familie haust in einer Barackensiedlung. Ich hatte gerade Honig daheim, als Palminas achtjährige Tochter mich besuchte, und schenkte ihr ein Gläschen. Am nächsten Morgen kam Palmina. Sie erkundigte sich, wie die "Medizin" zu nehmen sei. Ich sagte, es sei Honig, und sie könne ihn auf das Brot streichen. Palmina war über so viel Verschwendung entsetzt. Für sie war Honig eine kostbare Medizin, die sie zudem bisher nur dem Namen nach gekannt hatte.

Carmelas Kinder spielten begeistert mit unseren leeren Milchdosen. Eine noch so bescheidene Puppe, ein Holzpferdchen oder dergleichen hatten sie noch nie gesehen. Kein Kind besaß ein richtiges Spielzeug; aber viele Kinder hätten nicht einmal die Zeit zum Spielen, denn sie saßen, sobald sie dazu fähig waren, von früh bis abends über Bast-Körbchen gebeugt, um sich ihr Brot zu erarbeiten. Auch Palminas achtjährige Tochter machte ihr Körbchen am Tag.

Carmelas Mann ist Omnibus-Chauffeur. Er ist mit 1100 Lire Tageslohn der Großverdiener der Familie, an den sich alle wenden. Trotzdem oder besser deshalb kam Carmela auf keinen

grünen Zweig. Sie und ihr Mann lebten in der dauernden Angst, es könne ein Autounfall geschehen, da ihr Mann durch keinerlei Versicherung vor den Folgen geschützt ist. Da Carmela auch ihre Eltern erhalten mußte, reichte es nur selten zu einem Liter Milch für die Kinder.

Zum Frühstück gibt es trockenes Brot, vielleicht einige kleine Buschtomaten, mittags Suppe, Linsen oder Bohnen, abends eine Schüssel Salat oder auch gar nichts. Die Schwestern von Carmela aßen durchweg nur einmal am Tag. Im Winter, wenn das Geld auch dazu nicht mehr reicht, vergehen bei den Ärmsten oft Tage ohne jede Nahrung. Kommt dann etwas Geld ins Haus, wird ein ein Kilo Bohnenkerne gekauft und in einen großen Topf geworfen. Darüber kommt Meerwasser, um das Salz zu sparen, und die ganze Familie zieht zur nächsten Erdspalte, aus der heiße Dämpfe kommen. Dorthinein wird der Topf an einem langen Strick versenkt. Alle hocken rundherum und warten, bis die Bohnen weichgekocht sind. Dann werden sie an Ort und Stelle verzehrt.

Gewiß sind dies Ausnahmefälle; aber sie kommen auch heute noch vor. Fleisch hat die Mehrzahl der Bevölkerung seit Jahren nicht mehr gegessen. Da die Qualität durchweg schlecht ist, wäre der Verlust nicht allzu groß, wenn die Fleischnahrung durch billigen Fisch zu ersetzen wäre; das aber ist nicht der Fall. Die kleinsten, ungefähr fünf Zentimeter langen Fischchen, die man nur in Fett schwimmend backen kann, kosten auf der Insel 250 Lire pro Kilo. Ein guter Fisch schwankt im Preis zwischen 500 bis 900 Lire. Als Volksnahrungsmittel hat er daher nicht die geringste Bedeutung.

Ich sah die grenzenlose Armut der Menschen von Ischia. Es kam mir vor, als ob sie unter einem Alpdruck dahindämmern. Ich weiß nicht, ob ich ihnen das Erwachen wünschen soll.


*) Sollte es keiner Partei oder Parteien-Gemeinschaft gelingen, 50,01 Prozent der Stimmen zu erlangen, werden die Sitze nach normaler Parität verteilt, das heißt, die in dem Wahlgesetz vorgesehene Prämie verfällt.

DER SPIEGEL 23/1953
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