03.06.1953

BRECHT / TheaterDer Ochse ist ein Fakt

In den ersten Parkettreihen des Ostberliner "Deutschen Theaters" staunten und lachten sympathische Gäste aus Nordkorea. Auf der Bühne trat Helene Weigel, Bertolt Brechts künstlerisch vielseitige, politisch einseitige Frau, das Harmonium. Sie spielte als bigotte Großbäuerin "Jesus, meine Zuversicht", damit die Nachbarn nicht hören konnten, daß in der guten Stube heimlich gebuttert wurde.
"Katzgraben", Erwin Strittmatters vom "Berliner Ensemble" mit halbem Erfolg uraufgeführte dörfliche "Komödie", zeichnet sich vor allen anderen sowjetdeutschen "Zeitstücken" aus: durch die genaue Komik vieler Szenen, durch wohlertüftelte Einfachheit und unpathetischen Lehrton, durch Vernunft und Poesie in kleinen, handlichen
Dosen. "Katzgraben" ist zum guten Teil ein Werk Bert Brechts.
Erwin Strittmatter, ein ehemaliger Landarbeiter, etwa 40, der nach Kriegsende als Bürgermeister und Feuilleton-Redakteur in der Mark Brandenburg, später als bodennaher Autor eines Romans ("Der Ochsenkutscher") und eines Novellenbandes ("Die Mauer fällt") vorankam, reichte vor mehr als einem Jahr bei Bert Brecht eine Szenenfolge ein, die mit der nun gezeigten wahrscheinlich manches gemeinsam hatte.
Brecht nahm Strittmatter mit nach Buckow in sein Landhaus und schrieb dort mit ihm das Stück um, Tag für Tag und Wort für Wort. Auch zwei Regie-Assistenten, die bei Brecht gleichzeitig Lehrlinge im Dramenbau und Reisende in seiner Bühnentheorie sind, zwei junge Männer also, die noch brechtischer als Brecht formulieren, halfen mit, Strittmatters Text einzuschmelzen.
So entledigte sich Brecht einer Pflichtaufgabe, die ihm die SED, der er übrigens noch immer nicht angehört, schon vor mehr als zwei Jahren gestellt hatte, nachdem seine Oper "Lucullus" wegen "Formalismus, Pazifismus und Mangel an sozialistischem Realismus" kritisiert und abgesetzt worden war. Die SED forderte, Brecht solle endlich ein Zeitstück anfertigen, endlich die sowjetdeutsche Gegenwart auch auf der Bühne besingen.
Er machte sich ans Werk. Sein "Garbe" war als das dramatische Porträt eines tatsächlich existenten und auch prominenten Aktivisten geplant, eines Maurers von Hochöfen, an dem Brecht "ein neues Bewußtsein" entdeckt zu haben glaubte. Aber das Stück vom fortschrittlichen Garbe kam nicht recht voran. Es werde wohl doch nur ein Einakter, schränkte Brecht das Projekt nach einigen Monaten ein, dann fiel es endgültig in sich zusammen.
Strittmatters Stück ist nun das längst erwartete Brechtsche Propaganda-Drama, voll von halben Wahrheiten und ganzen Lügen, wie die Gattung es verlangt. Darüber täuschen auch die brechtischen Meriten dieser Darbietung nicht hinweg.
Der wichtigste Trick: man läßt die Partei, deren absolute Herrschaft im Osten kaum noch irgendwem verborgen ist, tapfer und mühsam gegen die Reaktion ankämpfen und schließlich - wie zur allgemeinen Überraschung - sogar siegen. In diesem Falle: das ostzonale Dorf Katzgraben braucht 1947 eine neue Straße. Großmann, der Großbauer - alle Dorfbewohner haben symbolische Namen - , will aber keine. Der alte, schlechte Weg bringt ihm so viele Fuhren ein, die er sich unmäßig bezahlen läßt.
Auch kleine Bauern, die die Straße nötig hätten, stimmen gegen das Bauvorhaben, weil sie Großmanns Gespanne nötig haben und der reiche Mann ihnen droht. Mal schwenken die Bauern zum Fortschritt über, weil die Kartoffeln verfault sind (und sie auf die "Bauernhilfe" hoffen), mal kehren sie wieder um, weil das Grundwasser sinkt und Großmann den Mangel für seine Hetze nutzt.
Ein weiterer Trick: Großmann und seine Frau halten auch in volkseigenen Zeiten auf Privateigentum. Die Neusiedler, die von der Bodenreform profitieren, sind für sie Diebe am gutsherrschaftlichen Besitz. Sie drohen: wartet nur, wenn die Frau Baronin wiederkommt! Aber, so unfair ist nun auch Brecht geworden: die Vertreter des alten Rechts lügen, betrügen und erpressen, daß es nur so knallt, sie sind so widrig und so lächerlich wie möglich. Allerdings: hätte nicht Bert Brecht das Stück behandelt, wäre der Großbauer sicher auch gleich noch Agent im amerikanischen Sold. Brechts Zeitstück enthält mehr freiwillige
und weniger unfreiwillige Komik als die meisten anderen Propaganda-Dramen Ostdeutschlands.
Dafür hat Brecht auch als Regisseur gesorgt. Eitle Schauspielerinnen kommen bei ihm nicht weit. Helene Weigel, der Großbäuerin, ist ein künstlicher Kropf angepaßt worden, und die Mädchen sind so formlos und schmutzig angezogen, wie das bei der Landarbeit und keineswegs bei "Rose Bernd"-Aufführungen üblich ist. Dicke, graue Wollstrümpfe und ein knielanger Rock für eine niedliche, doch untersetzte Schauspielerin, kein Büstenhalter unter der farblosen, überengen Strickjacke - Brecht verlangt der Realität zuliebe einige Entsagung von seinen Damen.
Den städtischen Funktionären, die bei Proben zusahen, war Brecht zu hart gegen die Frauen, das heißt: zu respektlos gegen "das neue Leben". Die junge Schweizerin Regina Lutz muß auf der Bühne als Kleinbauerntochter Elli neben schönem Fleiß auch einige Liebe und Eifersucht sichtbar machen. Sie blickte, weil Liebe doch nicht den Verstand stärkt, bewußt töricht himmelwärts. Die Funktionäre protestierten: ein Mädchen, das wie Elli die Arbeiter- und Bauernfakultät besuche, benehme sich auch in Herzensdingen intelligenter.
Wie die freudlosen Dekorationen in schulgerechter Brecht-Manier, fast wissenschaftlich, aber auch propagandagerecht ausgebrütet wurden, berichtet der Programmzettel:
"Es wurde die Entscheidung getroffen, den Bildern dokumentarischen Anstrich zu geben, also sie so zu malen, daß sie an Photographien erinnern. Und, natürlich, echte Motive zu nehmen. Der Bühnenbildner fuhr mit dem Autor in die Lausitz und wählte die Motive aus. Es wurde mehreres kombiniert, um auf das Wesentliche zu kommen, das die pure einzelne Photographie nicht geben kann. Großen Wert legte die Regie darauf, daß das Finstere, Unschöne und Ärmliche des preußischen Hofes herauskam, die 'Unbewohnbarkeit' dieser von den Junkern und der Verwaltung ausgesogenen und kujonierten Gebiete. Das war das Land, das die Bauern unter der Führung der Kommunisten wohnlich zu machen hatten, das alte schlechte Milieu mit den neuen Menschen."
Nur in der letzten Szene, wenn der erste Traktor über die fertige neue Straße rollt, das entbehrlich gewordene Großbauernpferd als Strohpuppe vorbeigetragen wird und sogar schon ein HO-Eiswagen das Dorf erreicht hat, wird der vorsätzliche Trübsinn der Bühnenbilder von einer gleichfalls vorsätzlichen, aber nicht so eindringlichen Zukunftsfreude abgelöst.
Die Legende des "Berliner Ensembles" berichtet, daß Autor Strittmatter sein Umschreibe-Pensum eines Tages recht verwundert bei Bert Brecht ablieferte: "Heute ist die Sprache so komisch!" Meister Brecht erkannte mit einem Blick: "Das sind ja Blankverse" und entschied, daß nun das ganze Stück in solche Verse umzugießen sei. Warum, klärt wieder das Programmheft:
"Zuerst das Politische, der Nutzen für den Klassenkampf. Die Verssprache hebt die Vorgänge unter so einfachen, 'primitiven', in den bisherigen Stücken nur radebrechenden Menschen wie Bauern und Arbeitern auf das hohe Niveau der klassischen Stücke und zeigt das Edle ihrer Ideen. Diese bisherigen 'Objekte der Geschichte und der Politik' sprechen jetzt wie die Coriolan, Egmont. Wallenstein. Für den Vers fällt viel Zufälliges, Unwichtiges, Halbgares weg, und nur was die große Linie aufweist, ist im Vers wiedergegeben."
Soweit die Theorie. Die Praxis: "Politisch ist der Ochse doch ein Fakt" oder "Der
Ochse stößt mich neu in Hörigkeit", triumphiert und klagt der Kleinbauer, dem zwar von oben ein Ochse zugeteilt worden ist, der aber das Heu für das gefräßige Tier vom Großbauern einhandeln muß. Die jungen Leute in FDJ-Kluft jauchzten angesichts von Traktor und Eiswagen:
Für solch ein Leben kann man alles wagen,
und jede Tatze, die es ankrallt, niederschlagen!
Manchmal tut der rhythmisch gebundene Fortschritt sich eher mittelalterlich:
Die alte Zeit ist alt genug,
da hilft kein Lug, da hilft kein Trug.
Sie ist schon rüchig, west schon an,
die Welt will sie schon nit mehr han.
Räumt fort Gemoder und Gebein,
die neue Zeit will auch dran sein.
"Strittmatters Zeitstück ist ja, genau genommen, schon ein historisches Drama." Das sagte ein Brecht-Eleve hinsichtlich der Kluft zwischen der ostzonalen Wirklichkeit, des Zusammenbruchs der Landwirtschaft, der Bauern-Massenflucht und der Rationenkürzung einerseits und des allgemeinen Aufblühens im Schauspiel andererseits. Das Stück schließt 1949. Die Bildung der "Produktionsgenossenschaften", ihr Anlaß und ihre Folgen, kamen nicht mehr zur Debatte.
Einiges mußte trotzdem "aktualisiert" werden. Der Bühnen-Großbauer war ursprünglich ein feuriger Militarist, die Kommunisten waren ebenso feurige Antimilitaristen. Im Schatten der sowjetdeutschen Aufrüstung gedeiht kein Pazifismus mehr. Brecht und Strittmatter pflanzten wenigstens dafür auch keine rote Wehrfreude an, sondern ließen das Kriegsthema unberührt.
Daß ihr Publikum das Drama nicht so ganz historisch nahm, merkten die Brecht-Leute spätestens, als die Weigel auf der Bühne über Butterpreise scherzte. Die Zuschauer sollten nach dem Willen von Regisseur und Autor wie befreit auflachen, weil die Bäuerin darüber klagte, daß die Butter - die Szene spielt kurz nach der Währungsreform - "nur" noch zwanzig Mark pro Pfund koste. Aber niemand lachte. Da es augenblicklich im Osten gar keine Butter mehr gibt.

DER SPIEGEL 23/1953
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