24.06.1953

BOYKOTT / INTERNATIONALESFreie Bahn dem Kabeljau

Auf dem nebelverhangenen Flugplatz Prestwick in Schottland entstieg ein schwarzhaariger Mann der planmäßigen Maschine aus Island. Sechs Flugstunden lang hatte der Passagier mit dem kleinen Bäuchlein einen zwanzigpfündigen Schellfisch gehütet. Auf der Flugtreppe hob er das schuppige Gepäckstück in die Höhe und rief den wartenden Reportern zu: "Das ist der erste." Dann gab er den glotzäugigen Zwanzigpfünder einem Flugplatzbediensteten als Trinkgeld.
Der Mann war der englische Schrottkönig George Dawson, Europas umstrittenster Geschäftsmann mit der besten Spürnase für Millionenverdienste. Er hatte als einziger nach dem Kriege den richtigen Riecher gehabt, als er überschüssiges Heeresgut der amerikanischen Armee aufkaufte (besonders Steg-Autos in Westdeutschland) und es dann in der Korea-Hausse mit Millionengewinn wieder abstieß. Seit Monaten nun peilte Dawsons feine Nase ein neues Millionengeschäft an: es roch nach Fisch.
Ansatzpunkt für dieses neue Großgeschäft war die englisch-isländische Auseinandersetzung um die fischreichen Jagdgründe bei Island. Mit derselben Zähigkeit, mit der Dawson einst seinen Lumpenhändlerkarren durch den Südlondoner Stadtteil Brixton geschoben hatte, arbeitete er an seinem Plan, den in England boykottierten isländischen Fisch mit erheblichem Profit doch auf der britischen Insel abzusetzen.
Im Londoner Park Lane Hotel konnten Dawson und seine Vertragspartner vom isländischen Fischdampferverband jetzt den monatelang vorbereiteten Vertrag mit Champagner begießen. Ab kommendem August wird George Dawson sämtliche für Großbritannien verfügbaren isländischen Fische übernehmen und sie englischen Haushalten verkaufen.
Englands Hausfrauen, die sowieso Mühe haben, die in Westeuropa winzigsten Fleischrationen einzuteilen, sahen seit dem vorigen Jahr keinen isländischen Fisch mehr. Aus zwei Gründen:
* Seit vorigem Herbst lassen die Isländer englische Fischdampfer nicht mehr in die besten Fischgründe nahe der Dänen-Insel herein. Sie haben ihre Hoheitsgrenze auf Gebiete erweitert, die bisher als offene See galten.
* Als Gegenmaßnahme dazu sperrte der englische Fischereidampfer-Verband BTOF (British Trawler Owners'' Federation) Englands Häfen für alle isländischen Schiffe, so daß isländischer Fisch in England nicht mehr abgesetzt werden konnte.
Dieser Streit um Kabeljau und Schellfisch ging bis in die hohe Politik. "Die Situation beeinträchtigt die traditionelle Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern erheblich", sagte Staatsminister Selwyn Lloyd namens des Außenministeriums im Unterhaus. Die Freundschaft hatte schon ein wenig unter der Kriegsbesatzung der Insel durch Engländer und später Amerikaner gelitten. Dafür hatten die Fremden andererseits viel Geld auf die dünnbesiedelte Insel (148 000 Einwohner) gebracht; so viel, daß Island, pro Kopf der Bevölkerung, größerer Kriegsgewinnler ist als die Schweiz oder Portugal. Mit den vielen verdienten Dollars und Pfunden erneuerten die Isländer nach dem Kriege ihre Fischerei- und Handelsflotte. Sie ist heute tipptopp.
Island lebt in seinem Export zu neunzig Prozent durch den Verkauf von Fischen und Fischprodukten. Es ärgerte die Isländer deshalb, daß so viele ausländische Dampfer in ihren reichen Gewässern rings um die Insel fischten. Manchmal waren es gleichzeitig zwei- bis dreihundert. An erster Stelle standen die Briten; außerdem waren es Russen, Franzosen und Deutsche.
Island hätte das gute Fanggeschäft gern seiner eigenen Flotte vorbehalten.
Hinzu kam, daß die Fischgründe um Island sich leerten, weil die Gewässer dort ständig wärmer werden. Schon stehen in Siglufjödur die Fabriken für Heringsmehl und -öl - das eine dient als Viehfutter, das andere zur Herstellung des kriegswichtigen Glyzerins - verödet. Die Gewässer sind den Heringsmüttern zu warm geworden, und sie kommen nicht mehr, um dort zu laichen.
Mit Besorgnis verfolgte Arni Fridriksson, der wissenschaftliche Leiter des Staatlichen Fischerei-Instituts in Reykjavik, wie sich die reichen Fischgründe um die Insel mit Hilfe der heutigen Radar-Fischereigeräte zusehends leerten. Die Nordsee ist heute schon so überfischt, daß man dort kaum mehr etwas Rentables fangen kann. Ihm graute davor, daß den isländischen Gewässern dasselbe Schicksal drohte.
Wie ein Geschenk vom Himmel wirkte daher für Island vor achtzehn Monaten die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs im Haag über den anglonorwegischen Fischereistreit (SPIEGEL 43/1951). Sie sprach Norwegen das Recht zu, die Grenzen seiner Territorialgewässer, in denen es Ausländern das Fischen verbieten kann, vier Meilen vor einer ganz neuen "Grundlinie" festzusetzen.
Bis dahin hatte diese Linie dem Küstenprofil mit all seinen Einbuchtungen folgen müssen. Jetzt aber konnte sie von einer Fjordspitze zur anderen gezogen werden, ja sogar vorgelagerte Inselketten durften für die Grundlinie benutzt werden.
Sofort wandte Island diesen neuen Grundsatz auch auf seine eigenen Gewässer an. Es erklärte die Hunabucht, den Breidifjord und die fischreiche Faxabucht, an der die Hauptstadt Reykjavik liegt, zu geschlossenen Gewässern.
Das war ein starkes Stück. Die Norweger hatten sich mit ihrer neuen Grundlinie verhältnismäßig enge Gewässer gesichert. Die Faxabucht hingegen sieht wie eine offene Zange aus, mit einem klaffenden Maul von hundert Kilometer Breite. Auf einen Schlag verloren die englischen Fischer also nach der neuen Grenztheorie Gewässer von vielen Tausenden Quadratkilometern, aus denen sie bis dato jährlich anderthalb Millionen Zentner Schellfisch nach Hause gebracht hatten.
Die Engländer protestierten. Nach ihnen gaben auch die Franzosen, Belgier und Holländer im Außenamt von Reykjavik diplomatische Noten ab, "von London inspiriert", wie die Isländer ingrimmig vermuteten. Die Deutschen blieben ruhig*).
Da der Protest nichts nutzte, begannen die Engländer ihren Boykottkrieg. Alle isländischen Fischer pflegten ihre für Britannien bestimmten Fische ausschließlich in die Häfen Aberdeen, Hull und Grimsby an der Ostküste sowie nach Fleetwood im Westen zu bringen. Die dortigen Dockanlagen gehören dem Staat. Aber die Kisten, die Waagen, die Winden - überhaupt alles Zubehör, das man zum Entladen braucht - stehen im Eigentum des Verbandes britischer Fischdampfer-Eigentümer (BTOF).
Dieser Fischereiverband sperrte jetzt den Isländern, die den Engländern reiche Fischgründe geraubt hatten, die Häfen. Island hatte noch 1951 eine halbe Million Zentner Fisch im Werte von etwa 17 Millionen Mark nach England exportiert. Das Geschäft war nun vorbei.
Islands Fischer gründeten zwar eine eigene Firma in Grimsby, die Island Agencies Limited, und ließen sie alle Ausrüstung, die für Landungen benötigt wird, ankaufen. Als aber der erste isländische Fischdampfer, die "Jon Forsetti", Grimsby wieder anlief, traten unter Führung des Fischereiverbandes die 28 000 Fischer Englands offen zum Kampf an. Alle Besatzungen der englischen Fischdampfer streikten.
Sie würden nicht mehr ausfahren, erklärten sie, wenn die englische Regierung nicht weitere Island-Anlandungen verhindere. Da Fische aus Island nur ein Zehntel des englischen Fischbedarfs decken, wären die Folgen eines Streiks für die Ernährung der Briten katastrophal geworden.
Der Streit blieb ungeschlichtet. Auch über die Anrufung des Gerichtshofes im Haag konnten sich die Regierungen in London und Reykjavik nicht einigen. Warf die britische Vereinigung der Fischdampferbesitzer den Isländern Monopolabsichten vor, so behaupten die Kollegen aus dem kalten Norden - und viele Engländer geben ihnen dabei recht - , gerade die BTOF sei ein Kartell, das die Preise hochhalten wolle. Die Schließung der isländischen Gewässer sei ein Vorwand, um einen unbequemen Konkurrenten loszuwerden.
Denn der britische Fischdampferverband benimmt sich auch sonst recht selbstherrlich. Ein Mitglied beispielsweise, das ohne Genehmigung seine Kapazität erhöht, muß eine Strafe von 2000 Pfund (24 000 Mark) zahlen. Oder: um die Preise zu
steuern, hat der Verband für Mai und Juni angeordnet, daß zwanzig Prozent der Fischdampfertonnage zu Reparaturen aus dem Verkehr gezogen bzw. stillgelegt werden. Die übrigen Dampfer dürfen außerdem in diesen Monaten ihren Laderaum nur zu siebzig Prozent ausnutzen.
Damit keine ausländische Konkurrenz diesen Plan durchkreuzt, werden in Grimsby jetzt wöchentlich auch nur noch drei deutsche Fischdampfer zugelassen, gegenüber sieben oder acht im April*).
In die nachts durch zwei blaue Lichterreihen illuminierte Einfahrt des großen Fischereihafens Hull wird überhaupt kein deutscher Fischdampfer hereingelassen. Dort weigern sich die Hafenarbeiter seit Kriegsende, deutsche Trawler zu entladen. Großbritanniens Fischwirtschaft ist gegen jede Konkurrenz so straff organisiert, daß deutschen Dampfern oft sogar das Bunkern von Eis verwehrt wird, so daß der ganze Fang zu verderben droht.
In diese geschlossene Phalanx der britischen Fischwirtschaft stößt nun der millionenschwere Schrotthändler George Dawson. Der unscheinbare Mann mit dem rosigen Gesicht, der vor dem Kriege wegen Schiebungen in einem englischen Gefängnis saß, erhofft sich von diesem Großgeschäft wieder prächtigen Verdienst.
Schrotthändler Dawson versprach der Öffentlichkeit: "Ich werde eine Million Pfund aufwenden, um Fisch künftig für die englische Hausfrau zu verbilligen."
Bei seinem neuen Coup fand George Dawson einen unerwarteten Verbündeten. Die "Tribune", das Blatt des Labour-Rebellen Aneurin Bevan, jubelte dem Multimillionär begeistert zu: "Da die britische Regierung zu schwach ist, um sich in das Privatmonopol der Fischereiinteressen einzumischen, wird keine Hausfrau Einwendungen dagegen erheben, daß ein Schrotthändler dem Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei zeigt, wie es ans Werk gehen muß."
*) Der Rotbarsch und der Dorsch, den deutsche Fischer von dort oben gern nach Hause bringen, schwimmen weiter weg vom Lande, außerhalb auch der neuen Grundlinien.
*) Der Wert des gesamten deutschen Fischexports nach England betrug 1951 rund 560 000 Pfund, also rund sieben Millionen Mark.

DER SPIEGEL 26/1953
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